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Eva Kissel
Jesses (Auszüge)

Jedenfalls war ich Jesses. Ich bin es noch immer, aber vorerst bin ich jemand, der war. Das ist vielleicht einfacher. Mein Name gehört ganz meiner Maman. Sie stillte nicht mich, sondern meinen Namen. Mein Name war es, dem sie die Hand auf die fiebrige Stirn legte und dem sie mittags die Tür öffnete. Sie wusch den Namen, in meinen Ohren blieb der Dreck.
Allzu oft war sie über das großmütterliche »Jesses, Maria und Josef« gestolpert, immer, wenn die Kartoffel aus der eiskalten Hand fiel, wenn die Fensterläden vor Sturm klapperten, wenn eine Wunde nicht zu nässen aufhörte, immer ein »Jesses, Maria und Josef«. Aber: »Etwas, worüber man stolpert, muss aufgehoben werden«, und so hob meine Mutter diesen Jesses auf, von dem sie nichts wusste, und schob ihn von sich.
Ich trage einen Namen, der geklagt wird, geseufzt, gebetet.

*

An den Wänden die Leitern aus Licht, die kein Mensch betritt.

*

Ich habe einen Freund und das ist viel. Denn ich glaube nicht, dass jemand auf dieser Welt zwei Freunde oder gar drei haben kann. Eine tote Taube ist ja auch nicht weniger tot, wenn zwei oder drei Leute versuchen, sie zu füttern.
Der Freund ist Josef. Sein Name klingt, wie hinter einem zerfallenen Stall zu stehen. Hinter einem Stall, von dem man weiß, dass es einmal laut war in ihm. Er jedoch jetzt zerfallen ist, ganz und gar Bruch, und nur noch der Misthaufen liegt müde daneben und wartet, dass da ein Kind ist, das sich obenauf stellt mit tiefstem Tritt. So ist der Mist allein. Vielleicht ist es dieses Allein, das Josef. Vielleicht ist auch Josef allein und ich das Zerfallene. Nicht, dass es jetzt still wäre: Die Balken krachen ja noch herab.

*

Meine Mutter öffnet den Sonnenschirm und denkt, sie habe die Sonne besiegt. Es gibt ein Fest in unserem Garten, aber keine Gäste kommen. Die Oma sagt: »Jesses, Maria und Josef.« Als sie es sagt, bemerke ich zum ersten Mal den Josef darin. Vielleicht kann man Dinge, über die man stolpert, nicht aufheben. Maman steht böse auf ihrem Schatten.
Später kommt doch einer, Josef, er bringt ein Geschenk mit. Es ist etwas Kleines, Selbstgeschnitztes. Eine Flöte mit einem Ton. Wir sitzen in der Sonne. Ein Ton reicht für zwei Freunde.

*

Meine Oma stirbt, obwohl ich sie so lieb habe. Es gibt eine Aussegnung, aber ich gehe nicht hin. Ein Wort, das mit »Aus-« beginnt, steht meiner Oma nicht zu. Eine Ansegnung, das müsste es geben. Wie reich sie mir war. Sie hatte einen schiefen Hof, auf dem ich laufen lernte. Es gibt ein Bild, da hält sie meine Hand, gegen das Schiefe, es war dann ganz grade. Jetzt, wo sie weg ist, ist das Schiefe wieder schief. Ich muss nun mehr atmen können.
Meine Oma hatte einen großen Schoß. Dazu ist nichts zu sagen. Manche Leute saßen schon in einem solchen Schoß, andere nicht. Die einen wissen, was warme Wärme ist, die anderen nicht. Meine Oma hatte einen Tisch, an dem gegessen wurde. Wurde gegessen, so wurde nicht geredet.
Meine Oma hatte eine Stimme, an der man einschlief. Denn man schläft ja nicht an einem Märchen ein, sondern an der Stimme.
Meine Oma hatte eine Gans und meine Oma gab ihr keinen Namen, damit ich sie taufen durfte, wie ich wollte.
Meine Oma hatte einen Wollkorb mit einem Stopfei, das man gegen die Wand werfen konnte. Es rollte dann zurück.
Meine Oma hatte eine Brille, die ihr zu groß war und immer hin zur Nasenspitze rutschte, aber dann kam mein kleiner Finger, der sie behutsam zurechtrückte.
Meine Oma hatte auch einen Mann, aber nur auf einem Bild. Ein vertrockneter Lilienstrauß steht schützend davor, der alles auffängt. Meine Oma hatte ein Bett. Vor der Schwere der Bettdecke konnte man sich beinahe fürchten.
Von meiner Oma habe ich den Weinsinn. Er ist selten und kostbar und eigentlich möchte ihn jeder gerne haben. Es ist, dass man nie verlernt zu weinen, weil man es wieder und wieder tut. Man verlernt es nie.
Als meine liebe Oma schon fast weg war, wie Licht, das die ganze Zeit brennt und dann auf einmal von einer helleren Lampe überstrahlt wird, gab ich auf sie Acht, aber nicht genug. Sie war unruhig und lief herum und schaute in die Schränke und rief alte Namen. Da sagte sie plötzlich sehr klar und bestimmt zu mir: »Kind, hole mir einen Löffel aus der obersten Lade, aber keinen aus Kunststoff. Ich will ihn mir in den Hals schieben und daran ersticken.« Ich rührte mich nicht, wusste nichts dafür, nichts dagegen zu sagen und spielte mit meinen Händen. Deshalb gab ich nicht genug auf sie Acht, denn beinahe bin ich mir sicher, dass ein Mensch ein Recht auf einen anderen hat, auf einen nur, der ihm, wenn es darauf ankommt, einen Löffel holt.

*

»Die Flöte«, sagt Josef, »schenk deiner Mutter als Dank für das Fest, den Ton behalte du«, und er geht. Aber ich weiß, dass er wieder kommt, gleich morgen. Denn er kommt jeden Tag, oder ich komme. Und wenn nicht, so haben wir doch denselben Mond.
*
Bevor ich ins Bett gehe, bete ich. Beten ist schön, denn man betet ja Unsichtbares an, und sonstwo auf der Welt ist das Unsichtbare kaum noch etwas wert. Man betet auf Knien. Man betet sie sich wund.

*

Ich frage den Wind, ob wir tauschen wollen, doch er zieht einfach weiter.

*

Heute wollen wir auf den Fischmarkt gehen. Meine Mutter kauft Heringe. Die Fischverkäufer tun mir leid, sie haben einen Geruch, der nicht mehr weichen wird. Sie werden ihn mit nach Hause nehmen müssen. Sie waschen sich, aber den Geruch waschen sie nur mit, vielleicht wird er dadurch noch klarer. Die Decke hält sie warm und den Fischgeruch. Wenn etwas nicht mehr geht, das ist schlimm. So ist es gut, Josef geht jeden Tag neu.
In einem Eimer liegt der Fischkopf, er hat noch Augen, die mich ansehen, so wie ich sie ansehe.

*

Auf einmal glauben sie beim Essen reden zu dürfen an Omas Tisch. Ich ertrage es nicht, aber der Tisch erträgt es noch weniger, Worte ist er nicht gewohnt. Tatsächlich, ein Holzbein knickt ein. Manchmal ist etwas zu schwer. Ich wünsche mir, auch ein Holzbein zu haben, das einknickt. Es kommt dann nämlich einer mit einem neuen Bein und setzt es ein, damit man wieder etwas ausstehen kann. Manchmal werden alle Zeichen übersehen und es ist weiter schwer.

*

Die Nacht darf ich duzen. Neulich bot sie es mir an. Seitdem sind wir noch viel enger zusammen. Wir treffen uns immer am Ende des Tages, immer. Ein immer zu haben ist wichtig. Deshalb muss man es auch den alten Leuten lassen, in die Kirche zu gehen und sich zu bekreuzigen von links nach rechts. Das ist dann nichts anderes, als jeden Morgen zuerst mit dem schwächeren Fuß in den Schuh zu schlüpfen.

*

Mit einem Schlag fällt die Nachttischlampe auf den Boden, aber ich erschrecke gar nicht. Auch ich bin manchmal so erschüttert, dass ich falle mit einem Schlag. Die Lampe erschrickt dann auch nicht.

*

Um mich herum ist eigentlich in mir drin.

*

Es gibt sie, die keine Mutter haben, auch wenn etwas im Zimmer nebenan sitzt und stickt. Andere hingegen haben viele Mütter, sie nehmen sie sich, wie wenn man an einem Strauch vorbeigeht und Blätter abreißt, ohne es zu merken. Sie nehmen sogar die Väter als Mütter.

*

Ich schreibe meiner Oma. Ich schreibe: Meine liebe Oma, ich bekomme deinen Tod nicht los. Bestimmt möchte er gehen, aber ich lasse ihn nicht, ich hänge an seinem Bein. Entschuldige, du willst doch fort, du wolltest es schon, hier schon.
Manche Tode wird man eben nicht los. Manchen Toden hängt man am Bein.

*

Josef ist da und ich bemerke, dass er Perlaugen hat. Er bringt eine verwundete Katze mit, die er am Wegrand liegen sah. Ich lasse es mir nicht anmerken, aber ich glaube nicht, dass wir sie heilen können. Denn wir wissen ihren Geburtstag nicht, wir können ihr dann nicht eine Extraportion Milch hinstellen.
Mit Josef gehe ich über den Friedhof. Als habe uns dort etwas gerufen, laufen wir alles ab. Aber den Thanatos, sagt Josef, den sehe man eben nicht. Er sei zu groß, als dass man ihn sehen könne.
Auf dem Nachhauseweg fällt dem Josef ein Apfel auf den Kopf. Es ist schön, er kann ihn essen, aber schöner ist es doch, dass wir unter einem Apfelbaum hindurch liefen, gerade als es einem Apfel einfiel zu schwer zu sein.

*

Noch immer: Die Leute sterben an einer Stelle einfach weg, jetzt der alte Herr Grimm. Aber es gibt nur eine Trauerfeier, nur die, für den Menschen. Die Worte, die Gesten, die Stimme, der Atem, das wie einer immer »Guten Tag« und »Auf Wiedersehen« sagte und den Hut hob, bleiben unbeerdigt.

*

»Weißt du, was es ist?«, frage ich. »Nein, nein, ich weiß es auch nicht«, sagt Josef und geht.
Eva Kissel   26.11.2010    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 
Eva Kissel
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