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Ron Winkler (Hrsg.)
Die Schönheit ein deutliches Rauschen – Ostseegedichte

Ostsee(l)isches
Kritik
Ostseegedichte   Die Schönheit ein deutliches Rauschen
Ostseegedichte
hrsg. von Ron Winkler
Connewitzer Verlagsbuchhandlung 2010
155 Seiten, 15 Euro

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Das Meer. Die Möwen. Strandboxen, Buhnen, Bodden – und große Bühne für über 100 neue, junge Ostsee­gedichte. 49 Dichte­rinnen und Dichter schreiben zusammen eine Lyrik­anthologie, die von Ron Winkler heraus­gegeben wurde und die vor kurzem unter dem von Steffen Popp mit­ange­regten Titel Die Schönheit ein deutliches Rauschen erschienen ist.

Vermutlich ist kein Sujet öfter ange­dichtet worden als das Meer. Insofern ist dieses Thema eine eigene Gewichtsklasse, wo sich so mancher Dichter an der trügerischen Leichtig­keit des doch traditions­schwangeren, repertoire­haften Stoffes auch mit Leichtigkeit einen Bruch heben kann. – Lassen sich heute überhaupt noch Ostsee­gedichte schreiben?

Vorab ist zu sagen: Es gelingt in nahezu jedem Gedicht dieser Anthologie, dem Meer eine besondere Seite abzu­gewinnen, auch wenn der jeweilige Autor sich nicht immer bewusst ist, an welchen geradezu vor­sint­flut­lichen Gewichten er da hebt. Die Bildwelten ums Meerische, Meerhafte stellen eine verfüh­rerische Falle dar. Ein Gedicht über das Meer kann auch und vor allem im 21. Jahr­hundert noch auf zahllose Riffe und alt­bekannte Lyrismen auflaufen; Wortstrom-Schnellen, Untiefen und scharf­kantige Klippen schwär­merisch-kunst­hand­werk­licher Ver­zückung sind zahlreicher vorhanden, als man annimmt; der Tiefen­sog beim sprachlichen Kentern wird meist stark unterschätzt.

In seinem feinsinnigen, differen­zierten Vorwort beschreibt Ron Winkler, was die Ostsee alles (nicht) ist. Bald jeder Aspekt scheint berück­sichtigt, deren es unzählige gibt. Er zeigt sehr präzise, um welche poetischen Riffe die heutigen Poeten einen großen Bogen zu machen (zumeist) imstande sind.

Was klar ist: Die Ostsee (und mit ihr das Meer) hat als groß­artiger Götter­tümpel ausgedient und wird auch nicht mehr ganz so gerne als lyrisches Post­kartenmotiv bzw. flache Erbau­ungs­tapete hergenommen. Jedweder dumpfe Mythos ist passé, wobei die modernen esote­rischen Mystifi­kationen wieder stark im Kommen sind – erfreu­licher­weise nicht in dieser Auswahl. Die Faszina­tion, will sagen das kindliche Staunen vor dem großen unfass­baren Meer sind dieselben wie ehedem. Und wenn Historie, dann bitteschön mit Finger­spitzen­gefühl; erst recht keine tumbe Ostalgie anhand geo­grafisch markanter und brisanter Punkte. Es werden keine Idyllen besungen, obwohl sporadisch die Tendenz besteht, hingerissen von der gigantischen Kulisse mithin hin­gebungs­voll zu deklamieren.

So schreibt Winkler, das Ostsee­gedicht sei heute keine Bühne mehr für „symbo­listische Kammer­spiele“ und tauge erst recht nicht mehr für „eskapistische Unter­fangen“. Und es gelingt nahezu durch­gängig. In Gedichten von Volker Braun, Ulrike Draesner, Mara Genschel, Hendrik Jackson, Björn Kuhligk, Steffen Popp, Kerstin Preiwuß, Jan Volker Röhnert, Sabine Schiffner, Jan Wagner, Judith Zander u. v. a. ist das Meer omni­präsent und gleich­zeitig oft nicht mehr maritim. Das Meer wird zum Nicht-Meer und ist es im nächsten Text (mitsamt seiner viel­fältigen und sehr weit­reichenden Klischees) doch voll­kommen und konkret.

Das Meer. Harmlos und variations­reich spiegelt es sich heute modern und blau auf der westlich-aufgeklärten Dichterpsyche – könnte ein Räsonierer spötteln; auf seine Kosten kommt er in dieser Sammlung nur selten. Denn gleichzeitig spiegeln sich alle gegenwärtigen Regungen derselben empfind­sam auf ihm, allerhand (Zwischen-) Menschliches, die „(durchzivilisierte) Gegenwart“ sowie der „von Profanität und Zumutungen verseuchte[r] Da­seins­schutt“ (Vorwort Ron Winkler). So gelingen viele Texte, auch da, wo sie „nicht-maritim“ sind, wo sie nur noch im Titel oder anhand typisch ostseeischer Arrangements ihren Gegenstand aufgreifen. Manches Gedicht will überhaupt nichts mit Meer oder gar Ostsee zu tun haben. Das ist unerhört und auch unerhört charmant – in einer Sammlung, die sich laut Untertitel mit Ostsee­gedichten befasst. Das ist auch legitim, da es heut­zutage wie immer schon das Meer in einem selbst gibt: Bei Bewohnern und Nicht­touristen besitzt es ohnehin selbst­verständliche Präsenz in Herz und Hirn, auch wenn man getrennt ist vom rein physischen und haptischen Meer.

Nikola Richter
ABKÜHLEN

sommerhitze von punsch und sanddornschnaps,
die horoskope knackten nüsse vom vorjahr,
das klang nach minusgraden, neuer liebe im januar.
daher stiegen wir durchs saunafenster in den park
und hörten über die weite des unverfrorenen wassers
den wachhund bellen. das einzige wesen,
das uns so hätte sehen können, mit nackten sohlen.

Der Ostsee­topos wird oft über gewisse Accessoires beschworen: der Sanddorn, das Riedgras, die Möwen oder „Möven“, Buhnen, Strandboxen, Kais, Ostseebäder, und – immer gerne genommen – Wolken, Wellen, Schaum, Gischt. Dass das Meer rauscht, mehr oder weniger deutlich, ist nicht mehr ganz so prickelnd neu. Weshalb die meeres­spezifischen Worte, in denen die Tatsache Meer sich manifestiert, oft ein wenig verbraucht wirken. Manche Verszeilen lesen sich dahingehend wie Lyrismen, obwohl es keine sind. Auf den Kämmen schaukeln die Möwen: so etwas kennt man unter Umständen schon. Das ist die / Brandung, die brüllt – über den Wassern – so gut und alliterativ haben Brandungen auch schon anderswo gebrüllt. Verszeilen wie den möven war es egal, welche fische sie pickten stehen indessen unter dringendem Kalauer­verdacht. Gelegentlich gerät die Ostsee (oder vielmehr das Meer als solches) zum Post­karten­hintergrund, wird Art-Deco-Bühne mit brav arrangiertem (und sehr kalkulierbarem) Interieur, der Dichter zum Kulissen­schieber.

Und auch wenn alle Metaphern ums Meerhafte stark klischee­beladen sind: sie sind in uns Lesern und Dichtern – die wir beim Lesen das Gelesene nachdichten – tiefer verankert, als man annimmt. Man kommt fast nicht drum herum, ein paar Möwen ihre Kreise durch den Text schweben zu lassen, um das Typische und Einmalige des Ortes zu beschwören.

Das Meer besteht zum größten Teil aus Wasser, sprich jede Menge H2O. Dass das Meer blau ist, dürfte heutzutage allgemein bekannt sein und liegt streng genommen am Himmel darüber – könnte ein gänzlich unpoetisch Veranlagter lästern. Gleichzeitig aber ist es unfasslicher, atem­beraubender „Abyss“ mit dem rätselhaften Rest an Geheimnis, undeutliche Angst einflößend, der sich vermutlich niemals ändern wird. In einigen wenigen Texten wird diese Unfass­lichkeit zur Poesie: das meer ist abends aus stroh. jeder versuch, gold daraus zu spinnen, gelingt (Ulrike Almut Sandig); wie glockenspiele schlagen meine knochen mit muscheln zusammen (Carl-Christian Elze).

Der Orte und Örtlich­keiten sind viele. Über die deutschen Ostsee­orte auf Rügen und Usedom werden auch baltische und schwedische Ostsee­land­schaften besungen, bis hinauf zum Finnischen Meer­busen; wobei das im Gedicht Einge­fangene immer über bloße Landschafts- und Reise­impressionen hinausgeht. Vieles hat Wieder­erken­nungs­wert und -reiz für die­jenigen, die am jewei­ligen Ort gewesen sind. Man merkt einigen Gedichten deutlich an, wie die Ostsee zum Lyriker kommt, wenn das lyrische Ich en passant aus der Touristen­per­spektive das Exotische durch­blicken lässt, das es dort angetroffen hat und sich z.B. am Strand und beim Bier vom Liebeskummer kuriert. & wieder mal tief durch die nacht. / dein bild stets am herzen & krämpfe im bauch (…) ich habe ver / sucht, dich aus den träumen zu schlafen & bin müde wie eh. Ich habe die ganze welt abgelaufen / & blieb wund, ich blieb weh & blieb ich, immer ich ohne dich (…) keine einzige kneipe heißt anker, aber alles ist fest hier / & nicht mehr verrückbar, wenn man als einer vom dorf gilt. das braucht oft nicht länger als ein paar bier & die liebe (…) (Crauss.) Der Einheimische, für den die Ostsee vertraut und alltäglich ist, kommt hingegen seltener zu Wort: Verbilligte Seesterne auf der Mole. Die Gedenkstätte / Burmeister hat geschlossen von hier aus. Wenn du ein wenig wartest. Wind in den Taschen der falsche Knopf am / Firmament leuchtet auf (Silke Peters).

Die Ostsee ist überall. „Die Ostsee der Gegenwart ist kein Poseidonpool“, heißt es im Vorwort und scheint somit früher wie heute sogar mediterran verortbar. Das ist interessant, denn nicht nur im Surrealen, sondern auch in unserer hoch­virtualisierten Welt wird „Ostsee“ zu einem anklickbaren, hochaufgelösten Phantom, wo das Meer und seine feine Pixelung phantasma­gorische Ubiquität besitzen, wo Kopie oder Coverversion vom Original ununterscheidbar geworden sind. Die Ostsee ist heute überall und nirgends. Die Ostsee verwandelt sich; sie wird in einigen Texten zum exzep­tionellen Hype, zum Egoadapter, zum Trigger persönlicher Befin­dungen. Sie ist all­gegenwärtig, wird mit einem Schuss Nostalgie und einer Buddel voll Rum ganz nostalgisch zum Seefahrertopos – freilich der eigenen Historie ganz bewusst: als korsaren sind wir gefahren / waren filibuster nach maß & muster / als piraten hat man uns verbraten / waren jungpioniere & bukaniere (Bert Papenfuß), wird Spiegelfläche von Eros und Emotio und als Spielfläche erotischer Sinnenvielfalt inszeniert, außer Lichtgewinn / aus der Tiefe, die ins Laszive zieht / mit den Zugehfrauen, den Wund / Verschlüssen, hinab (Tom Schulz) Dahinter kopulierte beinah / vergessen das Meer (Claudia Gabler), es rauscht und berauscht als (syn)ästhetisches Metaphern-Magma, das ganz zauberisch seine Bedeu­tungen ändert wie das Wetter und die changierende Farbe ver­schiedenster Blautöne. Ostsee wird zum Vexierbild; eine optische und seelische Täuschung.

Ostsee(l)ischer Topos also – und damit bloßer Befindlich­keits­katalysator für schöne Stimmungs­gedichte? Hin und wieder tut ein Gedicht wohl, das die Ostsee gegen den Strich bürstet; dahingehend können die Texte, die mit erfrischen­dem, derbem Seefahrer­vokabular zwar herzhaft eine andere Tonart anschlagen oder die Ostsee als ölverseuchte Zivili­sations­kloake in Szene setzen, auch nur das Schwarze unter der weißen Gischt aufmalen. Hinsichtlich umwelt­poli­tischer Brisanz wären vielleicht noch mehr Zwischen­töne drin gewesen, konstatiert man am Ende der Lektüre.

Die Texte der Auswahl überzeugen dennoch fast immer. Heraus­ragend sind diejenigen Gedichte, die am spezifischsten die Ostsee definieren und jenseits von Erbauungposter, Postkartenblau und Kronkorken­zischen mit ihr verbundene historische wie politische Dimensionen aufzeigen und klar benennen: (…) der Raumfahrt / Wernher von Brauns auf der wildschönen Oie, hier von der Steilküste flogen Ideen handfest erstmals / ins All. Auf dem Mond dann, so Trygve, der Endsieg. (Wilhelm Bartsch). Auch die 90er Jahre sind präsent: nordischer urwildpark / staatsforst darss & dorsch / fischklops & verteidigungskopf (…) haken, sandbank, insel / feste landspitze, hakenansatz / restitutionsansprüche & bückübertragung // ungeschorene alteigentümer / ziselieren ihre vermögensschäden / an jedem eigentum klebt enteignungsunrecht (…) (Bert Papenfuß). Das Spezifische: das Brackwassermeer, der Landschwund, die Aussüßung der landnahen Gewässer usw., die geologischen Gegebenheiten des Mare Balticum: Wir Kopffüßer tragen die gefürchtete Levitation / Feuersteinabsprünge und die frischen Kanten / Ihre verlorenen Funken ihre weichen Leiber / (Knollen Konkretationen gallertiger Kieselsäure / Im Kreidemeer) (…) (Silke Peters).

Am überzeu­gendsten ist die Sammlung immer da, wo sie dem Meer etwas Neues abgewinnt. Wo die Sprache zum eigen­ständigen Körper wird. Wo die eigen(tümlich)e „Semantik des Meers“ (Winkler) der eigenen Rezeption gegenübersteht. Wo sich ein Mehr an Meer zum längst bekannten Wort­repertoire hinzu­gesellt und somit die Gedichte, in denen die Ostsee und alles Ostsee(l)ische zum bloßen Poster verwässert worden ist, angenehm konter­kariert.

Die vielschichtige, viel­gestaltige und – was das Meer betrifft – viel­formige Gedicht­samm­lung endet mit einem Sonett von Thomas Kunst, das ausschließlich weibliche Kadenzen hat. Sollte das Meer, das im Deutschen dinghaftes und geschlechts­loses Neutrum ist, am Ende gar auch weiblich sein wie die Ostsee? Ich würde lieber auf der Welt verenden / Als auf See, kein Tod hat solche Strände.
Mit Texten von: Andreas Altmann, Wilhelm Bartsch, Nico Bleutge, Mirko Bonné, Volker Braun, Tom Bresemann, Crauss, Ulrike Draesner, Carl-Christian Elze, Saskia Fischer, Claudia Gabler, Mara Genschel, Matthias Göritz, Dieter M. Gräf, Udo Grashoff, Ariane Grundies, René Hamann, Sebastian Himstedt, Hendrik Jackson, Kathrin Schmidt, Uwe Kolbe, Birgit Kreipe, Jan Kuhlbrodt, Björn Kuhligk, Thomas Kunst, Christian Lehnert, Maik Lippert, Thomas Meyer, Nicolai Kobus, Bert Papenfuß, Silke Peters, Steffen Popp, Kerstin Preiwuß, Lutz Rathenow, Nikola Richter, Jan Volker Röhnert, Hendrik Rost, Maren Ruben, Ulrike Almut Sandig, Jörg Schieke, Sabine Schiffner, André Schinkel, Tom Schulz, Lutz Seiler, Jan Wagner, Henning Ziebritzki.

Über den Herausgeber: Ron Winkler, geboren 1973, studierte Germanistik und Geschichte in Jena und lebt heute in Berlin. 2005 erhielt er den Leonce-und-Lena-Preis. Er veröffent­lichte mehrere Gedicht­bände und gab ver­schiedene Lyrik-Anthologien heraus.
Armin Steigenberger   13.08.2010    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen
Armin Steigenberger
Lyrik