POETENLADEN - neue Literatur im Netz - Home
 
 
 
 
 
 
 
Cornelia Schmerle
Aufenthalte

»Wenn du abends kommst und mich besuchst,
bring mir immer einen Strang Seide mit.
Ich werde daraus ein Seil flechten.
Wenn es fertig ist, klettern wir beide
daran herunter und fliehen.«

aus Rapunzel


I

Hin und wieder gerät Madrid in die Klaue des Tigers;
du zählst es aus, verlangst mich dazu,
mein Beistehen in dieser grauenvollen Stunde
deiner Wolllust, eine Stadt dem Boden gleich zu machen.

Es sind die Seminare deines kühlen Kopfes,
von denen ich wenig halte; halten aber muss
in den Puppengelenken, die von vorsichtigen Händen
in einer einzigen Nacht nur gemacht sind,

ich weiß es – ich bezahle unser Heim, die Luft,
an der wir gedeihen und verderben: grün, blau und
rot bei Licht; bei Projektur der Tage, die – das glaube mir –
nicht zu zerstören ist, so einfach wie dein Wild.


II

Du brauchst den Anhaltspunkt, dieses:
Halt an! Hier!
Und ich –
vielleicht schwebe oder schwimme ich
dir zu und fort und wieder hin;
das Rückenmark aus Zitrone,
die Essenz einer nicht verdauten Oblate.

Mein schwierigstes Unterfangen:
zu bergen, was ich liebe.
Ich beginne mit den Berührungen
an dir, an mir, an den plötzlichen Schnittstellen,
die ausfahrn aus beleidigtem Himmel,
Aufmerksamkeit reißen, natürlich –
das Kindlein ist ausgerückt,

entrückt, verrückt mehr als die geschworne Sekunde;
mein Beileid, den neu entdeckten Leberflecken
auf Haut und Wort, dem Kanon
der Naturen, die sich nicht erklärn;
der Ertrag des Zauberhaften
liegt wie mein Kopf schon ungehalten
hier im Korb vor dir, ein Bukett des Ganzen.


III

Dir erklärt sich das ohne weiteres:
eine Welt neben deiner.
Meine Befangenheit nährt sich vom Übel;
diese Kriege finden statt.

Ich fahr aus der Haut in die fremde,
bin scheinbar grundlos &
Jungfrau hinter Panzerglas.

Du beziehst die alten Knochen neu,
stellst dich vors Haus und
darauf ein, dass es zu schmücken ist
mit dem, was sich findet

unter deiner Hand, deinem Blick
des Fassens einer Form;
und weißt, um Jahre voraus

das Jahr, das zu bezeichnen ist,
das gilt; und das ich immer ahnen darf,
als würde ich von Beeren kosten,
die mir vorm Finger weichen.

 

Cornelia Schmerle       07.07.2008       Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht

Cornelia Schmerle
Lyrik