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Dichtung – Jugend – Krieg

Vor 100 Jahren beging der Dichter Friedrich Heinle Selbstmord – aus Protest gegen den Krieg.

  Über Friedrich Christoph Heinle
 

Jubel wurde ausgeschenkt
Die noch eben heiter
Deine Stimme hingesenkt
Trifft Getrapp der Reiter
Überdenkend die im Bett
Leere Lust zu büßen
Jeder ehrliche Kadett
Wird vom Pferde grüßen.


Neuntes Gedicht aus dem
Zyklus Dreizehn Gedichte



„In dem alten Café des Westens war es, dass wir in den aller­ersten August­tagen mit­einan­der saßen und unter den Kasernen, auf die sich der Ansturm der Frei­willigen richtete, unsere Wahl trafen. Sie fiel auf die der Kaval­lerie in der Belle­alliance­straße, und da trat ich dann auch an einem der fol­genden Tage an keinen Funken Kriegs­begeiste­rung im Herzen, aber so reser­viert ich in meinen Gedanken war, denen zufolge es sich einzig darum handeln konnte, bei der unver­meid­lichen Einzie­hung sich seinen Platz unter Freunden zu sichern, in dem Schwall von Leibern, der sich damals vor den Toren der Kasernen staute, war auch meiner. Frei­lich nur für zwei Tage: Am achten trat dann das Ereignis ein, das diese Stadt und diesen Krieg auf lange Zeit für mich ver­sinken ließ“, berichtet Walter Ben­jamin über seinen Freund, den Dichter Friedrich Heinle. Der hatte den Gashahn auf­gedreht. Aus Protest gegen den Krieg. Nicht zu Hause, sondern im „Heim“, einem Treff anti­bürgerlicher Bürger­söhne in einer Miet­wohnung im Berliner Tier­garten­viertel. Und nicht allein, son­dern mit seiner jüdi­schen Freun­din Rika Seligson.
 
  Walter Benjamin und Friedrich Heinle lernten sich als Studenten 1913 in Freiburg (im Breisgau) kennen.

 
Der dann folgende dreißigjährige Kriegsund Vernichtungsfuror der Deutschen, den die beiden Liebenden voraussahen, ist über dieses Ereignis hinweggerast. Auch über den Streit zwischen Heinle und Benjamin.
  Heinle sieht man, wenn man Glück hat, nachts im Tier­garten gegen einen Baum gelehnt, lauschen und träumen. Es ist ein anderer, ja, aber er ist es. Leise Lieder ertönen manchmal. Der Worte dazu bedarf es nicht, sie können nur falsch sein. Alle Menschen werden Bür­ger. Stille fällt, herab­gefallene Stille. Dann quillen durch sämtliche Mauern der Gefäng­nisse, Psychiatrien, Alten-, Obdach­losen-, Kinder- und Asyl­bewerber­heime, die sich in der Nähe befin­den, Albträume, Hallu­zinationen, Ängste und Ag­gres­sionen. Das ist der Stoff für Dichter. Er wird noch vor Morgen­grauen, bevor das heisere Gebell der Hunde anhebt, insti­tutions­halber „entsorgt“.
  Hunde? Wecken Gedanken an ein neues Gedicht: Wer nicht zu den Aus­gegrenz­ten gehört, achtet darauf, der sozialen Rolle des Brauch­bürgers habhaft zu werden, auch wenn er gele­gent­lich er­schrocken inne­hält, in sich hinein­horcht und ihm ein leises „Vorsicht, see­lische Entkernungsge­fahr!“ ent­gegen­haucht, als wäre er geradewegs einer Grotes­ke von E.T.A. Hoff­mann entstiegen. Begehrt eine Bürgerin des Millionen­heeres von Arbeits­losen leiden­schaft­lich auf, weil sie durch die Hartz-IV-Mechanik zermalmt zu werden droht, wird sie von einem Sach­bear­beiter „ziel­führend“ zu leiden­schafts­loser Sach­lich­keit zurück­ge­führt.


Friedrich Christoph Heinle (geb. 1894 in Mayen in der Eifel, gest. 8.8.1914 in Berlin) stu­dierte Philologie in Göttin­gen und in Freiburg im Breis­gau, wo er im Sommer 1913 Walter Ben­jamin kennen­lernte. Beide arbeiteten für den Anfang, die Zeit­schrift der Jugend­bewegung um den Reform­päda­gogen Gustav Wyneken, und gingen zum Winter­semester 1913/14 nach Berlin. Wie schon in Freiburg, so betä­tigten sie sich auch hier in der Freien Studen­ten­schaft, einem linken Flügel der Jugend­bewe­gung. Gemeinsam bestrit­ten sie am 1.11.1913 einen Auftritt der links­alter­nati­ven Zeit­schrift Die Aktion, die zwei Jahre zuvor von Franz Pfemfert gegründet worden war und sich rasch zum Sammel­becken von Akti­visten links von der SPD ent­wickelte hatte.

Acht Tage nach Beginn des Ersten Weltkrieges wählten Friedrich Heinle und seine Le­bens­gefährtin Frie­de­rike Seligson den Freitod. Ben­jamin hütete Heinles litera­rischen Nach­lass, musste ihn jedoch vor seiner Flucht vor den Nazis in Berlin zurücklassen. Auf der Flucht wählte auch er den Freitod. Pfemfert gelang die Flucht nach Mexiko. Nach der Befreiung küm­merte sich ein weiterer Emigrant, der in Jerusalem lebende Lite­ratur­wissen­schaft­ler Werner Kraft, um Heinles Erbe. Noch immer fehlt eine Edi­tion der Werke und Briefe des Dichters.
Antonín Dick


1. November 1913. Autorenabend der links­gerichteten Zeitschrift „Die Aktion“. Zweikampf ist angesagt. Zwei Studenten, Benjamin und Heinle, referieren zur Frage der Jugend­bewegung. Franz Pfemfert, der Chef­redak­teur, sekun­diert.
  Im Banne des vieldiskutierten „Wendepunkts des Geistes“ ist Benjamin, Präsi­dent in spe der Berliner „Freien Studenten­schaft“, mit dem Umbau des Über­baus der Gesell­schaft be­schäftigt, während Heinle auf Umbau der Basis drängt. „Die Zeit hat vor keinem Wendepunkt des Geistes je gestanden“, schleudert der Dichter dem Funk­tionär als ersten Satz entgegen, und poli­tische Protest­bewe­gungen wie die patrio­tische oder Wander­vogel­bewe­gung würden als Illu­sionen ver­puffen oder seien Vorspiele für Herrschaft, was sich zwanzig Jahre später auch tatsäch­lich ent­puppen wird als raffiniertes Antriebs­gemisch für die Er­richtung des NS-Kriegs­reichs. „Es ist leicht, unter Protes­ten zu leben“, ätzt der Dichter gegen den Funktio­när, grinst breit ins Publikum, streift den Ange­grif­fenen kalt mit Tigerblick, fährt sich nach gespieltem Gähnen ge­lassen über den Mund, als wolle er am eigenen Leib vor­führen, wie materiell und einzel­interes­sege­laden Leben sei, und flötet: „Für Gehässigkeit und Staunen bringen wir keinen Humor auf.“ Und wie sich der Rebell von Schwarm­geisterei absetzt, so vom Gleich­macher Markt, der jede Indivi­dua­lität platt­mache, ange­fangen bei der Ent­kernung von Liebe via Sex.
  Pfemfert ist machtlos. Rika steht auf Heinles Seite, fordert aber Ver­söhnung, denn Benjamin sei schließlich sein Freund, der ihn und sie nach Berlin geholt habe. Doch Benjamin bleibt hart: „Denn es bleibt das Ziel: Heinle aus der Bewegung zu stoßen.“ So im Brief vom 17. Novem­ber 1913 an Carla Seligson, eine der beiden Schwes­tern von Rika. Bürgerarroganz, wird er später zerk­nirscht eingestehen.
  Spätestens jetzt hätte man wahnsinnig gern einmal mit Heinle geredet …
  Wenn wir seine Texte wieder und wieder studieren (nicht als ap­olo­geti­sche In­ter­pre­ten, die nicht müde werden, die Spuren zu verwischen, die von Georg Büchner direkt zu Heinle führen), entdecken wir eine Moderni­tät, die uns den Atem verschlägt, gespeist von einer explosiven Mischung aus exis­tentia­lis­ti­schen Früh­er­fah­rungen und (was ihn von Jean-Paul Sartre unter­scheidet) reli­giöser Bindung. Wir alle sind gefangen hier­zulande, Luxus- wie Armuts­gefangene in den Knästen des Kapitals, Träger von Cha­rakter­masken nach Marx, wir sind nicht wir selbst. Was ist das für ein „Gesetz befrei­ter Haft“, das der Dichter so in­brüns­tig be­schwört? Nicht Kapi­talis­mus­kritik aus Logik, sondern aus Liebe, Kapital­logik einge­schlossen. Die beiden Liebenden sind gläubig, und als solche stellen sie die Frage nach den Möglich­keiten solidarischer Begeg­nung zwischen den Menschen, die sich heute auch junge Franzosen in markt­kriti­schen Gruppen stellen, gleich moder­nen Rousseaus ihre Handys und Laptops weg­werfen und damit die vor­lo­gischen Grund­lagen schaf­fen für solch ein markt­kritisches Werk wie „Das Kapital im 21. Jahr­hun­dert“ des Wirt­schafts­wissen­schaftlers Thomas Piketty, das weltweit gefeiert und im Okto­ber 2014 auf Deutsch erscheinen wird.
  Die Befreiung des in den Gefängnissen des Kapitals gefangen gehal­tenen Menschen­bruders – das ist im Kern der Aufbruch, wie ihn die beiden Lie­benden an­strengen. Ein uto­pisch-kom­munis­tischer Ansatz in der Dimension sozia­ler Klein­gruppen, natürlich nicht zu verwirklichen unter Voraus­set­zung materieller Massen­produktion. Aber wir erleben ja heute verstärkt, wie Marx in seinen „Grund­ris­sen der Kritik der politischen Öko­nomie“ voraus­sah, ein Heraus­treten des Menschen aus dem unmittel­baren Pro­duktions­prozess, und dies fördert produ­zierende Klein­gruppen und damit jenen Ansatz.
  Und der Akt der Befrei­ung? Ein individueller. Aus Liebe. Aus Solidarität. Bergung der verschüt­teten Persönlichkeit als riskanter, ja, den Tod streifender Vorgang, wie nach einem Bergwerksunglück, nur hier das Paradoxon, dass Einge­schlossener und Retter eine Person sind - das Gesetz befreiter Haft.
  Alles Bergungs­geschehen strebt einem inaktiven Schwebe­zustand zu, der sich der Öffentlichkeit entzieht:

Die Nacht wird farblos und der Schatten schweigt
Still Herz, sag niemand dass der Morgen steigt
Ein Flimmern rings als wogte dort ein See
Sacht fließen Düfte wie von zartem Weh
Ich will mich bergen dass mich nichts errät
Dass nur der Wind in meine Stille weht
Dass nur der Regen an mein Fenster rinnt
Drin all die Seufzer meine Schwestern sind.

* * *

Benjamin ist geschockt. Heinles Freitod revolutioniert ihn. Er steigt aus. Dichtet. Flüchtet. Kehrt um. Wird kraft Liebe zur kom­munis­ti­schen Regis­seurin Asja Läcis aus Moskau Marxist. Der elitäre Bauchredner, wie beide den „Führer der deutschen Jugend“ Stefan George nennen, wird der Mitschuld am Tod des Freundes über­führt: „Im Frühjahr 1914 ging unheil­ver­kündend überm Hori­zont der ›Stern des Bundes‹ auf, und wenige Monate später war Krieg. Ehe noch der Hun­dertste gefallen war, schlug er in unserer Mitte ein. Mein Freund starb.“ Verse wie aus Stahl­federn. Immer noch federnd. Benjamin über­windet das Georgesche deter­minis­tische Dichten, weil es zwang­haft und unde­mo­kratisch stets nur einen Ziel­punkt an­steuere, und träumt sich über den Bosporus, lässt sich fluten von nich­tdeterminis­tischen Wellen persischer und arabischer Gesänge.
  Spätestens jetzt hätte man wahn­sinnig gern einmal mit Heinle geredet, doch der wandert bereits weiter durch die „proletarischen Quar­tiere Moabits“, wie Benjamin erzählt. Doch Heinle weiß das selbst zu erzählen: Aber heimlich, ihr Nach­geborenen, musste augen­blick­lich fort aus Benjamins rauschender Literatur­nacht, fühlte tief meine Gier, auf mondheller Anhöhe meinen dreizehnten Versuch zu sein ein­zu­ritzen, während dort unten im Gefängnisviertel die schla­fenden Verurteilten dem Gesetz befreiter Haft entrückt entgegen­träu­men, viel weit­herzi­gere Menschen, glauben Sie es mir, als diese smarten Selbst­opti­mierer in Freiheit, die nichts tun, als aus dem Leben etwas für sich heraus­zu­schlagen:

Alle Schwere sinkt zu Tal
Lieder werden Frieden bringen

Zuerst erschienen in: (c) ND | 2014

Antonín Dick    30.08.2013    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht

 

 

 
Antonín Dick
Lyrik/Prosa
Essay