poetenladen    poet    web

●  Sächsische AutobiographieEine Serie von
Gerhard Zwerenz

●  Lyrik-KonferenzDieter M. Gräf und
Alessandro De Francesco

●  UmkreisungenJan Kuhlbrodt und
Jürgen Brôcan (Hg.)

●  Stelen – lyrische GedenksteineHerausgegeben
von Hans Thill

●  Americana – Lyrik aus den USAHrsg. von Annette Kühn
& Christian Lux

●  ZeitschriftenleseMichael Braun und
Michael Buselmeier

●  SitemapÜberblick über
alle Seiten

●  Buchladenpoetenladen Bücher
Magazin poet ordern

●  ForumForum

●  poetenladen et ceteraBeitrag in der Presse (wechselnd)

 

Ulrich Zieger
an den vater von sem,

auf den straßen der abgewiesenen liebhaber,
nach einem haisommer fliegen über jedem kopf zwei turteltauben,

die eine blutet still die andere lauthals,
eulen fallen aus astlöchern ob des durchdringenden pfeifens,

gartenstühle wurden in die pavillons geschoben,
die mitte des platzes bleibt leer dort verdampfen fontänen,

man hält sich an zeitungen zeitungen gehen,
sie werden am abend gebracht sie verschwinden schon bald,

wo die überschlagschaukel sich drehte hing später ein kranhaken,
daran hing nichts.


  Der gelbe Akrobat – Neue Folge 7

Michael Braun
Das große Verschwinden


Der Dichter Ulrich Zieger ist ein Liebhaber der Abgeschiedenheit: Sein Lebensweg ist dechiffrierbar als schritt­weiser Rückzug in das kontem­plative „Gehäus“, das seinem jüngsten Gedichtband den Titel gegeben hat. In Berlin, wo er in den 1980er Jahren in die kreativen, aber politisch doppel­bödigen Netz­werke der „Prenz­lauer Berg-Connection“ (Adolf Endler) involviert war, hielt es der aus dem sächsi­schen Döbeln stam­mende Autor nur zeit­weise aus. Einige Jahre engagierte er sich in der unabhängigen Theatergruppe „Zinnober“ und als Mit­heraus­geber der Indepen­dent-Magazine „Schaden“ und „Verwendung“. Sehr früh löste er sich dabei von den szenischen Selbst­verliebt­heiten der Prenzel­berg-Dichter und ent­wickelte einen eigen­ständigen, luziden Surrealismus, der die Gegen­stände seiner Poesie aus den Koordi­naten der Alltags­vernunft befreit und in wundersame Schwebe­zustände versetzt. Voraus­setzung für diese poetische Eman­zipation war die Abson­derung von den Selbst­täuschungen der Metro­polen-Poeten.

Sein erster Gedichtband „Neunzehn­hundertfünfund­sechzig“ (1990), der immerhin mit dem Nicolas Born-Preis ausge­zeichnet wurde, kreist in elegischen Sequenzen um eine düstere DDR-Kindheit, in die immer wieder eine unheimliche „Laut­losigkeit“ einbrach. Bereits 1989 ging Zieger nach Zwischen­stationen in Berlin und den USA nach Mont­pellier in Süd­frank­reich, wo er noch einen Roman und ein Drehbuch für einen Wim Wenders-Film fertig stellte, ehe er 1997 scheinbar endgültig von den Bühnen des Literatur­betriebs verschwand. Als Zeugnis seiner großen poetischen Kunst­fertigkeit blieb der 1992 publizierte Band „Große beruhigte Körper“ zurück – ein Versprechen auf eine Dichtkunst von suggestiver Schönheit, die den planen Realismus der Zeitgenossen überwindet.

Nach fast fünfzehn Jahren der planvollen Abwesenheit meldet sich Ulrich Zieger mit seinen „Aufwar­tungen im Gehäus“ zurück. Und seine Beschwö­rung einer bibli­schen Urszene, die in der lyrischen Adres­sierung „an den Vater von Sem“ anklingt, nimmt ein Motiv aus „Große beruhigte Körper“ wieder auf. Dort gibt es ein Gedicht, in dem ein im späten Mittel­alter ausgestorbener Vogel, die Dronte, ins Leere fliegt und dabei von einem Engel begleitet wird. Diesen Flug ins Leere scheinen auch die beiden „turtel­tauben“ des vorliegenden Gedichts zu absol­vieren. Dass diese beiden Turtel­tauben offenbar verletzt und blutig ihren Flug über den Köpfen vollziehen, darf man wohl als apokalyp­tisches Zeichen verstehen. Denn der „Vater von Sem“, der hier angerufen wird, ist der biblische Noah, der Welten­retter, der laut Überlieferung einige ausge­wählte Exemplare seiner Spezies vor der Sintflut bewahrt. Nach dem Bericht im Buch Mose zeugte Noah erst im Alter von fünfhundert Jahren seinen Sohn Sem, der dann mit seinen Brüdern Ham und Japhet die wieder kultivierbare Erde bevölkerte.

Ziegers Gedicht changiert zwischen einer phantas­tischen, traum­nahen und einer alltags­realis­tischen Darstel­lungs­weise. Das ironisch-expres­sionis­tische „Weltende“ des Jakob van Hoddis winkt von ferne herüber. Den einzelnen Gedicht-Abschnit­ten gemeinsam ist nur die Menschenleere, der fast fotografische Schwenk auf Pavillons und Spiel­plätze dokumen­tiert Szenarien der Verlas­sen­heit. Es ist ein Bild des großen Verschwindens, das von Situa­tionen erzählt, die soeben noch von einem regen Alltags­leben zeugten und jetzt nur noch Stummheit verkörpern. Jetzt ist nicht nur „die Mitte des Platzes“ leer – abwesend sind auch jene, die mit großer Ent­schlossen­heit ihr Geschick in die eigenen Hände nehmen wollten: die „abgewiesenen liebhaber“, die Flaneure im Garten, die Zeitungs­leser, die schau­kelnden Kinder. Die blutigen „turtel­tauben“ bringen keine Zweige mit, die ein rettendes Eiland anzeigen würden. Am Ende ragt nur noch ein funk­tions­loser Kranhaken ins Bild. „Man wird mich als schweigsam erinnern“, heißt es in einem anderen Gedicht von Ulrich Zieger, „man wird nichts mehr wissen.“

Ulrich Zieger, geboren 1961 in Döbeln, lebt als Schriftsteller und Übersetzer in Montpellier und Berlin. Sein Gedicht ist dem Band Aufwartungen im Gehäus entnommen, der in der Edition Rugerup (Berlin/Hörby, Schweden 2011) erschienen ist.






Band 1
 
  Band 1  
M. Braun & M. Buselmeier
Der gelbe Akrobat (1. Band)
100 deutsche Gedichte der Gegenwart,
kommentiert
Taschenbuch
360 Seiten, 18.80 Euro
poetenladen Verlag 2011

Weitere Details   
portofrei online (Shop 1)  

  M. Braun & M. Buselmeier
Der gelbe Akrobat (2. Band)
50 deutsche Gedichte der Gegenwart,
kommentiert
Broschiert mit farb. Vorsatz
186 Seiten, 18.80 Euro
poetenladen Verlag 2016

Weitere Details   
portofrei online (Shop 1)  

 


Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen      01.07.2011



 

Gedichte, kommentiert
von Michael Braun und
Michael Buselmeier

    Ulrich Zieger
  76   Harald Gerlach
    
Gründe, linkselbisch
  75   Birgit Kreipe
    
schienen stillgelegt
  74   Hanns Cibulka
    
Böhmischer Rebstock
  73   Karin Fellner
    
Eine Zeitfalte weiter
  72   David Krause
    
Wolken
  71   Jürgen Nendza
    
An manchen Tagen
  70   Harry Oberländer
    
kurz vor der revolution
  69   Mara-Daria Cojocaru
    
Ich bin
  68   Hilde Domin
    
Antwort
  67   Elisabeth Borchers
    
Zukünftiges
  66   Günter Herburger
    
Großjean, der aus einem ...
  65   Georg Leß
    
Kondorlied
  64   Thomas Kling
    
Tessiner beinhaus. wandbild
  63   Rainer René Mueller
    
Da ist es
  62   Ernst S. Steffen
    
Man sagt
  61   Henning Ziebritzki
    
Elster
  60   Jürgen Brôcan
    
Fremde ohne Souvenir
  59   Carolin Callies
    
wackersteine im wams
  58   Friedrich Ani
    
Versehrte Verse
  57   Elke Erb
    
»Ursprüngliche Akkumulation«
  56   Uwe Kolbe
    
Heidelberg, den 14ten August
  55   Sonja vom Brocke
    
Kunde
  54   Sünje Lewejohann
    
krähen
  53   Jan Wagner
    
im brunnen
  52   Susanne Stephan
    
Frontier
  51   Silke Scheuermann
    
Uraniafalter
  50   Mirko Bonné
    
Der Zischelwind
  49   Judith Zander
    
fürs erste leb im später
  48   Andreas Rasp
    
diese steine hier
  47   Marcus Roloff
    
hl. grab, eingang wahlkapelle
  46   Clemens J. Setz
    
Motte
  45   Martina Weber
    
jetzt, da die letzten bilder verschwunden sind
  44   Paul Zech
    
Der Nebel fällt
  43   Klaus Merz
    
Expedition
  42   Christian Lehnert
    
Du bist die Aussicht  ...
  41   Àxel Sanjosé
    
Zum Abschied hell ...
  40   Ulrike Draesner
    
feld elternlos
  39   Ursula Krechel
    
Weiß wie
  38   Heinrich Detering
    
Kilchberg
  37   Hendrik Rost
    
Requiem
  36   Walle Sayer
    
Vom Flüchtigschönen
  35   Nico Bleutge
    
grauwacke
  34   Rolf Haufs
    
Kinderjuni
  33   Thomas Rosenlöcher
    
Die Hoffnungsstufen
  32   Jan Koneffke
    
Dem toten Kind in einer Oktobernacht
  31   Arne Rautenberg
    
drei amseln
  30   Oskar Loerke
    
Ans Meer
  29   Jean Krier
    
„Alles ist in den besten Anfängen“
  28   Werner Laubscher
    
Winterreise. Wintersprache
  27   Wolfgang Schlenker
    
stichwort minimieren
  26   Christoph Meckel
    
Kind
  25   Günter Grass
    
Die Vorzüge der Windhühner
  24   Jürgen Theobaldy
    
Blume mit Geruch
  23   Ann Cotten
    
Rosa Meinung
  22   Horst Samson
    
Edoms Nacht
  21   Christian Steinbacher
    
Belegte Brotzeit
  20   Bianca Döring
    
Allein
  19   Simone Kornappel
    
muxmäuschen
  18   Jörg Burkhard
    
in gauguins alten basketballschuhen
  17   Konstantin Ames
    
dreißig lenze
  16   Wilhelm Lehmann
    
Auf sommerlichem Friedhof
  15   Joachim Zünder
    
Die Finnische Bibliothek
  14   Kathrin Schmidt
    
waage, vorm wasser
verchromt, gestählt
  13   Marion Poschmann
    
latenter Ort
  12   Rainer Malkowski
    
Bist du das noch?
  11   Gerhard Falkner
    
die roten schuhe
  10   Wolfgang Hilbig
    
Pro domo et mundo
  9   Katharina Schultens
    
die möglichkeit einer verwechslung ...
  8   Michael Donhauser
     Lass rauschen Lied ...
  7   Ulrich Zieger
     an den vater von sem,
  6   Elisabeth Langgässer
     Erster Adventssonntag
  5   Levin Westermann
     wie ein fresko
  4   Dirk von Petersdorff
     Raucherecke
  3   Ulrich Koch
     Danke
  2   Steffen Popp
     Fenster zur Weltnacht
  1   Adolf Endler
     Dies Sirren
     
Neue Folge