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Anja Kampmann

Chaplin am Mikrophon – der Zweifel Wolfgang Koeppens


Von Wolfgang Koeppen haben wir das Zweifeln gelernt, und es war gut für uns. Seit 1954 richtete man an den Autor die bohrende Frage nach dem Ende seines Schweigens. Sein Mund stand offen, Leere strömte ein und aus. Vielleicht ist es merkwürdig, nicht zuallererst nach dem Ende zu fragen, den Zweifel Koeppens nicht zu begreifen als etwas, das dasteht wie eine schadhafte Unterbrechung. Was wir lernen können, ist ein Anspruch an die Rede, an die Wut, an die Laute. Wer Koeppen liest, und ihn quer liest, behält vielleicht das Bild von zwei Jungen, die auf einer Mauer ringen, es ist staubig, warm, ein Hund ist gestorben. Das Kunststück der Balance in einer sich ausdehnenden Welt ist zum Scheitern verurteilt: Mauern stürzen ein, Reden werden verzerrt, Chaplin am Mirkrophon hört nur seine Worte, er hört seine Gedanken ohne die notwendigen Verzerrungen, die ihnen durch das Tonsieb beigebracht werden, er spricht, während andere schlafen, sich hineinträumen in das intakte Bild der klassischen Physik, in eine Welt, in der alles kausalgesetzlich zugeht, während der Erzähler Koeppen den schlafenden Schnakenbach in dauernder Bewegung und Verwandlung beschreibt. Aus Schnakenbachs Mund strömt die Leere, und das Ringen Koeppens, das sicherlich ein Ringen mit den politischen Gegebenheiten ist – deutet eine andauernde Bewegtheit an, der die Sprache nur schrittweise folgen kann; es gibt eine Gefahr, die Gefahr tote Wörter zu schreiben, eine Aufzählung toter Wörter, Grabzeichen des Geistes, und diese Gefahr wird umso dringlicher, je mehr Verlangen nach Wind davon erstickt zu werden droht. Ein Autor, der die Zukunft und das Vergängliche in den Blick nimmt, unter­nimmt den Versuch der Lebendigkeit. Er zeigt den Menschen gefährdet und als Objekt des Zufalls; die Ereignisse begleiten ihn, schnell und flüchtig wie Schnee um den Kern der Lawine. Wer Koeppen liest, liest seinen Zweifel an der Eindeutigkeit der Bezüge, er sieht unter den festen Mauern Roms die Katakomben, und sieht Ebenen miteinander verknüpft, vielleicht zu menschlich für die flachen Kuchen auf den Blechen der Metteure: die Sätze sind niemals druckfertig, weil sie weitergehen, weil es keine bestimmende Schwerkraft gibt, sie zu halten und zu bündeln: außen hart und innen glitschig verweisen sie doch immer auf die Nahtstelle; die Zeit ist kostbar, sie ist eine Spanne nur, eine karge Spanne, vertan, zu schnell vertan oder verflacht. Koeppen schreibt eine Prosa der Übergänge, der Komplexität. Er zeigt seine Figuren in ihrem Wunsch, zu vergessen, in ihren eigenen faden Spielregeln. Alles kann explodieren! Wir sehen zwei Jungen, die aus Märchen und Indianer­geschichten hinausfallen in die Steine einer brüchigen Mauer, und schon halten sie es nicht mehr aus, sich anzusehen. Verschrammt und dreckig stehen sie sich gegenüber. Mauern stürzen ein. Der deutsche Wald stürzt ein. Sie atmeten die Nacht ein. Die Illsuion von einem Dichter verflüch­tigt sich für ein Mädchen in einem schäbigen Hotelzimmer. Dabei ist gerade dort ein Schatten der Liebe möglich, erhält die Frage, ob er noch weinen kann, das erste Mal einen Raum.

Die Art zu Fragen, die Wolfgang Koeppen begonnen hat, wehrt sich gegen die Vorstellung eines Hauses aus feststehenden Bezügen, aus dem dieses Fragen niemals für immer fortgehen kann. Von Wolfgang Koeppen lernen wir den Durst, lernen wir die Sehnsucht nach dem anderen Land, der Ferne, einem anderen Horizont, der Jugend, dem jungen Land, lernen wir auch, wie verborgen und stark dieses Sehnen zugleich sein kann, wir lernen, uns nicht zu schnell zufrieden zu geben, und auch die Sehnsucht nach einer lebendigen Sprache.

Die kursiv gesetzten Textstellen sind sämtlich entnommen: Wolfgang Koeppen, Tauben im Gras, Suhrkamp 1980, S.180 – 210

Anja Kampmann 2010    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 
Anja Kampmann
Lyrik
Prosa
Gespräch (2011)
Texte (2010)