poetenladen    poet    web

●  Sächsische AutobiographieEine Serie von
Gerhard Zwerenz

●  Lyrik-KonferenzDieter M. Gräf und
Alessandro De Francesco

●  UmkreisungenJan Kuhlbrodt und
Jürgen Brôcan (Hg.)

●  Stelen – lyrische GedenksteineHerausgegeben
von Hans Thill

●  Americana – Lyrik aus den USAHrsg. von Annette Kühn
& Christian Lux

●  ZeitschriftenleseMichael Braun und
Michael Buselmeier

●  SitemapÜberblick über
alle Seiten

●  Buchladenpoetenladen Bücher
Magazin poet ordern

●  ForumForum

●  poetenladen et ceteraBeitrag in der Presse (wechselnd)

 

Rainer Malkowski
Bist du das noch?

Bist du das noch?
Ohne Herrschaft über das Alphabet
und die Lautstärke
deiner Stimme?

Schmerz, das ist,
was du nicht aushalten kannst.

Der Verlust
des Stolzes,

der Erinnerung
an Glück.

Amoralische
Vereinzelung.

Das Hirn degeneriert
zu einem einzigen Gedanken.

Alptraum,
noch lange danach:
daß du die Hand
nicht an die Klingel bringst.


  Der gelbe Akrobat – Neue Folge 12

Michael Buselmeier
Letzte Verse


Um 1975 war die auf Alltags­erfah­rung gründende Lyrik der „Neuen Subjek­tivität“ in der literarischen Öffent­lichkeit der Bundes­republik etabliert. Ihre Prota­gonisten zumal (Jürgen Theobaldy, Nicolas Born, F.C. Delius) bemühten sich, Triumph und Scheitern der Jugend­revolte poetisch aufzuarbeiten, in einer einfachen, tenden­ziell jedem verständ­lichen Diktion. Ihre Alltags­gedichte widmeten sich besonders den nahen Dingen: Miniaturen, Stillleben, Porträts. So meinte etwa Rolf Dieter Brinkmann 1968, ein Gedicht könne nur das an Material aufnehmen, „was wirklich alltäg­lich abfällt“, was man wahr­nimmt, „wenn man aus dem Fenster guckt, auf der Straße steht, an einem Schau­fenster vorbeigeht.“

Auch Rainer Malkowski wird gelegentlich der Neuen Subjek­tivität zugerechnet, doch er passt da nicht recht hin, denn er hat seine Erfahrungen nicht im Umfeld der Studentenbewegung gemacht. Auch der anglo-amerikanische Underground und die Lyrik der Beatniks (von Allen Ginsberg bis Charles Bukowski) scheinen ihn nicht beeindruckt zu haben. Der Bruch in Malkowskis Biographie ist von anderer, jedoch nicht weniger radi­kaler Art: 1971 gab er seine Position als Geschäfts­führer der damals größten deut­schen Werbe­agentur auf. Entschlossen, nur noch dem Schreiben zu leben, zog er sich von Düsseldorf aufs Land, nach Ober­bayern zurück, wo er bis zu seinem Krebstod im Jahr 2003 wohnte.

Sein erster Gedichtband Was für ein Morgen erschien 1975 in der edition suhrkamp. Wie dieser sparen auch die folgenden Bände Politik und Werbewelt weitgehend aus. In lockerem, heiter-melancho­lischem Tonfall kon­zentriert sich Malkowski auf Themen wie Natur (oder besser: Land­schaft) und Kunst (vor allem die bildenden Künste), die von der aggres­siven Massen­kultur noch nicht sichtbar infiziert zu sein scheinen. Doch sind auch seine Gedichte, ähnlich wie die der politisch moti­vierten All­tags­poeten, vom Bemühen um Ver­ständ­lichkeit bestimmt. Sie sind nicht meta­phorisch verschlüsselt, heben auch die vertraute Syntax nirgendwo aus den Angeln. Eine eher diskursive Sprache greift unspek­takuläre Szenen auf, Bio­graphisches, Erin­nerungen. Der Dichter versteht es, das Erlebte zu schönen, oft über­raschenden Gedanken­bildern und präg­nanten Refle­xions­ketten umzu­formen. Er tritt dabei betont leise auf, präzis sein Handwerk reflek­tie­rend, mit Distanz und Gelassen­heit – nur „bescheiden“ ist er nicht. Er weiß, wer er ist und was es bedeutet, in dieser Zeit ein freier Künstler zu sein; er weiß auch hart zu urteilen, besonders über sich selbst: „Liebe ich vielleicht / die Dinge mehr / als die Menschen? / Das stimmt nicht, das ist wahr.“

Das hier vorgestellte Gedicht stammt aus Malkowskis zehntem, postum erschie­nenen Band Die Herkunft der Uhr. Er enthält letzte Verse, im Bewusst­sein des nahen Todes geschrieben; vielleicht auch Versuche, den Tod mit­tels immer genaue­rer Wahrnehmung und Selbst­beobachtung auf Distanz zu halten, um den Erschei­nungen endlich doch gerecht zu werden: Er habe nicht bemerkt, wie seine Jahre vergingen, schreibt dieser so Aufmerk­same bedauernd, und sich „zu wenig Zeit genommen / für die Betrach­tung der Sterne.“

„Bist du das noch?“ Schon der Gedichtanfang mit einer Frage (oder mit einem Ausruf oder einer ironischen Sentenz) ist nicht untypisch für Malkowski. Es folgen Befürchtungen und Reflexionen, die sich verschärfende Krankheit betreffend; unerträglich werdende Schmerzen, möglicher Verlust von Stolz und Erinnerung, „amoralische / Vereinzelung.“ Ganz am Ende des Buches (und des Lebens) stehen jene tapferen Zeilen, fast ein Gebet, in welchem der Sterbende die eigene Urteilskraft bittet, bei ihm auszuharren: „Urteils­kraft, verlaß mich nicht im Nebel der Medikamente, wo die letzte, die gemauerte Einsamkeit beginnt.“

Rainer Malkowski wurde 1939 in Berlin-Tempelhof geboren. Seit 1972 lebte er in Brannen­burg am Inn, wo er 2003 starb. Das vorge­stellte Gedicht wurde dem Band Die Herkunft der Uhr, Carl Hanser Verlag, München 2004, entnommen.

Wir danken dem Hanser Verlag für die freundliche Genehmigung zur Wiedergabe des Gedichts im Kontext dieses Kommentars.





Band 1
 
  Band 1  
M. Braun & M. Buselmeier
Der gelbe Akrobat (1. Band)
100 deutsche Gedichte der Gegenwart,
kommentiert
Taschenbuch
360 Seiten, 18.80 Euro
poetenladen Verlag 2011

Weitere Details   
portofrei online (Shop 1)  

  M. Braun & M. Buselmeier
Der gelbe Akrobat (2. Band)
50 deutsche Gedichte der Gegenwart,
kommentiert
Broschiert mit farb. Vorsatz
186 Seiten, 18.80 Euro
poetenladen Verlag 2016

Weitere Details   
portofrei online (Shop 1)  

 


Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen      03.11.2011



 

Gedichte, kommentiert
von Michael Braun und
Michael Buselmeier

    Rainer Malkowski
  77   Tristan Marquardt
    
nachts, ich laufe nach hause
  76   Harald Gerlach
    
Gründe, linkselbisch
  75   Birgit Kreipe
    
schienen stillgelegt
  74   Hanns Cibulka
    
Böhmischer Rebstock
  73   Karin Fellner
    
Eine Zeitfalte weiter
  72   David Krause
    
Wolken
  71   Jürgen Nendza
    
An manchen Tagen
  70   Harry Oberländer
    
kurz vor der revolution
  69   Mara-Daria Cojocaru
    
Ich bin
  68   Hilde Domin
    
Antwort
  67   Elisabeth Borchers
    
Zukünftiges
  66   Günter Herburger
    
Großjean, der aus einem ...
  65   Georg Leß
    
Kondorlied
  64   Thomas Kling
    
Tessiner beinhaus. wandbild
  63   Rainer René Mueller
    
Da ist es
  62   Ernst S. Steffen
    
Man sagt
  61   Henning Ziebritzki
    
Elster
  60   Jürgen Brôcan
    
Fremde ohne Souvenir
  59   Carolin Callies
    
wackersteine im wams
  58   Friedrich Ani
    
Versehrte Verse
  57   Elke Erb
    
»Ursprüngliche Akkumulation«
  56   Uwe Kolbe
    
Heidelberg, den 14ten August
  55   Sonja vom Brocke
    
Kunde
  54   Sünje Lewejohann
    
krähen
  53   Jan Wagner
    
im brunnen
  52   Susanne Stephan
    
Frontier
  51   Silke Scheuermann
    
Uraniafalter
  50   Mirko Bonné
    
Der Zischelwind
  49   Judith Zander
    
fürs erste leb im später
  48   Andreas Rasp
    
diese steine hier
  47   Marcus Roloff
    
hl. grab, eingang wahlkapelle
  46   Clemens J. Setz
    
Motte
  45   Martina Weber
    
jetzt, da die letzten bilder verschwunden sind
  44   Paul Zech
    
Der Nebel fällt
  43   Klaus Merz
    
Expedition
  42   Christian Lehnert
    
Du bist die Aussicht  ...
  41   Àxel Sanjosé
    
Zum Abschied hell ...
  40   Ulrike Draesner
    
feld elternlos
  39   Ursula Krechel
    
Weiß wie
  38   Heinrich Detering
    
Kilchberg
  37   Hendrik Rost
    
Requiem
  36   Walle Sayer
    
Vom Flüchtigschönen
  35   Nico Bleutge
    
grauwacke
  34   Rolf Haufs
    
Kinderjuni
  33   Thomas Rosenlöcher
    
Die Hoffnungsstufen
  32   Jan Koneffke
    
Dem toten Kind in einer Oktobernacht
  31   Arne Rautenberg
    
drei amseln
  30   Oskar Loerke
    
Ans Meer
  29   Jean Krier
    
„Alles ist in den besten Anfängen“
  28   Werner Laubscher
    
Winterreise. Wintersprache
  27   Wolfgang Schlenker
    
stichwort minimieren
  26   Christoph Meckel
    
Kind
  25   Günter Grass
    
Die Vorzüge der Windhühner
  24   Jürgen Theobaldy
    
Blume mit Geruch
  23   Ann Cotten
    
Rosa Meinung
  22   Horst Samson
    
Edoms Nacht
  21   Christian Steinbacher
    
Belegte Brotzeit
  20   Bianca Döring
    
Allein
  19   Simone Kornappel
    
muxmäuschen
  18   Jörg Burkhard
    
in gauguins alten basketballschuhen
  17   Konstantin Ames
    
dreißig lenze
  16   Wilhelm Lehmann
    
Auf sommerlichem Friedhof
  15   Joachim Zünder
    
Die Finnische Bibliothek
  14   Kathrin Schmidt
    
waage, vorm wasser
verchromt, gestählt
  13   Marion Poschmann
    
latenter Ort
  12   Rainer Malkowski
    
Bist du das noch?
  11   Gerhard Falkner
    
die roten schuhe
  10   Wolfgang Hilbig
    
Pro domo et mundo
  9   Katharina Schultens
    
die möglichkeit einer verwechslung ...
  8   Michael Donhauser
     Lass rauschen Lied ...
  7   Ulrich Zieger
     an den vater von sem,
  6   Elisabeth Langgässer
     Erster Adventssonntag
  5   Levin Westermann
     wie ein fresko
  4   Dirk von Petersdorff
     Raucherecke
  3   Ulrich Koch
     Danke
  2   Steffen Popp
     Fenster zur Weltnacht
  1   Adolf Endler
     Dies Sirren
     
Neue Folge