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Kolumne von Dorothea Gilde

Alles Bachmann, oder was?
Eindrücke von den 31. Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt 2007

Erster Tag

Ich war dabei. Dabei sein ist alles? Für mich schon. Ob dieser Gemeinplatz Trost ist für die Autoren und Autorinnen, die bei der Preisvergabe leer ausgegangen sind? Wenn, dann höchstens ein schwacher.

Ich war dabei. Einer von vielen Köpfen, die gelegentlich bei der Kamerafahrt ins Publikum erfasst wurden. Oder halb abgeschnitten in der unteren oder oberen Ecke. War das wichtig? Für die Literatur bestimmt nicht. Es gehört aber zu den aufregenden Momenten des Ich-war-mittendrin-Gefühls.

Nun war ich dabei und habe dennoch am Ende des ersten Lesetages den Siegertext verpasst. Es war wohl ein bisschen viel, was alles an Nebenschauplätzen und Eindrücken dem eigentlichen Hauptdarsteller, dem Text, die Schau stahl. Und müde machte.

Denn vor dem geistig literarischen Genuss, dem Abheben in die Gefilde des geschriebenen Wortes, standen ganz profane Gesten. Nur frühes Aufstehen und Erscheinen im ORF-Studio in der Sponheimer Straße garantierten einen halbwegs bequemen Sitzplatz für lange Vortrags- und Diskussionsrunden. Bereits eine Stunde vor Beginn sah das öffentlich und frei zugängliche Übertragungsstudio aus wie das gewohnte Bild an den Stränden des nahen Wörthersees. Nur dass diesmal keine Strandtücher, sondern Jacken, Taschen oder Schirme auf allen Stühlen Platz hielten für ihre Besitzer, die sich im Café bei einem Mélange warm redeten.

Als ich das Studio zum ersten Mal betrat, ging es mir wie vielen anderen auch: ich war erstaunt über die Enge des Raums, der von Scheinwerfern, Kabeln und Monitoren beherrscht wurde. Erst beim zweiten Blick fiel der blaue Teppich auf, der in diesem Jahr als Bühnenbild das Halbrund der Jurytische rahmte. Ein Flickenteppich, dessen Symbolhaftigkeit eindeutig war. Der dritte Blick entlarvte ihn als Fototapete. Den Teppich selbst entdeckte ich später, im Garten des Studios, wo er über einer Stange hing, ganz so, als käme gleich die tüchtige Hausfrau, um ihn zu klopfen.

Literarisch abgeklopft wurden vierzehn Autoren und vier Autorinnen. Der dabei aufgewirbelte Staub, sprich die Texte, wurden von den Juroren zu Goldstaub auf- oder Hausstaub abgewertet. Das stimmt natürlich nicht ganz, denn jeder vorgetragene Text hat einen Wert an sich. Auch wenn die literarisch verschiedenen Geschmäcker der bewertenden Jury mitunter seltsame Blüten trieben. Etwa, als Martin Ebel sich zu einem Text nicht äußern wollte und Iris Radisch ihn an seine Aufgabe erinnerte, die nun einmal darin besteht, eine Wertung abzugeben, egal ob kompetent oder nicht.

Als Jochen Schmidt vom Abschied aus einer Umlaufbahn zu lesen begann, stutzte ich und raunte meinem Sitznachbarn zu: wenn das hier nicht aus der gleichen Schmiede stammt wie der Siegertext im vergangenen Jahr? Stammte er nicht. Er war gekonnt komisch geschrieben, zugegeben. Ähnlichkeit in Thema und Ausgang waren auch nicht von der Hand zu weisen. Und auch die Jury schien den vermeintlichen Reinfall vom letzten Jahr noch nicht weggesteckt zu haben. Der von mir und wahrscheinlich auch anderen Lesern geraunte Verdacht wurde in der Diskussion ausgeräumt. Nein, Jochen Schmidt hat nichts mit der Gruppe um Kathrin Passig zu tun.

Dorothea Gilde in Klagenfurt
Dorothea Gilde gibt für den Poetenladen ihre Eindrücke vor Ort wieder.
 
Zweiter Tag

Ich habe es aufgegeben, lange vor Beginn um neun Uhr einen Stuhl mit Kissen oder Jacke zu belegen. Jetzt war ich nicht mehr so fremd. Fühlte mich schon lockerer und ging versiert ein- und aus auf dem Studiogelände. Ich wusste, wo man kostenlos und sicher parken konnte. Wann man das lästige Schlangestehen vor dem WC im Foyer am besten umging. Vorausgesetzt die Blase spielte mit. Sie hat, und diesem Umstand verdanke ich das Autogramm einer von mir geschätzten Jurorin. Wir kamen gleichzeitig aus der jeweiligen Kabine und unsere Blicke trafen im Spiegel vor den Waschbecken aufeinander. Kein besserer Zeitpunkt und Ort, als hier um ein Autogramm zu bitten. Es wurde mit noch feuchten Fingern lächelnd gewährt.

Als Zuschauer vor Ort möchte man, allem Respekt für Literatur zum Trotz, etwas geboten bekommen. Einen Meinungsstreit der Jury, Ablehnung des Autors zu geäußerter Kritik, oder auch nur einen verbalen Ausrutscher. Wenn etwa Ernst Grandits das Publikum unfreiwillig erheitert, indem er Daniela Strigl als Frau Mangold anredet. Herr Ijoma A. Mangold sitzt neben ihr und lässt sich nicht weiter aus der Ruhe bringen.

Einiges Aufsehen erregte der Musiker und Autor PeterLicht. Er wollte weder fotografiert noch gefilmt werden, und die Organisatoren kamen der Bitte nach. Spätestens jetzt hatte es sich gelohnt, dabei zu sein, durfte das Auditorium doch jenes, erst durch Medienentzug interessant gewordene Antlitz des Autors sehen. Auf allen Printmedien zum Bachmannpreis 2007 präsentierte dieser sich mit Sack vor dem Gesicht.

Ein kleiner Till Eulenspiegel im Schildbürgerland, sein Licht im Sack tragend? Was seinen Text angeht, doch eher Mister Bean, dessen Wortakrobatik gekonnt und sicher die hoffnungsvoll beginnenden Alltagssituationen seines Protagonisten in der Katastrophe enden lässt. Und wie bei Mister Bean waren die Lacher des Publikums weniger befreiend als im Halse stecken bleibend.

Dritter Tag

Ich betrete das Studio mit einem Gefühl von Vertrautheit, die Sicherheit gibt. Erkenne auch so manches Besuchergesicht, umgehe gekonnt die Stolperstufen, weiß, dass man auf den Hinterbänken einen schmerzenden Rücken bekommt. Dass man auf den Stufen gute Sicht hat, aber keine Ruhe vor den Ein- und Ausgehenden. Ich habe Glück, und finde einen freien Sitzplatz in der zweiten Reihe.

Björn Kern liest seinen Text Eine halbe Stunde noch, die Geschichte einer greisen Frau und ihres Pflegers, den nur seelische Abstumpfung vor dem täglichen Berufsgrauen rettet. Während Kern mit seinen überfrachteten Sätzen ziemlich schnell literarischen Dilettantismus erkennen lässt, wird auch klar, dass das Thema an sich für Gesprächsstoff sorgen wird.

Ursula März als erste Kommentatorin bringt es gleich auf den Punkt, indem sie auf die Schwierigkeit hinweist, einen Text zu kritisieren, dessen Thema seine Unangreifbarkeit voraussetzt oder nach sich zieht. Sie wird von den Mitjuroren prompt missverstanden, was wenig verwunderlich ist. Ist doch vielfach zu beobachten, dass Texte, wie der von Björn Kern, sich durch ihren gesellschaftlich sensiblen Stoff selbst zum literarischen Tabugebiet erklären. Jeder, der die literarische Schwäche des Textes angreift, wird in die moralische Zange genommen. Auch vom Publikum, das an diesem dritten Tag aus lauter Altenpflegern zu bestehen scheint. Um mich herum jedenfalls waren Proteste gegen die Abwertung der Jury deutlich zu hören. „Ich kenn mich aus“ oder „Ich weiß, wovon der Autor spricht“, bis „Diese Kritiker sind doch alle weltfremd.“

Nicht weltfremder als jemand, der den Literaturwettbewerb mit der Jahrestagung der Altenpfleger verwechselt. Denn wenn das Argument des moralisch sensiblen Stoffes ausreichen würde, einen Text auch literarisch abzusegnen, sollten oder könnten alle Pfleger gelegentlich Kübel und Kanüle aus der Hand legen und therapeutisch zur Feder greifen. Wenn ich es recht bedenke, ist dagegen wenig einzuwenden. Mit dem einzigen Hinweis, auf die Jahrestagung anstatt nach Klagenfurt zu reisen.

Vierter Tag

Es ist ein wunderschöner Sonntag in Klagenfurt. Auf den Straßen sieht man hin und wieder Grüppchen von Menschen. Die einen streben der Kirche zu, die anderen dem Studio. Preisermittlung in öffentlicher Diskussion und Preisvergabe. Ich schaue kurz vorbei. Der Bachmannpreis 2007 ist schnell und mehrheitlich ermittelt. Er geht an Lutz Seilers Erzählung Turksib. Den einzigen Text, den ich nicht direkt mitgelesen hatte. Das passiert mir nicht mehr. Im nächsten Jahr sitze ich wieder vor dem Bildschirm, dann aber mit einem wissenden Lächeln. Ich war dabei.

Bachmannpreis | Website
Ergebniss | News 233

 

Dorothea Gilde   03.07.2007Druckansicht Zur Druckansicht - Schwarzweiß-AnsichtSeite empfehlen  empfehlen

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