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Thomas Böhme
Neunundzwanzigster Februar


Für das Kind ist es nicht leicht zu begreifen.
Erst in vier Jahren antwortet ihm die Katze.
Die Vögel erlauben sich einen Scherz mit Brown Sugar.
Die Krähen haben eiserne Schnäbel und lesen Ernst Jünger.

Ich denke einmal muss die Welt auch erfahren
  daß ich der Diktator bin
  der den Träumen befiehlt wach zu bleiben.

Die Kerzen brennen herunter.
Die Tauben gurren.
Im Garten steht ein gezeichnetes Reh.
Ich hab zuviel Süßstoff genommen.

Einmal werdet ihr sagen
  dieses Schwein
  hat bei allen Meinungsumfragen gefehlt.

Die Tage sind heruntergebrannt.
Die Katzen leuchten von innen.
Die Vögel verbreiten Dämmerung.
Erloschen schon ist das Abendland.

Ihr glaubt gar nicht
  wie rabenstolz ich
  auf meine böhmische Großmutter war.

  Der gelbe Akrobat – Neue Folge 93

Michael Braun

Inventur eines Jahrestages

Ein Mensch, der nur alle vier Jahre Geburtstag habe, sei ein „unglückliches Geschöpf“, hat Georg Christoph Lichtenberg einmal behauptet. Denn der im Schaltjahr Geborene, so Lichtenberg, verliere „bare 75 Prozent im Vergleich mit anderen Menschen“. In Günter Eichs Märchen „Der 29. Februar“ gewinnt hingegen die von einer bösen Königinmutter verfolgte Prinzessin Klara nicht nur ihr Leben, sondern findet ihr Glück auf dem Berg der „365 Bruder-Könige“. Der sogenannte Schalttag am 29. Februar existiert ja nur, weil es die Erde in ihrer Umlaufzeit um die Sonne es nicht ganz in 365 Tagen schafft, jedes Jahr hinkt sie sechs Stunden hinterher, daher muss alle vier Jahre mit dem Schalttag der Rückstand ausgeglichen werden. Der 29. Februar ist in jedem Fall ein kalendarisches Ereignis, das einen nur alle vier Jahre zu betretenden Zwischenraum öffnet – in dem sich dann neue Daseinsmöglichkeiten entwickeln können. Der Leipziger Dichter Thomas Böhme, der in seinen frühen Gedichtbüchern als ein begeisterter Adept der „reinen Sprache“ Stefan Georges auftrat, hat sein lyrisch-fantastisches Protokoll des „neunundzwanzigsten Februar“ als eine heitere, surrealistisch flirrende Chronik eines Tages angelegt, an dem vieles aus den Fugen gerät. In lakonischen Sätzen bilanziert das lyrische Subjekt die wundersamen Ereignisse im kalendarischen Ausnahmezustand. Hier nimmt ein Dichter das Vorrecht seiner Zunft in Anspruch, vernunftlos zu träumen, eigene Welten und Parallelwelten zu entwerfen und sie in ungewöhnliche Verbindungen zu bringen. Es dominiert ein Gestus der ironischen Inventarisierung eines Tages: Ein banales Alltagsdetail („Ich hab zuviel Süßstoff genommen“) korrespondiert und kontrastiert hier mehrfach mit großem kulturgeschichtlichem Pathos („Erloschen schon ist das Abendland“). In Böhmes Gedicht wechseln vierzeilige Strophen, die im Zeilenstil gehalten sind und die Simplizität alltäglicher Vorgänge ebenso festhalten wie surreale Vorgänge, mit Dreizeilern, in denen das Dichter-Ich zu einer Standortbestimmung ansetzt. Böhmes Gedicht bezieht seinen großen Reiz aus der Kombination der Gegensätze, aus dem Zusammenprall des hohen und des niedrigen Stils: genus grande trifft auf genus humile. Leichthändig wird eine so prägnante wie schöne Definition der dichterischen Existenz entworfen: Denn „der Diktator, der den Träumen befiehlt, wach zu bleiben“, handelt wie der Dichter, der seine Einbildungskraft aktiviert und dem Imaginären Raum bietet. Die ironische Selbstbezichtigung des Dichter-Ichs wird schließlich auf die Spitze getrieben, wenn die Verweigerung der Partizipation am Meinungs-Diskurs als Mangel dargestellt wird. Der nur alle vier Jahre auftretende Jahrestag erlaubt dem Ich hier eine höchst eigenwillige Inventur seiner Existenz, die sich nicht an die Gesetze von Logik und empirischer Wahrscheinlichkeit halten muss. Die große Geste der Untergangs-Prophetie („Erloschen schon ist das Abendland“) wird lässig konterkariert mit bizarren Bildern („Die Krähen haben eiserne Schnäbel und lesen Ernst Jünger“). Thomas Böhme führt souverän Regie in diesem poetisch-kühnen Protokoll eines äußerst seltenen Jahrestages. Ans Ende seines ironisch funkelnden Gedichts setzt er eine emphatische Reminiszenz an die „böhmische Großmutter“. Mag sein, dass selbst diese so autobiografisch anmutende Sentenz eine Maske ist, ein neues schönes Illusionskunststück des zirzensischen Dichters Thomas Böhme.

Thomas Böhme, geboren 1955 in Leipzig, begann nach der vorzeitigen Entlassung aus dem Armeedienst ein Lehrerstudium an der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald, 1977 wurde er aus politischen Gründen exmatrikuliert. 1983 erschien sein Lyrik-Debüt, der Band „Mit der Sanduhr am Gürtel“ (Aufbau Verlag Berlin/Weimar). Seither erschienen rund 20 Bücher, zuletzt „101 Asservate: Alter Worte Welt“ (Connewitzer Verlagsbuchhandlung, Leipzig 2013) und „Abdruck im Niemandswo“ (Poetenladen, Leipzig 2016). Das vorliegende Gedicht ist Heft 1/2013 von „Sinn und Form“ entnommen.

01.09.2018




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Gedichte, kommentiert
von Michael Braun und
Michael Buselmeier

    Thomas Böhme
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