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Friedrich Ani
Versehrte Verse

Einmal im Wald, begegnete ich Adelheid
Duvanel, sie ging sehr schnell, als
flitzte sie ihrem Schatten davon, ihrem
Gatten, ihrem Land. Und sie ritzte, während
sie zwischen Bäumen verschwand und an
Ästen Fetzen ihrer Träume wehten, versehrte
Verse in den Wind. Zum Beten vielleicht fürs
Kind, das ihren Schoß nie fand.

  Der gelbe Akrobat – Neue Folge 58

Michael Buselmeier
Im Juliwald



Die 1936 in Basel geborene Poetin Adelheid Duvanel, an die das vorge­stellte Gedicht erinnert, hat ihr Leben lang von nichts anderem als der Ein­sam­keit geschrie­ben. Die Frauen, Männer und Kinder, von denen sie erzählt, wohnen vor­wiegend allein in laut­losen Räumen, sie treiben auf Eis­schol­len, und sie leiden am Dasein. Manche geraten in Wahn­sinn und landen in der Psychiatrie. Alle wirken „versehrt“ oder „ver­stört“, sind Seelen­krüppel, Unglücks­würmer, Säufer. Doch diese Beschä­dig­ten erweisen sich auch als starrköpfig und geben sich nicht leicht geschla­gen. Im finsteren Wald singen sie, um sich Mut zu machen, laut: „Wir kommen aus dem Mohren­land und haben schwarze Ohren.“
  Die vielen Prosastücke und wenigen Gedichte, die Adelheid Duvanel auf­gezeichnet hat, sind von dunkler poetischer Kraft, doch zugleich auch „versehrt“ wie die Alltags­leute selbst, sie zerfallen in Teile, wobei tendenziell jeder Satz „einsam“ für sich steht, fremd neben seinen Mit-Sätzen: „Die schwarzen Leder­hand­schuhe lagen neben dem halb­vollen Glas kreuzweise über­einander wie die Hände eines Menschen.“ Ein wenig erinnern Duvanels Minia­turen an die ihres Lands­mannes Robert Walser, der freilich über eine Vielzahl von Formen und Masken verfügte, während sie nur einen einzigen, gran­diosen (Kinder-)Ton anzu­schlagen vermag, der das Schluchzen mühsam verbirgt.
  Friedrich Anis Gedicht erzählt von einer verstö­renden Begeg­nung mit Adelheid Duvanel in einem geheim­nis­vollen (Märchen-)Wald: Sie hetzte oder „flitzte“ wie ein Gespenst auf der Flucht am Beobachter vorüber und „ritzte“ dabei ihre „versehrten / Verse in den Wind.“ Der Binnenreim „flitzte“ / „ritzte“ wirkt gefähr­lich zugespitzt, fast aggressiv, auch der dunkle Reim „Schatten“ / „Gatten“ verheißt nichts Gutes. (Weitere Reimketten wie „Land“ / „verschwand“ / „fand“ oder „Wind“ / „Kind“ struktu­rieren das eher kurze Gedicht.) Ob ein solches oder ähnliches Zusammen­treffen wirklich statt­fand, muss offen bleiben. Selt­samer­weise spart Ani aber den töd­lichen Höhe­punkt einer mög­lichen Wald­begeg­nung aus, eine haar­sträu­bende, kaum zu über­bietende Groteske: Am 11. Juli 1996 ist Adelheid Duvanel in einem ihr vertrauten Wald bei Basel in einer „bitter­kalten Sommernacht“, unter Schlaf­mitteln stehend, erfroren – ein halber Suizid, der in einigen ihrer Texte vor­weg­genommen wird.
  Auch die harte Schlusszeile von Friedrich Anis Gedicht, die von einem „Kind, das ihren Schoß nie fand“, spricht, sollte nicht unkommen­tiert stehen bleiben. Adelheid Duvanel ist, wie ihrem wohl kaum erfun­denen Text „Meine Enkelin Blanca Adela“ (aus dem Erzäh­lungs­band „Der letzte Früh­lings­tag“, 1997) ent­nommen werden kann, mit einem Maler namens Joseph verheiratet gewesen, sie hatte eine in Spanien lebende Tochter, die eben­falls Adel­heid hieß, und eine Enkelin namens Blanca Adela, was auch soviel wie Adelheid bedeutet. Sie war also selbdritt vor­handen, war keines­wegs un­frucht­bar und nicht gänzlich „allein“, sondern in eine wie immer verfasste Familie emo­tional ein­gebun­den, was die Selbst­tötung in der Juli­nacht ziemlich erschwert haben dürfte.
  Friedrich Ani, von dem hin und wieder Gedichte im „Jahrbuch der Lyrik“ zu lesen sind, ist im Haupt­beruf ein höchst er­folg­reicher und vielfach preis­ge­krönter Autor von Kri­minal­romanen um einen Ermitt­ler namens Tabor Süden. Er schreibt auch Dreh­bücher für Fern­seh­spiele und Serien wie „Tatort“, „Stahlnetz“ und „Rosa Roth“, wird sogar als „Simenon von München“ apostro­phiert. Dass er daneben noch Kraft und Muße findet für eine so abseitige Tätig­keit wie das Schreiben von avan­cierten, dunkel gefärb­ten Gedichten, in denen es gerade nicht „zur Sache“ geht wie im Krimi, sondern um die kleinen, neben­säch­lichen Dinge und Töne am Weg­rand, die kaum einer beachtet, um Rhythmus und Reim, ist be­wunderns­wert.

Friedrich Ani wurde 1959 in Kochel am See geboren und lebt heute als Schrift­steller und Dreh­buch­autor in München. Er schreibt neben Erzäh­lungen, Kriminal- und Jugend­romanen auch Gedichte. 2009 erschien im Zsolnay Verlag der Gedicht­band „Mit­schnitt“. Das vor­gestellte Poem stammt aus dem „Jahrbuch der Lyrik“, DVA 2013. Wir danken für die Wieder­gabe im Rahmen dieses Gedichtkommentars.

Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht     03.10.2015




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