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Bernard Noël
Anna – nicht die, die ihr denkt

Was die Besessenen von der Besessenheit wissen

Bernard Noël | Anna - nicht die, die ihr denkt
Bernard Noël
Anna – nicht die, die ihr denkt
Matthes & Seitz, Berlin 2007
Übersetzung: Angela Sanmann
Nachwort: Joachim Sartorius

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Mitte der Vierziger Jahre des 20. Jahrhunderts – noch während der faschistischen Diktatur Mussolinis – entstand in Italien der Neorealismus, der gleichermaßen Literatur wie filmisches Schaffen prägte. Künstlerisch angelehnt an den Poetischen Realismus Frankreichs aus den Dreißiger Jahren – und ergänzt durch eine linksgerichtete politische Haltung – sollten Werke entstehen, welche die Realität schonungslos, respektive „ungeschminkt“ darstellen, wobei sich dieser Realismus wie meist oder besser: immer, wenn er als Begrifflichkeit verwendet wird, auf die realen Gegebenheiten der so genannten Unterschichten bezog bzw. bezieht. Protagonisten rückten ins Blickfeld italienischer Kulturschaffender, die in der Gesellschaft keine wahrnehmbare Stimme hatten, denen eine Stimme verliehen werden sollte. Die Regisseure Visconti, Rossellini, Fellini waren drei der großen Vertreter, Stilpräger dieser Richtung (auf literarischer Seite seien Calvino und Vittorini erwähnt), ein Jahrzehnt lang dominierte der Neorealismus das kulturelle Geschehen Italiens, und im Film fand diese Richtung eine Darstellerin, deren Ruhm sich dieser Epoche verdankt, ein Ruhm, der sie später den Oscar gewinnen ließ: Anna Magnani. Die Magnani, 1908 in Rom geboren, wo sie 1973 auch gestorben ist, wurde zur Ikone, so authentisch verkörperte sie die Frauen der italienischen Unterschicht, wurde sie zu deren Stimme im Film.

Man kann in Bernard Noëls Anna – nicht die, die ihr denkt (im Original: La langue d'Anna) durchaus einen poetologischen Gegenentwurf zu dem Neorealismus der Rossellinis, Fellinis und Viscontis sehen. Noël zeigt in seinem großen – von Joachim Sartorius im Nachwort zu Recht als „Meisterwerk“ bezeichneten – Monolog, die Schauspielerin auf ihrer letzten Spurensuche, der Suche nach ihrer eigenen Identität, (nach einer eigenen Identität), unmittelbar vor ihrem Krebstod. Noël zeichnet ein Charakterbild aus Splittern, aus der privaten Vergangenheit, surreale und traumbildhafte Sequenzen (undenkbar im Neorealismus) verweben sich mit konkreten Erlebnissen, er löst die Magnani aus der ideologisch (und intellektuell) von Männern geprägten Filmwelt, er stürzt die Ikone von dem Sockel, auf den sie gestellt wurde, auf den sie sich selbst nie gestellt hatte, entzieht sie als Projektionsfläche, und zeigt in einem poetischen Gewitter eine Frau zwischen Fragilität und Stärke, die sich selbst gegenüber steht, die dabei weder sich selbst noch ihr ehemaliges Umfeld schont. Noël changiert gekonnt mit seinen Stilmitteln, wie derben, sexuell konnotierten Sequenzen, die sich auflösen, in sehr zarte, liebevolle Betrachtungen übergehen; der Autor lässt die Magnani über die äußerlichen Anzeichen ihrer Krankheit reflektieren, er lässt dabei keine Larmoyanz zu, und für Momente scheint es, als tauchten alle Figuren auf, welche die Magnani spielte, geben sie ihr eine Hülle, eine Kontur, um sich sofort wieder in diesem inneren Schauspiel zu verlieren.

Noëls Anna – nicht die, die ihr denkt besticht durch ein enorm dichtes Sprachgeflecht, es ist ein im Wortsinn atemberaubendes Buch, es ist große Literatur. Dass dieses Buch auf Deutsch erscheinen konnte, verdankt sich den akribischen Mühen der Übersetzerin und Lyrikerin Angela Sanmann. Es ist Noëls erster Einzeltitel in deutscher Übersetzung, was angesichts der internationalen Reputation dieses Autors durchaus verwundert, aber immerhin, nun gibt es dieses erste Buch, und es bleibt zu hoffen, dass das umfangreiche Werk des Romanciers, Dramatikers, Essayisten und Lyrikers Bernard Noël jetzt sukzessive dem deutschsprachigen Publikum zugänglich gemacht wird.
Bernard Noël, geboren 1930 in Südfrankreich, schuf seit Erscheinen seines Gedichtbands Extraits du corps (1958) ein umfangreiches und vielschichtiges Werk. Neben Romanen und Theaterstücken, Reiseberichten und Gedichten erschienen auch kunstkritische Aufsätze zur Malerei.

Achim Wagner     12.04.2008   Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht   Seite empfehlen  empfehlen

Achim Wagner

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