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Mirko Bonné
Der Zischelwind

Noch einmal geht der müde Engel
am grünen Fluss entlang auf Wanderschaft,
im Laub das rasselnde Gezwitscher
von jungen Amseln und den Schatten.

Am Abend regnet es im alten Park,
vorbeirauscht der Verkehr. Die letzten Schritte,
das Blinken der verwaisten Spielgeräte
und dunkel Duft nach Gras im Schatten.

Im Zischelwind hört er die Sterne.
Mit Kinderblicken folgen ihm die Margeriten,
wenn einmal noch im Park am Fluss
der Engel eintaucht in die Schatten.


  Der gelbe Akrobat – Neue Folge 50

Michael Buselmeier
Müder Engel



Mirko Bonnés Gedicht „Der Zischelwind“ verweist implizit auf Georg Trakls 1912 entstandenes Poem „De profundis“ und ist gewissermaßen dessen Fort­schreibung. In beiden Gedichten kommen die Hauptworte Engel, Abend, Sterne und Schatten vor, aber auch ein so seltenes wie der Zischelwind. Der Kontext ist freilich verschieden. Bei Trakl herrscht tiefe Melancholie und Todesnähe. „Wie traurig dieser Abend“ könnte über jeder Strophe, jeder Zeile stehen. Das Ich des Dichters befindet sich nachts „auf einer Heide, / Starrend von Unrat und Staub der Sterne.“ Bei Bonné geht es stiller und bedächtiger zu, man spürt als Leser eine kontrollierte Mattigkeit, ein gelassenes sich Vergewissern des Faktischen. Man sieht einen „müden Engel“ auf „Wanderschaft“. Er geht ruhig „am grünen Fluss entlang“, durch den „alten Park“, an dem ein trivialer Autoverkehr „vorbeirauscht“; das Gras duftet, die „verwaisten Spielgeräte“ blinken, bis der Engel schließlich „eintaucht in die Schatten.“
  Trakls radikales und düsteres Werk ist bis heute, gerade durch seine rätsel­haft verdich­teten Bilder und seinen geheimnis­vollen Klang, für jeden Lyriker eine Heraus­forderung, der sich der Trakl-Verehrer Bonné souverän und mit Fein­gefühl stellt. So ist Trakl als „müder Engel“, der die Sterne hört, in seinem Gedicht anwesend, ebenso seine Traumwelt, Schatten und Zischel­wind. Der typische Trakl-Ton aber wird ver­mieden (oder klingt nur manchmal an), der „verweste Leib im Dornen­busch“, das Klingen „kristallner Engel“. Und ebenso die apokalyptische Schwärze, der Eindruck, es ginge mit jedem Vers um alles.
  Bonné hat eine eigene, luzide Sprache entwickelt, eine poetische Realität von subtiler Künstlichkeit: drei Strophen im jambischen Metrum, doch ohne Reim, deren jede mit dem Wort „Schatten“ endet, jedoch nicht mit „Finsternis“ und nicht mit „Verfall“. Bonnés Gedicht spielt an einem bestimmten Ort, dem Traklpark in Innsbruck, am Ufer des grünen Inn, ein Park, der zugleich ein Kinderspielplatz ohne Kinder ist und anders als Stefan Georges „totgesagter park“ vom modernen Verkehr umbraust. Trakl soll sich hier öfter aufgehalten haben, wenn er den Freund Ludwig von Ficker besuchte. Die „jungen Amseln“ zwitschern, die Margeriten werfen „Kinderblicke“, am Abend regnet es – ein Landschaftsgedicht, wohl geordnet und trotz der oft ungewohnten Bilder dem Leser zugewandt. In anderen Texten Bonnés spielen Tiere mit, Blumen und Bäume sprechen, die Trauerweiden „rasseln“, der Wind „tuschelt“, man bemerkt ein „Schnarren“, „Rieseln“, „Keuchen“. Das Wunderbare ist auf romantische Weise ganz normal und gegenwärtig, subtile Alltags­poesie eben, die sich vor Ort inselhaft gegen den täglichen Schrecken behauptet.
  Im Nachwort deutet Bonné mit leichtem Selbstzweifel die Frage an, ob und wie seine Gedichte vor denen Trakls bestehen können. Aber ist ihm gegenüber nicht alles, was wir geschrieben haben und noch schreiben, Anmaßung, Bastelei? Und wie würde dieses zerrüttete Genie, „Bruder Trakl“ (Franz Fühmann), heute dich­ten? Passen seine extremen Verse, Visionen des Untergangs, Bilder verkohlter Tiere und Menschen, überhaupt in unsere mittel­europäische Wohlfühl­landschaft? Wer käme ihm unter den deutschen Lyrikern der Gegenwart nahe? Vielleicht eine so singuläre Gestalt wie der Apoka­lyptiker Wolfgang Hilbig, der seit 2007 tot ist …

Mirko Bonné wurde 1965 in Tegernsee geboren, er lebt als Schrift­steller und Übersetzer aus dem Englischen in Ham­burg. 2014 gab er zusammen mit Tom Schulz den Band „Trakl und wir. Fünfzig Blicke in einen Opal“ heraus (Stif­tung Lyrik Kabinett München). Das vorgestellte Gedicht stammt aus dem Band „Traklpark“, Schöffling & Co, Frankfurt am Main 2012.

Wir danken Autor und Verlag für die Wiedergabe im Rahmen dieses Gedichtkommentars.



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Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht     02.02.2015

 

 

 

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