poetenladen    poet    web

●  Sächsische AutobiographieEine Serie von
Gerhard Zwerenz

●  Lyrik-KonferenzDieter M. Gräf und
Alessandro De Francesco

●  UmkreisungenJan Kuhlbrodt und
Jürgen Brôcan (Hg.)

●  Stelen – lyrische GedenksteineHerausgegeben
von Hans Thill

●  Americana – Lyrik aus den USAHrsg. von Annette Kühn
& Christian Lux

●  ZeitschriftenleseMichael Braun und
Michael Buselmeier

●  SitemapÜberblick über
alle Seiten

●  Buchladenpoetenladen Bücher
Magazin poet ordern

●  ForumForum

●  poetenladen et ceteraBeitrag in der Presse (wechselnd)

 

 

Sonja vom Brocke
Kunde

Das Doktorphantom auf der Terrasse. Wenn du jetzt deine Slipper ausziehst
beschützt dich die Schlange oder greift sie dich an?
Und was jetzt.     Nein
du hast keine Ahnung. Zahlst die Pommes und taumelst
bläst in den Pan-Hals, knackst
und denkst an Gregor, Saskia oder Ev
mit dem dicken, sichtlich erschöpfenden Haar.
Sie trägt ihr Kind wie angeboren, dazu ein Broschenaccessoire.
Ihr weht eine Brise von Malven und Stepptanz und der Typ (Typ Sporttyp)
hat kräftige Zehen und beißt in einen Apfel.

Während du reinkriechst, mal wieder die Brüste verspielst
(beheben) und zur Büste versteinst. In der ein zäher Nerv, ein – holder –
ein – hohler –
  geräumiges Kulthaus der Abelam.

Jetzt beschützt dich die Schlange oder greift sie dich an?

  Der gelbe Akrobat – Neue Folge 55

Michael Braun
Früchte der Erkenntnis



Auf der Suche nach einer angemessenen Sprache der Liebe landet die Poesie immer wieder bei der bibli­schen Geschichte vom Sünden­fall. Auch im Gedicht von Sonja vom Brocke, das – nach einer ersten, ober­flächlichen Lektüre – auf einem ganz anderen Schau­platz situiert scheint. Alles deutet zunächst auf eine satu­rierte Lebenswelt hin, auf zer­streute Gegen­wärtig­keit. Die „Slipper“, mit denen man sich auf der „Terrasse“ bewegt, die „Pommes“, das „Broschen­accessoire“ und der „Sporttyp“: Das gehört zum Inventar unserer Alltagsroutinen. Die Details werden eher beiläufig ins Bild gerückt, in flüchtiger Wahr­nehmung gestreift. Aber schon zu Beginn stört da etwas die Idylle, ein mythisch über­determi­niertes Tier taucht auf, die Schlange, ein poeti­sches Sinnbild voller Ambi­valenzen. Und auch die lyrische Rede ist voller Unruhe.
  Die Stimme, die uns von einem „Du“ berichtet, wechselt nervös die Register, schwankt zwischen der lässigen Bei­läufig­keit der Alltagsrede und inter­mittierenden Signalen aus mythischen Kontexten.
  Je intensiver man sich mit den Bild­welten des Gedichts beschäftigt, desto unabweis­barer drängen sich religiöse Konno­ta­tionen auf. In sprung­hafter Asso­ziation und nervö­ser Innen­schau lässt die Sprecherin des Gedichts die Gescheh­nisse eines ereignis­armen Alltags Revue passieren. Aber da ist immer wieder die Schlange als zentraler Topos, der alle Auf­merksamkeit einfordert.
  In das Räsonne­ment des lyrischen Subjekts hat die Dichterin Sonja vom Brocke sehr subtil religiöse Zeichen und Motive der biblischen Schöpfungs­erzäh­lung eingewoben.
  Die ersten beiden Menschen, so berichtet die Genesis, vermögen im Garten Eden die Prüfungen des Lebens nicht zu bestehen. Denn im Garten, „verlockend anzu­sehen und mit köstli­chen Früchten“ (Genesis, 2,9) befindet sich „der Baum der Erkennt­nis von Gut und Böse“, der tabu ist. Die Schlange, die „schlauer (ist) als alle Tiere des Feldes“, verleitet Eva dazu, von den Früchten des Baums zu essen, ein fataler Biss in den Apfel, der zur Vertrei­bung aus dem Paradies führt. Diese bibli­schen Zeichen sind alle in Sonja vom Brockes Gedicht präsent. Die omnipräsente Schlange, von der nicht klar ist, ob sie als Beschützerin oder als Bedrohung zu gelten hat, ebenso wie die um einen Vokal reduzierte „Eva“ und der Apfel, in den in aufschluss­reicher Rollen­ver­tauschung der Mann, der attrak­tive „Sporttyp“ hinein­beißt.
  Die Fatalitäten der Liebe beginnen auch in diesem Gedicht mit der unglück­lichen Geschichte von Adam und Eva; ihr Scheitern ist das Modell der alten und neuen Liebes­unordnung, die sich bis ins Gedicht „Kunde“ fort­pflanzt. Sonja vom Brocke schreibt Gedichte, die mit dem alten Inventar und der Ikonografie der klassischen und romanti­scher Dichtung ebenso zu spielen ver­mögen wie mit den digitalen Zeichen und Alle­gorien des informations­tech­nischen Zeit­alters. Eine Zentral­gestalt ihrer stark mit Gemälden und visuel­len Motiven arbei­tenden Gedichte ist Amor, der als Alle­gorie gleich mehrfach in vom Brockes Debüt­band „Venice singt“ (Berlin 2015) auf­gerufen wird. Im Kapitel „Gemälde­galerie“ finden wir bei­spiels­weise ein Gedicht, in dem Amor als Honig­dieb dargestellt wird, der Schmerzen erleidet, weil er selbst anderen Schmerzen zugefügt bzw. Pfeile in den Körper geschossen hat.
  Im vorliegenden Gedicht bleibt vieles offen und rätsel­haft. Bereits der Titel oszil­liert ja zwischen der Bedeu­tung des Wortes „Kunde“ als Empfän­ger eines Produkts, dem „Kunden“ sexueller Dienstleistungen und dem Verb „künden“, dem Ver­künden einer Heils­bot­schaft. Ans Ende, bevor das Gedicht noch einmal die ambiva­lente Er­schei­nung der Schlange beschwört, wird neben den Gene­sis-Motiven auch ein mythi­scher Kraft­ort aus dem fernen Neu­guinea auf­gerufen, das „Kulthaus der Abelam“. Für eine winzige Bevöl­kerungs­gruppe in Papua-Neu­guinea ist dieses „Kult­haus“ der Ort einer mys­tischen Kom­muni­kation mit den Ahnen. Und auch dieses Gedicht von Sonja vom Brocke ist ein Ver­sammlungs­ort für reli­giöse Mythen und tradi­tionelle Codierungen von Liebe und Ver­lockung.

Sonja vom Brocke, geboren 1980 in Hagen, studierte Philo­sophie, Ger­manistik und Anglistik in Köln, Hamburg und Paris. Sie lebt in Berlin und hat mit bil­denden Künst­lern im In- und Ausland zusammen­ge­arbeitet. Ihr Gedicht Kunde ist ihrem Debüt­band Venice singt (Kookbooks, Berlin 2015) ent­nommen.
Wir danken Autorin und Verlag für die Wiedergabe des Gedichts im Kontext des Ge­dicht­kommentars.

Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht     02.07.2015




Band 1
 
  Band 1  
M. Braun & M. Buselmeier
Der gelbe Akrobat (1. Band)
100 deutsche Gedichte der Gegenwart,
kommentiert
Taschenbuch
360 Seiten, 18.80 Euro
poetenladen Verlag 2011

Weitere Details   
portofrei online (Shop 1)  

  M. Braun & M. Buselmeier
Der gelbe Akrobat (2. Band)
50 deutsche Gedichte der Gegenwart,
kommentiert
Broschiert mit farb. Vorsatz
186 Seiten, 18.80 Euro
poetenladen Verlag 2016

Weitere Details   
portofrei online (Shop 1)  

 


 

 

 

Gedichte, kommentiert
von Michael Braun und
Michael Buselmeier

    Sonja vom Brocke
  76   Harald Gerlach
    
Gründe, linkselbisch
  75   Birgit Kreipe
    
schienen stillgelegt
  74   Hanns Cibulka
    
Böhmischer Rebstock
  73   Karin Fellner
    
Eine Zeitfalte weiter
  72   David Krause
    
Wolken
  71   Jürgen Nendza
    
An manchen Tagen
  70   Harry Oberländer
    
kurz vor der revolution
  69   Mara-Daria Cojocaru
    
Ich bin
  68   Hilde Domin
    
Antwort
  67   Elisabeth Borchers
    
Zukünftiges
  66   Günter Herburger
    
Großjean, der aus einem ...
  65   Georg Leß
    
Kondorlied
  64   Thomas Kling
    
Tessiner beinhaus. wandbild
  63   Rainer René Mueller
    
Da ist es
  62   Ernst S. Steffen
    
Man sagt
  61   Henning Ziebritzki
    
Elster
  60   Jürgen Brôcan
    
Fremde ohne Souvenir
  59   Carolin Callies
    
wackersteine im wams
  58   Friedrich Ani
    
Versehrte Verse
  57   Elke Erb
    
»Ursprüngliche Akkumulation«
  56   Uwe Kolbe
    
Heidelberg, den 14ten August
  55   Sonja vom Brocke
    
Kunde
  54   Sünje Lewejohann
    
krähen
  53   Jan Wagner
    
im brunnen
  52   Susanne Stephan
    
Frontier
  51   Silke Scheuermann
    
Uraniafalter
  50   Mirko Bonné
    
Der Zischelwind
  49   Judith Zander
    
fürs erste leb im später
  48   Andreas Rasp
    
diese steine hier
  47   Marcus Roloff
    
hl. grab, eingang wahlkapelle
  46   Clemens J. Setz
    
Motte
  45   Martina Weber
    
jetzt, da die letzten bilder verschwunden sind
  44   Paul Zech
    
Der Nebel fällt
  43   Klaus Merz
    
Expedition
  42   Christian Lehnert
    
Du bist die Aussicht  ...
  41   Àxel Sanjosé
    
Zum Abschied hell ...
  40   Ulrike Draesner
    
feld elternlos
  39   Ursula Krechel
    
Weiß wie
  38   Heinrich Detering
    
Kilchberg
  37   Hendrik Rost
    
Requiem
  36   Walle Sayer
    
Vom Flüchtigschönen
  35   Nico Bleutge
    
grauwacke
  34   Rolf Haufs
    
Kinderjuni
  33   Thomas Rosenlöcher
    
Die Hoffnungsstufen
  32   Jan Koneffke
    
Dem toten Kind in einer Oktobernacht
  31   Arne Rautenberg
    
drei amseln
  30   Oskar Loerke
    
Ans Meer
  29   Jean Krier
    
„Alles ist in den besten Anfängen“
  28   Werner Laubscher
    
Winterreise. Wintersprache
  27   Wolfgang Schlenker
    
stichwort minimieren
  26   Christoph Meckel
    
Kind
  25   Günter Grass
    
Die Vorzüge der Windhühner
  24   Jürgen Theobaldy
    
Blume mit Geruch
  23   Ann Cotten
    
Rosa Meinung
  22   Horst Samson
    
Edoms Nacht
  21   Christian Steinbacher
    
Belegte Brotzeit
  20   Bianca Döring
    
Allein
  19   Simone Kornappel
    
muxmäuschen
  18   Jörg Burkhard
    
in gauguins alten basketballschuhen
  17   Konstantin Ames
    
dreißig lenze
  16   Wilhelm Lehmann
    
Auf sommerlichem Friedhof
  15   Joachim Zünder
    
Die Finnische Bibliothek
  14   Kathrin Schmidt
    
waage, vorm wasser
verchromt, gestählt
  13   Marion Poschmann
    
latenter Ort
  12   Rainer Malkowski
    
Bist du das noch?
  11   Gerhard Falkner
    
die roten schuhe
  10   Wolfgang Hilbig
    
Pro domo et mundo
  9   Katharina Schultens
    
die möglichkeit einer verwechslung ...
  8   Michael Donhauser
     Lass rauschen Lied ...
  7   Ulrich Zieger
     an den vater von sem,
  6   Elisabeth Langgässer
     Erster Adventssonntag
  5   Levin Westermann
     wie ein fresko
  4   Dirk von Petersdorff
     Raucherecke
  3   Ulrich Koch
     Danke
  2   Steffen Popp
     Fenster zur Weltnacht
  1   Adolf Endler
     Dies Sirren
     
Neue Folge