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Getragen werden

Kahn sei ein Taubenmörder, heißt es jetzt immer wieder. Er sei ein alter, betrunkener Steineschleuderer. Aber Kahn ist auch mein Vater. Er trug mich auf seinen mächtigen Schultern durch die Stadt. Ich war in seinen Schafspelzmantel gewickelt, einem im An- und Verkauf erworbenen polnischen Mantel, und ließ mich von ihm tragen.
     Kahn nahm mich überall hin mit. Meinen Kopf auf Kneipentischen, auf die Sofalehnen schöner Frauen gelegt, schlief ich ein. Mein Körper in Kahns Schafspelzmantel, während er mich trug, schwang im Rhythmus seines Gehens durch die nächtliche Stadt, sicher in Kahn Armen schlief ich tief.
     Erst am frühen Nachmittag wachten wir auf. Wir suchten in der kalten Wohnung nach Nudeln und Eiern. Wir saßen vor dem Fernseher. Ich spielte unter dem Tisch, während er Abfallplastiken baute. Die wären nicht gut, wie er sagte, aber sie machten Eindruck. Manchmal baute auch ich Abfallplastiken unter dem Tisch.
     „Deine sind immer besser“, rief Kahn. Das machte mich glücklich. Solange ich bei ihm war, war ich glücklich. Erst als die Schule begann, brach das Leid über mich herein. Kahn mußte mich die ersten Wochen zur Schule schleppen. Er solle mich wieder abmelden, bettelte ich ihn. Kahn schüttelte bekümmert den Kopf. Seinetwegen versuchte ich fröhlich zu sein. Seinetwegen versuchte ich ein pfiffiges Schulkind zu sein. Heimlich heulte ich auf dem Mädchenklo.
     Ich sehnte mich nach den Freitagen. Diese Tage hießen ganz richtig so, denn an den Freitagen begann vorsichtig unsere alte Freiheit zurück zukehren. Ich träumte die ganzen Schulstunden schon von Kahn. Er würde unten warten. Ich würde direkt aus dem Fenster heraus auf seine Schultern springen - und los gingen wir. „Diesmal nach Afrika“, würde er rufen, !„ich habe einen längeren Ausflug mit dir vor.“ Während er über die Steppe wandern würde, könnte ich von meiner Höhe herab die Löwen und Antilopen beobachten. Wo wir auftauchen würden, flögen Scharen rosafarbener Flamingos auf.
     Nach Schulschluß kam Kahn. Er trug meinen Ranzen. Er hatte seine große Hand um meine gelegt. Ich erzählte ihm fröhlich meinen Schultag. Ich begriff, daß wir dieses Wochenende nicht nach Afrika aufbrechen würden. Es wäre an diesem Abend noch eine Ausstellungseröffnung, ein Theaterstück. Er würde mich schon unbemerkt in die Vorstellung mogeln.
     Wir aßen Nudeln und Ei und Gurke. Wir warteten auf die Dunkelheit. Kahn ließ den Verschluß des Büchsenbieres schnipsen. Der flog ihm gegen die Wange, Kahn fiel mit großem Krach zu Boden, und ich lachte glücklich. Dann gingen wir los. In der von Laternen erhellten Stadt glommen die Geheimnisse. Paare schlenderten Hand in Hand. Hunde pißten an Laternenmasten. Betrunkenene gröhlten. Mit überdrehten Motoren rasten Autos an uns vorbei. Die erleuchteten Wagen der Straßenbahnen schlugen Funken und flogen ein paar Zentimeter in die Höhe. Nie geschah uns Bedrohliches in diesen Nächten. Kahn war ein Hühne. Und ich war die Feder an seinem Hut.

Christine Hoba      15.02.2006         Print

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