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Wolfgang Schlenker
stichwort minimieren

nachdem das vermeintliche
maximum erreicht war
hielten wir kurz inne
und bemerkten wie überall
in uns und um uns herum
die ganze heiße luft entwich

und es war wie wenn man auf die welt
aus zwei metern höhe schaut
ziemlich cool und entspannt
wir waren einfach froh
dass dieser druck
endlich wegging

und wir spüren konnten wie es ist
ein eigenständiger und völlig korrekter teil
einer größeren entfernung zu sein
oder um es umgekehrt zu sagen:
mit zunehmender bedeutung
wird das leben kleiner.


  Der gelbe Akrobat – Neue Folge 27

Michael Braun
Auf der schiefernen Tafel jedes Tages



Zu den mysteriösesten Gestalten in den „Metamorphosen“ des großen Ovid ge­hört die Figur des Morpheus. Einerseits firmiert er hier als ein Abkömmling des Schlaf­gottes Hypnos. Morpheus lebt im Land der Chimärer in einer Höhle und setzt von dort aus seine Geschöpfe, die Traum­dämonen, in Bewe­gung. Er ist Traumgott und wird anderer­seits als „der Gestalten nach­bildende Künstler“, also als eine Art Ver­wand­lungs­künstler beschrieben. Dabei riva­lisiert er mit seinem Bruder Ikelos, der – ebenfalls ein Traum­gott – alle mensch­lichen Gestalten anzu­nehmen vermag.
  Wenn nun ein Sterblicher den Traumgott Morpheus zu seinem „Bruder“ er­klärt, dann bewegt er sich selbst in den fluiden Zonen des Traums und des ewigen Schlafs. Der Lyriker und Übersetzer Wolf­gang Schlen­ker, der sich im August 2011 im Alter von 47 Jahren das Leben nahm, hat Gedichte hinter­lassen, die den Arbeits­titel „bruder morpheus“ tragen. Diese Ge­dichte scheinen feine Ver­bin­dungs­linien zu jenen Dä­monen zu ziehen, die aus dem Reich der Schatten fata­listische Bot­schaften in unsere Le­bens­welt senden. Die lako­nischen Re­fle­xionen, die Schlen­ker zu des­il­lusio­nierenden Existenz-Bulle­tins gebün­delt hat, lesen sich wie nüch­terne Wider­legungen eines wie auch immer ge­arteten „Prin­zips Hoffnung“. Er­öffnet wird das Nachlass-Kon­volut mit einem Text, der aus einem fiktiven „tage­buch der zukunft“ zitiert und dort einen wenig er­muti­genden Satz findet: „ab einer bestimm­ten schwelle / kann heilung nachteilig sein“. Und weiter heißt es: „wolken ziehen über unserem gebiet / auch das wetter ist nur zu besuch / mit überleben zufrieden / ein falke fliegt / knapp über das feld / ohne zu jagen.“ Doch selbst das Überleben wird als er­stre­bens­wertes Ziel in Frage ge­stellt. Die Welt wird aus der Per­spektive einer fort­dauern­den Schrump­fung des Lebens-Horizonts und der Mini­mierung von Daseins­mög­lich­keiten wahr­ge­nom­men. „stichwort minimieren“ heißt nicht zu­fällig eins jener Existenz-Gedichte, die – um eine Fü­gung von Nicolas Born zu ge­brauchen – von der „erdab­ge­wandten Seite der Geschichte“ sprechen. Die Fremd­heit des Le­bens wird hier gleich­sam wie auf einer Tem­pera­tur-Skala er­fah­ren, in den mathe­mati­schen und klima­tolo­gischen Begrif­fen von „Maximum“ und „Minimum“. Und wenn dem lyri­schen „Wir“ ein locke­rer Be­ob­achter-Status zuge­schrieben wird („ziemlich cool und ent­spannt“), so ist das Camou­flage. Hinter den klimato­logischen Termini verbirgt sich das para­doxe Daseins­gefühl, „völlig kor­rekter teil / einer größeren entfernung zu sein“.
  Die meist in zwei- oder dreizeiligen Versgruppen organi­sierten Gedichte Wolf­gang Schlen­kers tasten sich in mitunter spröde Existenz-Gleich­nisse hinein – und nicht selten wird „der blick finster von den gleichnissen / die sie gelesen haben / auf der schiefernen tafel / jedes tages“.
  Einige Jahre seines Lebens hat Schlenker, der 1993 mit dem Band „Rorschachfauna“ sein Lyrik­debüt vorlegte, mit der Übersetzung von Gedichten Emily Dickinsons zuge­bracht; eine Aus­wahl dieser Über­set­zungen erschien 2001 unter dem Titel „Biene und Klee“ (Urs Engeler Editor, Basel). Bemerkens­wert war hier der Versuch, bei der Über­tragung der Dickinson-Gedichte falsche Har­monien zu ver­meiden und den Gedichten eine metaphysische Wider­borstig­keit zu be­wah­ren. In einem ganz zentralen Punkt, so scheint es, adop­tierte Wolfgang Schlenker die Maxi­men Dickinsons für seine eigene Poesie – indem er eine berühmte Vers­zeile der einsamen Dichterin aus Massachussetts mit Leben er­füllte: „Dieser ein Dichter war – / Weil er / Erstaunlichsten Sinn gewinnt / Aus gewöhn­licher Bedeutung“.

Wolfgang Schlenker, 1964 Nürnberg geboren, starb am 1.August 2011 in Mönche­berg bei Berlin. Er studierte von 1985 bis 1991 Sozial­päda­gogik und Sinologie in Nürnberg und Berlin und lebte danach als freier Autor, Über­setzer und Leiter des Projekts „Kinderstraße“ in Berlin und der Fränki­schen Schweiz. 2012 erschien ein erstes Nach­lass-Konvolut mit Gedichten unter dem Titel „doktor zeit“ (roughbooks 020, Solothurn 2012). Der vor­liegende Text ist Heft 2 der von Urs Engeler heraus­gege­benen Zeits­chrift „Mütze“ ent­nommen, die weitere 20 Gedichte aus Schlenkers Nach­lass versammelt.


Band 1
 
  Band 1  
M. Braun & M. Buselmeier
Der gelbe Akrobat (1. Band)
100 deutsche Gedichte der Gegenwart,
kommentiert
Taschenbuch
360 Seiten, 18.80 Euro
poetenladen Verlag 2011

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portofrei online (Shop 1)  

  M. Braun & M. Buselmeier
Der gelbe Akrobat (2. Band)
50 deutsche Gedichte der Gegenwart,
kommentiert
Broschiert mit farb. Vorsatz
186 Seiten, 18.80 Euro
poetenladen Verlag 2016

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Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen      01.03.2013



 

Gedichte, kommentiert
von Michael Braun und
Michael Buselmeier

    Wolfgang Schlenker
Liste
Gefördert durch den
Deutschen Literaturfonds



  82   Werner Lutz
    
Ja, bin unterwegs
  81   Kenah Cusanit
    
Gottesgedicht, unberuhigt
  80   Sascha Kokot
    
sobald die Stadt ...
  79   Ror Wolf
    
Dritter unvollständiger Versuch
  78   Horst Bingel
    
Felsenmeer
  77   Tristan Marquardt
    
nachts, ich laufe nach hause
  76   Harald Gerlach
    
Gründe, linkselbisch
  75   Birgit Kreipe
    
schienen stillgelegt
  74   Hanns Cibulka
    
Böhmischer Rebstock
  73   Karin Fellner
    
Eine Zeitfalte weiter
  72   David Krause
    
Wolken
  71   Jürgen Nendza
    
An manchen Tagen
  70   Harry Oberländer
    
kurz vor der revolution
  69   Mara-Daria Cojocaru
    
Ich bin
  68   Hilde Domin
    
Antwort
  67   Elisabeth Borchers
    
Zukünftiges
  66   Günter Herburger
    
Großjean, der aus einem ...
  65   Georg Leß
    
Kondorlied
  64   Thomas Kling
    
Tessiner beinhaus. wandbild
  63   Rainer René Mueller
    
Da ist es
  62   Ernst S. Steffen
    
Man sagt
  61   Henning Ziebritzki
    
Elster
  60   Jürgen Brôcan
    
Fremde ohne Souvenir
  59   Carolin Callies
    
wackersteine im wams
  58   Friedrich Ani
    
Versehrte Verse
  57   Elke Erb
    
»Ursprüngliche Akkumulation«
  56   Uwe Kolbe
    
Heidelberg, den 14ten August
  55   Sonja vom Brocke
    
Kunde
  54   Sünje Lewejohann
    
krähen
  53   Jan Wagner
    
im brunnen
  52   Susanne Stephan
    
Frontier
  51   Silke Scheuermann
    
Uraniafalter
  50   Mirko Bonné
    
Der Zischelwind
  49   Judith Zander
    
fürs erste leb im später
  48   Andreas Rasp
    
diese steine hier
  47   Marcus Roloff
    
hl. grab, eingang wahlkapelle
  46   Clemens J. Setz
    
Motte
  45   Martina Weber
    
jetzt, da die letzten bilder verschwunden sind
  44   Paul Zech
    
Der Nebel fällt
  43   Klaus Merz
    
Expedition
  42   Christian Lehnert
    
Du bist die Aussicht  ...
  41   Àxel Sanjosé
    
Zum Abschied hell ...
  40   Ulrike Draesner
    
feld elternlos
  39   Ursula Krechel
    
Weiß wie
  38   Heinrich Detering
    
Kilchberg
  37   Hendrik Rost
    
Requiem
  36   Walle Sayer
    
Vom Flüchtigschönen
  35   Nico Bleutge
    
grauwacke
  34   Rolf Haufs
    
Kinderjuni
  33   Thomas Rosenlöcher
    
Die Hoffnungsstufen
  32   Jan Koneffke
    
Dem toten Kind in einer Oktobernacht
  31   Arne Rautenberg
    
drei amseln
  30   Oskar Loerke
    
Ans Meer
  29   Jean Krier
    
„Alles ist in den besten Anfängen“
  28   Werner Laubscher
    
Winterreise. Wintersprache
  27   Wolfgang Schlenker
    
stichwort minimieren
  26   Christoph Meckel
    
Kind
  25   Günter Grass
    
Die Vorzüge der Windhühner
  24   Jürgen Theobaldy
    
Blume mit Geruch
  23   Ann Cotten
    
Rosa Meinung
  22   Horst Samson
    
Edoms Nacht
  21   Christian Steinbacher
    
Belegte Brotzeit
  20   Bianca Döring
    
Allein
  19   Simone Kornappel
    
muxmäuschen
  18   Jörg Burkhard
    
in gauguins alten basketballschuhen
  17   Konstantin Ames
    
dreißig lenze
  16   Wilhelm Lehmann
    
Auf sommerlichem Friedhof
  15   Joachim Zünder
    
Die Finnische Bibliothek
  14   Kathrin Schmidt
    
waage, vorm wasser
verchromt, gestählt
  13   Marion Poschmann
    
latenter Ort
  12   Rainer Malkowski
    
Bist du das noch?
  11   Gerhard Falkner
    
die roten schuhe
  10   Wolfgang Hilbig
    
Pro domo et mundo
  9   Katharina Schultens
    
die möglichkeit einer verwechslung ...
  8   Michael Donhauser
     Lass rauschen Lied ...
  7   Ulrich Zieger
     an den vater von sem,
  6   Elisabeth Langgässer
     Erster Adventssonntag
  5   Levin Westermann
     wie ein fresko
  4   Dirk von Petersdorff
     Raucherecke
  3   Ulrich Koch
     Danke
  2   Steffen Popp
     Fenster zur Weltnacht
  1   Adolf Endler
     Dies Sirren
     
Neue Folge