poetenladen    poet    web

●  Sächsische AutobiographieEine Serie von
Gerhard Zwerenz

●  Lyrik-KonferenzDieter M. Gräf und
Alessandro De Francesco

●  UmkreisungenJan Kuhlbrodt und
Jürgen Brôcan (Hg.)

●  Stelen – lyrische GedenksteineHerausgegeben
von Hans Thill

●  Americana – Lyrik aus den USAHrsg. von Annette Kühn
& Christian Lux

●  ZeitschriftenleseMichael Braun und
Michael Buselmeier

●  SitemapÜberblick über
alle Seiten

●  Buchladenpoetenladen Bücher
Magazin poet ordern

●  ForumForum

●  poetenladen et ceteraBeitrag in der Presse (wechselnd)

 

Christiane Heidrich
Today I am functional (1)


Und während sich die Möglichkeiten aufbäumen, berührt zu werden,
mein eigener Körper ausgerechnet hält still.

Ich brauche genau eineinhalb Stunden von meinem Aufenthaltsort zur Destination,
die mir weitergegeben wurde, zu der ich aber auch will.

Von weiter weg gesehen halte ich große Objekte abwechselnd in die Kamera.

Meine Hände sehen dabei unschön aus. Sie schimmern, als wären sie durchsichtig, träge.
Als ragten sie absichtslos in die Zeit und verwiesen auf nichts.

Ich gebe den Zielort ein, mit angespannten Organen. Ich habe kein Thema.


  Der gelbe Akrobat – Neue Folge 87

Michael Braun
Auf einer rutschigen Fläche unbeantworteter Nachrichten



Man kennt diesen Zustand des Transitorischen aus einem legendären Lesebuch-Text: „Ich bin nicht gern, wo ich herkomme. / Ich bin nicht gern, wo ich hinfahre.“ Bertolt Brechts „Radwechsel“ setzte damals freilich die Entscheidungsfähigkeit eines Subjekts voraus, einen Willen und Richtungssinn des im Wartezustand befindlichen Ich, ein auf die Veränderung einer defizitären Lage gerichtete Intention. Im vorliegenden Gedicht der jungen Künstlerin und Dichterin Christiane Heidrich freilich, erstmals veröffentlicht in Heft 72 der Literaturzeitschrift „Edit“, verlässt sich der Körper des Subjekts nicht auf eine planvolle Entscheidung des Ich, sondern definiert sich selbst als ein zu beobachtendes System, eingebettet in ein Environment aus Medien. Das Ich ist selbst nicht die steuernde Instanz, sondern ist eingeschlossen in eine ruhige, fließende Bewegung, deren Ursprung und Ziel an technische Geräte delegiert wird. Ein Ich, eine Kamera, mit der „große Objekte“ beobachtet werden können, ein Navigationssystem, in das man den „Zielort“ eingibt: Das sind die Protagonisten des Gedichts, wobei der Körper nur als Relaisstation fungiert, zugleich als Ort einer permanenten Selbstbeobachtung. Fast scheint es, als werde ein willenlos erscheinendes Ich mithilfe eines Navigationsgeräts durch eine fremdbestimmte Wirklichkeit geschleust.
  In diesen Grenzbereichen zwischen physischer Präsenz und technisch-digitaler Verfasstheit der Wirklichkeit, zwischen Körpererfahrung und digitalen Oberflächen bewegen sich die Gedichte von Christiane Heidrich. Heidrich studierte am Institut für Sprachkunst in Wien und seit 2013 Bildende Kunst an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart. Im Internet-Portal „warehouse“, das „Praktiken der digitalen Reibung“ dokumentiert, wird sie als Künstlerin vorgestellt, die sich „mit der Verschränkung von Körper und App beschäftigt“.
  In ihrer künstlerischen Arbeit experimentiert sie mit audiovisuellen Medien verschiedenster Art, in denen Oberflächen Bildmacht entwickeln: in Animationen, Selfies und Videos. In ihren Gedichten setzt sie auf eine kunstvolle Verkettung und Verschränkung von Einzelsätzen, die durch gegenstrebige Fügung und Paradoxien das Subjekt in einem unsicheren Status zeigen – ausgesetzt an den Strom der Bilder und ständig neu transformierter Fiktionen und Zeichensysteme. Das lyrische Ich ist ohne feste Verankerung: Es treibt dahin im Kosmos des Internets, oszilliert zwischen unterschiedlichsten Seins- und Wirklichkeitsentwürfen, ohne eine stabile Position zu finden. Die Lizenz zu einer poetischen Schöpfungsgeschichte wird hier an die Eigendynamik des Daten-Floatings abgetreten. Wie ein Programm für eine Poesie im digitalen Raum klingen die Eingangszeilen des Gedichts, das Christiane Heidrich in der Anthologie „Lyrik von Jetzt 3“ veröffentlicht hat: „Ein Pool, eine Lässigkeit. Von hier aus überall auftauchen können./ Jede Datei ist an sich schon genial. Herrlich allein mit dem eigenen Wissen./ Dass es Vögel gab, anfangs, eine Gischt, die sich aussprechen ließe.“ Das klingt wie die lyrische Apologie einer Ich-Dispersion im Strom der digitalen Bewusstseinsreize. Das Subjekt taucht ein in das Universum des Digitalen, in die Phänomenologie der Daten. Im Blick auf die Wirkung der digitalen Oberflächen hat die Autorin im Gespräch mit Max Wallenhorst ihr Verfahren erläutert: „Im Text kann ich die diffuse Mischung von Reiz und Zwang, die diese Umgebungen auf mich ausüben, aufdröseln in zugespitzte Sprechpositionen, die gegeneinander stehen und verwickelt sind, und damit keine Neutralität behaupten.“ Hier wird auch ein Lebensgefühl formuliert – das des lustvollen Angeschlossenseins an einen fluiden Datenstrom, der die neue Lebenswelt konfiguriert. Das fast symbiotische Verhältnis zwischen dem Körper und den digitalen Geräten ist das Leitmotiv dieser Gedichte. „Das künstlerische Material muss kalt gehalten werden“: Gottfried Benns Handlungsanleitung wird hier konsequent umgesetzt in die Apotheose digitaler Oberflächen. Viele Gedichte der jungen und allerjüngsten Lyrikergeneration arbeiten als „dynamisches Mobile“ (Daniela Seel), als Textur aus freischwebenden, unverbundenen Zeilen, die als poetischer Energieträger den lyrischen Prozess beflügeln.
  Das lyrische Ich dieser ganz im Zeichen der Facebook-Kultur stehenden Poesie ist ständig unterwegs „auf einer rutschigen Fläche unbeantworteter Nachrichten“, wie es in einem weiteren Gedicht von Christiane Heidrich heißt. Alles wird delegiert an ein fluides Einerlei im digitalen Raum, an die Unentschiedenheit als Lebensform. Sie mündet in die ostentative Koketterie mit dem bloß Funktional-Technischen: „Ich habe kein Thema.“

Christiane Heidrich, geboren 1995 in Karlsruhe, studiert seit 2013 an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart, 2014/15 war sie Studentin am Institut für Sprachkunst der Universität für Angewandte Kunst Wien. Sie erhielt u.a. ein Förderstipendium der Studienstiftung des Deutschen Volkes und arbeitet bei Professor Rainer Ganahl in Stuttgart vorwiegend an Material- und Raumkonzepten unter Einbeziehung Neuer Medien. Das vorliegende Gedicht ist der Literaturzeitschrift EDIT (Heft 72/2017) entnommen.
.

Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht     01.03.2018




Band 1
 
  Band 1  
M. Braun & M. Buselmeier
Der gelbe Akrobat (1. Band)
100 deutsche Gedichte der Gegenwart,
kommentiert
Taschenbuch
360 Seiten, 18.80 Euro
poetenladen Verlag 2011

Weitere Details   
portofrei online (Shop 1)  

  M. Braun & M. Buselmeier
Der gelbe Akrobat (2. Band)
50 deutsche Gedichte der Gegenwart,
kommentiert
Broschiert mit farb. Vorsatz
186 Seiten, 18.80 Euro
poetenladen Verlag 2016

Weitere Details   
portofrei online (Shop 1)  

 


 

 

 

Gedichte, kommentiert
von Michael Braun und
Michael Buselmeier

    Christiane Heidrich
Liste
Gefördert durch den
Deutschen Literaturfonds



  89   Michael Krüger
    
Im Winter
  88   Ralph Dutli
    
Salzzauber
  87   Christiane Heidrich
    
Today I am functional (1)
  86   Wulf Kirsten
    
die rückkehr der wölfe
  85   Maren Kames
    
Im Siel
  84   Gregor Laschen
    
Drüben, im ›Winkel von Hardt‹
  83   Christoph Wenzel
    
ländlich, der mundraum
  82   Werner Lutz
    
Ja, bin unterwegs
  81   Kenah Cusanit
    
Gottesgedicht, unberuhigt
  80   Sascha Kokot
    
sobald die Stadt ...
  79   Ror Wolf
    
Dritter unvollständiger Versuch
  78   Horst Bingel
    
Felsenmeer
  77   Tristan Marquardt
    
nachts, ich laufe nach hause
  76   Harald Gerlach
    
Gründe, linkselbisch
  75   Birgit Kreipe
    
schienen stillgelegt
  74   Hanns Cibulka
    
Böhmischer Rebstock
  73   Karin Fellner
    
Eine Zeitfalte weiter
  72   David Krause
    
Wolken
  71   Jürgen Nendza
    
An manchen Tagen
  70   Harry Oberländer
    
kurz vor der revolution
  69   Mara-Daria Cojocaru
    
Ich bin
  68   Hilde Domin
    
Antwort
  67   Elisabeth Borchers
    
Zukünftiges
  66   Günter Herburger
    
Großjean, der aus einem ...
  65   Georg Leß
    
Kondorlied
  64   Thomas Kling
    
Tessiner beinhaus. wandbild
  63   Rainer René Mueller
    
Da ist es
  62   Ernst S. Steffen
    
Man sagt
  61   Henning Ziebritzki
    
Elster
  60   Jürgen Brôcan
    
Fremde ohne Souvenir
  59   Carolin Callies
    
wackersteine im wams
  58   Friedrich Ani
    
Versehrte Verse
  57   Elke Erb
    
»Ursprüngliche Akkumulation«
  56   Uwe Kolbe
    
Heidelberg, den 14ten August
  55   Sonja vom Brocke
    
Kunde
  54   Sünje Lewejohann
    
krähen
  53   Jan Wagner
    
im brunnen
  52   Susanne Stephan
    
Frontier
  51   Silke Scheuermann
    
Uraniafalter
  50   Mirko Bonné
    
Der Zischelwind
  49   Judith Zander
    
fürs erste leb im später
  48   Andreas Rasp
    
diese steine hier
  47   Marcus Roloff
    
hl. grab, eingang wahlkapelle
  46   Clemens J. Setz
    
Motte
  45   Martina Weber
    
jetzt, da die letzten bilder verschwunden sind
  44   Paul Zech
    
Der Nebel fällt
  43   Klaus Merz
    
Expedition
  42   Christian Lehnert
    
Du bist die Aussicht  ...
  41   Àxel Sanjosé
    
Zum Abschied hell ...
  40   Ulrike Draesner
    
feld elternlos
  39   Ursula Krechel
    
Weiß wie
  38   Heinrich Detering
    
Kilchberg
  37   Hendrik Rost
    
Requiem
  36   Walle Sayer
    
Vom Flüchtigschönen
  35   Nico Bleutge
    
grauwacke
  34   Rolf Haufs
    
Kinderjuni
  33   Thomas Rosenlöcher
    
Die Hoffnungsstufen
  32   Jan Koneffke
    
Dem toten Kind in einer Oktobernacht
  31   Arne Rautenberg
    
drei amseln
  30   Oskar Loerke
    
Ans Meer
  29   Jean Krier
    
„Alles ist in den besten Anfängen“
  28   Werner Laubscher
    
Winterreise. Wintersprache
  27   Wolfgang Schlenker
    
stichwort minimieren
  26   Christoph Meckel
    
Kind
  25   Günter Grass
    
Die Vorzüge der Windhühner
  24   Jürgen Theobaldy
    
Blume mit Geruch
  23   Ann Cotten
    
Rosa Meinung
  22   Horst Samson
    
Edoms Nacht
  21   Christian Steinbacher
    
Belegte Brotzeit
  20   Bianca Döring
    
Allein
  19   Simone Kornappel
    
muxmäuschen
  18   Jörg Burkhard
    
in gauguins alten basketballschuhen
  17   Konstantin Ames
    
dreißig lenze
  16   Wilhelm Lehmann
    
Auf sommerlichem Friedhof
  15   Joachim Zünder
    
Die Finnische Bibliothek
  14   Kathrin Schmidt
    
waage, vorm wasser
verchromt, gestählt
  13   Marion Poschmann
    
latenter Ort
  12   Rainer Malkowski
    
Bist du das noch?
  11   Gerhard Falkner
    
die roten schuhe
  10   Wolfgang Hilbig
    
Pro domo et mundo
  9   Katharina Schultens
    
die möglichkeit einer verwechslung ...
  8   Michael Donhauser
     Lass rauschen Lied ...
  7   Ulrich Zieger
     an den vater von sem,
  6   Elisabeth Langgässer
     Erster Adventssonntag
  5   Levin Westermann
     wie ein fresko
  4   Dirk von Petersdorff
     Raucherecke
  3   Ulrich Koch
     Danke
  2   Steffen Popp
     Fenster zur Weltnacht
  1   Adolf Endler
     Dies Sirren
     
Neue Folge