poetenladen    poet    web

●  Sächsische AutobiographieEine Serie von
Gerhard Zwerenz

●  Lyrik-KonferenzDieter M. Gräf und
Alessandro De Francesco

●  UmkreisungenJan Kuhlbrodt und
Jürgen Brôcan (Hg.)

●  Stelen – lyrische GedenksteineHerausgegeben
von Hans Thill

●  Americana – Lyrik aus den USAHrsg. von Annette Kühn
& Christian Lux

●  ZeitschriftenleseMichael Braun und Michael Buselmeier

●  SitemapÜberblick über
alle Seiten

●  Buchladenpoetenladen Bücher
Magazin poet ordern

●  ForumForum

●  poetenladen et ceteraBeitrag in der Presse (wechselnd)

 

Corinna T. Sievers
Maria Rosenblatt

Eine Frau am Abgrund

  Kritik
  Corinna T. Sievers
Maria Rosenblatt
Roman
Edition Nautilus, Hamburg 2013
144 Seiten, 16 Euro
ISBN 978-3-89401-779-8
Das Buch bei Amazon externer Link



Wenn sich das eigene Leben dem Abgrund nähert, ist es Zeit für etwas Mascara und Puder. Für ein neues Kleid. Für einen Schnaps oder auch zwei, oder drei. Für eine Affäre. Für Sex im Swinger-Club. Und vielleicht ist jetzt auch der richtige Zeit­punkt, Beweis­mittel zu unter­schlagen – um jemanden zu decken, gegen den man selbst er­mittelt. Das zumindest scheint das Rezept von Maria Rosenblatt zu sein, der titel­gebenden Figur des neuen Romans von Corinna T. Sievers.
  Dabei sieht nach außen alles so perfekt aus: Maria Rosen­blatt ist eine erfolg­reiche Kommis­sarin. Sie wohnt mit ihrem Mann Hannes, einem an­erkann­ten Psy­chia­ter, und den zwei gemein­samen Kinder in einem groß­zügigen Haus am Zürcher See. Das Ver­mögen ist so groß, dass Maria Rosenblatt eigent­lich gar nicht arbeiten müsste.
  Sie tut es trotzdem. Nicht etwa, weil sie eine auf­opferungs­volle, verant­wor­tungs­bewuss­te Frau wäre, die ihren Dienst an der Mensch­heit tun will. Eher schon will sie der Ödheit und Lange­weile (und Enttäuschung) des eige­nen Lebens ent­kommen. Jeden Morgen „flüchtet“ sie aus dem Haus, steigt in eines der Autos, ver­lässt die schein­bar heile Welt, fährt vorbei an „feu­dalen An­wesen“ zum Präsidium in die Stadt. Dort ver­bringt sie viel Zeit – viel mehr als mit der eigenen Familie.
  Nach außen dominant, launisch, innerlich geplagt von Selbst­zwei­feln und Sinn­fragen stürzt sich die Kommis­sarin mit ihrem (aus­schließ­lich männ­lichen) Er­mitt­ler­team in einen neuen Fall – es geht um Kinder­porno­grafie.
  Gleichzeitig gerät ihr Privatleben aus den Fugen: Die emotional und sexuell ver­nach­lässigte Ehefrau entfernt sich von Mann und Kindern, hat die eigenen sexuel­len Fanta­sien und Wünsche kaum noch unter Kon­trolle, stürzt sich in ein eroti­sches Aben­teuer, das wieder Leiden­schaft in ihr Leben bringt und das, so ahnt man, kaum gut ausgehen kann.
  Auf diese Weise erzählt der Roman eine doppelte Geschichte: Einer­seits geht es um einen Kriminal­fall, der gelöst werden soll; anderer­seits, und das ist der spannen­dere Teil der Geschichte, geht es um die Widersprüche der Haupt­figur, die sich mit einem bemerkens­werten Hang zur Selbst­zerstörung zielsicher auf einen Abgrund zubewegt.
  Dass Maria – ausgerechnet! – mit einem Fachmann für Seeli­sches ver­heiratet ist, hilft dabei nicht: „Hannes war Psy­chiater und kannte sich aus mit den Ab­grün­den der Seele, aber nicht mit Marias.“ Selbst­mord­gedanken, über­mäßiger Alko­hol­konsum: Die Haupt­figur erscheint als mindes­tens ebenso gefährdet wie der Er­mitt­aalungs­erfolg.
  Spannend ist der Roman nicht nur wegen der erzählten Handlung, sondern auch wegen seiner Sprache. Die kurzen Sätze kommen oft ohne Verben aus, stellen Fakt neben Fakt. Das wirkt mal wie eine Regie­anweisung, mal wie ein atem­loses Protokoll, mal wie eine Schil­derung subjektiver Eindrücke, etwa wenn sich die Figur im Spiegel betrachtet: „Augen groß und schwarz und bodenlos, die Ober­lippe voll und geschwun­gen, Ent­schädi­gung für den Höcker auf der Nase, im Gesicht eine Falte, von der linken Augen­braue bis zum Haar­ansatz.“
  Mit kunstvoller Beiläufigkeit scheint in Alltagsgesten das Unglück der Haupt­figur auf. Haare kämmen, Schmin­ken, An­klei­den: Dem Text gelingt es, in diesen kleinen Hand­lungen – den wenigen festen Ri­tualen in einem Leben, das zu­sehends außer Kon­trolle gerät – die Zer­brech­lich­keit und exis­ten­ziel­le Unzu­frieden­heit der Figur zu zeigen: „Es gibt Tage, da hindert ihre Wehmut sie am Gehen, am Essen, am Atmen, plötz­lich war sie da und hat sich nicht mehr ver­treiben lassen.“
  Doch neben der zarten Einfühlung in Marias wohlstands­gepols­tertes Unglück bietet der Roman noch etwas ganz anderes: klare, harte Bilder von Sex und Gewalt, in denen sich mensch­liche Ab­gründe zeigen. Wie zuletzt in ihrem 2012 erschienen Roman „Schön ist das Leben und Gottes Herr­lichkeit in seiner Schöp­fung“, erzählt die Autorin in nüch­terner, präzi­ser Sprache Szenen, die nicht leicht zu ver­kraften sind, weil sie gegen Tabus verstoßen.
  Die extreme sprachliche Verknappung, die Gegen­sätze der Haupt­figur und die stellen­weise unge­heuer­liche Geschichte machen auch Sievers' neuen Roman zu einer span­nenden, inten­siven Lektüre. Die Mi­schung aus Krimi und Psycho­gramm der Ermitt­lerin, gepaart mit einem starken Stilwillen, hebt das Buch aus dem Fach gängiger Spannungs­lite­ratur deutlich heraus.
Carola Gruber   18.02.2014    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht   

 

 

 
Carola Gruber
Prosa
Gespräch