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Thomas Lang: Unter Paaren
Iris Radisch: Die Schule der Frauen

Die Liebeskatastrophe der Qualverwandtschaften

Thomas Lang: Unter Paaren
Thomas Lang
Unter Paaren
Roman
C.H. Beck 2007
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Über den neuen Roman von Thomas Lang ist eigentlich genug geschrieben worden. Wäre da nicht eine andere Neuerscheinung, die zur Gegenüberstellung mit Lang anregte und deren inhaltliche Beziehung zum Roman Unter Paaren nur auf den ersten Blick zufällig ist: Iris Radisch Sachbuch Die Schule der Frauen.

Unmittelbar und pointiert, mit der ihr eigenen Verve und spontanen Frische fordert sie uns auf, uns unsere Welt anzuschauen, „unsere Biografien, die sich von ursprünglichen Lebenskreisläufen sehr weit entfernt haben.“ Was alle mit Unbehagen spüren, spricht sie ungeschönt aus: keiner von uns möchte dahin zurück, wo unsere Eltern herkamen. Da wo wir aber heute sind, stecken wir mitten in der Hybris, den starren Ethos hierarchisch festgefahrener Beziehungsdenkmuster aufzulösen, ohne neue Vorbilder zu haben. „Wenn uns das stört, dann müssen wir unser Leben neu erfinden. Wir müssen vor allem überdenken, wie wir lieben.“

Mittelbarer versucht sich Thomas Lang am fast gleichen Thema. An einem lauen Wochenende im Mai lässt er vier Menschen aufeinander treffen, zwei Männer und zwei Frauen. Seine dramaturgische Konstellation sieht ein Dreigestirn vor, Rafa, Per und Pascal. Um die vierzig sind sie und Jugendfreunde, deren Verhältnis zueinander gespalten ist, waren doch beide Männer Rivalen um Rafas Gunst, die sich dann für Per entschieden hat. Ihnen gegenüber steht die Spanierin Inita, Begleiterin von Pascal, jung, dynamisch, intellektuell unterkühlt.

Iris Radisch: Die Schule der Frauen
Iris Radisch
Die Schule der Frauen
Wie wir die Familie neu erfinden
DVA 2007
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In beiden Büchern geht es um menschliche Beziehungen und deren Folgen in unserer modernen, vom Luxus der Freiheit dominierten Welt, in der wir schließlich Opfer „unseres eigenen Wohllebens“ sind. Iris Radisch spricht dabei, sich selbst immer mit einschließend, von Lebenszombies, die bereits in jungen Jahren wie Luxus-Rentnerehepaare leben und die Verbindung zur Natur längst verloren haben. Gemeint ist nicht nur die Natur draußen vor der Tür, sondern vor allem die in uns.

Zombies – genau das sind die beiden Langschen Paare. Markenzombies, denen es nicht genügt, ein Auto zu fahren, es muss schon ein Mercedes-Roadster, SLK 32 AMG sein. Sitzen macht auch nur Spass, wenn jeder weiß, dass es ein Eames-Stuhl ist, während das Licht einer Noce-1-Bodenlampe mit den Accessoires der edelstahlblitzenden Küche korrespondiert. Beim Lesen von Sätzen wie „Auf dem Boden neben dem Eames-Stuhl steht eine Flasche Wasser“ – fragt man sich unwillkürlich, warum die Markeninformation so wichtig ist. Vielleicht, weil die Flasche neben einem Noname-Stuhl umgefallen wäre?

Im Ernst, natürlich wird irgendwann klar, dass diese ganzen stereotypen Bemerkungen gewollt und dem Medien- oder Werbevokabular entnommen sind, das unseren Alltag längst bestimmt: Büstenhalter, die mit Spezialkissen gearbeitet sind, Kissen, die mit einem Wasser-Öl Gemisch gefüllt, sich den Formen anpassen, oder Inneneinrichtungen, bewusst technizistisch und kühl gehalten. Auch bei Iris Radisch finden wir Aussagen, die sich mit der Intention Thomas Langs decken: „Das meiste, mit dem wir uns umgeben, ist für niemand anderen gedacht als für eine durchgestylte Idee von uns selbst.“ Ein wesentlicher Unterschied besteht dennoch. Während in einem Sachbuch der direkte Hinweis genügt, bedarf es in der Literatur der ironischen Brechung von Aussagen, wie die oben zitierten. Diese wahrscheinlich beabsichtigte Wirkung hat Thomas Lang verfehlt.

Da helfen auch die kursiv eingeschobenen Passagen nicht weiter, die dem Autor für besseres Verständnis wichtig scheinen. Sie erinnern aber, wie der ganze Roman übrigens, an einen Drehbuchplot, und besonders an den Film Harry und Sally, in dem zwischendurch diverse Ehepaare, auf einer Bank sitzend, über ihr Leben und ihre Liebe sprechen. Was den Personen bei Lang fehlt, spricht Iris Radisch umso deutlicher aus: „Uns fehlte der Zusammenhang unserer historischen Situation in der Geschichte, der Zusammenhang des sozialen Netzes und sogar der Zusammenhang von Geborenwerden, Jungsein, Reifsein, Altsein und Sterben. … Uns fehlte das Lebendige.“

Leider fehlt dieses Lebendige nicht nur den agierenden Personen, sondern dem neuen Langschen Roman selbst. Denn eines lässt sich nicht verbergen: dass der Autor, wie wir alle, mitten drin steckt in der Sinnkrise, die sich mangels Schatten und Faltenwurf verzweifelt an der Oberfläche fest zu klammern versucht. Diese aber ist so spiegelglatt, wie die blitzenden Chromteile der Markenküche, in der selbst der Müll designt wird und aufhört zu stinken: „Per schiebt mit dem Messer Essensreste von einem Teller in den Müll. Mehrere Knochen liegen in dem Abfall, ein halb gegessener Entenflügel und Stücke gebratener Haut. Per gießt den Rest eines grün-braunen Fonds darüber.“

Angesichts der von Iris Radisch direkt artikulierten und bei Thomas Lang nur schlecht suggerierten Diagnose vom Verlust der Natur, der äußeren wie inneren, können am Ende des Buches Per und Rafa auch nicht mehr tun, als die Wände des Zimmers mit weißer Tünche zu überstreichen. Und das seichte Spiel kann von vorn beginnen. Mit Marken, Allüren, Posen und leeren Worten.

That's life, würden Vierzigjährige im deplatzierten Teenie-Jargon bei Thomas Lang sagen, oder Let it happen, und dabei ein Glas elegant in der Hand drehen, während sie, auf einer Terrasse stehend, in die untergehende Sonne blinzeln. Und was sagt Iris Radisch dazu? Liebeskatastrophe.
Thomas Lang, geboren 1967 in Nümbrecht, studierte Literaturwissenschaft in Frankfurt/M. Seit 1997 lebt er als Autor in München. 2005 erhielt er den Ingeborg-Bachmann-Preis.   Thomas Lang | Website

Iris Radisch, geboren 1959, ist Literaturredakteurin der Wochenzeitung Die Zeit. Sie war Mitglied des Literarischen Quartetts und ist seit 2003 Juryvorsitzende des Ingeborg-Bachmann-Preises. Die Schule der Frauen ist ihr erstes Buch.

Dorothea Gilde     19.03.2007    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht

Dorothea Gilde
Interview