poetenladen    poet    web

●  Sächsische AutobiographieEine Serie von
Gerhard Zwerenz

●  Lyrik-KonferenzDieter M. Gräf und
Alessandro De Francesco

●  UmkreisungenJan Kuhlbrodt und
Jürgen Brôcan (Hg.)

●  Stelen – lyrische GedenksteineHerausgegeben
von Hans Thill

●  Americana – Lyrik aus den USAHrsg. von Annette Kühn
& Christian Lux

●  ZeitschriftenleseMichael Braun und
Michael Buselmeier

●  SitemapÜberblick über
alle Seiten

●  Buchladenpoetenladen Bücher
Magazin poet ordern

●  ForumForum

●  poetenladen et ceteraBeitrag in der Presse (wechselnd)

 

Ernst S. Steffen
Man sagt

Man sagt mir,
ich schreie nachts.
Manchmal erwache ich,
weil mein Herz schlägt,
dann höre ich die Nachtigall.
Ich betrachte ein Loch
in meiner Zelle;
vielleicht will eine
Ratte zu mir.
Manchmal habe ich morgens
blutende Knöchel.
Das macht die lange Haft,
sagt der Arzt.
Er verschreibt mir Tabletten.

Er sagt mir,
wenn das vorbei ist,
dann ist alles gut.
Ich muß nach Hause kommen,
dann ist alles gut.
So einfach ist das.
Ich werde am Tor stehen,
und es wird sich öffnen vor mir,
und dann ist alles vorbei
und alles gut.
So einfach ist das.
Ich werde gehen.
So einfach ist das.

  Der gelbe Akrobat – Neue Folge 62

Michael Buselmeier
Ich möchte mich umbringen können



Das Ich, das hier spricht, in kargen, rhythmisch dichten, auto­biographisch grun­dierten Versen, befindet sich seit längerem, von Angst­träumen bedrängt, in einer Einzel­zelle. Es erwacht manch­mal mit „blu­tenden Knöcheln“, glaubt eine Nachti­gall wahr­zunehmen oder eine Ratte. Der Gefängnis­arzt verschreibt ihm „Ta­blet­ten“ und meint beschwich­tigend, wenn dies hier (also der Knast, das Zucht­haus) „vorbei“ sei, dann sei „alles gut“. Der Gefan­gene müsse nur „nach Hause kom­men“.
  Aber nichts ist „gut“, und ein Zuhause gibt es für einen mehr­fach vorbe­straften Pro­letarier auch nicht. Immer wieder wird er rück­fällig werden. Man könnte in ihm, wie in Büchners Woyzeck, ein Opfer erkennen, auf jeden Fall einen armen Teufel, der keinen Durch­blick und keine wirkliche Chance in dieser Welt hat, nur hilflose, einander aus­schlie­ßende Wünsche: „Ich möchte noch einmal von vorn beginnen. / Ich möchte mich um­bringen können.“
  Der Verfasser dieses eindring­lichen Gedichts, Ernst S. Steffen, hat fast die Hälfte seines kurzen Lebens, nämlich siebzehn Jahre, in Erzie­hungs­heimen und in der Haft zugebracht. Mit­schuldig daran mag sein versoffener Vater gewesen sein, der ihn miss­handelte und schon früh aus dem Haus und zu den Klein­kriminellen und Ver­lierern trieb; ebenso die ver­stummte Mutter und die jungen Mädchen von Heil­bronn, die ihn in seiner Beson­der­heit nicht wahr­nahmen. Zeit­lebens ver­stand sich Steffen als Außen­seiter, als radikal Anderer und Pro­vinz­rebell, voller Ressen­timents gegen­über der ange­passten Mehr­heit, die er wie James Dean in „Jenseits von Eden“ at­tackierte und für sein gestran­detes Leben verant­wortlich machte. Er hasste die Gesell­schaft und ihre „Appa­rate“, fühlte sich ständig unge­recht behandelt, selbst angesichts der zahl­reichen Ein­brüche, Dieb­stähle und Überfälle, für die er fraglos einstehen musste.
  Im Mittelpunkt all seiner Texte, die in zwei Bänden gesammelt vorliegen, steht eine harte Schule, nämlich die Erfah­rung des Zucht­hauses, die der Autor mit Galgen­ironie schildert. „Es geht mir gut, liebe Mutter“, heißt es einmal bitter. „Ich lernte viel im Gefäng­nis.“ Und nach der Ent­lassung könne er ja wieder „ein ganz neues Leben beginnen.“
  1967 schien es tatsächlich so weit zu sein: Steffen wurde auf Bewäh­rung aus dem Zucht­haus in Bruchsal entlassen und erhielt eine Volon­tär­stelle beim Süd­west-Fern­sehen in Baden-Baden. Bereits im Knast hatte er zu schreiben be­gon­nen; 1969 er­schien im renom­mierten Luch­ter­hand Verlag sein Gedicht­band mit dem wenig hoff­nungs­vollen Titel „Lebens­läng­lich auf Raten“, ein viel be­achtetes Debüt. Darin ent­halten waren traurige Liebes­gedichte, ge­reimte Moritaten a la Villon und immer wieder der zer­mür­bende Gefängnis­alltag, aber auch über­ra­schende, surreale Bilder: „Der Himmel schläft mit offenem Mund.“
  Ohnehin hatten Knast-Dichter und deren Bücher in den unruhigen Jahren um 1970 Konjunktur, man denke nur an Burkhard Driest oder Peter-Paul Zahl. Doch selbst unter den Fernseh-Re­dakteuren und Hör­funk­autoren, die ihm, wie allen Ange­hö­rigen von Rand­gruppen, extrem wohlwollten, fühlte sich Ernst Steffen fremd. „Die Reichen und Schönen“ waren eben nicht seine Leute. Er kam einfach mit dem Dasein nicht zurecht, weder im Gefäng­nis noch außerhalb des­selben. Vielleicht war auch seine Pro­duk­tivität im Erlöschen, jedenfalls war er müde geworden. Ende 1970 ver­un­glückte er eines Nachts im Auto auf einer leeren Straße bei Baden-Baden tödlich. Für den Unfall gab es keine Zeugen. „Ich werde gehen“, schrieb er. „So einfach ist das.“

Ernst Siegfried Steffen wurde im Juni 1936 in Heil­bronn geboren und starb im Dezember 1970 in Baden-Baden. Postum erschien sein Buch „Ratten­jagd. Auf­zeich­nungen aus dem Zucht­haus“, Sammlung Luchter­hand 1971. Das vorgestellte Gedicht stammt aus „Lebens­länglich auf Raten“, Darmstadt 1969.

Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht     01.02.2016




Band 1
 
  Band 1  
M. Braun & M. Buselmeier
Der gelbe Akrobat (1. Band)
100 deutsche Gedichte der Gegenwart,
kommentiert
Taschenbuch
360 Seiten, 18.80 Euro
poetenladen Verlag 2011

Weitere Details   
portofrei online (Shop 1)  

  M. Braun & M. Buselmeier
Der gelbe Akrobat (2. Band)
50 deutsche Gedichte der Gegenwart,
kommentiert
Broschiert mit farb. Vorsatz
186 Seiten, 18.80 Euro
poetenladen Verlag 2016

Weitere Details   
portofrei online (Shop 1)  

 


 

 

 

Gedichte, kommentiert
von Michael Braun und
Michael Buselmeier

    Ernst S. Steffenn
  76   Harald Gerlach
    
Gründe, linkselbisch
  75   Birgit Kreipe
    
schienen stillgelegt
  74   Hanns Cibulka
    
Böhmischer Rebstock
  73   Karin Fellner
    
Eine Zeitfalte weiter
  72   David Krause
    
Wolken
  71   Jürgen Nendza
    
An manchen Tagen
  70   Harry Oberländer
    
kurz vor der revolution
  69   Mara-Daria Cojocaru
    
Ich bin
  68   Hilde Domin
    
Antwort
  67   Elisabeth Borchers
    
Zukünftiges
  66   Günter Herburger
    
Großjean, der aus einem ...
  65   Georg Leß
    
Kondorlied
  64   Thomas Kling
    
Tessiner beinhaus. wandbild
  63   Rainer René Mueller
    
Da ist es
  62   Ernst S. Steffen
    
Man sagt
  61   Henning Ziebritzki
    
Elster
  60   Jürgen Brôcan
    
Fremde ohne Souvenir
  59   Carolin Callies
    
wackersteine im wams
  58   Friedrich Ani
    
Versehrte Verse
  57   Elke Erb
    
»Ursprüngliche Akkumulation«
  56   Uwe Kolbe
    
Heidelberg, den 14ten August
  55   Sonja vom Brocke
    
Kunde
  54   Sünje Lewejohann
    
krähen
  53   Jan Wagner
    
im brunnen
  52   Susanne Stephan
    
Frontier
  51   Silke Scheuermann
    
Uraniafalter
  50   Mirko Bonné
    
Der Zischelwind
  49   Judith Zander
    
fürs erste leb im später
  48   Andreas Rasp
    
diese steine hier
  47   Marcus Roloff
    
hl. grab, eingang wahlkapelle
  46   Clemens J. Setz
    
Motte
  45   Martina Weber
    
jetzt, da die letzten bilder verschwunden sind
  44   Paul Zech
    
Der Nebel fällt
  43   Klaus Merz
    
Expedition
  42   Christian Lehnert
    
Du bist die Aussicht  ...
  41   Àxel Sanjosé
    
Zum Abschied hell ...
  40   Ulrike Draesner
    
feld elternlos
  39   Ursula Krechel
    
Weiß wie
  38   Heinrich Detering
    
Kilchberg
  37   Hendrik Rost
    
Requiem
  36   Walle Sayer
    
Vom Flüchtigschönen
  35   Nico Bleutge
    
grauwacke
  34   Rolf Haufs
    
Kinderjuni
  33   Thomas Rosenlöcher
    
Die Hoffnungsstufen
  32   Jan Koneffke
    
Dem toten Kind in einer Oktobernacht
  31   Arne Rautenberg
    
drei amseln
  30   Oskar Loerke
    
Ans Meer
  29   Jean Krier
    
„Alles ist in den besten Anfängen“
  28   Werner Laubscher
    
Winterreise. Wintersprache
  27   Wolfgang Schlenker
    
stichwort minimieren
  26   Christoph Meckel
    
Kind
  25   Günter Grass
    
Die Vorzüge der Windhühner
  24   Jürgen Theobaldy
    
Blume mit Geruch
  23   Ann Cotten
    
Rosa Meinung
  22   Horst Samson
    
Edoms Nacht
  21   Christian Steinbacher
    
Belegte Brotzeit
  20   Bianca Döring
    
Allein
  19   Simone Kornappel
    
muxmäuschen
  18   Jörg Burkhard
    
in gauguins alten basketballschuhen
  17   Konstantin Ames
    
dreißig lenze
  16   Wilhelm Lehmann
    
Auf sommerlichem Friedhof
  15   Joachim Zünder
    
Die Finnische Bibliothek
  14   Kathrin Schmidt
    
waage, vorm wasser
verchromt, gestählt
  13   Marion Poschmann
    
latenter Ort
  12   Rainer Malkowski
    
Bist du das noch?
  11   Gerhard Falkner
    
die roten schuhe
  10   Wolfgang Hilbig
    
Pro domo et mundo
  9   Katharina Schultens
    
die möglichkeit einer verwechslung ...
  8   Michael Donhauser
     Lass rauschen Lied ...
  7   Ulrich Zieger
     an den vater von sem,
  6   Elisabeth Langgässer
     Erster Adventssonntag
  5   Levin Westermann
     wie ein fresko
  4   Dirk von Petersdorff
     Raucherecke
  3   Ulrich Koch
     Danke
  2   Steffen Popp
     Fenster zur Weltnacht
  1   Adolf Endler
     Dies Sirren
     
Neue Folge