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Ein Tempo, dass ich selbst nicht mehr hinterher komme

Nora Bossong im Gespräch mit Carola Gruber
Nora Bossong, 1982 in Bremen geboren, besuchte das Deutschen Literatur­institut Leipzig und studiert Kulturwissenschaften, Philosophie und Komparatistik in Berlin und Potsdam. Nach dem Roman Gegend (2006) und dem Gedichtband Reglose Jagd (2007) erschien im Frühjahr 2009 der Roman Webers Protokoll. Für ihre Arbeit erhielt Nora Bossong bereits mehrere Auszeichnungen, so das Leipziger Literaturstipendium, das Prosawerk-Stipendium der Jürgen-Ponto-Stiftung und den Wolfgang-Weyrauch-Förderpreis.
Nora Bossong im Poetenladen
Carola Gruber: Liebe Nora Bossong, Du hast zwei Romane und einen Gedichtband veröffentlicht. Wie würdest Du Dich selbst bezeichnen: als Lyrikerin, die auch Romane schreibt, als Autorin, die beides schreibt, einfach als Schriftstellerin oder vielleicht ganz anders?

Nora Bossong: Eine Autorin, die beides schreibt. Aber wenn ich eines von beiden über das andere stellen müsste, dann würde ich die Prosa über die Lyrik stellen. Zum einen als Trotzreaktion, weil ich irgendwie mehr mit der Lyrik identifiziert werde. Zum anderen, weil ich auch tatsächlich mit der Prosa angefangen habe. Außerdem habe ich zwei Prosabücher ver­öf­fent­licht und einen Gedichtband, da überwiegt – zumindest im Moment – die Prosa.

C. Gruber: Deine Prosa erhält gute Kritiken in den Feuilletons und für Deine Lyrik hast Du 2007 den Förderpreis beim Leonce-und-Lena-Wettbewerb bekommen. Findest Du, dass die Rezeption Deiner Werke „gerecht“, das heißt ausgewogen gewichtet, ist?

Nora Bossong | Webers Protokoll
Nora Bossong
Webers Protokoll
Roman
FVA 2009

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N. Bossong: Ich finde es nicht ganz gerecht, weil ich persönlich meine Prosa für stärker halte als meine Gedichte. Aber da kann man sich als Autor ja viel stärker täuschen als die Leute, die es von außen betrachten. Vielleicht haben alle anderen Recht und die Gedichte sind sehr viel stärker. Ich sehe es halt nicht so. Die erste Rezension zu meinem ersten Roman erschien in der TAZ – mit der Über­schrift: Die Lyrikerin Nora Bossong hat einen Roman geschrieben. Da dachte ich: Ich habe vornehmlich an einem Roman ge­schrieben und nebenher Gedichte veröf­fentlicht. Wie kommen die dazu, zu sagen: die Lyrikerin Nora Bossong? Das hat mich sehr verwundert. Normalerweise läuft es umgekehrt: Wenn man Roman­autorin ist, dann guckt auch mal jemand auf die Gedichte. Aber natürlich ist es besser so, als wenn keines von beiden wahrgenommen würde.

C. Gruber: Wie erklärst Du Dir die verzerrte Rezeption?

N. Bossong: Meine Gedichte scheinen auf den ersten Blick einfacher als meine Prosa zu sein. Oder vielleicht sollte ich es besser so formulieren: Innerhalb dessen, was derzeit an deutschsprachiger Prosa veröffentlich wird, stehen meine Sachen eher auf der widerspenstigen Seite, innerhalb dessen, was derzeit an Lyrik publiziert wird, eher auf der Seite des Zugänglichen.

Was mir allgemein Unbehagen bereitet, ist, dass je einfacher Literatur ist, sie derzeit umso mehr beachtet wird, so scheint es mir zumindest – es gibt auch Ausnahmen. Wenn man irgendwie ein Thema hat, das halbwegs okay ist, und es einfach und gut lesbar bearbeitet – und das kann ja durchaus gut sein –, dann kriegt man meistens mehr Aufmerksamkeit, als wenn eine gewisse Schwierigkeit und Widerständigkeit beim Lesen vorhanden sind. Schlichtheit, Vereinfachung haben auch ihre Berechtigung, mir scheint es nur bedenklich, wenn dies von den Rezipienten übermäßig favorisiert wird.

C. Gruber: Fühlst Du Dich in beiden Gattungen gleichermaßen sicher? Also: Hast Du gleichermaßen das Gefühl, abschätzen zu können, wie gelungen ein Text ist?

N. Bossong: Das ist unterschiedlich. Wenn man gerade eine neue Entwicklungsstufe zu erreichen versucht, dann ist die Unsicherheit natürlich enorm groß – sowohl bei der Lyrik als auch bei der Prosa. Bei der Lyrik geht es schleichender, weil es sich von Gedicht zu Gedicht verändern kann. Bei der Prosa ist es gleich der Riesensprung mit dem nächsten Roman. Dann kommt erst einmal eine Riesenwand auf einen zu – und die Frage: Wie soll ich da hoch kommen?

C. Gruber: Wie bist Du mit dieser Wand bei der Arbeit zu Deinem neuen Roman Webers Protokoll umgegangen? Wie sah der Arbeitsprozess aus, wie lange hat er gedauert?

N. Bossong: Die Grundidee hatte ich bereits relativ lange, noch bevor überhaupt jemals ein Buch von mir erschienen ist. Erst einmal habe ich mit der Recherche begonnen und habe parallel versucht, eine Schreibstimme zu entwickeln, einen sprachlichen Zu­griff auf den Stoff. Diese Phase – das Recherchieren und das sprachliche Ausprobieren – hat sehr lange gedauert. Ich habe relativ viele wissenschaftliche und philosophische Bücher gelesen zur NS-Zeit, zum Schreiben über Geschichte und zur Frage, inwiefern Geschichte vermittelbar ist. Das ist nicht etwas, das direkt in den Text einfließt. Es ist eher eine Art Metatext, oder die Basis, auf der das Ganze steht. Insgesamt hat die Auseinandersetzung mit dem Stoff bestimmt fünf Jahre gedauert. Aber diese Jahre habe ich ja nicht am Stück geschrieben. Dazwischen kam noch die Veröffentlichung von zwei Büchern – und mein Studium.

C. Gruber: Du hast unter anderem drei Jahre an einer Schreibschule, dem Deutschen Literaturinstitut in Leipzig, studiert. Für welchen Bereich Deines Schreibens hat Dir das Studium dort mehr gebracht?

N. Bossong: Für die Lyrik. Ich habe sehr viel Ermutigung bekommen, ohne die ich vielleicht das Publizieren der Lyrik, Einsenden zu Wettbewerben et cetera nicht so betrieben hätte – vielleicht hätte ich mich auch tatsächlich weniger intensiv schreibend und lesend mit Lyrik beschäftigt, das weiß ich aber nicht genau. Gedichte halte ich allgemein für geeigneter, sie in einem Seminar von maximal anderthalb Stunden zu besprechen. In den Prosaseminaren hat mir ein etwas allgemeinerer Blick gefehlt, also die Fragen nach Relevanz und Themen. Da ich kaum kurze Erzählungen schreibe, haben mir die normalen Werkstattseminare für Prosa ohnehin nicht so viel gebracht. Die Seminare „Größere Projekte“ für Romane wurden nicht immer angeboten, oft hatten die Studenten die Romanprojekte ihrer Kommilitonen nicht oder nur stichprobenartig gelesen, so dass die Diskussion oberflächlich blieb.

C. Gruber: Deine Gedichte schildern oft konkrete Situationen in relativ prosanaher Sprache, zum Beispiel was den Satzbau betrifft. Sind Deine Gedichte eigentlich kurze Geschichten, die mit Zeilenbruch gesetzt sind, vielleicht Prosaminiaturen?

Nora Bossong | Reglose Jagd
Nora Bossong
Reglose Jagd
Gedichte
zu Klampen! 2007

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N. Bossong: Prosaminiaturen sind es nicht. Es sind in der Tat kleine Geschichten, aber es sind ganz eindeutig Gedichte. Denn ich arbeite sehr genau mit Versen, mit Reimandeutungen, Rhythmik, Metrik und auch mit dem Zeilenbruch. Darum mache ich mir sehr viele Gedanken und ich lese die Zeilenbrüche auch deutlich mit, wenn ich vorlese. Es gibt ja Leute, die lesen über den Zeilenbruch. Das mache ich gar nicht. Ich glaube, dass die lyrische Form diesen Texten absolut noch etwas hinzufügt.

C. Gruber: Trotzdem schreibst Du die Wörter am Zeilenanfang klein, was ja doch an Prosa erinnert. Nach der konventionellen Schreibweise würde man erwarten, dass am Zeilenanfang eines Gedichts ein Großbuchstabe steht, oder?

N. Bossong: Ja, aber das finde ich hässlich. Ich glaube, das kann man halten, wie man will: Ich habe immer davon Abstand genommen, etwas in meine Gedichte rein­zu­packen, das über den Lesefluss hinaus auffällt, also alles klein zu schreiben, irgendwie mal ein „und“ abzukürzen, durch ein „+“ zu ersetzen oder so. Wenn das nicht wirklich gut begründet ist – und das sehe ich bei den wenigsten, die in ihren Gedichten kleinschreiben –, dann weiß ich nicht, warum man es macht. Aber ich finde, die Kleinschreibung am Zeilenanfang weicht nicht so sehr von der konventionellen Schreibart ab. Davon ist sicher kein Leser total irritiert.

C. Gruber: Wenn Deine Gedichte kleine Geschichten sind, ist Deine Prosa im Gegenzug lyrisch? In Gegend arbeitest Du ja mit sehr starken Bildern, auch Traumbilder kommen vor, Intertextualität spielt eine Rolle, was ja auch ein lyrisches Verfahren ist, wenn man das überhaupt so sagen kann. Hinzukommen die abgeschlossenen Räume, die Konzentration auf die Subjektivität, die Wahrnehmung der Figur. Sind das nicht eigentlich lyrische Verfahren?

N. Bossong: Gegend ist tatsächlich ein sehr lyrischer Roman. In dieser Zeit habe ich auch sehr viel Lyrik nebenher geschrieben, das hat sehr ineinander übergegriffen. Ich würde jedem, der anzweifelt, dass oder ob Gegend ein Roman ist, Recht geben – oder zumindest nicht auf dieser Gattungs­bezeichnung bestehen. Aber von dieser Art zu schreiben, habe ich mich zunehmend wegentwickelt. Ich glaube, dass in meiner Entwicklung die beiden Gattungen stärker auseinander driften, insbesondere die Prosa entwickelt sich stärker von einem lyrischen Schreiben weg. Dennoch sind für mich bei Prosa Rhythmus und Metaphern unglaublich wichtig – also lyrische Verfahren, die dadurch, dass ich mich eben auch sehr mit Lyrik beschäf­tige, für mich besonders wichtig sind und die Qualität eines literarischen Textes unter anderem ausmachen.

C. Gruber: Ist die stärkere Trennung zwischen Lyrik und Prosa vor allem eine formale Trennung oder betrifft das zum Beispiel auch Deine Zeit­einteilung?

N. Bossong: Beides. Sowohl formal als auch zeitlich ist die Trennung stärker geworden. Früher konnte ich vier Tage die Woche Prosa schreiben und am fünften Tag Gedichte. Jetzt brauche ich, wenn ich mich an Gedichte ransetze, ungefähr zwei Wochen, um überhaupt wieder hineinzukommen.

C. Gruber: Schreibst Du also phasenweise mal Lyrik, mal Prosa, also immer nacheinander oder auch mal gleichzeitig?

N. Bossong: Unterschiedlich. Meistens erweist es sich als gut, die Gattung zu wechseln, wenn man mit einem Text nicht vorankommt. Wenn ich an einer Erzählung (die ich sowieso ganz, ganz selten schreibe) sitze und es geht einfach nicht weiter, dann versuche ich es ganz, ganz abgespeckt und natürlich mit einem ganz anderen Zugriff in der Lyrik. Manchmal klappt es. Und umgekehrt genauso: Wenn ich an einem Gedicht rumwurschtle und es will sich nicht zusammenbringen lassen, dann wechsele ich in die Prosa. Das ergänzt sich manchmal ganz gut.

Und wenn ich an einem Roman arbeite, also eine ganz lange Arbeitsphase habe – über Jahre hinweg an einem Stoff, an einem Thema und mit denselben Figuren und den gleichen Motiven arbeite –, und dann irgendwann nicht mehr kann oder nicht mehr weiterkomme, schreibe ich zwischendurch Gedichte. Denn ein einzelnes Gedicht braucht nicht drei Jahre. Das ist ein befreiendes und auch beruhigendes Gefühl, dass man einen Text fertig bekommt. Besonders wenn man in der Prosa gerade überhaupt nicht weiter weiß. Manchmal gehen dann Blockaden von selbst weg.

C. Gruber: Kommt es auch vor, dass Du einen Stoff nimmst und ihn von der einen Gattung in die andere überträgst, wenn Du nicht weiterkommst?

N. Bossong: Wenn ich merke, dass ich den Stoff in einer Erzählung nicht zu greifen kriege, dann probiere ich es aus. Es klappt nicht immer. Aber manchmal ist da ein Aha-Erlebnis: Plötzlich geht es auf, plötzlich funktionieren die Motive und das, was ich verarbeiten will. Das funktioniert nicht immer, aber manchmal eben schon.

C. Gruber: Entstehen solche Texte dann zusätzlich oder statt der ursprünglich geplanten?

N. Bossong: Stattdessen. Oft ist es so, dass ich dann merke: Die Form war nicht die richtige. Da hätte ich noch drei Jahre daran arbeiten können, das wäre einfach nicht aufgegangen.

C. Gruber: An welchem Projekt arbeitest Du aktuell?

N. Bossong: Im Moment an der Magisterarbeit. Außerdem will ich jetzt noch einmal stärker an dem nächsten Gedichtband arbeiten. Da habe ich zwar schon sehr viele Texte und auch schon zwei Zyklen. Aber ich möchte wirklich noch mal in der Gesamtkonzeption des Bandes gucken: Wo fehlen noch Texte, mit welchen Themen möchte ich mich noch stärker beschäftigen, was muss den Band einfach noch ergänzen? Ich möchte das Ganze noch mal im Überblick durchgehen.

C. Gruber: Wann wird der Gedichtband erscheinen?

N. Bossong: Ich möchte noch ein bisschen warten. Nicht dass ich irgendwann so ein Tempo drauf habe, dass ich selbst nicht mehr hinterher komme. Da warte ich lieber noch etwas, lass mir Zeit. Das ist ja auch eine ganz gute Ergänzung zur Magisterarbeit.

C. Gruber: Liebe Nora Bossong, viel Erfolg dabei und vielen Dank für das Gespräch!
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