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Michael Krüger
Im Winter


Bei der Schneewehe lag ich,
bei den Lärchen, wo im Herbst
der Wind die Schafe sammelt,
und wartete auf das Ende
der Zerstreuung. Kein Vogel mehr
in den Ebereschen, kein Laut,
kein Durcheinander im weißen Staat.
Unergründlich und leer.
Ich sah, bei geschlossenen Augen,
die rissigen Hände meiner Großmutter,
wie sie den Apfel viertelte
mit sicherer Hand
und uns zu Gleichen machte
an einem Nachmittag im Winter.

  Der gelbe Akrobat – Neue Folge 89

Michael Braun
Meditation unter freiem Himmel



Michael Krügers späte Gedichte verstehen sich als »Meditationen unter freiem Himmel« und arbeiten an einer »anderen Geschichtsschreibung«. Es ist eine poetische Geschichtsschreibung, die der Bewegung der Zweige eines Vogelbeerstrauchs mehr Zeichenhaftigkeit und Vernunft zuspricht als den sich von jeder Rationalität entfernenden Machtspielen und Zerstörungskämpfen einer angeblich aufgeklärten Menschheit. Krüger schreibt Gelegenheitsgedichte im besten Sinn, er entwirft exemplarische Augenblicke seines lyrischen Alter Ego, profane Erleuchtungen, die aus einer Alltagserfahrung hervorgehen. Mit ein paar wenigen Strichen skizzieren diese Gedichte die Landschaft einer Kindheit, Erinnerungsbilder an Dörfer und Felder in Sachsen-Anhalt im Herzen Mitteldeutschlands. Es sind sehr konzentrierte, emphatische Vergegenwärtigungen einer untergegangenen agrarischen Welt, elegische Genrebilder einer Lebensform, in der man »die Ehrfurcht des Staunens« und die Wahrnehmung der Welt einüben kann. Wenn hier »schwere Wolken über den sächsischen Himmel« ziehen, wie es etwa im Gedicht »Wo ich geboren wurde« heißt, dann erfährt das lyrische Ich in dieser Sehnsuchtslandschaft die Stunden der wahren Empfindung. In diesen Gedichten des Bandes »Einmal einfach« (2018) präsentiert sich Michael Krüger so entschlossen wie nie zuvor als Landschaftsmaler, der die Natur als paradiesischen Raum erlebt, aus dem man vertrieben worden ist und in den man nur mit Hilfe von Gedichten zurückkehren kann. Dabei ist es vor allem die sinnliche Erscheinung der Bäume, ihr phänomenale Präsenz, die der Dichter als Offenbarung erlebt. »Wenn der Apfelbaum nicht wär / in meinem Garten, ich gäbe auf«, so sagt es das Gedicht »Alltag«. In einem anderen Text erscheint der Apfelbaum gar als der Ort des Heiligen: »Wenn mich nicht alles täuscht, / hat Gott sich in meinem Apfelbaum versteckt.« Die Eberesche, die Lärche, der Nussbaum, die Kiefer, der Bergahorn: Die Bäume in Krügers Gedichten sind – darin vergleichbar den berühmten Baumgedichten Michael Hamburgers – Symbole lebendiger Anwesenheit und Inbegriff des Bleibens, verändern sie sich doch ständig, bilden Ringe aus, werfen Laub oder Nadeln ab und erblühen neu.
  Auch im vorliegenden Gedicht verwandelt die Erinnerung den stillen Moment eines Wintertags in eine mystische Erfahrung. Das Ich ist über und über beschneit von einem Erinnerungsbild, in dem die Welt für ein paar Sekunden stillsteht und der »weiße Staat«, das Regime des Schnees die Schönheit der Bäume und den Gesang der Vögel verstummen lässt. Es ist der mystische Moment, das »Nunc stans«, das aus dem Jetzt und Hier hervortritt (»Unergründlich und leer«). Die Apfelteilung der Großmutter erscheint als Initiationsritus: Sie ermöglicht ein Grundvertrauen in die Welt, das später verloren geht und nur von der Dichtung zurückerobert werden kann. Das mehrdeutige Bild vom »Ende der Zerstreuung« verweist zum einen auf das Abwerfen der Nadeln durch die Lärche im Herbst und zum anderen auf den Bewusstseinszustand der Zerstreutheit und des ersehnten Geöffnetseins für die Welt, in der sich das Subjekt befindet. Die treffendste Charakteristik der späten Gedichte Michael Krügers stammt von der Schweizer Literaturkritikerin Beatrice von Matt: »Mit einer Einfachheit, die mühelos scheint, setzt dieser Lyriker beim konkreten Einzelnen an, um es auszuweiten in einen Raum der atmenden Reflexion. Das ist Kunst.«

Michael Krüger, geboren 1943 in Wittgendorf/Zeitz, war viele Jahre Lektor und später Geschäftsführer des Carl Hanser Verlags und Herausgeber der Literaturzeitschrift Akzente. Er ist seit 2013 Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. Er ist seit 1976 Autor von Gedichten, Geschichten. Novellen und Romanen. 1976 erschien bei Hanser sein poetisches Debüt Reginapoly, 2018 bei Suhrkamp sein jüngster Gedichtband Einmal einfach. Neben vielen anderen Auszeichnungen erhielt er 1986 den Peter-Huchel-Preis und 2010 den Joseph Breitbach-Preis. Das vorliegende Gedicht ist der Sammlung Einmal einfach entnommen.

Wir danken Autor und Verlag für die Wiedergabe im Kontext des Gedichtkommentars.
»Im Winter«, aus: Michael Krüger, Einmal einfach. Gedichte. S. 40.
© Suhrkamp Verlag Berlin 2018.

Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht     01.05.2018




Band 1
 
  Band 1  
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