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Jahrbuch der Lyrik 2011
Christoph Buchwald und Kathrin Schmidt (Hg.)

Eine abenteuerliche Gewürzmischung …
  Glosse
 
Jahrbuch der Lyrik
Hrsg. von Christoph Buchwald
und Kathrin Schmidt
DVA 2011
Das Buch bei Amazon  externer Link

Weitere Beitrag zum Jahrbuch
Theo Breuer  externer Link



… hat einer, der im Jahrbuch der Lyrik 2011 „drin“ ist, selbiges genannt, non­chalant und etwas nebenher. Genau genommen meinte er damit das Jahrbuch von 2002, das tut aber nichts zur Sache. Noch genauer genommen meinte er es für alle Jahrbücher (s. hierzu eher Theo Breuers chronologisch-archi­varische Lang­exper­tise im Poetenladen), es seien „aben­teuerliche Gewürz­mischungen“, und Heraus­geber Herr B. „stünde“ auf diese – eine blanke Unter­stellung, an Frechheit grenzend! Ich teile diese Meinung deshalb nicht.

In Rom ackerte sich Kathrin Schmidt, die Co-Heraus­geberin der Gedicht­antho­logie, im Juli 2010 unter gefühlten 59° Celsius (nicht Fahrenheit!) innerhalb von 4 Tagen durch 9.000 Gedichte … da lässt sich die Frage stellen, inwie­weit sich mit einem partiell dampf­förmigen Broca-Areal noch Deutsch von Italienisch unter­scheiden lässt? Attenzione, hiere kommte eine Glosse.

Das Jahrbuch der Lyrik beweist zunächst: in Deutsch­land gibt es Dichter. Eine lebende, nicht auszu­rottende Spezies. Dichterinnen nicht zu vergessen. Die sich bereits über 28 Ausgaben Jahrbuch der Lyrik tapfer gehalten hat. Und obwohl jeder zweite Deutsche nicht mal Lyrik von Prosa unter­scheiden kann, ist das Jahrbuch für Dichter (und andere Grazil­virtuosen geistigen Ikebanas) ein Muss. Jeder (ernst­zunehmende) (?) Poet muss da mal „drin“ gewesen sein – wird oft und gerne gesagt – und dort seine auch poetische Tief­gangsmarke hinter­lassen, Poetinnen nicht zu verges­sen, denn andern­falls wäre es ja denkbar, einfach nur die Texte per se herzunehmen, ohne die Namen ihrer geistigen Erzeuger über­haupt mitzu­drucken – was aber sowohl für die Heraus­geber als auch für die Dichter beim gegen­wärtigen Betrieb keine Win-Win-Situation darstellte; deshalb bleibt man eben doch beim gehabten Gesell­schafts­spiel, – pardon Verfahren: erst der Name, hernach der Titel (sofern vorhanden), und schluss­endlich das erlesene Produkt. Auch wenn im Nach­gang von Frau Schmidt schon mal erörtert wird, die Namen seien ja irgendwie gar nicht so wichtig, wichtig sei doch nur – ach ja? – dasse Gedichte. Darin schenkt man sich bis heute nichts; und gut so. Würde es einmal spaßes­halber (?) anders gehandhabt, bliebe bei dieser Sammlung – immer noch die unerreichte Nr. 1 unter den Gedicht­anthologien (auch wenn lt. Nietzsche, dem Röcken-bei-Lützener, die Kopien manchmal besser seien als das Original …) – die neiderregende (?) und gift­treibende (?) Platz­hirscherei, die kleinkarierte (??) Terri­torial­absteckung und das wüste (??) Hinter­lassen persönlicher (???) Duftmarken hübsch außen vor. Ebenso das boris­beckersche „ich bin drin“, mit dem Stolz eines 3 bis 5-jährigen (????), der soeben seinen Frei­schwimmer bekommen hat, wäre gewiss seltener (????) zu hören. Von wegen Ritterschlag! Ritter­schläglein vielleicht. Oder Ritter­kläpschen. Bussi aufs Bauchi, wie der Bayer sagt. Als ob das Drinsein sowas wie ein Persilschein wäre, fürderhin auch die (kleine) Runde durch den Literatur­betrieb drehen zu dürfen, doch – die alten Hasen wissen es – mehr als 1x Geister­bahn­fahren ist für den Normalpöt'n am Literatur­kirmes unseres Landes nicht „drin“; die Ausnahme in Form einiger weniger herumge­reichter Großdichter bestätigt die Regel mehr als deutlich. Wo in Lateinamerika selbst die Kinder die Namen ihrer Dichter aus dem Effeff herunter­rattern, kennt man (?????) hierzu­lande in weiten Bevölkerungskreisen nur Groß-Prosaisten à la Kehl- und Hegemann – und das, was in unseren inzwischen völlig literatur­freien Bahn­hofsbuch­hand­lungen sonst noch so herum(f)liegt.

Welche zeitgenössischen Dichter kennen Sie?

… wäre glatt mal Thema für eines dieser peinlichen Interviews zum Fremdschämen – – oder nennen wir's: bloßstellerische Volks­belusti­gungs­befra­gung in der Fuß­gänger­zone (Befrager: z.B. Oliver Pocher) – wo mutmaßlich Komplett­ahnungs­losen das Mikro an die Nase gehalten wird, à la: „Wer ist der bestbeliebte Dichter in unserem ganzen Land?“ – Doch das Ergebnis würde vermut­lich nur peinlich enden. „Nennen Sie spontan drei deutsche lebende (????) Dichter“, klingt wie ein Hallervorden-Witz. Vielleicht wird jeder 27-einhalbste einen Namen wissen – wie Hans Magnus Enzens­ber­ger, Erich Fried oder Jörn Pfennig, und sich fragen ob diese überhaupt noch (??????) … dann würde rotzfrech gefragt werden: „Lesen Sie Lyrik?“– die Antwort würde lauten „Nein“, und ab dafür. Oder: „Waaas, in Deutsch­land leben Dichter?“ Denn die lebende Spezies der poetarum doctorum (… im Land der Irgendwies und Sowiesos …) wie zum Bleistift Grünbein, Wagner et alii (einge­rechnet derer, die sich gerne dazu zählten) (:–p) kennen doch nur eifrige Groß- und Klein­feuilleton­leser – und eben das Gros der „paar“ Poeten dieses Landes, Poetinnen (poetarum doctarum) nicht zu vergessen. Ach ja, und ein paar Gelmanisten in China, bewandert in Robert Gernhardts Technik des Leimens, Gelmanistinnen nicht zu vergessen. (Liegt es möglichenfalls daran, dass die Dichter hier­zu­lande irgendwie die Nähe zum Volk verloren haben???) Angeb­lich kauen in Deutschland an die 40.000 inspi­rierte (!!!!!!) Schreiber­linge auf ihrem Stift. Und dennoch kann man sich Lyrik als naturalmente prakti­zierten Breiten­sport in Deutsch­land nicht vor­stel­len.

Wobei man die Frage durch­aus stellen kann, ob's beim Jahrbuch (nur?) ums Drinsein in Form eines Sich-Verewigens geht – oder doch eigentlich auch (ganz nebenher) um den (ganz textuellen) Text, sprich um seinen veritablen Inhalt!? Aber natürlich, wohin kämen wir denn, wenn – – – Kathrin Schmidt spricht ja als Mit­heraus­geberin in den Nach­bemer­kungen selbst davon, dass ja eigentlich doch und wirklich nur (?) der Text zählt, nicht so sehr der Name des ehren­werten Erzeugers. Was also? Ein Kapitel weiter, also zum nahen Ende des Buches hin, schwärmt Haupt­herausgeber Christoph Buchwald davon, „dass die Zahl derer, die im Jahrbuch ihre ersten Gedichte ver­öffentlicht und sich später einen Namen (o.O) gemacht haben, nicht eben klein ist.“ Da ist er also doch wieder, der Name, der so viel zählt, die klingende Münze, der gläserne Knopf, die Fata Morgana, der obso­lete Schall, der absolute Rauch. Omen est nomen?

In diesem Artikel soll es einmal nicht (????) um die Namen der (selten an fort­gesetztem Narzissmus­defizit erkrankten) (????) Text­schöpfer gehen, sondern ausschließlich dem textuell-inhaltlichen Fabrikat gewidmet sein. Auf jedwede Namens­nennung wurde deshalb – die Leser­schaft möge es großmütig verzeihen – bewusst verzichtet. Wer sich ernsthaft dafür interes­siert, von wem was ist, muss das Buch erwerben ((-;). Denn – so viel lässt sich dennoch beileibe vorab schon sagen, ohne auf den Inhalt einge­gangen zu sein: Es lohnt sich (?).

*


Manche Rezension endet hier. Diese nicht. Diese hier möchte, wo andere Kritiken ganz und gar in ihren selbst­referen­ziellen Lese­erleb­nissen herumdümpeln oder geschmäck­le­risch (!) und intuitiv (– –) und seitenweise (……..) definieren, dass dieses gefiele und jenes schon längst „durch“ sei, am Rande auch noch etwas Inhalt mit. Man lese und staune.

Und nun in die Vollen. Die Sammlung ist heterogen, das mögen wir (.), die Samm­lung ist brav nach Themen geordnet, das mögen wir auch, auf jeder Seite steht nur 1 Text, das mögen wir ganz besonders. Noch mal Klappen­text:„Die Gedichte sind so geordnet, dass sie miteinander in Dialog treten, sich ins Wort fallen, einander thematisch oder formal umkreisen. Die Lust an der Erkenntnis hat ebenso Raum wie die Sprachlogik oder das Spielerische. Auch die poeto­logi­schen Nach­bemer­kungen zeigen an, wie unterschiedlich die Zugänge zum Gedicht sein können, was seine unver­gleich­lichen (:-/) Möglichkeiten und seine Gefährdungen (=o\) sind. Allen jedoch ist eines gemein: das Nachdenken darüber, was das denn ist, ein erkennt­nis­schweres oder alles riskie­rendes oder welt­haltiges oder einfach nur ein gelungenes Gedicht.“

die familie steht geschlossen am offenen fenster im zweiten stock.
der vater, dessen krawatte von der straße aus gut zu erkennen ist,
hatte sein pünktliches erscheinen aber nicht garantieren können.
eine tochter würde die sache gern schnell hinter uns bringen. ein
sohn will dieses buch unbedingt für morgen gelesen haben müssen.
die mutter hat sich schon wieder schon wieder beruhigt.

Hier, genau hier findet etwas statt. Dieses Prosagedicht erzählt sehr viel mit raffinierten und fast unmerk­lichen Mitteln. Ein, zwei irritierende Worte, „uns“, „schon wieder“ in dieser verstörenden Wieder–holung bringen unerwartete Irritation. Je öfter man diesen Abschnitt liest, desto mehr verschwimmt die Szenerie. Wer spricht, was läuft da schief, welches Buch eigentlich will welcher Sohn gelesen haben müssen? Ein Text, bei dem einem doch kurz die Luft wegbleibt. So viel sei gesagt: der Text­erzeuger ist kein eingeführter Name.

wir sind Helden und falten / polnische Ser­vietten die niemand / brauchen kann in Sardinien, heißt es im Text Schrift-Wasser-Zeichen im Text eines weiteren Jahrbuch-Newcomers. Der Band entstand, wenigstens im Falle Kathrin Schmidts, unter erschwerten Bedin­gungen, im heißen Sommer Roms (gefühlte 69°C) … Könnten Sie zweiein­vier­tel­tausend Gedichte pro Tag lesen? 10 Stunden à 225 Texte pro Stunde? Selbst wenn Sie Essen & Näscherei & Bierchen mal 10 Stunden bei­seite­lassen? Und bloß acqua minerale trinken, naturale oder gassata (oder, wenn Sie mögen, frizzante)? Immerhin hat Frau Schmidt gänzlich aufgehört zu essen. Hier begreifen wir mal endlich den Satz: Der Dichter lebt nicht vom Brot allein, die Dichterin nicht zu verg–essen. Ginge man von Gedicht­bänden aus, die sagen wir mal, das Stück à 50 Texte haben, las sie also pro Stunde vier­ein­halb Gedichtbände, macht am Tag 45 Gedicht­bände. Respekt! Soviel lesen 50 Normal­literatur­end­verbraucher ihr ganzes Leben nicht – zusammen! Zusammen!! ZUSAMMEN!!!

Da an dieser Stelle nur ein komisches (?!?) Gedicht geht, da vorher unver­schämt gealbert worden ist, sollte hic et nunc zur Komik noch ein Satz kommen, ein Sätzchen: dass nämlich in diesem Band die Komik, auch wenn sie komisch ist, nicht allein Komik um der Komik willen ist, sprich Bespa­ßung zum Selbst­zweck, die sich hübsch wie ein verschluck­bares Schokoklein­teil feinster Confiserie verkon­sumieren lässt. Denn jeder weiß doch, dass wahre Komik nur an der Oberfläche lachen macht, aber im Grunde sehr ernste Bereiche berührt. Die Wurzel habe tief(er) zu sitzen. Humor hat immer auch etwas Anarchi­sches, Demas­kierendes, in aller „harm­losen“ Schalk­haftigkeit auch etwas Vernich­tendes, unter Umständen Böses (^,^); durch Komik wird auch manches Tabu zugäng­lich; man kann drüber reden. Man lacht. Manchmal unter Schmerzen, aber man lacht. Und, pardon, Lyrik ist nichts zum Lachen. Und gleich­zeitig ist sie irr­sinnig anregend, erheiternd, witzig! Wobei sie – wenn sie gut ist – niemals lächerlich ist. Um die Katze aus dem Sack zu lassen: Es gibt kaum Gedichte in dieser Sammlung, bei denen man sich nicht an einer Stelle mindestens beim Schmunzeln ertappt, nicht aus Gründen der unfrei­wil­ligen Komik, sondern aus Gründen, einer pfiffigen, gewieften, eleganten Idee aufgelaufen zu sein: da ist etwas, was einen in Bereiche entführt, oder nennen wir es: hin zu neuen Aspekten, Betrach­tungs­winkeln und anderen Perspek­tivchen, die man bisher so von selber noch nie gewon­nen, oder sagen wir: erreicht hat und zu denen man sich kraft der eigenen Fantasie auch nie hinzudenken erkühnt hätte. Weil es so smart, so klasse ist – um es volksnah auszudrücken.

(…) das ist uns zu wenig. die yaks wirken mähnig, der see
voller salz und wie wilde wespen am ufer die karts. zurückgebaute

benziner. ein junger mongolischer reiter mit urschrei like this: yiiiiiiiiiihi!
ach, leute von qinghai: fahrt nicht, wenn ihr vergiftet seid! aber dann:
mönch on the run. später sehr gepflegter mönche von rechts über dach. (…)

Der Klappentext verheißt „eine inspi­rierende Entdeckungs­reise durch die poeti­schen Sprach­welten der Gegen­wart“. Das mit Sicherheit. Hier werden nicht nur Fachsprachen aufgebohrt, sondern hier geht es in rasantem Wechsel durch alle Sounds und Sprach­welten und hoch­tönenden (tönernen?) Tenöre der Gegenwart. Wobei doch auffällt, dass sich alldieweil ein gewisser neuer hoher Ton ergeben hat, und der Mainstream (sofern man so etwas erkennen kann) sich um Gedichte versammelt, die relativ nüchtern und bei aller Anmut unterkühlt daher­kommen. Auch das hat einen gewissen hohen Ton des Nicht-Pathos. Und, klar, es gibt die Gedichte auch, bei denen einem fast das Blut gefriert. Die Sammlung ist so reichhaltig, dass auch davon was „drin“ ist. Pathetisch und schwer wird's trotzdem nie. Das sind alles exquisite Dichtungen, durch die Bank. Selten am Wort gedengelt und verschwurbelt (– um mal jemanden anzu­zitieren) fällt doch immer bei allem, was da Funken schlägt, auch eine Erkennt­nis ab.

Ach so, und freilich gibt es auch die Texte, wo man sich mehr erwartet, die politisch mal sagen, was Sache ist in diesem unserem Politik­verdros­sen­heits- (§$%&), Wirtschafts­krisen- ($$$) und Plagiatsländle („ “), die mal Tacheles reden. Das nämlich wurde mehrfach scharf bemängelt und kam mir folgen­dermaßen zu Ohren: dass es ja die politischen Gedichte sehr wohl gebe, jetzt und hier und heute verfasst. Es gibt sie, aber sie sind nicht drin. Nix davon. Hallo? Dahingehend ist das Bändchen nicht wirklich repräsentativ. Das Jahrbuch der Lyrik macht seit eh und je einen Bogen um politische Gedichte. Ein bisschen Skepsis, ein bisschen Witz, ein bisschen überkandidelt darf sein, insgesamt immer und allezeit ein erstaunlich großes Spektrum; aber da, wo handfeste Aussagen hergehörten, ist nichts zu sehen. Zu hören auch nicht. Nicht mal zu lesen. Wo sind sie also, die Militär­einsatz­gedichte, die Wirt­schafts­krisengedichte, die Erdbeben-, Kata­strophen-und Um­sturz­gedichte? Passiert so wenig in der Welt? Oder kreisen wir teutschen Pötchen nur um unseren kleinen schöne-neue-deutsche-Gedichte-Bauchnabel? Gefolgt wird hier folglich eher einer Bennschen Tradition, Gedichte als Artefakte, nahezu bedeu­tungs„los“, in sich superschöne Machwerke des Wortes (da gips ganze Pötologien drüber!), aber doch auch irgendwie abgehoben und aus der Brecht­schen Per­spektive vom „Volk“ entfremdet: das uns dichtende Spezies gar nicht mehr kennt, (schlimmer noch:) nicht mehr wahrnimmt. Und dahin­gehend ist das Jahrbuch noch ein Bestseller. Der Gedichtband des durch­schnittlichen (xD) Lyrikers (??) hat eine Auflage von ein paar hundert Stück. Fast möchte man es ganz laut schrei(b)en: müssen Gedichte nicht auch mal (wieder) weh tun? Sich auflehnen? Ansagen, was Sache ist??????

Marotten

Mein Schlüsselbein ist gebrochen ich spüre im voraus Regen,
das jagt mir Angst ein. Wären nicht Schmerzen Pflichten
und die mürrische Floristin, könnte ich den süßen Tropfen
in der Kaffeetasse schmecken. Du mit deinen schnellen
Füßen machst mich so unglaublich wütend. Zugegeben ist es
unschön, Anderer Schuhe zu stehlen, aber trete ich wie du,
erscheint das Pflaster mir sicher.

Und, es gibt Gedichte in der Sammlung, bei denen kein Wort zu viel ist. Gedichte, die sitzen, sozusagen ungarettisch.

Jetzt

Wer wäre ich … zu zählen
die Zungen die Stimmen
im Himmel … die Vögel
das kleine das helle Geläut

Es ist insgesamt viel. Es bietet viel mehr als das, was seinerzeit Vorlage für Alfred Kerrs zweit­kürzeste Kritik aller Zeiten (seine kürzeste bestand nur aus 4 Worten; man möge googeln), genau genommen auf einen Theaterabend bezogen, das tut aber nichts zur Sache (?): Das Stück begann um 8. Als ich um 11 auf die Uhr sah, war es ½ 9. Nein, ach woher, gelangweilt hat man sich nicht. Der Band ist eine Auswahl, die mit Sicherheit auch ohne Namen funktio­nieren würde. Gewisse Stimmen der Poeten sind eigen, artig und unartig, unverkennbar, typisch, charakte­ristisch, Poetinnen nicht zu vergessen. Die beiden Herausgeber präsentieren durchaus neue Dichter mit neuen und bisher unerhörten Stimmen, Dichterinnen nicht zu vergessen. Und es ist auch nicht so, dass die bereits bekannten Stimmen mit ihren bereits bekannten Anliegen sich nur noch selbst reproduzieren würden; sozusagen zum karikatur­haften (:|) Abklatsch ihrer selbst geworden, immer dasselbe Gedicht schrieben.

Es erwartet den Leser eine schniegel­nagelneue Ausgabe mit einer Vielzahl neuer, unerhörter, frischer Texte, Stimmen und Noten, Marken und Gewürzen – – pardon, Gedichten.

[kleines Finale]

dein liebevoller Blick auf eine Uhr, die immer noch die
besseren Zeiten anzeigt. Deine fast vergessenen Beziehungen
nach oben: Mondscheinehen, die kaum auffallen in diesem
fensterlosen Landstrich. Die erwogenen Optionen, Schere
im Kopf versus Schnappschusspistole, das Einäschern der
Eiligenbildchen. Am Ende dein Schatten, der dich die Treppe
hinunterschubst, noch bevor du Licht machen kannst.


„Das sollten wir zusammen zu Ende spielen: neugierig sein, wieder und wieder lesen, uns ärgern, aufhorchen, enttäuschte Miene machen, frohlocken – alles ist erlaubt. Wenn es nur die Spannung auf das Jahr danach erhält.“, schreibt Kathrin Schmidt. Aktuell wird das Jahrbuch der Lyrik bei DVA gemacht. In zwei Jahren werden die Karten dann neu gemischt; dann darf man wieder Texte nach Buchwald schicken, dann heißt es wieder: Neuesse Spiele, neuesse Glücke …
Armin Steigenberger   09.06.2011    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 
Armin Steigenberger
Lyrik