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Constantin Göttfert
In den Wänden
für J.

Erzählung aus: In dieser Wildnis
Zwei Nächte verbrachte ich bei meinem Vater. Du denkst an Berge, wenn du an Österreich denkst, du erinnerst dich an die Luft, die du auf einer deiner Reisen in die Lunge gezogen hast. Vielleicht denkst du daran, wie der Schnee unter deinen Schiern knarzt, oder an Seilbahnen, die über dicht bewaldeten Hängen schaukeln; in Wahrheit jedoch ist das, was ich meine Heimat nenne, eine flachgedrückte Ebene.
  Kein Fremder ist jemals an diesem Ort dem Zug entstiegen. Du wärest der erste. Und würdest du dann an der Eingangstür meines Vaterhauses stehen und dich noch einmal zurückwenden, so ginge dein Auge über eine unendliche Fläche aus Feldern und brachliegendem Land, und nichts finge deinen Blick auf, keine Erhebung, kein Wald, nicht die Lichter einer Stadt. Nur die Felder der Sonnenblumen würdest du sehen, die bis an den Horizont reichen, deren Köpfe so schwer sind, dass sie sich kaum bewegen, wenn der Wind an ihnen reißt, und die Stimmen der Kinder hören, die aus der Schule am Ende der Straße kommen; immer noch laufen sie durch dieselben Tore, durch die auch ich gelaufen bin, immer noch lachen sie, stellen sich ein Bein, stecken sich Sonnenblumenkerne zwischen die Zähne und treten sich mit den Spitzen ihrer Schuhe gegen die Schienbeine.
  Eben dort, am Rande der Sonnenblumenfelder, stand ich und wartete, bis die Stimmen verstummt waren. In der plötzlichen Stille hörte ich, wie eine leere Medikamentendose über die ­Gitterstäbe eines Kanaldeckels rollte. Der Wind musste sie aus dem Mülleimer vor der Haustür gerissen haben. Sie hatte sich zwischen den Gitterstäben verfangen, schaukelte dort hin und her, bis sie plötzlich frei kam und vom Wind an der Gehsteigkante hinabgetrieben wurde. Es dauerte viel zu lange, bis ich den richtigen Schlüssel fand, und als ich das Haus meines Vaters betrat, war meine Hand, die den Koffer vom Bahnhof bis hierher getragen hatte, unendlich müde geworden.

Mein Vater ist krank, weißt du, aber nicht das ist es, was mich wach hält. Es sind seine Schritte. Sie wecken mich, wenn er nachts im Haus umherirrt, wenn er schlaflos die Treppen neben meinem Zimmer auf- und absteigt. Mit seinen schweren Füßen nimmt er mir den Schlaf. Ich höre, wie er stehen bleibt, wie er atmet. An der obersten Treppenstufe steht er dann, und das Pfeifen seiner Lunge erscheint mir plötzlich so nahe, als wäre nicht er, sondern ich selbst der Keuchende. Im dunklen Zimmer starre ich auf die geschlossene Tür und höre die Schritte. Er geht ins Wohnzimmer. Den Fernseher macht er dort an, aber er setzt sich nicht, er steht vor dem laufenden Gerät; stell dir vor, wie das bläuliche Licht des Schirmes auf seinem weißen Schlafrock flackert, wie es sich in seinen Augen spiegelt wie in trüb gewordenen Glaskugeln. Aber keine Sekunde lang wird er in den Fernseher blicken, und hat er ihn endlich wieder ausgemacht, steht er dort noch viel zu lange, als wollte er noch etwas hören. Aber es gibt keine Laute außer denen seiner nackten Füße, die nun wieder über den Teppich streifen.
  Er geht zurück zu den Treppen, aber vor meinem Zimmer bleibt er stehen. Er wartet, und mit ihm warte ich hinter der Tür, im Zimmer unter den Decken, bis er schließlich die Hand auf die Klinke legt und die Tür öffnet. Ich kann dir nicht sagen warum. Von einer Lampe im Treppenhaus fällt Licht über den Teppichboden in mein Zimmer, noch eine Sekunde zögert Vater, die Tür hat er nun ganz aufgedrückt, aber nur einen Schritt macht er in mein Zimmer, dann bleibt er stehen und seufzt, denn ich schalte kein Licht an, ich atme nicht, bewege mich nicht, wie tot liege ich unter den Decken. Nur auf den Fuß, auf den das Licht von draußen fällt, blicke ich, auf die Venen, die sich wie blaue, dicke Schnüre an seiner Wade empor winden. Ich kenne sie, ich kenne Vaters Fuß besser als meinen eigenen, denn jede Nacht blicke ich darauf, solange, bis Vater sich wieder umdrehen wird. Er wird zurückgehen, schlaflos in der Dunkelheit, einsam die Tür hinter sich zuziehen, und ich werde dann die Füße hören, die draußen vor meinem Zimmer die Treppen hinabsteigen.

Am Morgen sitze ich beim Frühstück. Er hat Kaffee für mich gekocht, ich weiß, er war es, der mir das Brot geschnitten, der mir die Tasse und den Teller hingestellt hat, doch daneben, neben Marmelade und Honig, neben der Butter, die im gleichen Tiegel steht wie damals, liegen Berge von Medikamentenpackungen, die alle ihm gehören. Ich greife danach, ich lese die Packungs­beilagen, ich will wissen, wie schwer seine Krankheit ist, ob es stimmt, dass er, der Unsterbliche, sterben wird. Doch sobald ich seine Schritte höre, die nun, weil sie ja immer mich suchen, die Treppen herab in die Küche kommen, lege ich alles weg, als hätte ich Verbotenes getan.
  Plötzlich habe ich dann eine Zeitung auf­geschlagen, die vor mir auf dem Esstisch liegt, ich blättere darin, sogar den Finger strecke ich aus und fahre Buchstaben entlang, vielleicht entkommt mir ein Lachen oder ich schüttle den Kopf. Was ich mit der anderen Hand mache: ein Messer nehmen, das Brot streichen, den Honig von meiner Fingerkuppe lecken, aber Vater durchschaut mich. Er weiß, dass ich nicht lese.
  Er kommt näher, bis er am Esstisch stehen bleibt, das Lesen habe ich zu diesem Zeitpunkt längst aufgegeben. Wenn ich auch die Augen nicht hebe, so konzentriere ich mich doch mit all meiner Kraft auf Vater, der wenige Schritte entfernt in seinem Schlafrock steht, die Hände hängen ihm herab, nichts hält er mehr mit ihnen, fasst nichts an, er schlägt nicht die Faust in die leere Handfläche, wie er es früher bei jeder Gelegen­heit getan hat. Er scheint nicht zu wissen, ob er noch einen Schritt auf mich zugehen darf. Er sagt, dass es ihm gesundheitlich gar nicht gut gehe. „Gesund­heitlich“, sagt er, „geht es mir gar nicht gut.“ Er zählt Krank­heiten auf, die ich zuvor auf den Packungs­beilagen gelesen habe, Krankheiten, die ihn befallen haben, die ihn heimsuchen, ihn niederstrecken werden. Vor einigen Wochen habe sich zudem die Netzhaut von seinen Augen abgelöst. Er streckt die Faust, legt die andere Hand darüber, die Faust ist sein Auge, von ihr löst sich die andere Hand. Nur aus den Augenwinkeln sehe ich dies, denn immer noch habe ich die Zeitung vor mir, die Buchstaben, die mich immer schon vor ihm gerettet haben. Ich blättere wieder. „Kannst du dir vorstellen“, fragt er, „dass ich blind werde?“ Aber ich kann es mir nicht vorstellen. Ich starre in die Zeitung, ich lese nicht, ich stelle mir den blinden Vater vor und kann ihn mir nicht vorstellen. Und wenn ich dann endlich die Zeitung weglege, sehe ich ihn und sehe ihn nicht, spreche mit ihm und spreche nicht mit ihm, ich streiche Butter aufs Brot, ich trinke Kaffee, ich nicke, ich stehe auf.

Am Vormittag des zweiten Tages bat er mich, ihm im Keller zu helfen, er wolle einige Kabel verlegen. Also stand ich neben ihm und beobachtete den Schweiß, der ihm über die Schläfen lief. Jede Bewegung, die er früher mit Leichtigkeit ausgeführt hatte, strengte ihn jetzt an. Er stand auf einer Leiter und fuhr mit Kabeln in Schächte in der Wand, ich hatte weiter nichts zu tun, als dazustehen, meine Hände steckte ich mal in die Hosentasche, mal zog ich sie heraus, wickelte das Kabel von der Spule, reichte ihm einen Schraubenzieher, den er leicht selbst hätte erreichen können, blickte zu ihm auf, sah den Schweiß laufen. Er will ja nicht, dachte ich, dass ich ihm helfe. Mit aller Kraft presste er die Kabel in einen Schacht, aber sie verhakten sich, und er musste sie wieder herausziehen. Immer noch, dachte ich, will er der Vater sein. Wir wussten beide nicht, wohin diese Löcher führten, also ging ich im dunklen, weit verzweigten Gewölbe unseres ­Hauses auf und ab und hörte, wo die Kabel in den Wänden raschelten. „Ist es dort?“, rief er mir nach. Ich kehrte um. „Nein“, sagte ich, aber auch da hatte ich die Hände schon wieder in den Hosen­taschen. Sein Hemd war mittlerweile mit Schweiß ge­tränkt. An der Wand lief ein Weberknecht, eine Kabelschiene fiel zu Boden, Vater fluchte, einige Zeit lang blickten wir beide darauf, dann hob ich sie auf und konnte mich nicht daran erinnern, ihn je ­fluchen gehört zu haben. Vater sagte: „Verdammte Scheiße!“, und dass er von all dem schon genug habe, er sah mich an und sagte noch einmal: „Von all dem“, und ich fragte nicht weiter.
  Ich reichte ihm das Stemmeisen aus dem Werkzeugkasten, ich schleifte die Holzleiter über die Kellerfliesen, ich ging und suchte die Öffnung, aus der die verlegten Kabel wieder hervorkommen sollten, aber fand sie nicht.
  Ich könne doch auch in der Nähe bleiben, sagte er, vielleicht wieder in die Wohnung nebenan ziehen. Noch nie hatte ich soviel Schweiß in seinem Gesicht gesehen. Vater wurde zornig, er stocherte mit dem Kabel in der Öffnung, schlug dann mit der Faust dagegen, ich sah, wie der Verputz von der Wand rieselte und in seinen Haaren hängen blieb. Warum ich denn immer alles wegwerfen müsse, sagte er. Ich reichte ihm die Kabelschiene. Meine Erklärung verstand er nicht.
  Stunden später hielt ich das aufgerollte Kabel wieder in der Hand. Es ist kein Durchkommen, dachte ich. Vater saß auf der untersten Sprosse der Leiter, wischte sich den Schweiß mit einem Handtuch, das er dann zu Boden warf. Kurz sahen wir einander an. Ich erinnerte mich plötzlich daran, dass man immer wieder die Ähnlichkeit unserer Augen betont hatte. Ich hob das Handtuch auf und spürte Vaters warmen Schweiß an meinen Fingern.

Aus: Constantin Göttfert: In dieser Wildnis. poetenladen 2010

Constantin Göttfert    17.09.2010    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen