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Eva Scheller
Das Licht über dem Strand kurz vor Einbruch der Nacht

Ich legte das Buch aus der Hand und ärgerte mich, die Personen stimmten nicht, nichts an den Personen stimmte, sie konnte nicht vergessen haben, was in dem Brief stand, den er ihr nach Sizilien schrieb, ein Brief, den sie immer bei sich trug, tagsüber, den sie nachts an immer anderen Orten versteckte, damit der, der an ihrer Seite reiste, ihn nicht fand und zerriß vor Eifersucht, daß sie einen Mann wählte für die Reise, der zu vernichten bereit war, was sie zu teilen verweigerte, auch das stimmte nicht, wenn sie sich nur einbildete, der Mann verhielte sich in dieser Weise, und nur deshalb immer neue Verstecke ersann, weil sie ihm den Wunsch zuschrieb, mit leidenschaftlicher Konsequenz Besitz zu ergreifen von ihr, vielleicht wäre das ein Schlüssel, aber selbst dann hätte die Frau keine Konsistenz, keine Seele, nicht einmal Widersprüchlichkeit genug, um lebendig zu sein, ich drückte mit der Kraft meines Ärgers die Zigarette aus, knickte den Filter um und erstickte die Glut, zog Spuren in die feine Asche, ein Wegkreuz, eine gewisse Ordnung, vier Viertel, in jedem Viertel ein Zigarettenstummel, die Lektüre hatte vier Zigarettenlängen gedauert, obwohl ich schon bei der Sizilienszene wußte, daß die Geschichte nicht wirklich etwas taugte, sogar seine Sprachkunst hatte nachgelassen, trotzdem folgte ich den Zeilen begierig, ich wollte wissen, ob irgendein Trick käme, ob der Autor wie ein Taschenspieler plötzlich zwei farbige Tücher aus dem Zylinder ziehen und ein paar weiße Tauben aufsteigen lassen würde, nichts von alledem, vielleicht hatte ich meine Zeit verschwendet, ich zündete eine neue Zigarette an, vielleicht hatte ich etwas gelernt, draußen hörte ich Regen, irgendwo gurrten Tauben, ich hatte im zweiten Souterrain eines viktorianischen Prachthauses am Chelsea Embankment gewohnt, drei Stockwerke tief gingen die Wohnungen in die Erde, die Decken waren nicht besonders hoch, es gab kein Tageslicht, nur vom Schlafzimmer aus ein Fenster zum Lichtschacht, um den herum sich die herrschaftlichen Wohnungen erstreckten, eine ganze Etage, zweihundert oder dreihundert Quadratmeter, Blick über die Themse, auf die Albert Bridge, unten aber konnte man den Himmel nicht sehen, selbst wenn man sich aus dem Fenster lehnte, nur ein diffus helles Rechteck, auf der Höhe des ersten Stockwerks war ein Netz gespannt gegen die Tauben, damit sie nicht im Hof nisteten, trotzdem hatte sich eine Taubenkolonie angesiedelt, ich wußte nicht, wo genau sie waren, vielleicht weigerte ich mich auch nur, sie zu sehen, aber Tag und Nacht hörte ich sie gurren, meist leise, als fürchteten sie, entdeckt zu werden, manchmal allerdings sehr laut, als trügen sie einen keifenden Streit aus, vielleicht um die Plätze in den Ecken, wo das Netz verankert sein mußte, dort, stellte ich mir vor, war es besonders heimelig, zwei Wände, die ein Dreieck bildeten, Tauben sind die Pest, die Touristen füttern sie auf dem Trafalgar Square, sie bezahlen für Taubenfutter und fotografieren sich gegenseitig, während die Vögel auf ihre Jackenärmel scheißen, und auf Nelsons Kopf, hoch oben, unsichtbar seine Züge, in den Himmel gelobt, allenfalls erkennt man den Admiralshut, wer aber sagt, daß es Nelson ist, der diesen Hut trägt, Nelsons Gesicht stellte ich mir grau-weiß vor und zerfressen von Taubendreck, der Boden des Lichthofs war ebenfalls grau-weiß, und obwohl ich die Tauben haßte und das Licht fehlte, hatte ich Glück mit der Wohnung, die Wände trugen die Farbe von pudrigem, weißgewaschenem Terracotta, in der Küchenzeile ein geräumiger Kühlschrank, ein Backofen, auf einem Podest, das die Küche von dem Raum trennte, der das Wohnzimmer vorstellte, eine Chaiselongue, der hellblaue Jeansstoff zerschlissen, dazu ein paar halb abgebeizte Stühle, ein ramponierter Holztisch, all das nicht schäbig, sondern von gewissem Charme, südländischem Flair, meine Vermieterin hatte es selbst so eingerichtet, Judy, groß, sehr schlank, das weiße Hemd in die Jeans gesteckt, blondes Haar offen über den Schultern, sie war um die fünfzig und hätte mit einem Lord verheiratet sein können, vielleicht waren ihre Schuhe teuer, darauf habe ich nicht geachtet, wir schlossen den Mietvertrag am Wohnzimmertisch ab, sie hatte schon vorher für mich die Formalitäten mit dem Elektrizitätswerk erledigt, damals dachte ich an Pink Floyd und die Battersea Power Station, es hat mich nicht wirklich berührt, aber wenn ich das Licht einschaltete, bildete ich mir ein, von der gigantischen Turbinenhalle, in die Tageslicht fiel durch turmhohe, schmale Fenster, führte eine unmittelbare Verbindung zu meiner Wohnung, ich hatte das alles vergessen, auch, daß kurz nach meinem Einzug der Kollege M. vorbeikam, wir rauchten ein Tenpack Marlboro, das kostete damals schon über ein Pfund, wir versicherten uns gegenseitig, daß wir eigentlich kein Bedürfnis hatten zu rauchen, er, weil er aufhören wollte und ich, weil ich wirklich wenig Geschmack daran fand, es war ein Ritual, ein Tenpack und eine Flasche Wein, ich kochte nach einem orientalischen Kochbuch, das ich in einem Buchladen an der Kings Road entdeckt hatte, Sonntag Nachmittag, ein schlechter Sonntag, ich konnte nichts anfangen mit mir, es war später Oktober, es dunkelte früh, auf dem Asphalt glänzte braunes Laub, ich mochte sogar den Herbst in dieser Stadt, die Tage, an denen es regnete wie verrückt, weil danach der Himmel sich wieder hoch und blau reckte und die Skyline von der Hungerford Footbrigde bis zu St. Pauls dalag wie unter einem Lichtdom, der sich unmittelbar in den Atlantik öffnet, das Licht, das Licht Londons ist mir immer Rätsel gewesen, als richte die See ihre blinkenden Spiegel auf das Antlitz der Stadt und mache sie, die landeinwärts gebettete, zu einer Königin am Meer, trotzdem gab es schlechte Tage, an denen mich keine Liebe, nicht einmal die Liebe zu dieser Stadt, retten konnte, meistens waren es Sonntage, der Bus Nr. 19 am Lower Sloane Square ließ auf sich warten, es begann zu regnen, es regnete wirklich heftig, sofort waren die Gullis überflutet, zu dritt drängten wir uns unter dem schmalen Dach der Haltestelle, ein Teenager mit schulterlangem Ohrgehänge, ein Inder, auf dessen Turban sich feuchte Flecken abzeichneten und ich ohne warme Jacke, der Regen ließ nach, dann ging ich einfach in die andere Richtung, die Kings Road hinunter, vorbei an Whittards, ein Laden, der mir nicht gefiel, damals hielt ich den Verkauf von Teebeuteln für ein Sakrileg, zu Hause blätterte ich in meinem neuen Kochbuch, M. servierte ich Lammcurry, ich möchte wissen, was wir uns zu sagen hatten, er kam aus der Provinz, als er abreiste, vermißte ich ihn keinen Moment, ich hatte das alles tatsächlich vergessen, ich starrte auf das Buch, das mir zum Geburtstag aus Deutschland geschickt worden war, meine Verärgerung hatte nachgelassen, der Aschenbecher war voll, ich ging in die Küche und leerte ihn, vielleicht hatte ich doch eine ganze Menge gelernt, schon lange wohnte ich nicht mehr im zweiten Souterrain, meine Wohnung lag in der Handel Street Nähe Russel Square, eine kurze Sackgasse, die auf einen aufgelassenen Friedhof mündet, wenn ich mich aus dem Fenster lehnte, konnte ich die Friedhofsmauern sehen und Grabsteine, von denen manche innen an die Mauern gestellt sind, als warteten sie darauf, abgeholt zu werden, immer wieder beobachtete ich eine Kindergarten- oder Schulklasse, alle tragen die gleichen Uniformen, sie gehen über den einzigen Kiesweg, manchmal werfen sie Steine in Richtung eines kopflosen Engels, es hat mir gefallen, daß die Straße den Namen Friedrich Händels trägt und man auf den Straßenschildern seine Lebensdaten lesen kann, auch, daß der aufgelassene Friedhof als bescheidener Park dient, hinter dem eine Schule liegt, in dem ein paar Rosenbüsche wachsen und eine Säule mit Trinkwasser zu finden ist, der schäbige Rasen darf betreten werden, in meine Wohnung fiel Tageslicht, auch im Herbst, an einem anderen Herbsttag besuchte ich das Café in the Crypt der St Martin-in-the-Fields Kirche, die Wände waren dunkel, unter der Decke liefen riesige Heizungsrohre durch den ganzen Raum, wieder dachte ich an die Battersea Power Station und als ich in meine dunkle Wohnung zurückkehrte, betrank ich mich und rauchte allein ein Tenpack Marlboro, in der Nacht zerbrach eine der Scheiben meines Schlafzimmerfensters, es hatte einen alten, mehrfach unterteilten Rahmen, wütend warf ich das Fenster zu, die Tauben machten mich verrückt, ich konnte nicht einschlafen, und dann konnte ich sie nie mehr vollkommen ausschließen, nicht, solange ich am Chelsea Embankment wohnte, eine der kleinen Scheiben war von der Wucht meiner Wut zerbrochen, ich mußte London vorübergehend verlassen, bevor M. ging, hatte ich mit ihm geschlafen, als ich ging, war ich in J. verliebt, wir verbrachten die ganze Nacht in seinem Bett, meine Koffer standen im Flur, vor der offenen Schlafzimmertür, wenn mein Blick darauf fiel, weinte ich kurz, oder begann, J. aus dem Halbschlaf zu küssen, daran dachte ich während der Fahrt die Themse hinauf nach Kew Gardens, wir saßen in einem hölzernen Schiff, ein schönes Schiff, über achtzig Jahre alt, nicht zu vergleichen mit den breiten, weißen Booten, die hunderte von Touristen über Blackfriars und die Docklands nach Greenwich bringen, zur Cutty Sark und zum Observatorium, es war ein kalter Julitag, der kleine Bruder meiner Freundin trug einen blauen Dufflecoat, er war richtig angezogen und trotzdem setzte er sich zu mir unter Deck, er holte uns Kakao in hohen konischen Henkelbechern, ich hatte befürchtet, der Kakao würde nach Wasser schmecken und zu süß sein, aber er war mit Milch gekocht und perfekt, plötzlich begriff ich, daß der Junge für mich schwärmte, während ich trank, sah ich unvermittelt zu ihm, sein Blick lag auf meinem Gesicht, er himmelte mich an, er breitete buchstäblich den blauen Himmel seiner Augen über mir aus und ließ mich glänzen im Widerschein seines Staunens, weit offen seine Augen, darüber breite, gerade Brauen, alles war so unfertig und gleichzeitig so wahrhaftig in seinem Gesicht, er hatte die Züge eines Mädchens, übervolle Lippen, runde Wangen, sein Haar in der Art eines kurz gehaltenen Pagenschnitts, er hätte ein Knappe sein, ein Kettenhemd tragen und ein Schwert halten können, er wirkte viel jünger als er war, dreiundzwanzig, sein Blick beschäftigte mich, ich fühlte ihn um mich, als wir durch den Garten liefen, ich stellte mir seinen sehnigen Körper vor, er hatte nichts Weichliches an sich, und sein Glied, das von der Silhouette seines Leibes im Halbdunkel eines Schlafzimmers abstand, ich hätte ihm den Dienst erweisen und ihn verführen können, es wäre einfach gewesen, so, wie damals, lange, bevor ich mich in die Stadt verliebte, vor allem erinnere ich mich an unser Lachen und an die Macht, die wir hatten, weil wir es taten bis zur vollkommenen Erschöpfung, während der Anwesenheit des Jungen in der Handel Street gelangen mir ein paar gute Szenen, bevor er abreiste, nahm ich ihn mit zur South Bank, ich hatte ihn gar nicht gefragt, ob ihm Britten gefiele, er hatte eine kluge, aufmerksame Art, eine große Wachheit gegenüber dem Leben, er rauchte nicht und trank kaum und versuchte nicht, mich zu erziehen, eine vollkommen andere Generation, wir hörten eine konzertante Aufführung von Death in Venice nach Thomas Mann, ich bin mir nie darüber klar geworden, was ich von Mann zu halten habe, der Junge wußte es genau, in der Lächerlichkeit eines alten Mannes, der sich das Haar färbt und Puder auflegt, die Würde des großen Liebenden, der Mut zur vollkommenen Hingabe, die Bereitschaft zum Untergang, in der Pause tranken wir Wein und standen schweigend vor der großen Fensterfront, auf der Themse beleuchtete Boote, am gegenüberliegenden Ufer die Silhouette des Savoy und das Licht über dem Strand kurz vor Einbruch der Nacht.

Eva Scheller       21.06.2005       Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht

Eva Scheller
Prosa