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»Es wird immer alles besser«

Iris Hanika im Gespräch mit Carola Gruber
Iris Hanika

  Iris Hanika

  Das vollständige Interview erscheint im Magazin poet nr. 9 (September 2010). Bei den Gesprächsbeiträgen in poet nr. 9 geht es um das Thema Literatur und Politik.


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Foto: Barbara Klemm

 

Iris Hanika wurde 1962 in Würzburg geboren. 1979 zog sie nach Berlin, wo sie Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft und Germanistik an der Frei­en Universität studierte. Sie war Mitarbeiterin der Berliner Seiten der FAZ und fuhr­te eine Chronik im Merkur. 2006 erhielt sie den Hans-Fallada-Preis. Sie veröffent­lichte mehrere Prosabände bei Suhrkamp. Der erste Roman, Treffen sich zwei (2008, Droschl), kam auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises. Ihr zweiter Roman, Das Eigentliche, erschien im Januar 2010 ebenfalls im Literaturverlag Droschl.
Carola Gruber: Liebe Iris, auf die Interview-Anfrage hast Du geantwortet, Du wissest gar nicht, ob Du die richtige Ansprechpartnerin fur das Thema „Lite­ratur und Politik” seist. Wie meintest Du das?

Iris Hanika: Als ich Das Eigentliche schrieb, dachte ich durchaus: „Das ist ein politisches Buch. Ich schreibe zum ersten Mal ein politisches Buch.” Aber bei dem, was man oft unter politischer Literatur versteht – also litté­rature engagée, die etwas bewirken soll, die darauf hinweist, was in der Ge­sellschaft geändert werden soll –, denke ich immer an kommunistische Propagandaliteratur. Andererseits beschreiben Bücher, also Literaturtexte, die Gegenwart beschreiben, ja auch die Polis, wenn zum Beispiel vor­kommt, dass die Leute arbeiten und wie sie arbeiten. Insofern wäre ich doch eine politische Autorin, weil ich meiner Meinung nach durchaus das tun sollte: Beschreiben, wie wir jetzt leben. Ich begreife mich mehr als Chro­nistin denn als irgendwas anderes.

C. Gruber: Ist Chronistin auch eher die Selbstbezeichnung als zum Beispiel „Schriftstellerin” oder „Autorin”?

I. Hanika: Ja, Chronistin ist die Selbstbezeichnung, die ich am ehesten wählen würde. Aber das versteht natürlich keiner. (lacht) Wenn mich jemand fragt, was ich mache, sage ich: „Ich schreibe”. Ich kann nicht sagen: „Ich bin Schriftstellerin”. Das käme mir komisch vor. So empfinde ich mich auch nicht. Eher als Dichterin. Aber das, denke ich, wäre ein Ehrentitel. Den müsste andere verleihen. Deshalb habe ich mich sehr gefreut, dass in einer Rezension zu diesem Buch stand, es sei eigentlich ein großes Gedicht.

C. Gruber: Würdest Du Dich als politischen oder als politisch denkenden Menschen beschreiben?

I. Hanika: Das ist auch eine schwere Frage. Früher, als Jugendliche, fand ich mich sehr politisch. Da wollte ich linksradikal sein beziehungsweise Anarchistin, weil ich dachte, das sei das radikalste. Ich würde mich schon als politisch beschreiben, aber nicht in einer Weise, die man an Parteien oder Strömungen knüpfen kann. Zum Beispiel denke ich in letzter Zeit immer mehr darüber nach, wie mit Regeln umgegangen wird. Also, ich bin dafür, dass man sich an die Gesetze hält. Ich werde durchaus täglich konserva­tiver ... (lacht)

C. Gruber: ... interessant ...

I. Hanika: ... ja, aber konservativ bedeutet ja nicht, dass man reaktionär ist, oder dass man ausländerfeindlich ist, oder dass man findet, dass die Reichen die besseren sind oder so was. Das bedeutet es ja alles nicht. In meinem Fall heißt es wirklich nur, dass man sich an die Regeln hält, die sich dieser Staat fürs Zusammenleben gegeben hat. Wenn man die nicht gut findet, dann bietet dieser Staat die Möglichkeit, dagegen vorzugehen, indem man andere Parteien wählt, oder indem man eine Bürgerinitiative gründet, oder irgendwas. Wir leben ja nicht in einer Diktatur. Man kann tätig sein.
  Ich glaube, diese Liebe zu den Regeln kommt auch aus der Liebe zur Sprache. Man ist ständig damit beschäftigt zu überlegen, ob das jetzt ein richtiger Satz ist oder falsch. Und das Interessante an der Sprache ist, dass es immer wieder Situationen gibt, in denen man die Regel gar nicht sagen kann. Man kann sie spüren, aber das ist natürlich kein Argument. Sprache verändert sich permanent und ist lebendig und kann immer bis an die Grenzen ausgedehnt werden – wiederum innerhalb der Regeln.

C. Gruber: Du hast Dich früher als sehr radikal verstanden. Wie kam es dazu, dass sich das verändert hat?

I. Hanika: In diesen Hausbesetzerzeiten – und das ist bis heute so – habe ich mich gewundert, warum die Leute den Staat so scheiße finden und gleichzeitig zum Sozialamt gehen und sich aufregen, wenn sie dort nicht genug Geld bekommen. Und ich denke – das kommt auch durch die Analyse –, man sollte nicht immer als erstes sich drum kümmern, wie es anderen Leuten schlecht geht oder wie man denen helfen soll, sondern erstmal gucken, wie man selber leben will. Wenn man dran denkt, wie man selber gerne leben möchte, dann muss man sich mit den anderen auseinander­setzen.

C. Gruber: Dann ist die Analyse ja auch etwas Politisches – immerhin hat sie Deine politische Einstellung beeinflusst. Kann man das so sagen?

I. Hanika: Ja. Die Analyse beeinflusst den ganzen Menschen.

C. Gruber: Kann so eine Einstellung nicht auch dazu führen, dass man sich aus allem raushält, gerade, wenn es um Strukturelles geht oder auch um Gesetzgebung zum Beispiel, also Dinge, auf die man politisch institutionell einwirken könnte?

I. Hanika: Nein. Das könnte man vielleicht so sehen. Aber eigentlich ist es ja so, dass einen im Grunde schon alles betrifft. Die Regeln, die dieser Staat sich gegeben hat, betreffen mich alle. Und auch die Gesellschaft: Wie die Leute miteinander umgehen, betrifft mich. Ich wirke jeden Tag darauf ein – nicht indem ich sage: „Ihr müsst jetzt alle dies und dies machen”, sondern indem ich immer versuche, mich zu entschuldigen und freundlich zu sein, also bürgerliche Umgangsformen zu pflegen. Wenn ich es oft genug mache, bleibt es mal bei irgendeinem hängen (lacht). Gerade in Berlin ist es in den letzten Jahren wesentlich besser geworden. Die Leute sind freundlicher.

Iris Hanika | Das Eigentliche
Iris Hanika
Das Eigentliche
Roman
Literaturverlag Droschl 2010

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C. Gruber: Das hört man selten, dass es besser wird.

I. Hanika: (lacht) Es wird aber besser. Es wird wirklich besser, gerade in Berlin.

C. Gruber: Ist das dann schon Politik, wenn ich rausgehe und bürgerliche Umgangsformen pflege?

I. Hanika: Das ist etwas, das ich als Jugendliche auch nicht verstanden habe. Dann sagt man zu seiner Mutter: „Wieso soll ich denn das jetzt machen? Das macht doch keiner.” Und meine Mutter sagt: „Ja, aber irgendeiner muss damit halt mal anfangen”. Und das stimmt. Wenn es jeder macht ... dann macht Kleinvieh auch Mist.

C. Gruber: Würdest Du sagen, dass Du dadurch, dass Du Bücher veröffentlichst, eine besondere Position hast, auf Gesellschaft einzuwirken – also nicht „nur” rauszu­gehen und bürgerliche Umgangsformen zu pflegen?

I. Hanika: Ich habe außer diesem Text bisher keinen politischen Text produziert. Gleichzeitig habe ich in der politischen Redaktion der FAZ gearbeitet. Das war mir auch wichtig, dass ich nicht zum Feuilleton gezählt werde. Aber da eben auch mehr, weil ich dort als Gesellschaftsbeobachterin tätig sein konnte.
  In den siebziger Jahren, als in mir der Wunsch keimte, Schriftstellerin zu werden, waren Schriftsteller alle Männer mit Schnurrbärten – habe ich das schon mal gesagt?

C. Gruber: Nee, aber das kommt mir bekannt vor ...

I. Hanika: ... pfeiferauchend und in der SPD. Das war das Bild vom Schriftsteller. Ich wusste gar nicht, dass die auch wirklich Bücher schreiben oder dass es da etwas gibt, was interessant wäre an denen – Günter Grass, Max Frisch ... Wahrscheinlich auch aus diesem Grund habe ich beschlos­sen, dass ich an nichts teilnehme, das parteipolitisch ist. Ich mache Lesun­gen, aber ich würde mich nicht an einer Podiumsdiskussion über den Stand der Vergangenheitsbearbeitung beteiligen.

C. Gruber: Das ist ja interessant. Wieso?

I. Hanika: Ich bin nicht schlauer als andere, weil ich Texte schreibe. Ich habe auch keinen größeren Einblick in die Gesellschaft – ich habe immer nur meinen individuellen. Außerdem kann ich nicht gut reden in der Öffentlich­keit. Ich kann gut schreiben, aber das hat nichts damit zu tun, dass ich in einer Diskussion eine Meinung vertreten könnte. Und ich möchte auch gar keine Meinungen haben, weil ich nicht ideologisch sein will. Ich will mir die Meinung in dem Moment bilden, in dem sie nötig ist. Ich möchte nicht als Name mit einem Statement bekannt sein, sondern, wenn bekannt, dann für die Texte.

C. Gruber: Ist das die Position, die ein Schriftsteller Deiner Meinung nach auch einnehmen sollte gegenüber der Gesellschaft? Wie findest Du es, wenn jemand genau das Gegenteil tut?

I. Hanika: Das lässt sich nicht allgemein sagen. Es gibt ja Leute, die schreiben nicht so toll und die schreiben vielleicht auch deswegen Bücher, weil sie gerne in Talkshows gehen wollen. Das ist ja auch okay, wenn die sich dann nicht schämen. Also, wenn es jemandem wichtiger ist, seine Meinungen zu verbreiten, als gute Texte zu schreiben, dann soll er das machen. Das müssen ja keine schlechten Meinungen sein. Das kann auch hilfreich sein.

C. Gruber: Die Schriftstellerei ist ja ein tendenziell asozialer Beruf, der einen aus der Gesellschaft heraushebt – was den Blick, den man auf sie wirft, noch einmal anders auflädt: Bringt dieser Blick eine neue Möglichkeit zur Erkenntnis hinein, dadurch dass er von außen auf die Gesellschaft schaut? Würdest Du darin auch eine politische Aufgabe von Literatur sehen, oder überhaupt eine Aufgabe?

I. Hanika: Ja, das sagte ich ja schon, dass das die Aufgabe ist, dass ich beschreibe, was ich sehe. Aber eine Erkenntnis kann ich daraus nicht ziehen. Wer bin ich denn, was abzuleiten über die anderen? Ich kann beschreiben, was die anderen machen.

C. Gruber: Die Politik hat sich sehr stark differenziert, es gibt Lobbygruppen für alles und für alles einen Ausschuss – die politische Landschaft ist komplexer geworden. Wie kann man sich schreibend damit auseinander­setzen?

I. Hanika: Vielleicht ist das ja gar nicht nötig, weil es doch eigentlich alles ziemlich prima ist, hier. Wir leben nicht in einer Diktatur, wo man was tun muss. Aber wenn jemand einen Roman schriebe, in dem dieses Land so dargestellt würde, wie es mir vorkommt – auch wenn ich das vorher nicht so genau wusste –, dann fände ich das sicherlich gut. Von Sibylle Berg zum Beispiel hat mir Ende gut gefallen. Das beschreibt praktisch die Apokalypse, die Erzählerin findet irgendwie alles scheiße, und es geht auch alles kaputt. Das ist eigentlich ein sehr politisches Buch.

C. Gruber: Damit hast Du schon auf eine meiner Fragen geantwortet – ich stelle sie trotzdem noch mal: die Frage nach einem Beispiel für gelungene politische Literatur.

I. Hanika: Also, mir fallt gerade Die verlorene Ehre der Katharina Blum ein. Das war, glaube ich, ein wichtiges Buch.

C. Gruber: ... für Dich?

I. Hanika: Nee, für mich nicht (lacht). Heinrich Böll war für mich eigentlich gar nicht wichtig. Hm, aber es hat viel Furore gemacht. Andererseits, aus heutiger Sicht, zu sagen, dass die Bild-Zeitung ein Dreck ist – das wissen wir jetzt schon. Aber das wäre, glaube ich, ein gelungenes politisches Buch. Aber es wäre keines, das man wegen des sprachlichen Genusses oder wegen des ästhetischen Mehrwerts lesen wollte.

C. Gruber: Das sagst Du so kalt, also: Das wäre ein Beispiel für gelungene politische Literatur. Das klingt nicht sehr überzeugt.

I. Hanika: Von Kafka sagt man, dass er darstellt, wie der Mensch gegenüber den bürokratischen Zusammenhängen zum Nichts wird. Ich denke mir, vielleicht sollte man mal das Gegenteil darstellen: Wie man überall verstan­den wird und wie einem überall geholfen wird, und man eigentlich nur gegen Gummi läuft. Das aber wäre etwas, was ich mir „vornehme”. Da müsste ich irgendwas konstruieren. Aber ich kann nichts schreiben, von dem ich am Anfang weiß, was hinten rauskommt.

C. Gruber: Hm.

I. Hanika: Ich fände es nicht schlimm, wenn ich etwas schreiben würde, was die Leute auf einen gesellschaftlichen Missstand hinweist, aber so geht das nicht. Das heißt, ich würde dann lieber eine Reportage schreiben. Dagegen hatte ich überhaupt nichts. Ich schreibe gerne Reportagen. Und gerne kann man in einer Reportage einen gesellschaftlichen Missstand darstellen, aber das ist Journalismus. Das ist auch die Aufgabe des Journalismus.

C. Gruber: Heißt das, dass andere Medien und andere Formen geeigneter sind als Literatur, politische Zusammenhänge zu erfassen?

I. Hanika: Ja, so könnte man das sagen. Reportagen sind eine wunderbare Form. Eine meiner Lieblingsautorinnen heißt Martha Gellhorn – großartig! Die kann ich sehr empfehlen. Sie war Kriegsreporterin und hat auch Romane geschrieben, die im Krieg spielen. Also, es ging dann praktisch weiter mit der Reportage. Martha Gellhorn schreibt großartig. Oder Jane Kramer. Es sind komischerweise viele Frauen unter diesen Leuten.

C. Gruber: Wäre das dann ein Beispiel für gelungenes politisches Schreiben?

I. Hanika: Gerade Martha Gellhorn: Die empfindet sich auch so. Die versteht nicht, wie Leute sagen können, sie seien unpolitisch. Denn sobald man anfangt zu atmen, ist man doch politisch. Man lebt doch irgendwie in der Politik, findet sie, und das stimmt ja auch. Sie war außerdem immer da, wo es gebrannt hat – also in ihrem Fall ist das Krieg, da sieht man deutlich: „Hier brennt es. Da kann man was schreiben” – Das ist heute schwieriger

C. Gruber: Dein neues Buch Das Eigentliche ist ja, wenn man das so sagen kann, Dein politischstes Buch, das heißt, das erste ...

I. Hanika: ... das einzige Buch. Ich nehme auch an, dass es das einzige politische Buch bleiben wird.

C. Gruber: Wie kommt es dazu?

I. Hanika: Dass ich dieses Buch geschrieben habe?

C. Gruber: Ja.

I. Hanika: Das ist eine persönliche Obsession. Diese manische Beschäftigung mit KZs und furchtbaren Dingen haben manche Leute. Wenn man das erste Mal wirklich kapiert, was da passiert ist, dann ist es so entsetzlich, dass man nicht damit klar kommt. Mir zum Beispiel wurde nicht die ganze Zeit in der Schule gesagt, dass das war. Ich habe das irgendwann selber kapiert. Da war ich ungefähr zwanzig. Das hat mich umgehauen. Und es haut ja jeden um.
  Ich habe dann Jiddisch lernen wollen und hatte immer wieder Phasen, in denen ich manisch Überlebendenberichte gelesen habe. Es hat mich einfach immer so beschäftigt, und ich wollte es in irgendeiner Form von mir schaffen. Das hat schon auch etwas mit der Neurose zu tun, diese manische Beschäftigung. Gleichzeitig sehe ich um mich herum, wie Ge­denkstätten blühen und wachsen. Ich fühlte mich früher immer ganz alleine, dass ich da immerzu daran dachte. Irgendwann habe ich auch begriffen, das ist gar nicht so ist.
  Ich dachte nicht: „Dieses Land braucht dieses Buch”, sondern: „Ich muss das schreiben, damit ich es loshabe”. Und ich kann mir vorstellen, dass es auch interessant ist für andere, die in diesem Land leben. Aber ich weiß nicht, was das Buch bewirken könnte, und ich habe auch keine Ab­sicht, irgend etwas damit zu bewirken – außer, den aktuellen Zustand zu beschreiben. Das ist dann meine Aufgabe als Chronistin.

C. Gruber: Der Begriff „Institut für Vergangenheitsbewirtschaftung” – ist das eine Beschreibung von dem, was aktuell passiert?

I. Hanika: Nee, das würde ich nicht sagen. Der Text über „Vergangenheits­bewirtschaftung” ist der älteste Text in dem Buch. Der ist etwa fünfzehn Jahre alt. Es ist ein zynisches Wort, gleichzeitig aber auch ein treffendes. Das habe ich mir zu einer Zeit ausgedacht, als ich dachte, es wird sich nicht genug gekümmert, oder es wird auf eine blöde, unwahre Weise bearbeitet – also sagen, dass man nett zu Israel sein muss, und sich gerne gegenseitig als Nazis beschimpfen, die CDU hauptsächlich die SPD. Das war kein ehrlicher Umgang. Das ist jetzt anders, glaube ich. Deswegen sage ich auch: „Es wird alles besser.” (lacht)

C. Gruber: Wow.

I. Hanika: Ich meine, es entfernt sich immer weiter und es leugnet niemand. Die Leute wissen, es war nicht schön, wir wollen das auch nicht wieder haben. Und ich glaube auch nicht, dass das in diesem Land noch einmal möglich wäre. Aber das wollte ich ja eben beschreiben, diese Hilflosigkeit: Was soll man machen? Man kann nicht sagen: „Jetzt denkt man nicht mehr dran”. Wir sind dem hilflos ausgeliefert, das haben wir jetzt davon. Das dauert noch hundert Jahre oder fünfhundert Jahre, bis es so lange durch­gekaut worden ist, dass man damit leben kann. Da stehen wir noch relativ am Anfang.

C. Gruber: Habe ich das richtig verstanden: Dein Hauptbezug zu dem Thema war dieses relativ späte und schockhafte Erfahren von dem, was geschehen ist?

I. Hanika: Ja. Ich meine, ich wusste das schon vorher. Aber so genau hatte ich mir das nie vorgestellt. Also, ich würde durchaus sagen, der Hauptbezug war meine neurotische Struktur. Also, dass man schon irgendwie selber einen Hau haben muss, um sich so manisch damit zu beschäftigen.

C. Gruber: Welche Ausmaße nahm das an?

I. Hanika: Das nahm tatsächlich die Ausmaße an, dass ich eines Tages unter der Dusche stand und daran dachte, dass die Häftlinge in Auschwitz, wenn sie dort ankamen, die Wassertemperatur – was ich auch geschrieben habe – nicht selber einstellen konnten. Da dachte ich, das geht zu weit. Oder ich las etwas, und da stand, dass es im Krematorium 4 einen Aufstand gab. Dann las ich das nächste Buch, da stand dann Krematorium 4 und ich dachte: „Ah ja, weiß ich ja schon” ... Ich war komplett in dieser Welt drin, sechzig oder siebzig Jahre später.

C. Gruber: Wann war das?

I. Hanika: Gegen Ende der Analyse, also 1997 etwa. Dann bin ich das erste Mal nach Auschwitz / Oświęcim gefahren. Das war auch die letzte Zeit, in der ich so viel darüber gelesen habe. Bei den Berliner Seiten, um das Jahr 2000, habe ich auch offizielle Dinge mitgekriegt. Es wurde gerade das Denkmal in Berlin gebaut beziehungsweise der Bau beschlossen. Darüber habe ich geschrieben. Da war ich quasi schon abgeklärt dadurch, dass ich da schon war. Ich war insgesamt dreimal in Auschwitz.

C. Gruber: Wieviel eigene Erfahrungen sind in das Buch eingeflossen?

I. Hanika: Also, der Gang vor den ersten drei leeren Seiten. Als ich das letzte Mal da war, ist mir das so gegangen, dass ich diesen Weg gegangen bin zwischen den zwei Lagerabschnitten. Und einmal dachte ich unter der Dusche plötzlich daran, dass sie die Wassertemperatur nicht selber ein­stellen konnten. Das habe ich aber auch deswegen in das Buch geschrie­ben, weil ich dachte: Wenn ich „Dusche” schreibe, dann denkt jeder sofort „Gaskammer”; zwei Zeilen später wird aber klar, dass ich so was eben nicht mache. Das fände ich dann obszön. Das kann man sich nicht vorstellen. Um also klarzustellen, dass ich da keine Pornographie betreibe, sondern dass es durchaus darum geht, wie man heute damit lebt.

C. Gruber: War das für Dich eine Frage bei dem Buch, also: Kann ich das überhaupt schreiben, oder auch, darf ich das?

I. Hanika: Nein. „Kann ich das?” oder „darf ich das?”, habe ich mich nicht gefragt. Meine Sorge war nur, dass ich es vielleicht so schreiben könnte, dass die Leute denken könnten, ich wäre jetzt für Schlussstrich. Das war meine größte Sorge. Deswegen gibt es vielleicht auch mehr Stellen, an denen Hans Frambach merkt, wie es ihn weiter beschäftigt, als nötig wäre, einfach, weil ich ganz klar machen wollte, dass das jemand ist, der davon umgetrieben wird und nicht will, dass es mal vorbei ist. Am Ende könnte man denken, dass er vielleicht nicht mehr zurück in das Institut geht. Aber auch dann wäre es für ihn nicht vorbei.

C. Gruber: Wird er am Ende eigentlich verrückt?

I. Hanika: Nein. Das ist doch ein Moment des Glücks. (lacht)

C. Gruber: Da war ich mir nicht ganz sicher ...

I. Hanika: (lacht) Der wird nicht verrückt. Es ist einfach zu verdichtet. Er hält es nicht mehr aus. Es ist ein Ausbruch, ein hysterischer Anfall, wenn man so will. Man könnte denken, der ist schon verrückt. Aber er ist auch wieder nicht verrückt. Es sind einfach Sachen, die verrückt machen, mit denen er da zu tun hat.

C. Gruber: Wie nah ist er Dir? Konnte man so weit gehen zu sagen, dass er eine Art alter ego ist, oder wäre das zu viel?

I. Hanika: Durchaus – es ist ein Selbstportrait. Das habe ich neulich schon mal gesagt, da haben sich alle totgelacht. Aber es ist durchaus ein Selbst­portrait, also ein verzerrtes.

C. Gruber: Wie waren die Reaktionen bei den Lesungen? Du meintest ja, dass es durchaus großen Gesprächsbedarf gab. Um welche Themen ging es da?

I. Hanika: Viele freuen sich einfach, dass es jemand darstellt. Es gibt offenkundig viele Leute, denen es auch so geht, dass sie es lange Zeit nicht fassen konnten, was da passiert ist oder wie damit umgegangen wird oder wie sie damit umgehen sollen. Die habe ich offenkundig irgendwo getroffen. Es ist auch eine Aufgabe von Literatur, das zu zeigen: Andere denken auch so. Das sind ja auch die ersten Leseerfahrungen, die man macht. Es kom­men aber insgesamt ziemlich wenige Leute zu den Lesungen. Ich glaube, dass die Leute Angst haben oder dass es ihnen einfach zu viel ist. Aber gerade auch für solche Leute ist dieses Buch.

5 C. Gruber: Denkst Du, dass es auch Leser verschreckt, aus diesem Zuviel heraus – also, bevor die überhaupt verstehen können, dass es genau darum geht?

I. Hanika: Doch, auf jeden Fall. Das Buch verkauft sich auch nicht gut. Hm. Und ich habe gedacht, es wird ein Welt-Bestseller. (lacht) Aber das sieht nicht so aus. Sicher verschreckt es die Leute.

C. Gruber: Als ich Dich vor fünf Jahre einmal interviewte, sagtest Du, dass Du manche Texte aus Notwehr geschrieben hast.

I. Hanika: Ja, einige Texte aus der Chronik, also Texte, die im Loch im Brot sind.

C. Gruber: Wäre das etwas, dass sich auch sagen ließe von diesem Buch, Das Eigentliche?

I. Hanika: Notwehr ist ja eher ein Impuls. Einen kurzen Text kann man aus Notwehr schreiben – aber einen Roman? „Notwehr” ist übertrieben, aber Selbstschutz, Selbstreinigung, ja. Ich meine, klar, dass man sich das wegarbeitet.

C. Gruber: Als ich den Roman gelesen habe, dachte ich: Das ist am weitesten weg von Dir oder von dem, was man äußerlich als Deine biogra­fischen Daten identifizieren kann. Ich dachte: Vielleicht gibt es in Deinem Schreiben eine Entwicklung von den Chroniktexten, die im Hier und Jetzt etwas beobachten, über etwas, das eine durchgehende Handlung hat, also in Treffen sich zwei, hin zu etwas, von dem ich dachte, das sei ganz weit weg von Dir. Aber das stimmt offenbar nicht – Das Eigentliche ist gar nicht am weitesten weg von Dir.

I. Hanika: Nein, das ist am nächsten. Es ist tatsächlich das, was ich immer hatte schreiben wollen, dieses Buch. Jetzt war der Moment, in Iris dem ich es schreiben konnte. Zum einen bin ich selbst erwachsener geworden bin und souveräner, zum anderen war ich auch schon ein bisschen abgefedert dadurch, dass mein Name schon mal vorgekommen ist und dass ich einen Verlag hatte, der das mitmacht.

...

C. Gruber: In Das Eigentliche geht es auch um Arbeitswelt und um Arbeits­strukturen, die destruktiv sind. Brauchen wir neue Arbeitsstrukturen?

I. Hanika: Keine Ahnung. Das kann ich wirklich nicht sagen. Die Leute in meinem Buch haben ja eine Arbeit, die extrem befrachtet ist. Und vielleicht sind sie deswegen so komisch. Aber so allgemein kann ich das überhaupt nicht sagen.

C. Gruber: Daran anknüpfend eine Art Scherzfrage: Hätten wir in dieser Ausgabe statt nach Politik eher nach Wirtschaft fragen sollen?

I. Hanika: Ja, das wäre mal eine gute Idee. Also, ich habe schon immer gesagt, dass Romane, in denen kein Geld vorkommt, keine guten Bücher sein können. (lacht) Es muss starke Emotionen geben und Geld. Romane, in denen der Held zwar nicht reich ist, aber nie arbeiten geht, finde ich so scheiße – die will ich gar nicht lesen. Einer meiner Lieblingsromane ist Glück und Unglück der berühmten Moll Flanders von Daniel Defoe. Moll Flanders ist eine Frau, ein Waisenkind. Der Roman handelt davon, wie sie durchs Leben kommt. Jedes Kapitel endet damit, dass sie bankrott ist und sich etwas Neues ausdenken muss. Es geht nur ums Geld. Diese Frau verbringt ihr ganzes Leben damit, Möglichkeiten zu finden, wie sie sich finanziell über Wasser halten kann. Wie wir das alle tun. Ein ganz tolles Buch, weil es nur um Geld geht.

C. Gruber: Welche Reibungsflächen gibt es heute für Literatur? Vielleicht auch: Wo sind politische Flächen, mal abgesehen von irgendwelchen Mo­den, von denen man sagen kann: Das ist ein Feld, das danach schreit oder sich anbietet, bearbeitet zu werden?

I. Hanika: Das sind so Fragen, die man zum Beispiel nach 1989 immer zu hören bekommen hat: Wo bleibt der Wenderoman? Oder: Wo bleibt der Roman über die Klimakatastrophe?
  Wie gesagt, was mich interessieren würde, wäre dieses permanente Verständnis, also, dass allen in allem immer Verständnis entgegen gebracht wird. Dass eben der Bürger nicht als mündig, sondern als Mündel wahrge­nommen wird, finde ich durchaus bearbeitenswert. Aber ich glaube nicht, dass ich diejenige bin, die das bearbeiten könnte.

C. Gruber: Zurückkommend zum Anfang: Würdest Du die erste Frage – also die nach Deinem Bezug zum Thema „Literatur und Politik” – jetzt, nach unserem Gespräch, anders beantworten? Fühlst Du Dich wirklich so fremd in dem Thema?

I. Hanika: Wenn man lange redet, dann kommt schon etwas ... Ich würde sagen, ich fühle mich weiterhin fremd. Also, wenn einer sagt: „Schreib doch mal einen politischen Roman. Hier, dieses brennende Thema, da müsste man mal was drüber schreiben”, das wäre mir außerordentlich fremd. Aber darüber haben wir auch schon gesprochen: Reportagen als Kunstwerke. Also, ich würde keine Kunst machen wollen über brennende Themen, sondern eher Journalismus, der für sich auch eine Kunst ist, aber eine andere Kunst.

C. Gruber: Liebe Iris, vielen Dank für das Gespräch!
  Das vollständige Interview
erscheint in
poet nr. 9,
Anfang September 2010


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Wie erleben Schriftsteller anderer Länder die deutsche Sprache und Literatur? Gibt es den kosmopolitischen Autor oder wird angesichts einer alles nivellierenden Globa­lisie­rung das Regionale in der Literatur wichtiger? Der poet (Ausgabe 8) hat Autoren zum Thema Sprache und Heimat befragt: Ilija Trojanow, María Cecilia Barbetta, Luo Lingyuan, Jan Faktor, You-Il Kang.

Carol Gruber   05.08.2010    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen
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