POETENLADEN - neue Literatur im Netz - Home
 
 
 
 
 
 
 
Elisabeth Merey-Kastner
Ungarn im Herbst

(In Erinnerung an den Aufstand in Ungarn Oktober/November 1956)

Das Niemandsland liegt zwischen der Heimat und dem fremden Land. Aus der Heimat schießen sie. Sie schießen lange.

Das Niemandsland hat ein Schneegesicht und ein Nebelgesicht. Wir müssen uns beeilen. Bald wird es dunkel. Der Schnee ist so tief, dass ich das Knirschen nicht höre.

Wir kletterten aus einem Zug, der über der Bahnböschung hielt, sprangen, liefen hinunter. Ich trage eine Schultasche aus Schweinsleder. In ihr mein Poesiealbum, rot. Kinderhandschriften: „Ich werde dich nie vergessen.“ „Tue stets das Gute.“ Zeichnungen mit Buntstiften gemalt. Das Rotkäppchen und der Wolf.

Die letzte Mathe-Schulaufgabe schrieben wir nicht mehr, weil in der Nacht zuvor der Aufstand ausgebrochen war.
Im Niemandsland brauche ich keine Trigonometrie. Sehe keine Winkel. Nur Nebel und Schnee.

Die zwei Fluchthelfer kennen den Weg. Um ihre Körper hängen rostige Ketten.

Geradeaus. Schritt für Schritt. Weg von den Schüssen. Sie rattern rhythmisch wie Trommelschläge und als hätten sie einen Sinn. In diesem Nebel müssen sie ihr Ziel verfehlen.
Mich?
Sie klingen, als wollten sie letzte Grüße sein aus der Heimat. Letzte Grüße auch von meiner Mutter.

Diese Mutter lag gestern um sechs Uhr in der Früh in ihrem Bett und zündete sich eine Zigarette an. Wahrscheinlich las sie. Das Zündholz zischte. Der Vater war im Krankenhaus, weil er Tage vorher Blut erbrochen hatte. Der Umstände wegen, sagte der Oberarzt. Er flüsterte. Eine Krankenschwester ging vorbei. Der Oberarzt hielt inne und schaute sich um.

Ich räumte meine Schultasche ein. Das Poesiealbum. Ein Handtuch, ein Stück Seife, meine Zahnbürste. Den Straßenbahnausweis. Einen richtigen Ausweis habe ich noch nicht.

Im Flur zog ich meinen Mantel an, nahm den Schlüssel aus der Tasche und legte ihn auf den Schuhschrank. Diese Mutter wird den Anhänger erkennen. Kein Brief, kein Zettel.
Die Wohnungstür ging leise zu. Ich begegnete keinem.
Gestern war Sonntag.

In Geschichte lernten wir den Dritten Punischen Krieg, bevor der Aufstand ausbrach. Ob die Geschichte immer die Geschichte von Kriegen ist? Die Schüsse hinter uns stehen noch in keinem Schulbuch. Sie müssen erst auskühlen.
Dann.

Die Eltern hatten die Einverständniserklärung für meinen Beitritt zur Kommunistischen Jugendorganisation nicht unterschrieben. Dann bin ich die Einzige, die nicht dabei ist, sagte ich zum Vater.
Dann bist du die Einzige. Und wenn alle in den Brunnen springen, springst du dann nach, fragte er.

Es wird bald gefährlich sein, dich überhaupt zu kennen, sagte eine Mitschülerin in der Pause zu mir, während sie meinen Arm schüttelte.

Vor einem Jahr hatten sie die gelb geschminkten, retuschierten Porträts Stalins aus den Ämtern und Schulen, die Minen aus dem Niemandsland entfernt. Weil Österreich jetzt neutral sei, hieß es.

Stalin war an meinem zwölften Geburtstag gestorben. Im Radio spielte Trauermusik. Sie klang wie in Kirchen.
Der Stalin ist verreckt, sagte ich zu meiner kleinen Schwester. Sie fing zu weinen an.
Du bist das dümmste Kind der Weltgeschichte, du weinst, wenn ein Verbrecher stirbt, sagte ich zu meiner kleinen Schwester.

Der Nebel lichtet sich. Der Mond ist eine Sichel. Nur noch vereinzelt Schüsse. Leiser.

Wir betreten eine Holzhütte, stehen Körper an Körper. Ein Fluchthelfer sagt, wir könnten das Geld aus der Heimat in anderen Ländern nicht brauchen. Im Westen – wertlos.
Er riskiere sein Leben, sagt er.
Auf einem Tischchen entsteht ein Geldhaufen. Einige Scheine flattern zu Boden. Jemand bückt sich. Ich habe kein Geld und lege ein Goldkettchen auf den Haufen. Es windet sich wie ein Wurm, bevor es verschwindet.

Dort, wo die Lichter leuchten, ist Österreich. Die Fluchthelfer tragen das Geld und mein Kettchen in die Heimat zurück.

Ein sehr junger Gendarm lächelt mich an. Braune Augen, kaum Flaum um den Mund.
Hast du Hunger?
Ich verstehe ihn. Ich verstehe die deutsche Küchensprache. Hunger hat etwas mit Küche zu tun und mit dieser Mutter.
Ja, sage ich.
Der Gendarm lächelt meinen Hunger an.

In einem Schulraum liegt Stroh auf dem Boden. Der Ofen kühlt langsam aus.
Wir sitzen an einem langen Tisch und trinken heiße Schokolade.

Elisabeth Merey-Kastner     07.12.2006    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht

Elisabeth
Merey-Kastner
Prosa