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Jürgen Theobaldy
Blume mit Geruch

Die Asche ist schwer vom Regenguss.
Die Schießbudenfigur klappt um
und erhebt sich aus Schmieröl und Dreck,
der Lack strahlt in allen Farben ab.

Du schaust nach dem Regenbogen aus:
Er gibt wenig her für das Kind,
das du warst, und jetzt flammt die Sonne auf
an der Reibe des Raums dort draußen!

Das Süße brodelt aus der Wurzel,
endlich, der Knolle, der Zwiebel,
die Kisten rücken ins Freie, alles Obst,
dein Ohr streift die Knospen, das Gattertor,
ein Büschel Blätter im Flug, das aufruft
zum Kampf, zum Schulbeginn, zum Friseur.

Der Tag rückt eine Stunde vor.
Am Schießstand platzt der Gips: getroffen!
Für dich die gelbe Blume mit Geruch.
Skelette vor der Geisterbahn
schauen sich die frohen Kinder an.



  Der gelbe Akrobat – Neue Folge 24

Michael Buselmeier
Leiser Aufbruch


Das Gedicht Blume mit Geruch, das Jürgen Theobaldys jüngsten Band Suchen ist schwer eröffnet, scheint sich aus dem warmen Dunst der Kindheit zu erheben. Begriffe wie Intimität, Nähe, auch Enge stel­len sich wie von selbst ein, Atmo­sphäri­sches, Düfte, Säfte, eine Erin­nerung an die Mann­heimer Neckar­stadt ver­mutlich, in der der 1944 geborene Theo­baldy auf­gewachsen ist, ein Arbeiter- und Kleine-Leute-Viertel, wo auch sein erster Roman Sonntags Kino (1978) ange­siedelt ist. Das Gedicht erzählt in einer bewusst ein­fachen, vom Alltag wenig abge­hobenen, schein­bar schmuck­losen Sprache von einem Asche­platz, der zugleich als Mess­platz und Schrottplatz dient und wohl auch dem Wochen­markt zur Ver­fügung steht. Am Rand solcher Plätze tum­melten sich in den 50er und 60er Jahren mit Vor­liebe Kinder und Jugend­liche, spielten ihre kleinen Spiele und warteten auf das große Aben­teuer, das nie eintraf.
  Der Platz ist schlammig vom Regen, in den Pfützen spiegelt sich das ausge­laufene Schmier­öl, das regenbogenfarben aufglänzt. „An der Reibe des Raums“, dort also, wo die Atmo­sphären auf­einander­treffen und sich an­einander „reiben“, flammt plötzlich die Sonne auf. Zugleich bemerkt das Kind im eigenen Körper, an der Wärme der Luft, an den knos­penden Zweigen, aber auch anhand der Obst­kisten, die „ins Freie“ gerückt werden, den nahenden Frühling, der es „zum Kampf, zum Schul­beginn, zum Friseur“ aufruft – ein Aufbruch, der so wohl nur in der Jugend denkbar ist. Dass dabei auch „zum Kampf“ aufge­fordert wird, mag eine ironi­sche Remi­niszenz an die Parolen von 1968 sein.
  Erst nach dieser für das Gedicht entscheidenden dritten Strophe rückt der Tag „eine Stunde vor.“ Besonders der Schieß­stand und die Geister­bahn haben es den jungen Jahrmarkt-Besuchern ange­tan. Einer von ihnen, viel­leicht der lyrische Sprecher selbst, viel­leicht sein Vater oder Onkel, hat, die Gips­kapsel durch­brechend, eine Kunstblume geschossen, die er einem Du überreicht: eine gelbe Blume „mit Geruch“, was ein mittle­res Wunder bedeutet. Blumen, zumal solche, die auf der Früh­jahrs­messe erwor­ben werden, müssen einfach duften, während wir uns inzwischen ja daran gewöhnt haben, an nahezu jedem Blumen­stand Rosen ange­boten zu bekommen, die nach nichts riechen.
  Das Gedicht hält einen kleinen Aufbruch fest – wie wenig ist dazu nötig! In Jürgen Theo­baldys Arbeiten ist, unabhängig davon, wann sie ent­standen sind, das helle, positive Lebens­gefühl der 70er Jahre wirk­sam geblieben, auch in der „Aschezeit“, in der wir ange­kommen zu sein scheinen, der versöhnliche Abglanz von Früh­ling und Sommer als eine Art Konti­nuum, der lako­nische Ton der Alltags­lyrik, eine beson­dere Gelassenheit im Umgang mit Sprache und Welt­geschehen, eine (alters-)milde Melancholie. Reim und Metrum sind dabei nur am Rand hilf­reich. „Wie gewaltig / ist er doch, dein winziger, / dein ganz privater / Anteil an der Ewigkeit!“
  Auch bei den meisten anderen Gedichten aus dem Band Suchen ist schwer bleibt ungewiss, in welchem Jahr sie geschrieben wurden, „irgendwann“ eben, wie es im Nachwort heißt, auf jeden Fall aber mit leichter Hand: „Auch ich suche nach einer Liebe / für diesen Sommer und Verse, mit Kreide / an die bröselnde Mauer geschrieben.“

Jürgen Theobaldy wurde 1944 in Straßburg geboren, wuchs in Mannheim auf, studierte in Heidelberg, Köln und Berlin Germanistik. Seit 1984 lebt er in der Schweiz. Das vor­gestellte Gedicht wurde dem Band Suchen ist schwer ent­nommen, der 2012 im Verlag Peter Engstler erschien.
Wir danken Verlag und Autor für die Wieder­gabe des Gedichts im Rahmen des Kommentars.



Band 1
 
  Band 1  
M. Braun & M. Buselmeier
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Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen      03.12.2012



 

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