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Hans-Jürgen Heinrichs  –  Ulla Hahn  –  Juli Zeh

Vom Schreiben als Lebenssurrogat
zum Leben in der Schreibwerkstatt

Hans-Jürgen Heinrichs: Schreiben ist das bessere Leben
Hans-Jürgen Heinrichs
Schreiben ist das
bessere Leben
Gespräche mit Schriftstellern
Kunstmann 2006
Es gibt Bücher, die bedürfen weniger kritischer als mehr einer empfehlenden Besprechung. So erschienen in diesem Frühjahr Werke namhafter Autoren über Schreiben und Leben, Schreiben und Lesen und Schreiben und Lernen. Genannt seien: Hans-Jürgen Heinrichs (Schreiben ist das bessere Leben. Gespräche mit Schriftstellern), Ulla Hahn (Dichter in der Welt. Mein Schreiben und Lesen) und Juli Zeh (Alles auf dem Rasen. Kein Roman).

Dann gibt es Wortpaare, die uns vertraut sind, weil oft benutzt, und noch öfter durch Verschleiß zum Klischee geworden. Lesen und Schreiben, oder Schreiben ist mein Leben gehören dazu. Schreiben anstatt Leben lässt in diesem Reigen aufhorchen. „Wer nicht leben kann, muss schreiben“ – Elfriede Jelinek sagt es im Gespräch mit Hans-Jürgen Heinrichs. Und sie fügt hinzu: „Ich glaube, dass viele Schriftsteller diese fundamentale Lebensunfähigkeit haben.“ Zumindest wissen wir, dass des Künstlers Inneres aufgerissen und dauerhaft wund sein muss, um ihn zum Schreiben zu bringen, zu zwingen, zu verdammen. Selbst jene, die sofort das Beispiel Thomas Mann als Ausnahme zur Hand haben, wurden durch seine Tagebücher eines anderen belehrt. Auch er, nach außen der souveräne Familienpatriarch, wurde vom Zwiespalt der Gefühle und Neigungen gebeutelt und ergoss pädophile Sehnsüchte in seine Romanfiguren.

Elfriede Jelinek erleben wir im Gespräch mit Hans-Jürgen Heinrichs von einer menschlich ansprechenden Seite. „Ich habe Geige, aber nicht leben gelernt.“ Eigentlich fände sie leben zu können schöner. „Man will immer das andere“, lässt sie ihre Überlegung in einen bekannten Gemeinplatz münden, der sich angesichts des Nobelpreises doch ein wenig als Koketterie erweist. Das Buch von Hans-Jürgen Heinrichs enthält weitere aufschlussreiche Gespräche, mit Friederike Mayröcker zum Beispiel, Nathalie Sarraute oder E. M. Cioran.

Ulla Hahn: Dichter in der Welt
Ulla Hahn
Dichter in der Welt
Mein Schreiben und Lesen
DVA 2006
Es gibt aber auch Bekanntes im Wortsinne, wie bei Ulla Hahn. Ihr neuer Band versammelt Essays, Reden und Kritiken aus vergangenen Jahren. Allerdings muss man nicht erst Dichter in der Welt kennen, um zu wissen, dass Lyrik dem Leser nur das sagt, was er sich sagen lässt. „Ein Gedicht ist keine Vorschrift“, meint Ulla Hahn. Und mit der Überlegung „Ein Gedicht existiert nur im Vollzug“ kommt sie der Aussage von Oskar Pastior nahe, für den es immer nur das Gedicht gibt, das man gerade liest. Oder das einen liest. Interessant wird es erst, wenn man genauer hinsieht, und mancher für sich allein stehende kluge Satz im Kontext kleine Ungereimtheiten aufscheinen lässt. Dem Diktum von Existenz und Vollzug des lyrischen Werks durch den Leser folgt die Bemerkung: „Jeder hatte das Gedicht in seinem Kopf zu Ende geschrieben, es sich zu eigen gemacht. Hatte ich an eine dieser Möglichkeiten auch nur im entferntesten gedacht? Natürlich nicht.“ Logisch und anekdotisch zugleich. Allerdings stolpert man eine Seite danach über die Aussage: „Natürlich kann der Leser jederzeit an einem Aspekt des so komplexen Gebildes Gedicht hängen bleiben. Dies ist dann allerdings mehr ein Plündern als ein Begreifen und Verstehen des Gedichts.“

Kurzes Stutzen und Überlegen: wenn es das Gedicht nur im Augenblick des Wahrnehmens gibt, dann kann sein Gebilde auch nur so komplex sein wie des Lesers Gemütszustand. Anstatt zu plündern fügt jener dem Werk seine eigene Sichtweise hinzu. Wenn ein Mädchen schreibt, sie habe Ulla Hahns Katzenmahlzeit nicht verstanden, es aber mit ihren Freundinnen als Abzählreim auswendig gelernt, dann ist dies eine Erweiterung um eine Komponente, die der Autorin im Augenblick des kreativen Aktes gewiss nicht gegenwärtig war. Großzügig ordnet man derlei Unstimmigkeiten als schriftstellerische Eitelkeit ein, wird man doch mit dem Vergnügen der Aufdeckung belohnt. Und nicht nur das. Ulla Hahns Buch ist eine Ergänzung des lyrischen Werkes durch Gedanken und Überlegungen, die uns neue Sichten auf ihre Lyrik erschließen.

Juli Zeh: Alles auf dem Rasen
Juli Zeh
Alles auf dem Rasen
Kein Roman
Schöffling & Co. 2006
„Schreiben kann man lernen. Die notwendige Hinterhältigkeit aber, die ist angeboren“, schreibt schließlich Juli Zeh in Alles auf dem Rasen und betont, dass es kein Roman ist. Wie bei Ulla Hahn sind es Essays und Kommentare, zu verschiedenen Gelegenheiten und Zeitpunkten veröffentlicht. Eine feine Sammlung zum Wiederlesen. Auch für grüne Marsianer wie in Genie Royal, wo sie Außerirdische aufklärt: „Junge Autoren sind wie Critters. Klein und hinterhältig“ und „schreiben können junge Autoren am allerwenigsten.“ Dass sie selbst der Generation der Diplomschriftsteller angehört, erfahren wir in Marmeladenseiten, einem literarischen Bericht über das DLL (Deutsches Literaturinstitut Leipzig). Hier zieht sie alle Register ihres Könnens und sich selbst anfangs durch den Kakao, wenn sie im schnoddrigen Ton ironisiert, dass sich im Jahr drei ante Pop ein Schriftsteller unter vierzig Jahren in der pränatalen Phase seiner beruflichen Existenz befand. Wann war das doch gleich? So um 1995 herum muss es gewesen sein.

Nach der irreführenden Einleitung, die humorig und vermeintlich abwertend das DLL zur Schriftstellerschule degradiert, wo ein Diplom weniger wert sei als der Führerschein, bekommt man Fakten im journalistischen Jargon zu lesen: die Ausbildung umfasse sechs Semester, gliedere sich ähnlich wie ein Magisterstudiengang in Haupt- und Nebenfächer. Praktische, so genannte Werkstattseminare seien der eigentliche Kern der Ausbildung. Wahllos greift Juli Zeh aus einer langen Liste von Gastdozenten Namen wie Sten Nadolny, Ernst Jandl, Herta Müller, Burkhard Spinnen und nennt Hans-Ulrich Treichel und Josef Haslinger als die hauptamtlichen Professoren auf Direktorenposten. Dann findet sie zur leichten Plauderei am WG-Tisch zurück und verteidigt das DLL gegen jeden möglichen Angriff: Es gehe nicht um ein paar neue Stuckrad-Barres, die Gebrauchsprosa serienweise auf den Markt werfen sollten, sondern um „Welpenschutz mit Lizenz zum Ausprobieren, damit man sich eine Zeit lang möglichst intensiv und frei von Rechtfertigungsdruck mit sich selbst und der eigenen Literatur beschäftigen kann.“

Und die Hinterhältigkeit des Schriftstellers? Juli Zeh gesellt ihr die Heimlichkeit hinzu. Schreiben muss frei sein von Zwängen und Konzepten. Und das geht am besten heimlich, unter Ausschluss jeden Gedankens an den Zweck des Schreibens, an den möglichen Leser nach der eventuellen Veröffentlichung des Geschriebenen. Juli Zeh möchte Texte vor sich hin summen „wie Melodien, die nie abreißen und sich niemals wiederholen.“ Damit schließt sich der Kreis und wir sind wieder bei Elfriede Jelinek, die ihre Sprache als Zwischenform von Komponieren und Schreiben versteht. Und es klingt wie eine leise Verteidigung, wenn sie hinzufügt, dass Menschen ohne Bezug zur Musik in ihren Texten nur ein unsinniges, leeres Rauschen vernehmen würden.

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© 13.06.2006  Dorothea Gilde            Print

Dorothea Gilde
Interview