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Diana Feuerbach
Schule Aus
Der Hausmeister war der Schlimmste. Ein gehässiger Alter im Dederonkittel, der seine Bierkästen mit den braunen Einsiedler Flaschen per Handkarren durch die Gänge der Schule zog, bis in seine Wohnung. Die Fenster im Hochparterre links waren die einzigen mit Gardinen. Weiße Stores. Manchmal sah man die Frau des Hausmeisters, wenn sie ihren Kopf mit den Sauer­kraut­haaren heraus­steckte. Fette Sau, hast du sie genannt, weil sie ebenso hinterhältig wie ihr Mann war und kleine Augen hatte. Damals kam es dir seltsam vor, dass in der Schule jemand wohnte, dass der Haus­meister und seine Alte nach dem letzten Klingeln nicht wie alle anderen von hier fort gingen, in eine Platten­bau­wohnung am Hang. Fast schien es dir, als täten sie etwas Verbotenes, und du warst neidisch, weil sie das ausge­storbene Gebäude über Nacht für sich hatten. Der Haus­meister, diese Ratte! Jedes Mal hat er dich beim Direktor verpfiffen. Du spürst das Zwiebeln seiner verhornten Finger an deiner Ohrmuschel, wo er dich gepackt und mit sich geschleift hat. Renatus, du Raubsau, hörst du ihn wieder schimpfen, mit dir fahr ich Schlit­ten, aber ohne Schnee. Du lachst, lachst herzlich in die Stille vor dir. Du erinnerst dich an die Fassade der Schule: großzügig verglast, in schlanke Kämme geteilt, rot verputzt. Flachdach. Der Standardtyp, Baujahr Siebziger. Wo war der Eingang? Hier muss er begonnen haben, glaubst du, wo das Stück Beton aus dem Staub lugt. Eine über­dachte Frei­treppe, auf der lungerte, wer zu früh kam. Du rufst dir ein Foto ins Gedächt­nis, das deine Mutter in einer Schublade ihrer Schrank­wand verwahrt: schwarz­weiß, drei­zehn mal acht­zehn, im Querformat auf Karton geklebt. Mein erster Schultag. Die Klasse 1a mit Lehrerin, auf der nagelneuen Treppe. Du in der oberen Reihe, noch mit Kinder­garten­gesicht. Es gelingt dir nicht, zum Bild auch das Erlebnis zu finden: wie schwer deine Zucker­tüte wog, wer Schlaghosen anhatte, wie der Fotograf aussah und ob es lange dauerte, bis er euch zu seiner Zufrie­den­heit ausgerichtet hatte. Dein Klassen­zimmer kehrt klarer zurück. Zimmer sieben im ersten Stock: an der Wand prangt das Alphabet in Schönschreibschrift, erst das deutsche, vier Jahre später das russische, ewige Spiegel deines Ungenügens. Du mühst dich mit deinem Füllfederhalter im schneeweißen Schreibheft. Als wär ein Schwein drüber gelaufen, sagt die Lehrerin.
  Du läufst los, halbhoch zwischen Foyer und Werkraum, mitten hindurch. Die Sonne zwingt dich zu schmalen Augen. Staub springt dir an die Knöchel: verdörrter, rötlicher Vor­gebirgs­lehm, aus dem das ganze Wohngebiet gestampft ist, den man hier im Rechteck platt gewalzt hat und der schon befleckt wird von Flechten, Stoppeln, kratzigem Weiß­getupften. Deine Schule schießt ins Kraut. Du latschst drüber. Plötzlich packen dich Skrupel, und du trittst behutsamer auf. So wenige Schritte bis zum Schulhof. Du bleibst stehen, beschirmst deinen Blick mit der Hand. Alles ist eng geworden, wie geschrumpft in der neuen Weite. In blau-weißer Vorschriftskleidung, mit brennenden Schienbeinen und Seitenstechen, quälst du dich wieder über den Hof, Runde um Runde nach der Trillerpfeife des Sportlehrers, ein endloser Ausdauerlauf um Rondelle mit Stiefmütterchen. Das Keuchen der anderen klebt dir im Nacken. Kniehebelauf!, befiehlst du dir zum Spaß und hampelst über den Hof, über seine Furchen und Buckel, bis zu einem Loch, in dem Löwenzahn blüht. Dir fällt ein, wie du mit dreizehn dem Direktor und allen Lehrern vor die Füße geschlagen bist. Wie du hier auf dem Hof, bei Bullenhitze, die Klassen 1a bis 10d aus ihrer auf­marschierten Lethargie gerissen hast. Umgekippt beim Appell, der Renatus, aus der Riege geklappt, ohnmächtig auf den Asphalt geklatscht. Das Gehirn erschüttert, das Hemd besudelt. Für ein paar Tage bist du der Held der Schule. Der Direktor vermutet Absicht, bestellt deine Eltern zum Gespräch. Du tastest nach den längst verblassten Nadelstichen an deiner Stirn und lächelst, fliegst in Gedanken in den zweiten Stock, zum Geschichtszimmer mit den ausrollbaren Karten an der Wand. Die Klasse döst. Robert Smith und Dave Gahan nisten in den Frisuren, auch in deiner. Du spielst mit einer Ponysträhne. Fünf Kommunisten waren es, sagt der Geschichts­lehrer mit bedeutsamer Miene und hält seine Rechte hoch, an der zwei Finger fehlen. Na, drei­einhalb, rufst du aus deiner Ecke. Die Klasse explodiert. Der Lehrer lässt den versehrten Arm sinken. Geschlagen, einmal mehr. Auch er fehlt irgendwann über viele Wochen. Nerven­zusammenbruch, prahlst du, den haben wir fertig gemacht. Fertig, wie den alkoholkranken Chemielehrer, der immer mit rot geschwollenen Lidern aus dem Vorbereitungszimmer kommt und bei Klassenarbeiten den Mädchen die Ergebnisse zuflüstert. Wie die Russischtrulla, deren Tee-und-Konfekt-Angebote ihr souverän abschmettert. Wie den Musik­lehrer, der für euch Rocksongs auf dem Klavier einübt, und den jungen Physik­absolventen, der mit letzter Fistel­stimme das Goldene Gesetz der Mechanik in den Unter­richts­lärm schreit. Du grinst. Wie die zäh geflochtenen Eisenstäbe, die hier und da aus dem Dreck ragen, weil man sie nicht herausbrechen konnte, steckt dir die alte Bosheit im Herzen. Zwischen Disteln und Schafgarbe suchst du nach Mitgefühl für deine Feinde von einst, und findest nur Mitleid für dich selbst.
  Du hockst dich in den Staub. Nimmst ein Stück Kreide vom Tafelbord und malst eine Fratze auf den grün­bleichen Schiefer. Gaukelst die Milchpause herbei. Wiegst den drei­eckigen Milchbeutel in der Hand, holst aus und feuerst ihn an die Wand des Klassen­zimmers, gleich über die Russisch­buch­staben. Die war sauer, rechtfertigst du dich. Du überspringst zwei Unterrichtsstunden und rempelst im Getümmel die Treppen hinunter, fünf Stufen auf einmal nehmend, zum Speisesaal, der hier noch irgendwo dämmert, halbirdisch. Du schubst dir den Weg frei zur Essen­ausgabe. Die Hausmeisterfrau im fleckigen Kittel schnallt die Kübeldeckel auf: Weiß­kraut­eintopf, dein Hass­gericht. Betrug, rufst du, kletterst über den Tresen – ein nie dage­wesener Vorfall – und ent­deckst das Paket mit den Schnitzeln, das die Küchenfrauen für sich und ihre Familien beiseite schaffen wollen. Du verteilst Schnitzel an alle deine Freunde in der Schlange und an die Mädchen, die dir schon immer gefallen haben.
  Deine späte Rache treibt dir den Schweiß in die Achseln. Du hörst Grillen zirpen – ein Geräusch, das früher hier keine Chance hatte. Hinter dem Schulhof raunt ein Wald aus einst spärlichen Pappeln. Du erhebst dich, klopfst dir die Hose sauber, atmest Eisluft. Die Schulklingel schrillt träge. Es ist Winter. Quer über den Vorplatz der Schule nimmst du Anlauf, springst im Vollkaracho auf die von vielen Füßen mühsam aus dem Schnee polierte Zunge und verlängerst sie durch ein beherztes Schlitterfinish um einen weiteren Zentimeter. Das fetzt. Dann bückst du dich nach zwei Handvoll Schnee, formst und presst sie sorgsam mit deinen kalten Fingern, bis sie zum Eisball erstarren. In der bunten Mützenmenge, die den Hang zu den Neu­bau­blöcken hinauf wimmelt, spähst du nach einem Opfer. Plötzlich packt dich der Hausmeister am Ohr und knallt dir einen Schaufel­stiel vor die Brust. Schneeschippen, Renatus! Fick dich selber, du Vogel, sagst du, und wirst vom Direktor für eine Woche Winterdienst früh um sechs eingeteilt. Du bückst dich noch einmal, nach zwei Handvoll Staub, richtest dich auf und lässt sie durch deine Finger rieseln. Einsam stehst du in der Sonne, mit praktischem Kurzhaarschnitt, die Schläfen licht. Du bist nie fürs Erinnern gewesen. Wenn es nach dir ginge, könnte das ganze Wohngebiet verschwinden. Nicht jeden vierten, jeden einzelnen Block würdest du abreißen lassen! Umso erstaun­ter bist du, dass du dich fühlst wie das Opfer eines alten Schultricks: jemand hat dir von hinten in die Kniekehlen getreten und am Griff deines Ranzens gezogen. Deine Beine knicken ein, das Gewicht der Bücher und Hefte auf deinem Rücken lässt dich nach hinten taumeln. Du ruderst mit den Armen gegen die Schwerkraft, fuchtelst in den Himmel, der sich über dich stülpt. Vor deinen Augen steht die Schule. Baujahr Siebziger, mit Fensterhöhlen, schlampig entkernt. Im Chemiezimmer, dritter Stock, ragen noch Gas­leitungs­stümpfe aus dem Boden. Im Foyer zer­splittert ein Uhrenglas. Der gelbe Bagger, der neben dir in Stellung geraupt ist, fährt einen sagenhaft langen Hydraulikarm aus, an dessen Ende zwei kräftige Stahlzähne blinken. Du bewunderst die Technik und behauptest deine verrenkte Balance, für noch einen Moment. Der Bagger­führer und seine Gehilfen wirken sympathisch. Sie erfrischen dich mit einer Dusche aus dem Kühlwasser­schlauch, Marke Feuerwehr. Es geht voran. Erwachsene, darunter Bekannte und Freunde von dir, kommen anspaziert in kleinen Gruppen. Sie sehen traurig aus, stehen leise am Zaun, nicken dem Bautrupp zu. Die letzten foto­grafieren sich gegenseitig vor der aus lauter Zerstampftem ragenden Treppe. Du schlägst auf, mit den Ellbogen zuerst. Du willst dich hochrappeln, so schnell wie möglich, um deine Schande gering zu halten, doch es ist keiner mehr da, der dich auslachen könnte. Um dich herum gehen die Reste auf Reisen. Ein Donnern erschreckt dich, aber es ist nur die Walze. Es wird ruhig. Du liegst in der Kriechspur der Schnirkel­schnecke, über dem Keller der Spitzmaus. Endlich schaffst du es aufzustehen. Deine Knie zittern, du drückst sie durch. Du lebst längst woanders, hast hier nichts mehr zu suchen. Du reibst dir die Kiesel von den Ellbogen, wischst das Blut an die Hose.

 

Diana Feuerbach    08.07.2007    Druckansicht Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht

 

 
Diana Feuerbach
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