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Sprachseifenblasen

Susanne Heinrich  –  In den Farben der Nacht. Erzählungen

Susanne Heinrich | In den Farben der NachtWahrnehmung von Kunst ist mit historischem Bewusstsein eng verknüpft. Diese Erkenntnis ist nicht neu, wurde aber kürzlich neu interpretiert von Milan Kundera. Seinen Überlegungen zufolge bleibt die Größe eines Schriftstellers, wie zum Beispiel Thomas Mann, unantastbar. Schreibt man heute aber in seinem Stil, ist es unzeitgemäß. Und wie schreibt man heute? Vielleicht In den Farben der Nacht wie Susanne Heinrich? Neben Sabine Schiffner ist sie eine weitere Bachmannpreis-Teilnehmerin, deren Erzählband in diesem Herbst verlegt wurde.

Die meisten Erzählungen vermitteln dem Leser den Eindruck, indiskret im Tagebuch eines Teenagers zu schnüffeln. Unwillig folgt man der blasierten Attitüde einer jungen Frau, die sich dauernd selbst belauert: „Ich esse und lächele viel und federe beim Gehen.“ Anmerkungen wie diese sind in einem Tagebuch wichtig und gut aufgehoben, in einer Geschichte aber langweilen sie den Leser. „Ich klang klug, selbstverliebt und stark“, gesteht die Ich-Erzählerin kokett und wird immer trauriger, je länger sie sich zuhört.

Ansonsten wird gesessen, gelegen, erbrochen, gefickt, getrunken, geraucht und vor allem viel gesagt. „Cocteau, sagt David, ist mit Kafka verwandt. Du redest zu viel, sage ich. Das stimmt, sagt David. Vollidiot, sage ich.“ Dazu kommt eine Art Hintergrundrauschen aus Songzitaten, die dieser sagen-haften Exhibition auf fast jeder Seite Konkurrenz machen. Und wenn es noch so rockt und popt oder swingt aus dem Radio, es kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die meisten Geschichten sich lesen wie ein Pflichtenheft. Minutiös werden Aktivitäten notiert, die in der Folge unreflektiert bleiben. Nur an manchen Stellen scheint Gefühl durch.

„Alles eskaliert ein bisschen vor sich hin“, und eigentlich ist es uninteressant, ob die jeweilige Ich-Erzählerin gerade auf der Heizung sitzt oder im Schneidersitz auf einem Bärenfell die dritte Schachtel Zigaretten öffnet, wäre da nicht eine von den zwölf Geschichten anders. Auch wenn die Autorin ausgerechnet diese als Nebensachen sieht, hier offenbart sich Susanne Heinrichs Talent und Potential. Endlich kein Festkleben mehr an der Oberfläche, endlich weg vom ewig um sich selbst kreisenden Ego und hin zu einem flüssigen Erzählstrang, der ohne exzessives Ich-sage-er-sagt-Match auskommt. Und wie von selbst löst sich dann auch das Korsett der Songzitate. Es wird nicht mehr gebraucht. An seine Stelle tritt die Reflexion, die Beschreibung von Gefühlen und Stimmungen.

In der Öffentlichkeit schenkte man Susanne Heinrichs Debüt einige Beachtung. Als Buch über die Jugendlichkeit wurde es bezeichnet, was nicht falsch ist und dennoch nicht zutreffen kann, wenn man damit die stilistischen und inhaltlichen Schwächen rechtfertigen oder entschuldigen möchte. Es ist vielmehr ein Buch, das von Ersatz und Abwesenheit handelt. Sex und Aktionismus als Ersatz für Gefühl und Tiefe auf der inhaltlichen Ebene, eingerückte und fettgedruckte Absätze, Liedzeilen und Wortmatsch auf der sprachlichen.

„Wir waren voller Pathos, ich wollte das Ende fühlen und aufblasen und mich darin ausbreiten und auflösen.“ Dies ist, auf das Buch bezogen, gut getextet. Und auch die Metapher vom Jahr, das zu Ende geht und sich einfach zwischen den Straßenbahnhaltestellen verläuft, ist aktuell im Dezember. Ähnlich möchte man der Autorin wünschen, dass sich die pubertäre Phase bald verläuft. Sie selbst hat den Weg schon erkannt: „Als wir die Fenster öffneten und unserem Wortmatsch zusahen, wie er auf den Bürgersteigen schäumte, und schon nicht mehr zu uns gehörte, fuhr uns die Helligkeit wie Säbel in die heißen Stirnen.“ Wenn ihr schriftstellerisches Können über die Sprachseifenblasen eines coolen Bravo-Girls hinauswächst, wird auch eine Antwort auf die Frage, wie man heute schreibt, in greifbare Nähe rücken.

Susanne Heinrich      Susanne Heinrich
In den Farben der Nacht
Erzählungen
Köln: DuMont 2005

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Susanne Heinrich wurde 1985 in Leipzig geboren. Seit Herbst 2004 Studium am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Stipendium der Bundesakademie für kulturelle Bildung Wolfenbüttel 2002. Publikumspreis des Hattinger Förderpreises 2002.

© 3.12.2005  Dorothea Gilde            Print

Dorothea Gilde
Interview