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Hélène Berr
Pariser Tagebuch 1942-1944

Ein atemberaubendes Zeugnis
Hélène Berr | Pariser Tagebuch 1942-1944
Hélène Berr
Pariser Tagebuch 1942-1944
Übersetzung Elisabeth Edl
Hanser 2009

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„Ich schreibe hier, weil ich nicht weiß, mit wem ich reden soll“. So lautet eine der ersten Tagebuchnotizen einer Ein­und­zwanzig­jäh­ri­gen im nazibesetzten Paris. Das Auf­schrei­ben beruhigt sie. Nach Eintrag einer längeren Geschichte resümiert sie: „Es genügt, daß ich sie dir erzählt habe, mein Blatt Papier; schon ist alles besser.“

Hélène Berr heißt die Tagebuchschreiberin. Sie schreibt, weil sie eine Sucherin ist.

Als Jüdin stigmatisiert und ausgegrenzt, uni­versalisiert sie gleichwohl ihr Schicksal, indem sie es als Teil des Schicksals aller Nazi­verfolgten, jenseits von Juden­tum und Zio­nis­mus, begreift. Als Tochter einer groß­bürgerlichen Familie privilegiert, uni­ver­salisiert sie gleichwohl ihre Stellung in der Welt, indem sie eine engagierte Brüderlichkeit zu leben versucht, wie sie „einfache Leute … und Leute aus dem Volk“ vorleben. Als Frau in eine bestimmte soziale Rolle hinein­geboren, uni­ver­sali­siert sie gleichwohl ihre Möglich­keiten als suchender Mensch, indem sie behutsam und wach an den vielfältigen Entstehungs­prozessen mensch­licher Bindungen teilnimmt: „Die Freund­schaften, die hier in diesem Jahr geschlossen wurden, sind geprägt von einer Aufrichtig­keit, einer Tiefe und einer Art ernster Zärtlich­keit, die kein Mensch je begreifen kann. Es ist ein Geheim­pakt, besiegelt im Kampf und in den Prüfungen.“ Erst im Strom dieser Prüfungen entsteht für sie das, womit sie sich über Monate unerbit­tlich theoretisch aus­einander­setzt – eine Liebe. Ein nichtjüdischer Franzose polnischer Herkunft, der später in den bewaffneten Kampf gegen Hitler zieht, wird ihr Verlobter.

Sie erzählt von ihrer Persönlichkeits­werdung im Schatten der tagtäglichen Ängste, Demüti­gungen, Verhaftungen und Deportationen. Kritisch beobachtet sie sich und andere. Siewehrt sich gegen auch nur den leisesten Anflug von Anpassung an das deutsche Okkupationsregime. Und sie ist aktiv: Als Sozialhelferin arbeitet sie bei der von den Behörden gewünschten UGIF (Union général des israélites de France), was sie zunächst vor drohender Internierung schützt, doch zugleich arbeitet sie unter Einsatz ihres Lebens in der Entraide temporaire, einer Geheimorganisation zur Rettung jüdischer Kinder, der es im Großraum Paris gelingt, rund fünfhundert von ihnen dem Zugriff der Faschisten zu entziehen.

An der Sorbonne lebt sie die andere, die legale Hälfte ihres Leben: ein Studium der Anglistik, das sie mit einer Diplomarbeit über Shakespeare erfolgreich absolviert. Anschließend, ohne sich eine Pause zu gönnen, stürzt sie sich in Vorarbeiten zu einer Dissertation über den radikal­demokra­tischen englischen Dichter John Keats (1795 – 1821), den Sohn eines Stallburschen. Und auch hier, unter dem Eindruck des rastlosen Studiums der Literatur, universalisiert sie. Geleitet von Keats, keimt in ihr der leiden­schaftliche Wunsch, vom Tage­buch­schreiben zum literarischen Schreiben über­zugehen, „die ganze Wirklichkeit auf(zu)schreiben und die tragischen Dinge, die wir erleben, indem man ihnen ihren ganzen nackten Ernst gibt, ohne etwas durch Worte zu verzerren“, und auf nicht einmal fünf Seiten ihres Tagebuchs entwirft sie ein kühnes schriftstellerisches Programm, das für jeden angehenden Autor von heute Richtschnur eines politisch unkor­rumpier­baren Schreibens sein dürfte.

Atemberaubend ist nicht zuletzt ein Traum oder Selbstzweifel, der einen beim Lesen dieser Tagebuchblätter befallen kann, zum Beispiel der folgende: Je mehr man sich in diese vertieft, desto mehr beschleicht einen das Gefühl, daß unsere treuen Lesebegleiter, unsere Faschismus­theoreme, vielleicht nur dazu da sind, uns Schutz vor Prämissen, die wir nicht aushalten würden, zu bieten. Was heißt Faschismus? Diese Frage können wir noch beantworten. Aber was hat er eigentlich ins Werk gesetzt? Wieso tauchen bei der Rezeption der von Hélène benutzten Metapher vom Räderwerk immer wieder unabweisbare Assoziationen zu unserer Gegenwart auf? „Es ist ein entsetz­liches Räderwerk“, schreibt sie, „und jetzt sehen wir nur noch die Ergebnisse …Niemand denkt mehr an die ungeheuerliche Sinnlosigkeit, niemand sieht mehr den Ausgangspunkt, die erste Schraube in einem teuflischen Räderwerk.“ Und unser Räderwerk, das definitiv nicht „entsetz­lich“ oder „teuflisch“ ist, ist es deswegen etwa kein Räderwerk, oder, um es modern auszudrücken, System? Das tendenziell darauf aus ist, uns in Systemindividuen umzuwandeln, die über keinen Bezug mehr zum Geistig-Politischen verfügen? Hélène beschreibt den großen Zwiespalt, der uns zerreißen könnte, würden wir unsere Eigenschaft, Persönlichkeit zu sein, aufgeben wollen: „Nicht wissen, nicht verstehen, selbst wenn man Bescheid weiß, weil eine Tür in einem selbst geschlossen bleibt, jene Tür, wenn sie aufgeht, endlich den Teil begreifen läßt, den man bloß wusste. Das ist das ungeheure Drama dieser Epoche. Niemand weiß etwas von den Leuten, die leiden.“ Empathie ist deshalb ihre erste Forderung an alle Involvierten dieses Epochen­dramas: „Nicht Mitleid sollen sie aufbringen, sondern das Ver­ständnis, das sie die ganze Tiefe, die Nicht­reduzierbarkeit des Schmerzes der anderen, das ungeheure Unrecht dieser Behand­lung spüren läßt und sie empört.“

So lange sie frei atmen konnte, hat sie um dieses Begreifen gerungen. Im Grunde genommen handelt ihr gesamtes Tagebuch von diesem Ringen, gespeist aus dem Erleben dramatischer Gescheh­nisse, die auf sie ein­stürmen, die sie kraft außergewöhnlicher Gabe des Erzählens, die sie sich selbst immer wieder abspricht, festzuhalten vermag.

Zusammen mit ihren Eltern Antoinette und Raymond Berr wird Hélène am 23. März 1944 nach Auschwitz deportiert. Sie wird an diesem Tag dreiund­zwanzig Jahre alt. Die Mutter wird am 10. April in die Gaskammer getrieben. Der Vater wird Ende September von einem Arzt, der ihn gerade am Bein operiert hat, auf höheren Befehl vergiftet. Hélène wird Anfang November nach Bergen-Belsen verschleppt. Im April 1945 kann sie, von Typhus geschwächt, nicht mehr zum Appell antreten. Als ihre Leidens­genos­sinnen in die Baracke zurück­kommen, liegt sie am Boden, erschlagen. Fünf Tage vor der Befreiung des Lagers durch Britische Truppen.

Am 1. Mai 2008 schreibt Hélène Berrs einziger Lebens­gefährte Jean Morawiecki, jener polnisch­stämmige Franzose, an deren Nichte Mariette Job: „Als ich Ihnen begegnet bin, Mariette, an einem schönen Novembertag 1992, spürte ich, daß Sie durchdrungen waren von der Berufung, ‚Fährmann‘ zu sein. Sie haben mir die Aufregung und Freude beschert, von Herz zu Herz über meine verschwundene Verlobte zu sprechen. Ich habe Ihrem Vorhaben einer Veröffentlichung rückhaltlos zugestimmt und Ihnen zu diesem Zweck das Manuskript anvertraut. Nach Jahren beharr­licher Anstren­gungen haben Sie die Schwierig­keiten überwunden. Das Tagebuch ist erschienen, mit dem bekann­ten Erfolg.“

Die Veröffentlichung dieses atemberaubenden Dokuments im Jahre 2008 wird zum litera­rischen Ereignis Frankreichs.
Antonín Dick     24.04.2009    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen
Antonín Dick
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Essay