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Wolfgang Hilbig
Pro domo et mundo

Nun wird es dunkel: du mußt anders werden
die Wasser fließen schneller und ihr kalter Dunst gerinnt
ein schwarzer Tag entsteigt dem tiefer blauen Meer –
und nichts mehr zählen die noch glücklich Heimgekehrten
jetzt zählen die schon lang vergessen und verloren sind.

Und Ströme schießen wie von anderen Gestaden her
aus Felsenwelten ausgebrannt doch nie berührt von Sonnen
es ist ein Fluten das sich nicht mehr wendet:
der Urwellen Anfahrt hat begonnen.

Nun fällt die Nacht: die Zeit die dauernd endet
und dir gebrichts am Wort mit dem du ferner handelst
was gestern licht und wert war ist verschwendet –
und es ist Nacht und Zeit daß du dich wandelst.


  Der gelbe Akrobat – Neue Folge 10

Michael Buselmeier
Nachtgesang


Wolfgang Hilbig war ein Experte der Finsternis. Er kam aus den „schwarzen Wäldern“ Sachsens, dem Braunkohle-Gebiet um Leipzig, hatte schon als Kind die maroden Fabriken der DDR, die durch den Tagebau entstandenen Tümpel und die stinkenden Bäche durchforscht, Staub und Asche geschluckt, noch bevor er sich auf autodidaktischem Weg ans Schreiben machte. Unerklärlich, wie der gelernte Bohrwerksdreher und spätere Heizer, der im sächsischen Prole­tariat unter Sprachlosen aufwuchs, zur großen, unverwechselbaren Sprache seiner Gedichte und Prosa­werke fand. Auch wenn man eine frühe Lektüre Rimbauds, Edgar Allen Poes und der deut­schen Romantiker in Rechnung stellt, bleibt ein unbegreiflicher Rest.

Hilbig hatte ein Wissen von fernen Welten, ein Organ für die Botschaften, die aus den Abgründen unserer Vorgeschichte aufsteigen, ein Gespür für das Zeit- und Grenzenlose dieser scheinbar verlorenen, von Däm­merung befallenen Hohl­räume; für Wüsten und Meere, brennende Steppen. Wie viel davon, schien er zu fragen, ließe sich vom Dichter in kreisender Sprach­bewegung noch erretten? Dieses „mit den Meeren spielende Kind“ (so Franz Fühmann über den jungen Hilbig) kam aus einer von Menschen leeren Vorzeit und ver­suchte – hoch pathe­tisch, in jam­bischen Metren, Rhythmen und Reimen – von den Geheim­nissen unbe­kannter Sterne zu sprechen, von der Bedrohlichkeit der Elemente, den „kata­strophen im tertiär“.

Hilbig liebte die Nacht, er schrieb nachts wie im Rausch und schlief am Tag, er mied die Sonne und fühlte sich „von dem licht betrogen“. Immer wieder hat er in seinen Texten die „Unend­lichkeit“ der jäh einfallenden Nacht und das apo­kalyp­tische Herein­brechen der „Flut“ beschworen – so auch im vorlie­genden Gedicht. Ent­standen 1993, noch in Edenkoben, beschließt es Hilbigs letzten Gedicht­band Bilder vom Erzählen (2001). „Ein schwarzer Tag entsteigt“ dem Meer, Wasser­ströme „schießen“ herbei, und „der Urwellen Anfahrt“ beginnt. Nur die Heere der „schon lang“ Vergessenen, die Toten also, „zählen“ jetzt noch etwas, sie stehen auf aus ihren Gräbern.

Doch diese Weltnacht bietet auch eine Gelegenheit zur Wandlung. Das Rilke-Wort „Du mußt dein Leben ändern“ klingt zweimal an und fasst das Gedicht in eine Art Klammer. In Rilkes berühm­tem Sonett wird die höhere, gleichsam meta­physische Mahnung vom Anblick eines archai­schen Torsos ausgelöst, in Hilbig metrisch strengem Gedicht von der unerbitt­lich nahenden Katastrophe, die selbst diesem poèt maudit zeitweise die Sprache verschlägt: „und dir gebrichts am Wort mit dem du ferner handelst“.

Die Bilder der Frühe sind zugleich solche des Endes; das ursprüngliche Chaos kehrt wieder. Pro domo et mundo ist ein großes, expressives, der Inspiration geschuldetes Gedicht, das den Vergleich mit Versen von Hölderlin, Rimbaud und Georg Heym nicht scheuen muss. Die Sprache ist von biblischer Strenge, ein dunkler Bilderstrom. Welt und Ich stehen gleichermaßen im Fokus, während das Weltende, die Nacht völligen Vergessens naht. Es sei denn, du änderst dein Leben, um ein besseres, unangepasstes zu führen… ein Leben, in dem „das Andere“ der Poesie aufscheint.

Wolfgang Hilbig wurde 1941 im sächsischen Meuselwitz geboren. 1985 reiste er in die Bundesrepublik aus, lebte in Hanau, Nürnberg, Edenkoben und Berlin. Er starb 2007 in Berlin. Das vorgestellte Gedicht stammt aus dem Band Gedichte, S. Fischer Verlag, Frankfurt a.M. 2008.
Wir danken dem S. Fischer Verlag für die freundliche Genehmigung zur Wiedergabe des Gedichts im Kontext dieses Kommentars.





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Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen      09.10.2011



 

Gedichte, kommentiert
von Michael Braun und
Michael Buselmeier

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