poetenladen    poet    web

●  Sächsische AutobiographieEine Serie von
Gerhard Zwerenz

●  Lyrik-KonferenzDieter M. Gräf und
Alessandro De Francesco

●  UmkreisungenJan Kuhlbrodt und
Jürgen Brôcan (Hg.)

●  Stelen – lyrische GedenksteineHerausgegeben
von Hans Thill

●  Americana – Lyrik aus den USAHrsg. von Annette Kühn
& Christian Lux

●  ZeitschriftenleseMichael Braun und
Michael Buselmeier

●  SitemapÜberblick über
alle Seiten

●  Buchladenpoetenladen Bücher
Magazin poet ordern

●  ForumForum

●  poetenladen et ceteraBeitrag in der Presse (wechselnd)

 

Oskar Loerke
Ans Meer

Der Nebel reißt, der albisch kroch
Aus meinem Blut zum Totenfeld:
Ein Morgen scheint ins Wolkenloch
Hoch auf die Welt.

Das Leben kommt von weitem her.
Und es geschieht, was einst geschah?
Mit ihrer Wäsche fährt ans Meer
Nausikaa.

Ein Weg weist nach Byzanz und Rom,
Für mich betritt ihn der Barbar.
Im Stein verwittert schon am Dom
Sein Mund, sein Haar.

Doch wann bin ich? Der Morgen währt,
Ein Rauschen ruft, ein Meer ist nah –
Ans Meer mit ihrer Wäsche fährt
Nausikaa.


  Der gelbe Akrobat – Neue Folge 30

Michael Buselmeier
Das Rettende



Gegen Schluss seines Essays Nausikaa ima­giniert der Pfälzer Dichter Werner Laub­scher das Früh­jahr 1945, das Kriegs­ende und seine Ge­fangen­nahme bei Remagen. Der Sieb­zehn­jährige und andere Kinder­sol­daten haben ihre Gas­masken und Stahl­helme weg­gewor­fen. Nach regne­rischen Tagen „kam die Sonne aus einem Wolken­loch hervor.“ Sie stehen im Kreis, haben die Arme ein­ander um die Schul­tern gelegt, um sich gegen­seitig auf den Beinen zu halten, und plötzlich spricht ein etwas Älterer ein paar Verse, „kühl wie ein Wasser und ein Wind.“ Er rezi­tiert Oskar Loerkes Gedicht Ans Meer. Es klingt in den Ohren der demo­rali­sierten Jungen, die es noch nie gehört haben, zugleich fern und selt­sam ver­traut, wie eine Verheißung auf eine bessere Zukunft: „Der Nebel reißt, der albisch kroch / Aus meinem Blut zum Toten­feld.“
  Neun Jahre später wird das erste Heft des ersten Jahr­gangs der von Walter Höllerer und Hans Bender heraus­gege­benen Lite­ratur­zeitschrift Akzente mit eben diesem Gedicht eröffnet. Günter Eich, der ur­sprüng­lich an Benders Stelle als Mit­heraus­geber vor­ge­sehen war, hatte es aus­gewählt. Da die für die Ent­wicklung der deut­schen Nach­kriegs­literatur so bedeut­samen Akzente ohne eine Vor­rede er­schienen, wuchs den Versen Loerkes 1954 natur­gemäß etwas Pro­gramma­tisches zu, nämlich die Erwartung eines neuen, „ins Wolken­loch“ scheinenden lite­rari­schen Aufbruchs.
  Oskar Loerkes Gedicht Ans Meer wurde zuerst in dem Band Atem der Erde (1930) veröffentlicht. Man muss es einfach nur hören, seinen suggestiven Ton, den ganz eigenen Rhythmus, die Kreuzreime. Eine Stimme spricht, ja sie springt mich unmittelbar an, noch bevor ich den Text als ganzen verstehe. Was anfangs vielleicht dunkel erscheint, gewinnt bei genauerem Nach-Lesen Klarheit und Tiefe, ohne sich eins zu eins auflösen zu lassen. Dieses große mythische Gedicht weiß sein Geheimnis zu bewahren.
  Nausikaa, die Tochter des Phäaken-Königs Alkinoos, die im sechsten Gesang der Odyssee den nackten, schiff­brüchi­gen Helden am Ufer des Meeres vor­findet und beklei­det, steht als Chiffre für das Rettende, das selbst im Chaos der neu­zeit­lichen Welt, im „albisch“ kriechenden Nebel überdauert – ein Zufluchts­bild. Aus Loerkes, aber auch aus Laubschers und Eichs Sicht verkörpert sie „das Leben“, das „von weitem“ kommt, aus mythi­scher Vorzeit, und sich ständig wieder­holt und erneuert: „Und es geschieht, was einst geschah.“ Das Rettende erscheint als schlichter „Morgen“ im „Wolkenloch“, während Macht­zentren wie Byzanz und Rom und auch die Dome der Christen­heit unter­gegangen oder verwittert sind.
  „Doch wann bin ich?“ lautet die sehr direkte Frage zu Beginn der vierten Stro­phe. Auch wer? Und wo? Du bist dort, könnte die Antwort heißen, wo du im zeitlosen Licht „ein Rauschen“ hörst, die Nähe des Meeres spürst und weißt: „Ans Meer mit ihrer Wäsche fährt / Nausikaa.“ Dort, wo das lyri­sche Ich in der als ewig gleich erfahrenen Natur des Meeres (oder in anderen Gedichten Loerkes: des Waldes) ver­ankert und zu Hause ist. In dem Sinn waren Oskar Loerke wie auch sein Freund Wilhelm Lehmann „Naturmystiker“, ein etwas un­zeit­gemäßer Begriff, gegen den aber, zumal bei Lyrikern dieser Generation und dieser Bild­kraft, nichts einzuwenden sein dürfte. Wer hätte heute, da sie und ihr Werk weithin vergessen erscheinen, die Stirn, ihnen „falsches Bewusst­sein“ vorzuwerfen?

Oskar Loerke wurde 1884 in Jungen in Westpreußen geboren. Ab 1903 lebte er in Berlin, seit 1917 war er als Lektor beim S. Fischer Verlag tätig, schrieb neben Prosa und Gedichten auch Essays und Rezen­sionen. Er starb 1941 in Berlin. Zu Loerkes Leb­zeiten erschienen sieben meist zyklisch angelegte Gedicht­bände, von Wanderschaft (1911) bis Der Wald der Welt (1936). Das vorgestellte Gedicht stammt aus Sämtliche Gedichte, hrsg. von Uwe Pörksen und Wolfgang Menzel, zwei Bände, Wallstein Verlag, Göttingen 2010.



Band 1
 
  Band 1  
M. Braun & M. Buselmeier
Der gelbe Akrobat (1. Band)
100 deutsche Gedichte der Gegenwart,
kommentiert
Taschenbuch
360 Seiten, 18.80 Euro
poetenladen Verlag 2011

Weitere Details   
portofrei online (Shop 1)  

  M. Braun & M. Buselmeier
Der gelbe Akrobat (2. Band)
50 deutsche Gedichte der Gegenwart,
kommentiert
Broschiert mit farb. Vorsatz
186 Seiten, 18.80 Euro
poetenladen Verlag 2016

Weitere Details   
portofrei online (Shop 1)  

 


Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen      01.06.2013



 

 

Gedichte, kommentiert
von Michael Braun und
Michael Buselmeier

    Oskar Loerke
  81   Kenah Cusanit
    
Gottesgedicht, unberuhigt
  80   Sascha Kokot
    
sobald die Stadt ...
  79   Ror Wolf
    
Dritter unvollständiger Versuch
  78   Horst Bingel
    
Felsenmeer
  77   Tristan Marquardt
    
nachts, ich laufe nach hause
  76   Harald Gerlach
    
Gründe, linkselbisch
  75   Birgit Kreipe
    
schienen stillgelegt
  74   Hanns Cibulka
    
Böhmischer Rebstock
  73   Karin Fellner
    
Eine Zeitfalte weiter
  72   David Krause
    
Wolken
  71   Jürgen Nendza
    
An manchen Tagen
  70   Harry Oberländer
    
kurz vor der revolution
  69   Mara-Daria Cojocaru
    
Ich bin
  68   Hilde Domin
    
Antwort
  67   Elisabeth Borchers
    
Zukünftiges
  66   Günter Herburger
    
Großjean, der aus einem ...
  65   Georg Leß
    
Kondorlied
  64   Thomas Kling
    
Tessiner beinhaus. wandbild
  63   Rainer René Mueller
    
Da ist es
  62   Ernst S. Steffen
    
Man sagt
  61   Henning Ziebritzki
    
Elster
  60   Jürgen Brôcan
    
Fremde ohne Souvenir
  59   Carolin Callies
    
wackersteine im wams
  58   Friedrich Ani
    
Versehrte Verse
  57   Elke Erb
    
»Ursprüngliche Akkumulation«
  56   Uwe Kolbe
    
Heidelberg, den 14ten August
  55   Sonja vom Brocke
    
Kunde
  54   Sünje Lewejohann
    
krähen
  53   Jan Wagner
    
im brunnen
  52   Susanne Stephan
    
Frontier
  51   Silke Scheuermann
    
Uraniafalter
  50   Mirko Bonné
    
Der Zischelwind
  49   Judith Zander
    
fürs erste leb im später
  48   Andreas Rasp
    
diese steine hier
  47   Marcus Roloff
    
hl. grab, eingang wahlkapelle
  46   Clemens J. Setz
    
Motte
  45   Martina Weber
    
jetzt, da die letzten bilder verschwunden sind
  44   Paul Zech
    
Der Nebel fällt
  43   Klaus Merz
    
Expedition
  42   Christian Lehnert
    
Du bist die Aussicht  ...
  41   Àxel Sanjosé
    
Zum Abschied hell ...
  40   Ulrike Draesner
    
feld elternlos
  39   Ursula Krechel
    
Weiß wie
  38   Heinrich Detering
    
Kilchberg
  37   Hendrik Rost
    
Requiem
  36   Walle Sayer
    
Vom Flüchtigschönen
  35   Nico Bleutge
    
grauwacke
  34   Rolf Haufs
    
Kinderjuni
  33   Thomas Rosenlöcher
    
Die Hoffnungsstufen
  32   Jan Koneffke
    
Dem toten Kind in einer Oktobernacht
  31   Arne Rautenberg
    
drei amseln
  30   Oskar Loerke
    
Ans Meer
  29   Jean Krier
    
„Alles ist in den besten Anfängen“
  28   Werner Laubscher
    
Winterreise. Wintersprache
  27   Wolfgang Schlenker
    
stichwort minimieren
  26   Christoph Meckel
    
Kind
  25   Günter Grass
    
Die Vorzüge der Windhühner
  24   Jürgen Theobaldy
    
Blume mit Geruch
  23   Ann Cotten
    
Rosa Meinung
  22   Horst Samson
    
Edoms Nacht
  21   Christian Steinbacher
    
Belegte Brotzeit
  20   Bianca Döring
    
Allein
  19   Simone Kornappel
    
muxmäuschen
  18   Jörg Burkhard
    
in gauguins alten basketballschuhen
  17   Konstantin Ames
    
dreißig lenze
  16   Wilhelm Lehmann
    
Auf sommerlichem Friedhof
  15   Joachim Zünder
    
Die Finnische Bibliothek
  14   Kathrin Schmidt
    
waage, vorm wasser
verchromt, gestählt
  13   Marion Poschmann
    
latenter Ort
  12   Rainer Malkowski
    
Bist du das noch?
  11   Gerhard Falkner
    
die roten schuhe
  10   Wolfgang Hilbig
    
Pro domo et mundo
  9   Katharina Schultens
    
die möglichkeit einer verwechslung ...
  8   Michael Donhauser
     Lass rauschen Lied ...
  7   Ulrich Zieger
     an den vater von sem,
  6   Elisabeth Langgässer
     Erster Adventssonntag
  5   Levin Westermann
     wie ein fresko
  4   Dirk von Petersdorff
     Raucherecke
  3   Ulrich Koch
     Danke
  2   Steffen Popp
     Fenster zur Weltnacht
  1   Adolf Endler
     Dies Sirren
     
Neue Folge