poetenladen    poet    web

●  Sächsische AutobiographieEine Serie von
Gerhard Zwerenz

●  Lyrik-KonferenzDieter M. Gräf und
Alessandro De Francesco

●  UmkreisungenJan Kuhlbrodt und
Jürgen Brôcan (Hg.)

●  Stelen – lyrische GedenksteineHerausgegeben
von Hans Thill

●  Americana – Lyrik aus den USAHrsg. von Annette Kühn
& Christian Lux

●  ZeitschriftenleseMichael Braun und
Michael Buselmeier

●  SitemapÜberblick über
alle Seiten

●  Buchladenpoetenladen Bücher
Magazin poet ordern

●  ForumForum

●  poetenladen et ceteraBeitrag in der Presse (wechselnd)

 

Heiner Müller
Traumwald

Heut nacht durchschritt ich einen Wald im Traum
Er war voll Grauen Nach dem Alphabet
Mit leeren Augen die kein Blick versteht
Standen die Tiere zwischen Baum und Baum
Vom Frost in Stein gehaun Aus dem Spalier
Der Fichten mir entgegen durch den Schnee
Trat klirrend träum ich seh ich was ich seh
Ein Kind in Rüstung Harnisch und Visier
Im Arm die Lanze Deren Spitze blinkt
Im Fichtendunkel das die Sonne trinkt
Die letzte Tagesspur ein goldener Strich
Hinter dem Traumwald der zum Sterben winkt
Und in dem Lidschlag zwischen Stoß und Stich
Sah mein Gesicht mich an: das Kind war ich.


  Der gelbe Akrobat – Neue Folge 94

Michael Buselmeier
Schmerzensmann


Das mir, seit ich es kenne und schrittweise verstehe, immer näher rückende Gedicht „Traumwald“ habe ich nicht unter Heiner Müllers Gesammelten Gedichten entdeckt, sondern zunächst im zweiten und letzten Band der Gespräche, die Alexander Kluge mit Müller geführt hat. „Ich bin ein Landvermesser“ lautet der Buchtitel. Das Gespräch wurde am 9. Oktober 1995 in RTL gesendet, zweieinhalb Monate vor Müllers Tod. Das Gedicht selbst erschien bereits am 9. Januar 1995 im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.
  „Traumwald“ spricht leise und eindringlich vom Sterben. Heiner Müller hat die Verse 1994 unmittelbar nach einer komplizierten Krebsoperation, bei welcher ihm die Speiseröhre entfernt wurde, auf der Intensivstation zu Papier gebracht – ein Gebilde aus „klirrenden“ Krankheitsbildern. Es ist, metrisch exakt gefasst, ein Sonett, was bei Müller eher selten vorkommt. Wenn man dem Reimschema folgt, ergeben sich zwei vierzeilige und zwei dreizeilige Strophen. Strenge Formen, lehrt Müller, dichte lyrische Texte, helfen gegen die Schmerzen. Das wusste auch der nierenleidende Formkünstler und Dante-Nachdichter Stefan George schon. Beim Feilen an der Sprache und beim genauen Lesen vergisst man für ein paar Minuten die Krankheit.
  Auffallend sind die literarischen Bezüge, die das angeblich spontan im Krankenhaus entstandene Gedicht offenbart. Da ist einmal das „Kind in Rüstung Harnisch und Visier“, das der Gesprächspartner Alexander Kluge sofort als Richard Wagners der Mutter entlaufenen Sohn Parsifal identifiziert, während Müller vorsichtig einwendet, „ich wusste das nicht, als ich es geschrieben habe.“ Freilich ist das „Kind“ bei Wagner nur unzureichend mit Pfeil und Bogen ausgerüstet; von Lanze, „Harnisch und Visier“ noch keine Spur. Müllers Verhältnis zu Wagner und seiner Musik war eng, spätestens seit er 1993 in Bayreuth „Tristan und Isolde“ statuarisch in Szene gesetzt hatte.
  Der von Parsifal im heiligen Bezirk des Grals getötete Schwan singt in Müllers „Traumwald“-Version unsichtbar hinter den Kulissen. Dafür gerät „das Kind“ bei beiden Autoren zum Todesboten: „Der reine Tor“, klagt der an einer nie sich schließenden Wunde leidende Gralskönig Amfortas – „Dürft ich den Tod ihn nennen!“ Und der dem Ende nahe Heiner Müller erkennt hinter „dem Traumwald der zum Sterben winkt“ den Doppelgänger, sein eigenes „Gesicht“: „das Kind war ich.“ Anfang und Ende berühren sich hier.
  Zu Beginn des Gedichts wird zwischen den Zeilen auf Dantes „Göttliche Komödie“ angespielt, genauer: auf den berühmte Beginn des ersten Gesangs aus dem „Inferno“ mit den fünffüßig voranschreitenden Jamben: „Es war in unseres Lebensweges Mitte, / Als ich mich fand in einem dunklen Walde, / Denn abgeirrt war ich vom rechten Weg ...“ – so heißt es in Karl Wittes Übertragung. In beiden Fällen ist der Wald „voll Grauen“, auch wegen der „Tiere“, die „mit leeren Augen“ im „Spalier der Fichten“ auftauchen und dem einsamen Wanderer bedrohlich „entgegen“ treten. Doch während in Dantes großem Poem Vergil als „von oben“, vom Paradies direkt auserwählter Retter erscheint, gibt es für Heiner Müllers Schmerzensmann eigentlich keinen Ausweg.
  Einen plausiblen Grund für seine tödliche Erkrankung glaubte Müller weniger im steten Zigarrenrauchen und Whiskytrinken als darin erkannt zu haben, „dass ich seit Jahren keine Möglichkeit gesehen habe, ein Stück zu schreiben.“ Es sei für ihn „eine Lebensfunktion, Stücke zu schreiben, und wenn das aussetzt, fehlt irgendwas, fehlt die Motivation.“ Die Gedichte des Spätwerks, so reich und ergreifend sie, wie im vorliegenden Beispiel, auch sind, konnten den Verlust offenbar nicht ausgleichen. Die in ihrem Kern lyrischen Stücke werden selbst – so mein Eindruck – auf deutschen Bühnen kaum noch aufgeführt. Daraus könnte sich eine neue Blütezeit der Gedichte ergeben.

Heiner Müller einer der wichtigsten deutschen Theatermacher in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, wurde 1929 in Eppendorf in Sachsen geboren. Er war längere Zeit Autor, Dramaturg, zuletzt auch Intendant des Berliner Ensembles. Er starb am 30. Dezember 1995 in Berlin. Das vorgestellte Gedicht stammt aus: Heiner Müller, Werke Band 1. Die Gedichte; Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1998.

Copyright: Heiner Müller, Werke. Herausgegeben von Frank Hörnigk, Band 1: Die Gedichte. © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1998. Alle Rechte bei und vorbehalten durch den Suhrkamp Verlag Berlin.

Kommentar, 01.10.2018




Band 1
 
  Band 1  
M. Braun & M. Buselmeier
Der gelbe Akrobat (1. Band)
100 deutsche Gedichte der Gegenwart,
kommentiert
Taschenbuch
360 Seiten, 18.80 Euro
poetenladen Verlag 2011

Weitere Details   
portofrei online (Shop 1)  

  M. Braun & M. Buselmeier
Der gelbe Akrobat (2. Band)
50 deutsche Gedichte der Gegenwart,
kommentiert
Broschiert mit farb. Vorsatz
186 Seiten, 18.80 Euro
poetenladen Verlag 2016

Weitere Details   
portofrei online (Shop 1)  

 


 

 

 

Gedichte, kommentiert
von Michael Braun und
Michael Buselmeier

    Heiner Müller
Liste
Gefördert durch den
Deutschen Literaturfonds



  96   Ernst Blass
    
An Gladys
  95   Michael Buselmeier
    
Holzpuppe
  94   Heiner Müller
    
Traumwald
  93   Thomas Böhme
    
Neunundzwanzigster Februar
  92   Katrine von Hutten
    
Beschreibung
  91   Dieter M. Gräf
    
Nach Mattheuer
  90   Arnfrid Astel
    
Leda
  89   Michael Krüger
    
Im Winter
  88   Ralph Dutli
    
Salzzauber
  87   Christiane Heidrich
    
Today I am functional (1)
  86   Wulf Kirsten
    
die rückkehr der wölfe
  85   Maren Kames
    
Im Siel
  84   Gregor Laschen
    
Drüben, im ›Winkel von Hardt‹
  83   Christoph Wenzel
    
ländlich, der mundraum
  82   Werner Lutz
    
Ja, bin unterwegs
  81   Kenah Cusanit
    
Gottesgedicht, unberuhigt
  80   Sascha Kokot
    
sobald die Stadt ...
  79   Ror Wolf
    
Dritter unvollständiger Versuch
  78   Horst Bingel
    
Felsenmeer
  77   Tristan Marquardt
    
nachts, ich laufe nach hause
  76   Harald Gerlach
    
Gründe, linkselbisch
  75   Birgit Kreipe
    
schienen stillgelegt
  74   Hanns Cibulka
    
Böhmischer Rebstock
  73   Karin Fellner
    
Eine Zeitfalte weiter
  72   David Krause
    
Wolken
  71   Jürgen Nendza
    
An manchen Tagen
  70   Harry Oberländer
    
kurz vor der revolution
  69   Mara-Daria Cojocaru
    
Ich bin
  68   Hilde Domin
    
Antwort
  67   Elisabeth Borchers
    
Zukünftiges
  66   Günter Herburger
    
Großjean, der aus einem ...
  65   Georg Leß
    
Kondorlied
  64   Thomas Kling
    
Tessiner beinhaus. wandbild
  63   Rainer René Mueller
    
Da ist es
  62   Ernst S. Steffen
    
Man sagt
  61   Henning Ziebritzki
    
Elster
  60   Jürgen Brôcan
    
Fremde ohne Souvenir
  59   Carolin Callies
    
wackersteine im wams
  58   Friedrich Ani
    
Versehrte Verse
  57   Elke Erb
    
»Ursprüngliche Akkumulation«
  56   Uwe Kolbe
    
Heidelberg, den 14ten August
  55   Sonja vom Brocke
    
Kunde
  54   Sünje Lewejohann
    
krähen
  53   Jan Wagner
    
im brunnen
  52   Susanne Stephan
    
Frontier
  51   Silke Scheuermann
    
Uraniafalter
  50   Mirko Bonné
    
Der Zischelwind
  49   Judith Zander
    
fürs erste leb im später
  48   Andreas Rasp
    
diese steine hier
  47   Marcus Roloff
    
hl. grab, eingang wahlkapelle
  46   Clemens J. Setz
    
Motte
  45   Martina Weber
    
jetzt, da die letzten bilder verschwunden sind
  44   Paul Zech
    
Der Nebel fällt
  43   Klaus Merz
    
Expedition
  42   Christian Lehnert
    
Du bist die Aussicht  ...
  41   Àxel Sanjosé
    
Zum Abschied hell ...
  40   Ulrike Draesner
    
feld elternlos
  39   Ursula Krechel
    
Weiß wie
  38   Heinrich Detering
    
Kilchberg
  37   Hendrik Rost
    
Requiem
  36   Walle Sayer
    
Vom Flüchtigschönen
  35   Nico Bleutge
    
grauwacke
  34   Rolf Haufs
    
Kinderjuni
  33   Thomas Rosenlöcher
    
Die Hoffnungsstufen
  32   Jan Koneffke
    
Dem toten Kind in einer Oktobernacht
  31   Arne Rautenberg
    
drei amseln
  30   Oskar Loerke
    
Ans Meer
  29   Jean Krier
    
„Alles ist in den besten Anfängen“
  28   Werner Laubscher
    
Winterreise. Wintersprache
  27   Wolfgang Schlenker
    
stichwort minimieren
  26   Christoph Meckel
    
Kind
  25   Günter Grass
    
Die Vorzüge der Windhühner
  24   Jürgen Theobaldy
    
Blume mit Geruch
  23   Ann Cotten
    
Rosa Meinung
  22   Horst Samson
    
Edoms Nacht
  21   Christian Steinbacher
    
Belegte Brotzeit
  20   Bianca Döring
    
Allein
  19   Simone Kornappel
    
muxmäuschen
  18   Jörg Burkhard
    
in gauguins alten basketballschuhen
  17   Konstantin Ames
    
dreißig lenze
  16   Wilhelm Lehmann
    
Auf sommerlichem Friedhof
  15   Joachim Zünder
    
Die Finnische Bibliothek
  14   Kathrin Schmidt
    
waage, vorm wasser
verchromt, gestählt
  13   Marion Poschmann
    
latenter Ort
  12   Rainer Malkowski
    
Bist du das noch?
  11   Gerhard Falkner
    
die roten schuhe
  10   Wolfgang Hilbig
    
Pro domo et mundo
  9   Katharina Schultens
    
die möglichkeit einer verwechslung ...
  8   Michael Donhauser
     Lass rauschen Lied ...
  7   Ulrich Zieger
     an den vater von sem,
  6   Elisabeth Langgässer
     Erster Adventssonntag
  5   Levin Westermann
     wie ein fresko
  4   Dirk von Petersdorff
     Raucherecke
  3   Ulrich Koch
     Danke
  2   Steffen Popp
     Fenster zur Weltnacht
  1   Adolf Endler
     Dies Sirren
     
Neue Folge