poetenladen    poet    web

●  Sächsische AutobiographieEine Serie von
Gerhard Zwerenz

●  Lyrik-KonferenzDieter M. Gräf und
Alessandro De Francesco

●  UmkreisungenJan Kuhlbrodt und
Jürgen Brôcan (Hg.)

●  Stelen – lyrische GedenksteineHerausgegeben
von Hans Thill

●  Americana – Lyrik aus den USAHrsg. von Annette Kühn
& Christian Lux

●  ZeitschriftenleseMichael Braun und Michael Buselmeier

●  SitemapÜberblick über
alle Seiten

●  Buchladenpoetenladen Bücher
Magazin poet ordern

●  ForumForum

●  poetenladen et ceteraBeitrag in der Presse (wechselnd)

 

Doris Wirth
Einziehen

Am Anfang standen nur Tulpen in der Wohnung. Ich hatte sie auf dem Feld gepflückt, die violetten standen auf dem Balkon, die weißen im Wohnzimmer. Ich setzte mich auf den neuen Boden, ließ mir die Sonne ins Gesicht scheinen und schaute die Tulpen an. Als das weiße Sofa kam, blieb es für eine Weile das einzige Möbelstück im ganzen Zimmer.

Bevor mein palästinensischer Mitbe­wohner einzog, brachten zwei Freunde seine Möbel. Sie ritzten mit dem Schrank einen Kratzer von links nach rechts ins Parkett. Dann zog mein palästinensischer Mitbe­wohner selber ein. Er nahm eine Schraube und anstatt ein Loch zu bohren, schlug er sie mit einem Hammer in die frisch gestrichene Wand. Die Farbe splitterte ab. Sein Schrankabteil füllte er mit gelben Kügelchen in riesigen Säcken, mit Büchsen und mit Tüten voll trockenem Kraut. Wenn ich nach Hause kam, roch es seltsam in der Wohnung. Ich setzte mich in die leere Küche, starrte auf die Spitzenvorhänge von meinem palästinensischen Mitbe­wohner und sehnte mich nach den Kirschbäumen im Garten meiner Eltern.

Einmal, als ich nach Hause kam, sagte Ahmed: „Ich habe umgestellt. Jetzt ist es gut.“ Seine braunen Schränke und mein Büchergestell hatte er an eine Wand gestellt, das Sofa auf die gegenüberliegenden Seite. Am Boden lagen seine Flickenteppiche. Ich dachte an die Farbfotos unserer Wohnung in den frühen Achtzigern und an den Begriff „Wohnwand“ und schüttelte stumm den Kopf.

Bald war mir das Sofa zu weiß und ich brachte farbige Seidenkissen. Auf den Balkon stellte ich einen alten Sessel und knüpfte die Hängematte ans Geländer. Die Sonne begann, abends länger ins Wohnzimmer zu scheinen, das Sofa stand jetzt in der Abendsonne. Wenn ich morgens aufstand, waren die Seidenkissen säuberlich aufeinander getürmt. Von Ahmeds Kopf sah man einen Abdruck. Ich versuchte, die Enge in meiner Kehle hinunter zu schlucken, zog die Kissen auseinander und verließ das Haus.

Mein palästinensischer Mitbe­wohner begann, mich in seine Geheimnisse einzuweihen. Er zeigte mir alle Puzzles, die er jeweils auf einen Karton geklebt hatte, und das dicke Buch mit seinen Fotos drin. Auf jedem einzelnen war Ahmed zu sehen, wie er in die Kamera grinste und den Daumen hochhielt. Der Hintergrund allein wechselte: Jerusalem, Venedig, Paris.

Irgendwann fing ich selber an, mit meinem palästinen­sischen Mit­be­wohner zu reden. Vielleicht, weil er mich manchmal weckte und Pfannkuchen auf dem Sonnenbalkon für mich bereit standen. Vielleicht auch, weil ich meine Gedanken im Kopf nicht mehr aushielt und ich mich endlich laut sprechen hören wollte. Wir standen jeder in seinem Türrahmen und ich sagte: „Ich weiß nicht, ob ich meinen Freund liebe oder nicht.“ Ahmed sagte, er habe schon dreimal geliebt und immer traurig. So erfuhr ich, im Türrahmen stehend, palästinensische Liebesgeschichten, während die Sonne langsam über unser Sofa wanderte.

In den nächsten Tagen war Ahmed traurig. Er sagte, er hätte die zweite besser nicht verlassen sollen und schickte ihr ein Herz mit Pralinen. Die Kartonschachtel fasste er in Rosenpapier ein. Das Teppichmesser hinterließ eine herzförmige Spur in meinem Esstisch.

Die Sonne blieb jetzt nicht mehr so lange auf unserem Sofa abends und Ahmed erhielt einen Brief. Sein zweites Mädchen hatte sich mit einem anderen verlobt. Wenn ich abends nach Hause kam, war es dunkel im Wohnzimmer und mein palästinensischer Mitbe­wohner lag regungslos auf dem Sofa und ließ sich die Fernsehbilder übers Gesicht flackern. Manchmal sagte er, „schau, sie haben wieder zugeschlagen“, aber ich mochte die palästinensischen Fernsehbilder nicht und schloss die Tür in meinem Zimmer.

Wir standen jetzt nicht mehr in unseren Türrahmen und Ahmed sprach kaum noch. Wie eine träge Kröte lag er auf meinem Sofa, wenn ich nach Hause kam, sein schwerer Kopf zerbeulte den Seidenkissenturm und das Wohnzimmer war von Stimmen aus dem Lautsprecher erfüllt.

Noch bevor es das erste Mal geschneit hatte, ging mein palästi­nensischer Mitbe­wohner für eine lange Zeit weg.

Im Winter wohnte ein langer Deutscher in Ahmeds Zimmer, der seine Turnschuhe immer auf den Balkon stellte. Er war wie Ahmed für ein Praktikum in die Stadt gekommen und traf fast jeden Abend seine neuen Kumpels in einer Bar. Am Wochenende feierte er und manchmal erzählte er stolz, wie viel er getrunken und wie die Drinks geheißen hatten.

Im Frühling schrieb mein palästinen­sischer Mitbe­wohner, dass er das Visum nicht bekommen habe. Der Deutsche ging und ich war allein in der Wohnung. Anfangs war ich erleichtert, dann aber wurde es sehr still und mein palästi­nensischer Mit­be­wohner, der in Deutschland auf seine Zulassung warten musste, tat mir leid und ich hoffte, sie würden ihn bald rein lassen, damit er die Wohnung wieder füllte.

An einem Abend lud ich Freundinnen zu mir ein. Wir saßen am Tisch und sie redeten, ich weiß nicht genau wovon, denn ich musste immerzu darüber nachdenken, ob ich meinen Freund liebte oder nicht. Ich nickte nur, wenn eine Freundin mich direkt ansah, und lachte wie auf Knopfdruck.

Plötzlich stand mein palästi­nensi­scher Mit­be­wohner mit einem Rucksack in der Tür und hinter ihm schlüpfte eine kleine Frau mit rotem, kurzem Haar durch die Tür. Wir starrten meinen palästi­nensi­schen Mit­be­wohner an und lachten dann auf, er rieb mit der flachen Hand über den Haaransatz der Frau und sagte: „Ich habe jemanden mitgebracht.“ Die Frau mit den roten Haaren stellte ihren Rucksack ab, packte eine Flasche Wodka aus und fragte: „Möchte jemand.“ Sie hatte ihre Fransen in einer geraden Linie über der Stirn geschnitten. Ihre Haut war weiß und wirkte weich, sie hatte eine raue und eher leise Stimme und ihre Augen tasteten uns ab. Mein palästi­nensischer Mit­be­wohner hatte abgenommen. Seine krötenhafte Trägheit war weg, er hielt sich aufrecht und seine Augen leuchteten, wie ich sie noch nie gesehen hatte.

Die kleine Frau mit dem roten Haar hieß Elsa. Sie war Ungarin und hatte einen Mann in Polen Ungarisch unterrichtet. Der Mann hatte immer wieder zu seiner Frau gesagt: „Ich gehe jetzt mit meiner Lehrerin fort“, und die Frau war eifersüchtig geworden. Dorthin wollte Elsa nicht zurück.

Wenn sie auf dem weißen Sofa lag, sah sie schön aus mit ihrem roten Haar. Sie passte auf das Sofa und auch auf den Balkon, wo sie oft am Geländer lehnte und ihr Gesicht in die Sonne reckte. Ich sah gern, wie der Balkon nun mit Elsa gefüllt war, ich sah Elsas kleine, schwarze Gestalt in der Mitte des Geländers, ihren roten, in den Nacken gelegten Haarschopf und vor ihr die Stadt im Frühlingslicht. Mir kam es vor, als wären sich Elsa und der Balkon vertraut, als hätte sie schon lange Zeit hier gewohnt.

Elsa rauchte und trank oft und sie sagte mir, dass sie dann Ahmed nicht küssen dürfe, solange sie die Zähne nicht geputzt habe.

Es war schön, nach Hause zu kommen, wenn Elsa da war. Die Wohnung roch nicht mehr nach fremden Gewürzen und manchmal hatten Ahmed und sie Blumen gepflückt oder Gratiskarten an die Wände gehängt. Ich musste mich dann immer zusammen nehmen, um mich nicht gleich aufzuregen, weil sie die Karten mit anscheinend lustigen Witzen über ein Plakat von mir hängten, dessen Schlichtheit jetzt nicht mehr zur Geltung kam oder weil sie Fertigsuppen mit Wäscheklammern zur Dekoration an eine Schnur hängten. Aber dann sah ich, wie sie zusammen lachten und ich sagte nichts und die Wohnung hörte auf weiß zu sein und wurde farbig.

Einmal saß ich mit Elsa alleine in der Küche. Sie fragte mich: „Glaubst du, dass Ahmed ein guter Mensch ist “ Ich sagte ja und sie sagte, es sei ihm sehr ernst, er habe sie gefragt, ob sie ihn heiraten würde. Ich sagte: „Und, würdest du“. Sie sagte, ja, sie glaube schon.

An den Wochenenden kamen Freunde von meinem palästi­nensischen Mit­be­wohner. Sie schliefen manchmal zu viert in einem Zimmer. Der Boden des Zimmers war dann mit Matratzen ausgefüllt, so dass das ganze Zimmer ein einziges Bett war. Die vier saßen auf ihrem Bett und spielten Monopoly, während draußen die Sonne herunter brannte. Dann kochten sie Bohnenreis aus Deutschland, der weniger als ein Euro kostete, und stellten arabische Süßspeisen her. Jeden Abend sagte Elsa, sie habe zu viel gegessen und jede Nacht hörte ich sie, wie sie noch einmal aufstand und etwas kochte.

Elsa langweilte sich, weil sie keine Arbeit fand. Sie schnitt meine Haare und ich brachte Freundinnen mit, denen sie ebenfalls die Haare schnitt. Elsa lernte unsere Nachbarin kennen und nannte sie sofort Karin. Die beiden tranken Rotwein auf unserem Balkon und Elsa flocht ihr kleine Zöpfchen ins graue, strähnige Haar.

Mein palästinensischer Mitbe­wohner und Elsa nannten sich „Hund“ auf ungarisch. Plötzlich war jedes zweite Wort, das sie sagten, „Hund“ und sogar auf den Kuchen streuten sie das Wort mit Puderzucker. Elsa und Ahmed tauschten ihre Wörter aus: Tahinn war ein arabisches Gewürz, auf ungarisch hieß es Kuh. Elsa und Ahmed lachten und sagten „Hund“.

Die Haut von Elsa wurde nicht braun, obwohl sie immer an der Sonne stand, wenn sie rauchte. Manchmal stellte ich mich neben sie und rauchte ihre Zigaretten und einmal sagte ich: „Ich bin traurig, weil ich nicht weiß, ob ich meinen Freund liebe. Manchmal fühle ich mich plötzlich so alt mit ihm, als wäre die Zeit schon abgelaufen und würde jetzt nur noch das ewig Gleiche kommen.“

Elsa sagte, dass sie auch einen Freund gehabt hatte, der ein sehr guter Freund gewesen war und den sie sehr geliebt habe. Plötzlich aber sei ihr langweilig geworden von den immer gleichen Spaziergängen im Dorf, sie habe sich nach einem Freund gesehnt, der Gitarre spiele und singe. Als sie ihn vor die Wahl gestellt habe, mit ihr die Welt zu entdecken oder dazubleiben, sei er dageblieben. Elsa schaute auf ihre Füße und bewegte die Zehen auf dem Balkongeländer. Was sie an ihm verloren habe, habe sie erst später gemerkt. Und bei keinem mehr das gefunden, was ihr an ihm so lieb war.

Einmal regnete es und mein palästi­nensischer Mit­be­wohner und Elsa waren draußen. Sie mussten gerannt sein, denn sie kamen mit roten Wangen und klitschnassen Haaren schwer atmend zur Tür herein. Das rote Haar klebte in dicken Strähnen an Elsas Wangen. Sie verschwanden im Bad und ich hörte, wie der Wasserstrahl auf die Keramikwanne prasselte und stellte mir das warme Wasser auf den Körpern vor. Dann setzte ich mich aufs Sofa und starrte in den Regen, der diagonale Streifen auf die Fensterscheibe warf.

Nach einer Weile sagten mein palästi­nensischer Mit­be­wohner und Elsa sich nicht mehr Hund. Ein neues Wort ersetzte den Kosenamen, es klang greller und endete auf i. Wenn ich nach Hause kam, saßen die beiden auf dem Sofa und fragten, wie mein Tag gewesen war. Sie ließen die Frage auf mich los wie einen hechelnden und winselnden Hund, der den ganzen Tag eingesperrt gewesen war.

Auf dem Balkon stand jetzt ein Tisch und darauf ein Aschenbecher, der randvoll war. Der Boden des Wohnzimmers war mit ausgedruckten Blättern bestreut, Elsa konnte sich für kein Studienfach entscheiden. Ich sah den Zahnpasta- und Rasier­schaum­spuren im Waschbecken zu, wie ihre Topographie sich Tag für Tag änderte. Den Balkon betrat ich kaum noch und auf dem Sofa lag eine rostbraune Decke, die mir nicht gehörte.

Ich blieb in meinem Zimmer, wurde krank und hustete die ganze Nacht. Am nächsten Morgen sagte ich: „Der Tisch auf dem Balkon stört mich, ich kann meine Hängematte nicht mehr ausbreiten.“ „Ja“, sagte Elsa, „mach das mit Ahmed aus, morgen fahr ich weg.“ Ich erschrak und starrte sie an. „Hier finde ich keine Arbeit“, sagte Elsa, „ich habe einen Job in Ungarn.“ Ich starrte meinen palästi­nensischen Mit­be­wohner an. „Es ist besser so“, sagte er. Er saß auf dem weißen Sofa und wirkte müde. „Vielleicht findest du ja hier doch noch was, wer weiß“, sagte er. Elsa flackerte mit den Augen, sagte das Kosewort mit i, das den Hund abgelöst hatte. „Wir haben genug darüber gesprochen“, sagte sie, öffnete die Balkontür und steckte sich eine Zigarette an. Dann fragte sie, ob sie mir Zitronen aus der Stadt mitbringen sollte, das sei gut für den Hals.

Ich hätte gerne ja gesagt, aber ich schüttelte den Kopf. Ich schaute den beiden hinterher, als die Tür schon ins Schloss gefallen war. Dann wickelte ich mich in die rostbraune Decke und zog die Knie enger an meinen Körper. Die Seidenkissen warf ich eins nach dem andern auf das helle Parkett, wo sie wie kleine Floße schlitterten und in der Ecke liegen blieben.

Doris Wirth  05.09.2011    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 
Doris Wirth
Prosa