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Anna-Elisabeth Mayer
Afrika-Tag

Auszug aus dem Romanprojekt „Besuch bei toten Eltern“

Die Kinder in Afrika sind sehr arm, sagte Tante. Gut, dass sie dich haben, brummte Onkel. Wir sahen auf Schere und Papier. Der Afrika-Tag an der Schule wird etwas Besonderes, meinte Tante, während sie das goldene Papier schnitt. Sie muss sich um alles kümmern, hörten wir Onkel murmeln. Die Kinder dort träumen davon, in die Schule gehen zu dürfen. Und Tante wandte sich an uns: Da seht ihr mal, was für ein Glück ihr habt. Mein Bruder und ich senkten den Kopf. Wir starrten auf die ­goldenen Zacken der Sterne. Tante sah auf meinen Weihnachtsstern und meinte: Vielleicht sammelst du besser die Spielsachen für die Tombola?
Das war gar nicht so einfach. Ein Mädchen hätte mir am liebsten ihr Pausenbrot gegeben. Mir schmeckt der Käse nicht, lachte es. Ein Junge brachte zwei Spielzeugautos. Die Zwillingsschwestern hatten alles nur doppelt. Sie konnten nichts hergeben. Ayfer brachte einen Stoff, der glänzte. Die Religionslehrerin lobte den Einsatz. Sie meinte, dass wir Jesus im Herzen trugen. Die Zwillingsschwestern wollten wissen, ob Ayfer auch Jesus im Herzen trage.
Ayfer kam am nächsten Tag wieder mit Sachen für die Tombola. Sonst hatte kein Kind aus unserer Klasse etwas gebracht. Ich sagte Ayfer, dass sie Jesus im Herzen trage. Ayfer freute sich sehr. Auf dem Heimweg erzählte sie mir: In unserem Wohnzimmer steht eine Ledersitzecke, die so groß wie das Wohnzimmer ist. Und sie fügte hinzu: Aber das Wohnzimmer ist zu klein für die ganze Familie, die zu groß für die Leder­sitzecke ist. Im Paradies hat dann eine Ledersitzecke für die ganze Familie Platz, sagte Ayfer. Kann man auch im Himmel eine Ledersitzecke haben? Ayfer sagte: Ich frage meinen Bruder. Er raucht aus dem Mund, so kalt ist es dort, wo er Schweine­hälften stapelt. An der Kreuzung verabschiedeten wir uns. Ich dachte an den Himmel und Mama und Papa, mit denen ich wieder auf einer Sitzecke sitzen wollte. Zurück im Haus schlug ich gleich vor, auch meinen Spielteppich für die Tombola herzugeben. Wir haben ihn gerade erst gekauft, antwortete Tante. Er schaut so hübsch aus. Ich sagte: Aber eine der Häuserreihen steht auf dem Kopf. Tante sagte: Ich bald auch.
Während sie die letzten Vorbereitungen traf, schnitt mein Bruder den letzten Weihnachtsstern aus. Onkel half mir, die Nummern auf die Sachen für die Tombola zu befestigen. Ich brauche keine Hilfe, sagte ich. Auf den Labortisch können wir die Sachen besser aufreihen, antwortete Onkel und trug die ersten schon in den Keller. Er legte sie auf den grünen Tisch. Das ist von Ayfer, die sitzt neben mir in der Klasse und ist auch neu, erzählte ich. Ayfer kommt aus – Das wird sicher eine tolle Tombola, Onkel mitten in meinen Satz. Ich nickte stumm. Ich kann mich erinnern, dass ich einmal bei einer Tombola einen Bären gewonnen habe. Ich muss mal schauen, wo der Bär ist, meinte er. Den sollst du haben, er strich mir über die Wange, weil du so ein braves Mädchen bist. Ich wusste nicht, was ich darauf sagen sollte. Danke, sagte ich.

Eine Woche vor dem Afrika-Tag starb eines von Tantes afrikanischen Patenkindern. Tante putzte sich die Nase. Ich muss mich verkühlt haben, sagte sie. Ein paar Tage lag Tante selbst krank im Bett. Sie starb aber nicht. Am Afrika-Tag kontrollierte sie schon wieder den Aufbau.
Jeder, der zur Veranstaltung kam, sollte eine freiwillige Spende zahlen oder einen Kuchen mitbringen. Ayfer kam mit ihrer Familie. Ayfers Mutter hatte ein langes Kleid aus dem Stoff an, der bei der Tombola gewonnen werden konnte. Sie schob das Jüngste, Ayfers Schwester, durch die Aula. Niemand redete mit Ayfers Familie. Über das Neugeborene der Turnlehrerin beugten sich alle. Wie viel es schon versteht! Ich sah auf das Baby. Es verdrehte die Augen und machte komische Geräusche. Die Lose für die Tombola waren schnell verkauft. Ich stand hinter dem Buffet. Ayfer hatte zwei Bleche Baklawa mitgebracht. Der Marmor­kuchen war sofort weg. Die Direktorin hielt eine Begrüßungs­rede. Sie sprach von der Freude über das Zustande­kommen eines solchen Tages. Sie nannte das Wort Engagement oft; und Tantes Namen. Sie machte auf die schwie­rige Situation der kranken Kinder in Burkina Faso aufmerksam. Sich für andere einzusetzen, das hat einen Applaus verdient!, sagte die Direktorin anerkennend. Tante bekam Applaus. Die Direktorin schloss mit den Worten: Ich freue mich auf diese besondere Adventfeier in entspannter Atmosphäre! Wieder applau­dierten die Väter und Mütter in entspannter Atmosphäre. Tante trat als nächstes ans Pult. Sie hatte sich für den Afrika-Tag extra ein neues Kleid bei einem Versand­haus bestellt; blau wie ihre Augen. Tante sagte, man müsse alles auf­einander abstimmen. Tante setzte an. Ein hoher Ton schrillte durch die Boxen. Alle hielten sich die Ohren zu. Tante musste den Anfang ihrer Rede ohne Mikrofon halten. Man verstand sie kaum. Die Stimme zitterte leicht. Die armen Kinder in Afrika, dachte ich. Man reichte ihr ein neues Mikrofon. Tante wiederholte ihre Worte : Wie gerührt sie sei, auf der Bühne stehen zu dürfen. Wieder zitterte ihre Stimme. Und dass sie sich freue, so viele Gesichter zu sehen. Sie sprach von den Kindern, die früh starben, weil keine Medi­kamente zur Verfü­gung standen. So begeis­tert sprach sie normaler­weise nur über den Verdau­ungsapparat. Zum Abschluss wurde Tante feierlicher: Die Hingabe der barmherzigen Schwestern im St. Mary's Children's Hospital soll uns ein Beispiel sein! Tante bekam erneut lauten Applaus. Unsere Klasse nahm Auf­stellung auf einer erhöhten Fläche. Es wurde ein afri­kanisches Lied gesungen, danach die Nummern der Tombola­lose ausge­rufen. Mein Bruder gewann eine Plüsch­ente. Er schenkte sie dem Neuge­borenen der Turn­lehrerin; um Tante zu be­ein­drucken. Tante inter­es­sierte sich aber nur für kleine Kinder, die starben.
Onkel unterhielt sich mit der Turnlehrerin. Onkel hatte einmal gesagt, Tante sei eifersüchtig auf die Turnlehrerin, weil sie selbst nach zwei Geburten noch schlank sei. Eine tolle Veranstaltung hat Ihre Frau da auf die Beine gestellt, meinte die Turnlehrerin. Ja, sie kümmert sich um alles, sagte Onkel. Zeit zu opfern ist heute eine Seltenheit! Ja, ja, sagte Onkel. Bewunderns­wert auch, wie sie den Kindern ein neues Nest gebaut hat. Tante hat das Gesicht eines Vogels, dachte ich. Die Kinder haben viel mitgemacht, hörte ich die Turnlehrerin. Sie strich mir über den Kopf. Seit wir mit einer Katze wohnten, wurde uns ständig über den Kopf gestrichen. Mehr Menschen wie sie bräuchte die Welt, die Turnlehrerin weiter. Ja, die Welt, antwortete Onkel. Tante erschien. Wir müssen gehen, Onkel sogleich.
Beim Aufsperren des Autos meinte Onkel zu mir: Du hast besonders schön gesungen. Besonders schön, ahmte mein Bruder ihn nach und warf einen Schneeball nach mir: Pass auf! Der Meteorit kommt! Hör auf mit den Dummheiten!, Tante streng. Mein Bruder formte einen zweiten Schneeball und rief: Achtung! Afrika kommt! Was sollen die anderen denken, zischte Tante und zog meinen Bruder am Ärmel zum Auto. Deine Kolleginnen essen doch noch Kuchen, murmelte Onkel. Fahr du lieber vorsichtig, Tante zog die Beifahrertür zu, es ist eisig.
Im Stockbett sagte mein Bruder: Ich will nach Afrika. Nach Afrika?, fragte ich erstaunt. Dort sind doch die Kinder arm und es gibt keinen Schnee. Ich brauche keinen Schnee. Ich will weit weg, sagte er. Ich will nach Hause, sagte ich.

 

Erschienen in poet nr. 8

Anna-Elisabeth Mayer   14.03.2010    Druckansicht Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen empfehlen

Anna-Elisabeth Mayer
Prosa