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Peter Sloterdijk
Philosophische Temperamente – von Platon bis Foucault

19 + 1 Vorwort zur Philosophie
Kritik
Philosophische Temperamente: Von Platon bis Foucault   Peter Sloterdijk
Philosophische Temperamente:
Von Platon bis Foucault
Diederichs Verlag, München 2009
144 Seiten, 14,95 Euro

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Wer meint, er wisse doch bereits einiges über Philo­sophie und brauche deshalb dieses Buch nicht, liegt völlig falsch; wer meint, es handle sich hier um eine konventionelle Philo­sophiegeschichte, ähnlich der vor 40 Jahren erschienen Philo­sophischen Hintertreppe von Wilhelm Weischedel – nur eben aus Sloterdijkschem Blick –, liegt ebenso falsch.

Hier wird ein komplett neuer Zugang zur Philo­sophie und ihren Hauptfiguren eröffnet, der in dieser Form bisher nicht dagewesen ist. Man ist vom ersten Satz an Teilnehmer am philo­sophischen Diskurs der Jetztzeit. Dieser Zugang zur Philo­sophie wird stets durch den Vorder­eingang erschlossen; man liest Texte, die durchaus als Primärtexte gelten können. Und damit ist Sloterdijks Buch über philo­sophische Tempe­ramente wohl eher kein Buch für völlige Philo­sophien­eulinge. Obgleich schon das Vorwort mit der Über­zeugung des Autors einleitet, „daß es in die Philo­sophie keine Ein­führung geben kann, vielmehr muß von der ersten Minute an die philo­sophische Disziplin selber sich vorstellen, als Modus des Denkens fürs erste, als Modus des Lebens in der Folge.“ Das ist für die nachfolgenden Texte ein klares Programm.

„In ihrer optimistischen Frühzeit hatte die philo­sophische Erziehung nicht weniger im Sinn als eine Umbeseelung oder Umbe­geisterung der Individuen; sie setzte sich das Ziel, aus ver­worrenen Stadt­kindern erwachsene Welt­bürger zu machen, aus inneren Barbaren zivilisierte Reichs­menschen, aus berauschten Meinungs­inhabern besonnene Wis­sens­freunde, aus trüb­se­li­gen Sklaven der Leiden­schaften heitere Selbst­be­herrscher“, lockt der Klappen­text.

Das Buch präsentiert 19 gedankliche Streif­züge, in sich geschlossene Essays, allesamt in ähnlichem Aufbau gestaltete „Denker-Vignetten“ zu allen wichtigen Köpfen der Philo­sophie, die zunächst scharf machen – also mit scharf­sinnigen Thesen verblüffen – und anschlie­ßend eröffnen, was an den bekannten Meister­denkern bis heute das Wesent­liche war und ist. Dieses Wesentliche wird hier völlig neu und mit erstaun­lichen Blickwinkeln vom Autor heraus­gearbeitet: nicht selten frappiert eine tiefschürfende und über­raschend aktuelle Lesart des schon Bekannten. So kommt das Kapitel über Platon völlig ohne den Begriff der Dialektik aus (und ohne den der „Platonischen“ Liebe sowieso!), bei Descartes lässt Sloterdijk das kartesische Cogito ergo sum weg, bei Kant braucht er kein Apriori oder Aposteriori und erklärt auch nicht umständlich das Wesen des Kategorischen Imperativs – wie dies so manche selbst­erklärte Ein­führungen gerne tun. Man atmet von vornherein eine ungewohnt freie und wohltuend klare Luft. Dennoch erfährt man gerade dadurch den Kern der jeweiligen Philo­sophie umso genauer. Der Rezensent Ijoma Mangold nannte dieses Buch eine „Über­setzung der Philo­sophie­geschichte in Peter Sloterdijks eigenes Vokabular“. Hinrei­ßend ist in der Tat Sloterdijks Sprache: Der Philo­soph entwickelt zur Erklä­rung ganz eigene Termini und Theoreme, die in aufregende Schluss­folgerungen münden. So spricht Sloterdijk bei Marx über Tele­kommuni­kation und erfindet den Begriff des „Tele­vampyris­mus“, der Fernseher wird zum „Fernsauger“; zu Wittgenstein erklärt er, dass gerade dieser in der Lage war, „das Patchwork der lokalen Lebensspiele und ihrer Regeln ans Licht zu heben“. Dadurch werden dem Leser mit einem Mal über­raschende Zusam­men­hänge zwischen gedank­lichen Phäno­menen und histo­rischen Begeben­heiten deutlich, wo er bisher niemals einen Zusam­men­hang vermutet hätte.

Statt über Philo­sophie zu referieren, wird in allen Aufsätzen praktische Philo­sophie betrieben. Die lehrhafte Heran­gehens­weise, wie Philo­sophie dem Leser üblicher­weise anhand ihrer anerkannten Begriff­lichkeiten Schritt für Schritt nahegebracht wird – oft ange­reichert mit auflockernden Anekdoten über das schrullige Leben ihrer Prota­gonisten – wird bei Sloterdijk erfreu­licher­weise ganz beiseite­gelassen. Ohne ein­schlägiges Vorwissen ist das Buch gleichwohl nicht immer verständlich, da das Buch sofort in medias res geht. Man sollte also schon im Vorfeld ein wenig Philo­sophie betrieben haben und sich auch etwas in der Termino­logie auskennen, sonst kann man Sloterdijks Gedanken­gängen und Schluss­folge­rungen vielleicht nicht immer folgen.

Der 62jährige Autor Peter Sloterdijk ist Rektor der Karlsruher Hochschule für Gestaltung sowie Professor für Kulturphilo­sophie und Medien­theorie an der Wiener Akademie der bildenden Künste und vielen Lesern bekannt vom Philo­sophischen Quartett (ZDF), 1983 gelang ihm der Durchbruch mit seinem Werk Kritik der zynischen Vernunft. Im Herbst 2009 richtete sich die Medienaufmerksamkeit auf die „Sloterdijk-Debatte“ in den Leserbriefspalten der FAZ, ausgelöst durch Thesen des Philo­sophen über Kapitalismus und Sozialstaat.

Die Aufsätze entwickeln einen sowohl kurzweiligen wie tief­schürfenden Gesamt­abriss der philo­sophischen Geistes­geschichte, entrollen Argumente und Thesen und zeigen geschichtliche Zusammenhänge; zeigen darüber hinaus, wie diese Thesen die Welt bis heute formen. Dies gelingt Sloterdijk in hochverdichteter und dennoch nicht über­frachteter Form. Genau genom­men handelt es sich bei den Philo­sophischen Temperamenten um 19 Vorworte, die in ebendieser Form allesamt schon in der Reihe Philo­sophie jetzt! erschienen sind. Die Philo­sophi­schen Temperamente sind zusammen mit ihrem eigenen also „nur“ 20 Vorworte, die es aller­dings in sich haben. Sloterdijk legt dar, dass es aufgrund von rechtlichen Schwierig­keiten nie zum Heidegger-Lese­buch und dem Adorno-Reader gekommen ist, doch auch die restlichen 19 Denker ergeben in summa ein stimmiges und in sich geschlos­senes Bild der Geistes­geschichte.

Jeder einzelne Essay der Philo­sophi­schen Tempe­ramente überzeugt. Der Titel selbst ist ein Spiel mit Worten: denn es sind sowohl die Per­sön­lich­keiten der großen Philo­sophen an sich gemeint, als auch ihre Ideen und „mächtigen Argumente“ als Ingre­dienzen und Bei­mi­schungen im gedank­lichen Schmelz­tiegel des Abend­landes.

Es wird einem beim Lesen auf eindring­liche Weise klar, dass die Gedanken­gebäude aller bisher dagewesenen Philo­sophen noch längst nicht zu Ende erschlossen sind (und auch vermutlich nie zu Ende erschlossen werden): da schlummert selbst bei Platon, Aristoteles und Augustinus noch jede Menge Potenzial – hochaktuell und bis heute brisant. Man erkennt, dass alle Epochen die bedeutenden Philo­sophen auf ihre Art wieder neu und dennoch auf ihre Art einseitig inter­pretieren.

Der mit dem Sigmund-Freud-Preis für wissen­schaft­liche Prosa aus­gezeich­nete Autor schrieb ein glänzendes junges Buch über 19 alte Männer der Philo­sophie, das nicht für einen Moment langweilig wird.
Armin Steigenberger   26.01.2010    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen
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Lyrik