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Carola Gruber

Fliegen, Landen, Warten.
Ein Reiselexikon in zwölf Etappen

Koffer packen.

Der Koffer ist ein unentbehrliches Reiseutensil. Das kastenförmige Behältnis dient dem Transport unterschiedlicher, als dem Reiseerlebnis zuträglich erachteter Gegenstände auf engem Raum sowie in einer bestimmten Ordnung. Diese bleibt je nach Packdichte verhältnismäßig unverändert während des Transports. Je nach Ausführung schützen Schalen aus Kunststoff oder auch Seitenwände, die gepolstert oder zumindest verstärkt sein sollten, den Inhalt vor Beschädigung, Schmutz und Verlustigkeit. Ein oder mehrere Griffe erlauben es, den Koffer zu tragen, in der Regel wird hierfür die dominante Hand bevorzugt. Zusätzlich können – insbesondere bei Koffern aus textilem Material – an den Schmalseiten Riemen angebracht sein, an denen nach Wunsch Gurte einzuhaken sind. Eine weitere Transportmöglichkeit ist in jüngerer Zeit in Mode gekommen: Dank Rollen an der Unterseite des Koffers zieht der Reisende das Gepäckstück hinter sich her (zu diesem Zweck lässt sich ein Griff in Tele­skop­stab­technik ein- und ausfahren).
Abwandlungen des Koffers begegnen uns in anderen transportfreundlichen Behältnissen wie Rucksack, Ranzen, Beutel, Tasche.1 Der Koffer als Urform des Reisegepäcks hat Eingang in den Sprachgebrauch gefunden. So steht die Redewendung „den Koffer packen“ („ich packe meinen Koffer“) für den Aufbruch zu einer Reise oder zu einem anderen – womöglich im übertragenen Sinn gemeinten – Ortswechsel, etwa Umzug, aber auch Kündigung, Rückzug von einem Vorhaben und dergleichen. In ihrer Verkürzung meint die Wendung „es packen“ („ich packe es“ oder „ich pack's“) den Aufbruch auf einen vergleichsweise kurzen Weg sowie zu kleineren Vorhaben. Die Bewegung ist positiv besetzt, was sich an der Negativformel „es nicht packen“ („ich packe es nicht“ oder „ich pack's nicht“) zeigt: „Packen“ wird hier bedeutungsgleich mit „schaffen“, „er­reichen“, „meistern“ und „bewältigen“ gebraucht.


1 Differenziertere Bezeichnungen werden durch Komposita erreicht, wie zum Beispiel in den Begriffen Wanderrucksack, Schulranzen, Jutebeutel, Brustbeutel, Handtasche, Gesäßtasche, Umhängetasche, Laptoptasche, Kosmetikkoffer usw. Hierbei werden die Behältnisse nach ihrem Zweck, Ort, Inhalt, Material oder auch nach ihrer Handhabung benannt. Dies kann jedoch irreführend sein, etwa bei so genannten „Sporttaschen“, die oft zweckentfremdet eingesetzt werden. Missverständnisse können zusätzlich entstehen, wenn Inhalt, Ort und Material verwechselt werden. Überschneidungen dieser Kategorien wie bei dem Begriff „Geheimtasche“ sind selten.

Fliegen.

Du lachst, alles fühlt sich leicht an, auf dem Sitz im Flugzeug. Das Gefühl für Dein eigenes Gewicht, für das Gewicht der Gegenstände um Dich herum hast Du kurzzeitig verloren, alles scheint zu fliegen, alles scheint zugleich leichter zu sein und schwerer anzuheben als an der Erdoberfläche, Du kannst es Dir nicht erklären und das willst Du auch nicht. Die Gründe wüsstest Du ohnehin nicht zu nennen und so willst Du lieber den Moment genießen, wie ein Kind.

Sorge.

Wenn Du am Bahnhof ankommst, dann geh gleich rechts zu den Schaltern. Löse eine Karte und achte darauf, dass es die richtige Tarifeinheit ist (AB ist nicht zu verwechseln mit 1a-1b). – Wenn Du auf den Bus wartest, dann pass auf Dein Gepäck auf (es genügt nicht, das Gepäck im Blick zu behalten, Du musst es die ganze Zeit über mit dem ausgestrecktem Arm erreichen können). – Gehe nicht darauf ein, wenn Dir jemand anderes als der Mann am Schalter eine Karte verkaufen will. – Halte Dich auf Deiner Reise überhaupt von Fremden fern (gegen Einsamkeit hilft: Lesen, Tagebuchschreiben, ein Lied summen). – Schmier Dir ein Brot, bevor Du fährst, und nimm Obst und etwas zu Trinken für die Fahrt mit. Am besten ist stilles Wasser. – Vergiss nicht, zweimal abzuschließen, wenn Du Deine Wohnung verlässt. – Gib einer Nachbarin den Schlüssel zu Deiner Wohnung. – Nimm ein Kissen und dicke Socken für die Bahnfahrt mit, damit Du es Dir bequem machen kannst. – Nimm auf jeden Fall ausreichend Wasser zum Trinken mit. – Genieß die schöne Aussicht auf das Tal, kurz bevor der Zug in den Bahnhof einfährt! – Vergiss Dein Badezeug nicht! – Denk an Dein Mobiltelefon (bitte gib Bescheid, falls der Zug verspätet ist).

Ankunft.

Die junge Frau hat einen Rucksack auf den Rücken und einen vor den Bauch geschnallt, als sie durch die gläserne Schiebetür aus der Gepäckhalle in die Ankunftshalle tritt. Einen Moment bleibt sie unter der Anzeigetafel stehen und blickt in die Gesichter der Wartenden. Die Frauen tragen ein Kopftuch, die Männer langärmlige Hemden und lange Hosen trotz der Hitze. Die junge Frau, die auch ein Kopftuch trägt, schleppt sich zu einer Sitzreihe, lässt erst den vorderen Rucksack, dann den hinteren auf die Sitze fallen und setzt sich dazwischen. Von dort aus blickt sie durch den Saal, von den gläsernen Schiebetüren links zur gläsernen Schiebetür rechts und zurück. Dann steht sie auf, schnallt sich einen Rucksack auf den Rücken und den zweiten vor den Bauch. Sie geht auf zwei Frauen zu, die mit dem Rücken zu ihr stehen und sich unterhalten. Ungefähr drei Meter von ihnen entfernt bleibt sie stehen, geht einen Bogen um sie herum und bleibt etwa einen Meter vor ihnen erneut stehen. Dann setzt sie die Rucksäcke ab, erst den vorderen, dann den hinteren. Die beiden Wartenden haben aufgehört, sich zu unterhalten. Die rechte umarmt die junge Frau, dann sagt sie etwas und die beiden anderen Frauen halten die Wangen aneinander, erst die linke, dann die rechte.

Fremdsein.

In einer ungewohnten Umgebung bewegen sich Menschen oft seltsam akkurat. Wie aufgespießt zum Beispiel geht eine Frau in rotem Pullover durch die Eingangshalle des Bürohauses. Der Fußboden unter ihren flachen Schuhen glänzt, sie presst die Handtasche, die knapp unter ihrer Achsel hängt, zwischen Arm und Brustkorb, die extrakurzen Träger schneiden in die Schulter. Langsam und mit sehr geradem Rücken nähert sich die Frau dem Empfangstresen. Es sieht so aus, als ginge sie zum ersten Mal in diesem Körper und fürchte, das Gleichgewicht zu verlieren.

Reisen.

Der Begriff „Reisen“ bezeichnet eine bestimmte Art der Fortbewegung. Oft ist damit eine nicht alltägliche Fortbewegung über eine längere Strecke mit einem bestimmten Ziel sowie der Absicht, zum Ausgangspunkt zurück­zu­kehren, gemeint. Als Fort­bewegungs­mittel können Bus, Auto, Fahrrad, Züge des Nah- und des Fernverkehrs, Schiff, Flugzeug, Hubschrauber, Leiterwagen, Anhänger, Wohnmobil, Lastkraftwagen, Kutsche, Dreirad, Bobby Car, weiteres Spielzeug sowie Füße, Hände, Stelzen, Einrad, Sitzball, Schaukelstuhl, Bürostuhl (mit Rollen), Rollstuhl, Sack 2 und anderes dienen.
Das Ziel der Reise hängt von Anlass und/oder Zweck der Reise ab. Gängige Anlässe sind Familienfeste, geschäftliche Termine wie Verhand­lungen und Vorstellungs­gespräche, so genannter Kauftourismus, Bildungs- und Forschungsanliegen sowie religiöse Motive, etwa bei Pilger- und Missionsreisen. Eine Reise ohne konkreten äußeren Anlass zu einem frei gewählten Ziel wird Erholungsreise oder Urlaubsreise genannt.3 Zweck dieser Reiseart ist die Wiederherstellung der Arbeitskraft des Reisenden.
Je nach Mittel der Fortbewegung sowie Anlass und Zweck kann die Reisedauer von unter 24 Stunden („Tagesausflug“) bis über drei Monate Dauer („Langzeitreise“) variieren.4
Reisen stehen im Ruf, neue Perspektiven zu eröffnen: Schwierigkeiten, Konflikte oder auch Blockaden könnten aus der Entfernung besser erkennt und bewältigt werde, heißt es. Nach verbreiteter Ansicht besteht unter anderem darin der emotionale und wirtschaftliche Gewinn einer Reise.


2 Bei der Fortbewegung im Sack ist die aktive Methode von der passiven Methode zu unterscheiden: Bei ersterer zieht der Reisende den Sack über die Füße, hält das offene Ende mit beiden Hände etwa hüfthoch fest und bewegt sich hüpfend fort. Bei der zweiten Methode hüllt der Reisende seinen gesamten Körper in den Sack und nimmt eine röhren- oder kugelförmige Haltung ein. In dieser Position bewegt sich der Reisende rollend fort. Besonders effizient ist diese Methode bei Gefällen, etwa hang- oder treppabwärts. Für den nötigen Schwung kann ein Zweiter (ein so genannter „Helfer“) sorgen, indem er den Reisenden anschiebt. Beide Methoden sind mit einem relativ hohen Unfallrisiko verbunden. Typisch für die erste Methode sind Knie- und Gesichtsverletzungen; bei der zweiten Methode kann es zu Prellungen am gesamten Körper kommen, insbesondere am Oberkörper, am Schienbein sowie am Kopf.

3 Hierbei wählt der Reisende den Zielort nach Sport- und Freizeitangebot, meteoro­logischen Bedingungen, archäo­logischen Funden in der Umgebung, Anreisekosten, Lebens­haltungskosten sowie Kaufkraft der eigenen Währung im Zielland aus.

4 Langzeitreisen sind abzugrenzen von Obdachlosigkeit. Unterscheidungskriterien sind die Zielorientierung, ein konkreter Reiseanlass oder -zweck, eine feste Heimat- oder Bezugsadresse, die begrenzte Dauer, das Zurücklegen einer – möglicherweise vorab entworfenen – Wegstrecke. Mischformen sind möglich.

Wechselkurse.

Du passt Dich an und Du fühlst Dich, als würdest Du ständig stolpern: Du trägst einen Dschelaba, Du trägst eine Kipa, Du hast Deine Essenzeiten geändert, Du isst andere Speisen, Du verwendest anderes Geld, Du rechnest andauernd, Du versuchst Dich an einer ungewohnten Aussprache für etwas Gewohntes, Du verstehst nicht, wieso Dich niemand versteht und dann plötzlich doch, Du wunderst Dich über ein Zeichen, das erklärt, wie die Klospülung funktioniert, Du verstehst nicht, wieso Zeichen für andere Dinge fehlen. Du erinnerst Dich, wie Du als Kind dachtest, dass Sprachen ähnlich wie Geld umgerechnet werden könnten: Ein Vokal würde in einen anderen umgewandelt, jede Buchstabe hätte einen festen Gegenwert in der anderen Sprache, und eigentlich wäre es ganz einfach, eine andere Sprache zu lernen. Nun stellst Du Dir vor, dass es mit Piktogrammen, Gesten und Sitten ähnlich sein könnte: Was die linke Hand macht, erledigt die rechte; was die Füße berühren, liegt auf dem Kopf; worüber die Handfläche streicht, stupst der Ellbogen; wo man grüßt, schweigt man; wo man einander ignoriert, beginnt man einen Plausch. Du stellst Dir Umrechnungskurse für alles vor. Und alles wäre klar, so einfach.

Aus der Ferne.

Liebe V.,
hoffentlich glaubst Du nicht, ich würde Dich nicht vermissen, da ich mich so selten bei Dir gemeldet habe. Das Gegenteil ist der Fall. Ich denke ständig an Dich. – Wenn ich über den Markt gehe und um eine Zucchini verhandele, wenn ich morgens unter diesem irrsinnig blauen Himmel gehe, der mir so weit erscheint, und die Wolken so hoch, wenn ich mich über ein Schriftzeichen wundere, über ein unbekanntes Piktogramm an einem Gebäude, dann denke ich an Dich und stelle mir vor, wie ich Dir davon berichte, später. So vieles gibt es zu berichten, so vieles Kleines, dass ich ständig an Dich denke. Wehmütig denke ich daran, dass ich bald von hier wegfahren werde. Am liebsten würde ich bleiben und Dir weiterhin still berichten von den Dingen hier, von den Menschen auf dem Markt, von ihrer Sprache, von den Wolken und alles. Das Fremdsein wird mir fehlen, wie Du mir jetzt fehlst. Noch kann ich mir nicht vorstellen, Dich bald wieder in den Armen zu halten, aber ich freue mich bereits darauf!
Es küsst Dich sehr:
Dein O.

Warten.

Der junge Mann legt die rote Rose in violettem Papier quer auf den Ziehkoffer. Er sitzt, er steht auf, er geht mit verschränkten Armen zur Anzeigetafel, er liest, er geht zurück zur Sitzreihe, er lässt die Arme hängen, er plumpst auf den Sitz, auf dem er eben saß, er schlägt die Beine übereinander, er legt den rechten Knöchel auf das linke Knie, er tastet nach dem violetten Papier auf dem Koffer neben sich, er verschränkt die Arme, er löst die Verschränkung, er stellt beide Füße auf den Boden, er dreht den Kopf zur Anzeigetafel, er steht auf, er geht um den Koffer herum, er schlendert zur Anzeigetafel, er bleibt davor stehen, er starrt auf die Tafel, er fährt sich durch die Haare, er verschränkt die Arme, er dreht den Kopf, als stünde jemand hinter ihm, er lässt die Arme hängen, er geht zurück zur Sitzreihe, er dreht eine Schleife um den Koffer, er bleibt vor der Sitzreihe stehen, er starrt auf das violette Papier.

Landen.

So ist es doch: Du landest und Du schwebst noch, Dein Körper hat vergessen, dass er nicht alleine fliegen kann. Du hast das Gefühl, alles erreichen zu können; die eigene Stadt kommt Dir golden vor, neu und hübsch auf dem Plakat eines Kaufhauses, das am Flughafen um Kunden wirbt. Eigentlich ist es doch ganz schön hier, denkst Du.

Durchgangsverkehr.

Verkehrsaufkommen im Gang zwischen Plaza und Pier Süd, Ebene 03, Terminal 2, Flughafen München.
36 Ziehkoffer von der Schalterhalle in Richtung Ausgang /Pier Süd
8 Gepäckwägen in Richtung Ausgang
6 Ziehkoffer in Richtung Schalterhalle
2 Hunde in Richtung Schalterhalle
1 Ziehkoffer, auf dem ein langhaariges Kind sitzt, in Richtung Ausgang
1 Putzkarren in Richtung Schalterhalle
1 Polizistin in blauer Uniform in Richtung Ausgang
1 Hund in Richtung Ausgang
1 grün uniformierter Polizist in Richtung Ausgang
1 Gepäckwagen vom Ausgang in Richtung Schalterhalle
1 alter Mann mit Rucksack und zwei Tragetaschen auf den Schultern in Richtung Ausgang
1 Ziehkoffer, auf dem ein kurzhaariges Kind sitzt, in Richtung Ausgang
Gemessen am 14. Februar 2009, von 19 Uhr 05 bis 19 Uhr 15.

Rückkehr.

Die Mittvierzigerin steht breitbeinig auf den grau gesprenkelten Marmor­fliesen des neuen Terminals, das Gepäck neben sich: Ein großer Ruck­sack, ein kleiner Rucksack und etwas sehr langes in einer schwarzen Nylontasche – vielleicht ein Didjeridoo. Die Füße der Frau stehen so weit auseinander, als seien sie auf ein Snowboard geschnallt oder als erwarte die Frau jede Sekunde ein Erdbeben. Dabei lächelt sie zuversichtlich, als könnte nichts auf der Welt ihr etwas anhaben.

Zuerst erschienen in Am Erker

Carola Gruber   23.07.2009     Druckansicht   Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 
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