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Günter Grass
Die Vorzüge der Windhühner

Weil sie kaum Platz einnehmen
auf ihrer Stange aus Zugluft
und nicht nach meinen zahmen Stühlen picken.
Weil sie die harten Traumrinden nicht verschmähen,
nicht den Buchstaben nachlaufen,
die der Briefträger jeden Morgen vor meiner Tür verliert.
Weil sie stehen bleiben,
von der Brust bis zur Fahne
eine duldsame Fläche, ganz klein beschrieben,
keine Feder vergessen, kein Apostroph …
Weil sie die Tür offen lassen,
der Schlüssel die Allegorie bleibt,
die dann und wann kräht.
Weil ihre Eier so leicht sind
und bekömmlich, durchsichtig.
Wer sah diesen Augenblick schon,
da das Gelb genug hat, die Ohren anlegt und verstummt.
Weil diese Stille so weich ist,
das Fleisch am Kinn einer Venus,
nähre ich sie. –

Oft bei Ostwind,
wenn die Zwischenwände umblättern,
ein neues Kapitel sich auftut,
lehne ich glücklich am Zaun,
ohne die Hühner zählen zu müssen –
weil sie so zahllos sind und sich ständig vermehren.


  Der gelbe Akrobat – Neue Folge 25

Michael Braun
Die Leichtigkeit der frühen Jahre



Seit nunmehr vier Jahrzehnten unterwirft sich Günter Grass in seinen Gedichten einer Gesinnungs­ästhetik, die den Formen­reichtum der poetischen Tradition fast aus­schließ­lich zur Bebilderung poli­tischer Bot­schaf­ten einsetzt. Der lyrische Offen­barungs­eid erfolgte spätestens in den 13 So­netten des Bandes „Novemberland“ (1993), als Grass sein Gekränkt­sein über den Prozess der deut­schen Wieder­ver­einigung in dürftige Agit­prop­verse trans­formierte. „Aus bittrem Sud fließt meine Litanei“, dichtete Grass, und deu­tete damit immer­hin an, dass ihm politisches Göt­ter­grollen wichtiger ist als poe­tische Ge­nauig­keit. Auch in seinen lyrischen „Ein­tags­fliegen“, mit denen er sich zum 85. Geburts­tag be­schenkte, hat sich der Prae­ceptor Ger­maniae mit reich­lich „Zorn“ munitioniert, um der Nation die wieder einmal die Welt­lage zu er­klären. Leider hatte sich Grass auch hier nicht vor­genommen, seinen Satzbau und seine formalen Defizite zu ver­bessern, sondern die Mensch­heit.
  Neben anti-israelischen Invektiven, die in ihrer politischen Verblendung kaum zu überbieten sind, finden sich in den „Eintags­fliegen“ auch mehr oder minder miss­glückte Gesänge über Europa.
  Im Grunde knüpft Grass mit den „Eintags­fliegen“ an seine Poe­tik des „Gele­gen­heits­gedichts“ an, die er bereits 1961 in einem launig-hedonis­tischen Auf­satz für die „Akzente“ formu­lierte und gegen die ihm ver­hassten „Labor­dichter“ rich­tete. „Ei­gent­lich bin ich Lyriker“, hat Grass einmal gesagt, „fast alle Ro­mane haben ihre Keim­zelle in einem Gedicht.“ Wer sich indes die Mühe macht, Grass' Gelegen­heits­gedich­te der späten 1950er Jahre mit den „gele­gent­li­chen Ge­dichten“ der „Ein­tags­fliegen“ zu ver­glei­chen, der wird sich dann doch grämen über den ekla­tanten Ver­lust an meta­phori­scher Phan­tasie und Ein­bil­dungs­kraft, der das Vergnügen an den „Eintags­flie­gen“ erheblich trübt.
  In seinem allerersten Buch, dem Lyrikband „Die Vorzüge der Windhühner“ von 1956, gelang dem jungen Grass noch die Ver­bindung von zarter sur­realis­tischer Bild­lich­keit und Gegen­warts­re­flexion, von sinn­licher Gegen­ständlich­keit und Phan­tastik. Die „Wind­hühner“ sind Phan­tasie­geschöpfe des jungen Dichters und Zeich­ners, die sich jeder Funk­tiona­lität und jeder Rea­lis­mus-Logik verweigern. Das „fili­grane Ge­flügel“, wie es Grass selbst nennt, ist mehr poe­tisches Wappen­tier denn Nutztier, und es zeigt sich frei­giebig und auf­ge­schlossen sind gegen­über den Bedürf­nis­sen des schrift­hun­grigen Dichters. Diese „Wind­hühner“ sind sehr agile Geschöpfe, sie er­nähren sich von „harten Traum­rinden“ und bilden bei Bedarf eine „duldsame“ Ein­schrei­bungs-„Fläche“ für ihren Schöpfer, den Dichter. Ihre Beweg­lichkeit und ihre Offen­heit sind An­triebs­kräfte, die der Dichter auch für seine eigene Arbeit braucht. Das schrei­bende Ich, das sich „glück­lich“ schätzt beim Anblick der „Wind­hühner“, lässt sich von ihrer sur­realen Existenz inspi­rieren zu ungeahnten Aus­schwei­fungen der Imagi­nation. Die Feder­zeichnung, die Grass seinem lyri­schen Erstling beigefügt hat, zeigt die Auto­nomie dieser biegsamen Phan­tasie­tiere, die von der „Zugluft“ beflügelt werden. Hier ist der erho­bene Zeige­finger des Mora­listen Grass noch nicht an­wesend, statt dessen die leichte Schreib­hand, die sich mitunter eine „Allegorie“ gönnt, ansonsten dem sinn­lich-kon­kreten Detail ver­pflich­tet bleibt. Nie wieder hat Günter Grass eine solche poetische Leich­tig­keit er­reicht.

Günter Grass, geboren 1927 in Danzig, absol­vierte 1947/48 eine Lehre bei einem Stein­metz in Düsseldorf und studierte danach Grafik und Bild­hauerei an der Kunst­akademie in Düssel­dorf und bis 1956 an der Hoch­schule für Bil­dende Künste in Berlin. 1956 erschien im Luchter­hand Verlag sein mit Feder­zeich­nungen illus­triertes Lyrikdebüt „Die Vorzüge der Wind­hühner“ (neu im Steidl Verlag, Göttingen 2008), dem das Gedicht entnommen ist. Wir danken für die Wiedergabe innerhalb des Kommentars.





Band 1
 
  Band 1  
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Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen      02.01.2013



 

Gedichte, kommentiert
von Michael Braun und
Michael Buselmeier

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