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DIRK VON PETERSDORFF
Raucherecke

Ihr Langen, wo seid ihr? Ich hab
nicht mal mehr eure Nummern.
Gibt es denn Besseres als am Morgen
eine Schar,
eng zusammen,
frierend;
ich glaube, wir froren fast immer.
Damals sprach keiner zu viel,
sondern stand, den Rücken zur Welt,
in Mänteln aus Stoff,
ihr Dünnen.
Nur der verhangene Blick
sieht tief, kennt sein Schicksal,
das traurige Pochen
ferner Hügel,
sieht freudig erschreckt
sich am seligen Busen erwachen.
Wie ihr den Rauch
ausstoßen konntet,
ihr Edlen, ach,
alles war gut, als ich mit euch
sah sich röten den Tag, viertel vor acht.


  Der gelbe Akrobat – Neue Folge 4

Michael Buselmeier
Ihr Edlen, ach


Ein heiter-ironisches Gedicht, reimlos, in freien Rhythmen, doch wohl gegliedert, das einen rundum charmanten, auch etwas historischen Eindruck macht. Das lyrische Ich erinnert sich seiner Jugendzeit, als es in Schulhöfen noch die mittlerweile verpönten „Raucherecken“ gab. Da stehen die Abiturienten, die schon bald, jeder für sich, in alle Richtungen versprengt werden und so gut wie nichts mehr von einander wissen, noch einmal eng beisammen, dünn und frierend, mit dem „Rücken zur Welt“, und ahnen nicht, was das „Schicksal“ mit ihnen vor hat.

Wehmut angesichts der entschwundenen Freunde, der zerstobenen Dichter-Gesellen und Polit-Genossen, der Jugend­unruhe überhaupt, ist ein in der Poesie nicht unbekanntes Motiv, man denke nur an Eichendorff und Hölderlin, die Göttinger Hainbündler und die Straßburger Stürmer und Dränger. Im vorlie­genden Gedicht ist diese elegische Tradition bis in das Vokabular und die Rede­wendungen eingedrungen. Das beginnt mit hehren Anrufen („Ihr Langen“, „ihr Dünnen“, „ihr Edlen“), die den Text gliedern, setzt sich fort in steilen Sprachgesten wie „Gibt es Besseres als…“ oder „am seligen Busen erwachend“, und endet hoch pathetisch: „ihr Edlen, ach, / alles war gut, als ich mit euch / sah sich röten den Tag, viertel vor acht.“

Ich weiß nicht in jedem Fall, aus welchen Quellen der 1966 geborene Germanist Dirk von Petersdorff schöpft, woher die einzelnen Versatzstücke (etwa „das traurige Pochen / ferner Hügel“) stammen, doch das Finale geht fraglos auf Klopstock zurück, den Dichter eines empfindsamen Freundschaftskults. Die dritte Strophe seiner Ode Die frühen Gräber von 1764 lautet: „Ihr Edleren, ach es bewächst / Eure Male schon ernstes Moos! / O wie war glücklich ich, als ich noch mit euch / Sahe sich röten den Tag, schimmern die Nacht.“

Die freche Schlusspointe („viertel vor acht“ statt „schimmern die Nacht“) wirkt etwas platt. Doch Petersdorff, der sich auch in Essays gern als Ironiker vorstellt, ist eher ein sentimentaler Hund, ein Melancholiker, der sich an Ernie & Bert und seine alte Lederjacke erinnert, sich schon mit vierzig altern sieht und sein privilegiertes Los bedauert. Vielleicht hat ihn ja die Universitätskarriere so angekränkelt. Einen ganzen Sonett-Zyklus, bestehend aus zwölf virtuos gereimten Teilen, hat er den gestressten Vierzigjährigen gewidmet: „Als wir noch straff und voller Zukunft waren …“

Petersdorffs frühe Gedichte sind von flirrender Intel­lektualität, mit philosophischen Verweisen, die späteren kommen oft im braven Parlando des Alltags daher. Fast immer schreibt er elegant und witzig, verwandelt sich das Vergangene flügelleicht an, spielt mit Reim und Rhythmus, beherrscht den späten Benn- wie den Volksliedton oder eben auch den Klopstocks. Nur das tragisch Finstere und mythisch Besessene, die Traditionslinie Hölderlin – Hilbig, bleibt ausgeschlossen, es sei denn, sie ließe sich profanieren.

Dirk von Petersdorff wurde 1966 in Kiel geboren. Er lebt als Professor für Neuere deutsche Literatur in Jena. Das vorgestellte Gedicht wurde dem Band Nimm den langen Weg nach Haus (C.H. Beck, München 2010) entnommen. Der poetenladen dankt Autor und Verlag für die freundliche Genehmigung zur Wiedergabe.






Band 1
 
  Band 1  
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Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen      13.04.2011



 

Gedichte, kommentiert
von Michael Braun und
Michael Buselmeier

    Dirk von Petersdorff
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