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Hannes Bajohr
Memoiren


Zunächst war da das Bett. Zu weich für meinen Rücken, zu sehr im Raum verankert, der höher schien als breit, mit einem zum Hof weisenden Fenster, die Feuerleiter vergitterte den Blick. In der Wand rechts von mir steckte noch der Türrahmen, den sie zugemauert hatten, um die Zimmer nicht zusam­men anbieten zu müssen, sondern die Fächer separat im Sortiment bereitzuhalten, für Nullen wie mich. Wenn ich mich hinlegte und nach oben sah, konnte ich vier Stuckstreifen sehen, die lieblos angeklebt die Ecken des Kastens umkrochen. Vom Fußboden blieb alles verborgen, das Licht, das die Lampe gelb ausflimmerte, war zu schwach, vom Boden kannte ich nur das raue Gefühl auf der Haut. Mit den Fußsohlen spürte ich ein Kabel unter dem Teppich herlaufen. Immerhin hatten sie einen kleinen Tisch für mich, an dem sich arbeiten ließ und eine Steckdose. Zweimal musste ich fragen, zweimal wies man mir den Weg zum Hotel, das ich schließlich nur an den Rucksacktouristen erkannte, die rauchend auf den Stufen saßen, mit­einander auf Holländisch sprechend, nach jedem Zug ein Wort.


Vorher, am Flughafen, als ich der Maschine entstieg und mich vom Flug entstellt und vom Kaffe zittrig fühlte, stand ich eine Ewigkeit in der Schlange vor der Passkontrolle, während die Hiergeborenen an uns Rest vorbei geschleust wurden. Ich konnte überzeugen mit der Behauptung, auch wieder abreisen zu wollen und bekam die Stempel. Nach Waffen fragte man mich nicht, ich sah wohl harmlos genug aus, um durch ihren Raster zu fallen, der auf Ausnahmen wie mich nicht zugeschnitten war. Ich freute mich an dem Gedanken, vielleicht einen Staatsstreich mit mir einzuführen, als Kopf einer Widerstandsbewegung diesem Land möglicherweise ein Ende setzen zu wollen. Als ich stand und mir ein Taxi aussuchte, war ich fast vergnügt, aber kaum brausten wir unter den Brückenschleifen der Betonvorstadt her, gelang es mir schon nicht mehr, mich als mit einer Mission betraut vorzustellen und ich war wieder nur ein Dienstreisender. Ich brauchte vielleicht nur Schlaf.


Dabei war das Bett viel zu weich, und ich schlug nach drei Stunden die Augen auf mit dem Gefühl, aus einer Ohnmacht erwacht zu sein, nachdem ich kurz zuvor geradewegs durchs Dach gefallen war, hinein in diese Absteige. Es gab Dinge zu regeln und andere vorzubereiten, vor allem in Papier zu wühlen und Akten zu klappen. Man hatte mir nicht viel Zeit gelassen und vielleicht war es auch die Unerfahrenheit meiner Vorgesetzten, die es ihnen erlaubte zu glauben, ich könne mich schon am Nachmittag mit den Vertretern der anderen Seite treffen, um das Wesentliche zu besprechen. Bisher waren sie kaum einmal über die Aussicht auf ein Meeting mit einem Schwarzwälder Konkurrenten hinausgekommen, jetzt musste bei ihnen das ameri­kanische Interesse natürlich eine euphorische Schockstarre hervorrufen und hektisch wurde ich von ihnen zwei Tage später ins Flugzeug gesetzt und mit besten Wünschen und Ratschlägen her gesandt.


Später kehrte ich dann zurück und ließ mich wieder auf dem Bett nieder, ließ mich von ihm verspeisen und lag lange unter dem das geschlossene Fenster durchdringenden Rauschen begraben. Ich hatte die Nummer der Straße und des Hauses dem Taxifahrer nach vorn gereicht, ihm und auf die Segnungen der Arbeitsteilung vertrauend, annehmend, sicher zum Büro der Investoren gefahren zu werden. Als er mich an einer Ampel herausgelassen hatte, stand ich vor sich drehenden Glastüren und suchte den Namen auf den Messingtafeln vergeblich. Die nervösen Stimmen meiner Vorgesetzten berieten miteinander, als ich sie um Rat fragte, und durch den Hörer erreichte mich schließlich die Weisung, abzuwarten, bis sie den Kontakt wieder hergestellt hatten und es dann noch einmal zu versuchen. Dies werde, da das Wochenende anstand, nicht vor Montag zu machen sein. Ich schlief immer noch, als anderntags der Wirt den Kopf zur Tür hereinsteckte und fragte, wie lange ich eigentlich zu bleiben gedachte.


Aber die Idee, zu Fuß zum Central Park zu laufen, um den freien Tag zu nutzen, war eine Idiotie, das Wetter machte es nicht möglich, wenn man uneingezwiebelt diese Unternehmung auf sich nehmen wollte. Es war da erst halb drei, aber über der Brache in der Mitte der vertikalen Blockhaufen stand eine graue Wand, und der Wind, der sich an den Häuserfronten kanalisierte, ließ mich bald sechzig Grad zum Boden gehen. Noch für einige hundert Meter hatte ich vor, weiter zu laufen, die Zähne zusammenzubeißen und zu ignorieren, dass die weißen Hände, besetzt mit geröteten Knöcheln, die Zigarette nicht mehr fühlten, die zwischen Zeige- und Mittelfinger klemmte. Der Kälteschmerz blitzte nur auf, wenn ich die Sehnen streckte, so ließ ich es, wechselte einmal die eine Hand mit der anderen in der Hosentasche, aber schneller als sich die eine erwärmen konnte, erfror die andere. Dann wieder die Fläche und die Stahlbetonbänder, die durch die Zweignetze der Bäume schienen. Die vereinzelten, verirrt wirkenden Menschen, die mir wie scheue Tiere über den Weg liefen, entrückten diesen Ort. Aber dann, als ich die Musik aus einer irgendwo im Park aufgestellten Anlage hörte, kippte das Bild, erwachte ich und empfand die eben noch gespürte Ehrfurcht als peinlich und unangemessen. Nicht mehr als dreihundert Meter nachdem ich den Park betreten hatte, verließ ich ihn wieder und stieg in die Subway hinunter, drückte zwei Dollar fürs Ticket ab und fuhr heim. Im Waggon studierte ich die Werbetafeln, die Kredite zur Kreditrückzahlung versprachen oder Trost und Heil im Christentum. 1-800-JESUS. Auch gab es Mahnungen zur Organspende. Neben dem Bild eines respektablen älteren Herrn klärte man mich auf, dass er sein Herz und seine Seele der Schauspielerei gewidmet habe, seine Augen zwei New Yorkern. Als er starb, hinterließ er mit ihnen the beautiful gift of sight. Heute schauen sie aus frischeren Höhlen.


Währenddessen hatte ich verschiedene Gedanken, die nur selten mit der Arbeit zu tun hatten, von der ich bislang noch nicht wusste, ob sie überhaupt zustanden kommen würde. Ich bemerkte, dass mein rechter Schnürsenkel auszufransen begann, nachdem die kleine Plastikkappe, die das Ende besetzte, im Hotel von der Schuhputzmaschine abgerissen worden war. Ich hatte der Versuchung nicht widerstehen können, einen Apparat zu betätigen. Beim Druck auf den roten Knopf, der die Rundbürste in Rotation versetzte, hatte sich der Senkel im Bürstenlager verfangen und mit einem Ruck zog er den Schuh in die Maschine. Sie stoppte nicht sofort als ich den Knopf losließ und es kostete mich fünf Minuten, mich zu befreien. Die Senkel begannen auszufransen, auch wenn das Leder glänze wie neu.


Kaum stand ich wieder im Zimmer, musste ich es erneut verlassen. Der Wirt blickte mich stumm an, neben ihm steckte ein Handwerker in grauer Latzhose den Kopf unter das Waschbecken, aus dem ein braunes Rinnsal floss. Ihr Schweigen hieß mich gehen und so schritt ich durch den düsteren Korridor wieder an der Rezeption vorbei, wieder auf die Straße. Ein Diner an der Ecke hatte vier Angestellte bei zwei Gästen. Ich setzte mich an einen Plastiktisch und wartete, hinter der Theke putzten Schürzen den Grill. Der Wasserboy goss mir Wasser mit Eiswürfeln ins Glas. Dann kam der Kellner. Ich bestellte, bekam und aß. Noch bevor ich zahlte, goss mir der Wasserboy abermals ein. In ein paar Jahren würde er es zum Kellner gebracht haben, mit einem Umweg über den Grill. Als ich hinausging, fragte ich mich zwei Blocks lang, was denn Eggonaroll sein solle.


Ich wusste alles über dieses Land und hielt alles für eine Lüge. Die Kulissenhaftigkeit irritierte mich tagelang. Aus den Gullys dampfte es und wenn ich stehen blieb, konnte ich entziffern, was in die Betonplatten des Gehwegs geschrieben war. Die aberwitzig vielen Kostümverleihe und die griechischen Lettern auf den Kapuzenpullovern der Studenten. Am Rand der braunen Matschfläche stand ein Schild: Lawn closed. Die Wassersilos auf den Dächern besaßen selbst Dächer auf denen wieder Silos hätten stehen können. Wir blicken nach vorne, aber nie nach oben, deshalb die Nackenstarre, die mich nachts in der Senke des Betts nach einer erträglichen Position suchen ließ. Auch die Menschen waren so unterschiedlich hoch.


Langsam wurde ich ruhiger und der Zeitunterschied begann sich wieder einzuebnen. Die Steckdose funktionierte nur am Abend. Ich versuchte, mir meine Reise zu erzählen und bemerkte, dass sie keinen Anfang besaß. Es sei denn, das Gespräch war ein Anfang, das ich im Büro mit meinen Vorgesetzten führte, zwei Wochen zuvor, in dem sie mich, gleichzeitig sprechend, einander ins Wort fallend, sich verhaspelnd, von der Wichtigkeit des ameri­ka­nischen Investors zu überzeugen suchten, wo ich doch gar kein Zeichen von Widerstand oder Zweifel von mir gab. Oder konnte ich mit dem Fluggast anfangen, der neben mir saß, neun Stunden neben mir in einer Mischung aus mürrischer Unzufriedenheit und Todesangst sich die Handgelenke rieb, zu schlafen suchte, die Flugbegleiter mit Alkohol­wünschen traktierte und beim Landeanflug, als wir durch einen Abwind ruckten, reflexhaft seine Hand in mein Knie krallte. Vielleicht sollte man einfach mit dem Bett beginnen, das ich in meinem Hotelzimmer vorfand, wie es dastand, als sei es ein Gewächs und das Zimmer sein Habitat.


Auch der kleine Junge neben mir in der Subway. Erst nur gestikulierend, Daumen und Zeigefinger wie eine Pistole auf den Boden richtend, auf einen dort liegenden Feind. Seine Lippen in stummer Bewegung nickte er mit dem Kopf. Trotz seiner rosigweißen Haut hatte er tiefschwarze Augen, ich konnte die Pupillen in ihnen nicht erkennen. Das Flüstern wurde lauter und er nickte heftiger, tat so, als boxe er und verbarg sich hinter seinen tänzelnden Fäusten. Ich konnte seinen Text nicht verstehen, immer wieder nur Nigger und manchmal pausierte er für Sekunden, als müsse er sich an die Zeilen erinnern. Als er am Times Square ausstieg, hielt er eine Zigarette in der Hand, die Tarnfleck-Kapuze über die Basecap gezogen, an den Füßen erkannte ich jetzt die Wildlederhalbschuhe. Ich folgte ihm über die Plattform, mit ihm die Treppen hinauf steigend und die Station entlang trottend, dann diverse Treppen wieder herunter und schließlich setzte er sich in einen Zug, der ihn in die Richtung brachte aus der er gekommen war.

Dann war mein Waschbecken wieder repariert und das Zimmer leer wie je. Allerdings hatte ich einen Schaden nie selbst festgestellt. Ich war mit dem Bett allein und wartete, bis mein Telefon zu klingeln begann und meine Vorgesetzten mir zur freien Woche gratulierten. Mir kam zu Bewusstsein, dass der Wirt in meiner Abwesenheit in mein Zimmer hatte kommen müssen, um den Schaden zu bemerken. Meine Vorgesetzten waren untröstlich über die Wartezeit. Vielleicht war es auch nur Tarnung, schließlich schien mir der Klempner unbeschäftigt nur in Pose zu hocken, als ich die beiden ertappte. Als ich auflegte schwammen braune Schlieren unter der Decke und ich setzte mich auf den Teppich und sah unter das Bett, befühlte den Boden mit den Fingerspitzen. Ich habe eine dünne Haut. Eine schnelle Bewegung, eine Streifbewegung, und sie reißt. An der Rezeption hatten sie Pflaster für mich.


Vor allem die amerikanischen Alten waren verstörend. Wer alt sei, so dachte ich bislang, besitze eine gewisse Würde und natürliche Humorlosigkeit, höchstens Milde. Ganz selten den Altherrenwitz, der bei jüngeren, mittelalten Männern sofort anzüglich und widerlich wirkt. Überhaupt ist wohl die Asexualität das Erste, was den Alten einiges verzeihen lässt. Die amerikanischen Alten jedenfalls hatten etwas an sich, das ich in Europa nie gesehen habe, Unreife und Witz. Es war, als hätten sie noch nicht bemerkt, dass sie alt seien. Dazu der twang, überhaupt die Fähigkeit Englisch zu sprechen, was mich auch an kleinen Kindern immer irritierte: Alte und Kinder können das eigentlich nicht.


Wieder spiegelte ich mich in der Wandverkleidung des Fastfood-Restaurants. Nur Schwarze oder Latinos hinter der Theke, ihr how are you klang heute desinteressiert, gestern drohend, je nach Tagesverfassung und Grad des sozialen Abstiegs. Ich wünschte mir ein Café, in dem ich sitzen konnte, ohne vom Kellner verjagt zu werden. Vorher, als es gerade anfing zu regnen, hatte der schwarze Schirmverkäufer Umbrellás gerufen. Ich verstand ihn erst, als er dazu seine Waren schwenkte. Hier drin stellte ein Hispanic die Stühle hoch, so langsam, als folge er einer Gebrauchs­anleitung, oder als sei er keineswegs von seinen Handlungen überzeugt. Ich fürchtete, ein Rassist zu sein. Die Bilder, die hier hingen, waren in den fröhlichen, halb pastellenen, halb neonartigen Farben erinnerter Achtziger­jahre gemalt, zeigten ideale Taco-Bell-Filialen in überirdischer Mixtur aus texanischer Wüste und neuenglischem Grüngehügel. Bisweilen kam das Gefühl hinzu, später einmal nicht mehr mit mir einverstanden zu sein.


Der Versuch, in einer Kneipe ein Footballmatch zu sehen. An der Bar bestellte ich Bier und bekam etwas Ähnliches. Auf dem Hocker neben mir saß einer, den ich fragte, wer spiele, wie lange die Play-offs noch gingen, auch wenn ich dieses Wort zum ersten Mal gebrauchte und es sich taub anfühlte in meinem Mund. Es war auch nur ein Enterhaken und ich fachsimpelte schließlich passiv, nickte, wenn der die Chancen New Englands gegen Indianapolis referierte, und gestand irgendwann, dass ich von diesem Sport keine Ahnung habe. Der andere antwortete auf Deutsch, er lebe schon länger hier, als sein Visum ablief war er einfach hier geblieben, das war vor acht Jahren. Ich fragte ihn, ob er jemanden kenne, der eine Wohnung vermiete.


Gelegentlich die Frage: Wie viele war ich eigentlich. Auf meiner Visitenkarte stand nur ein Name, darunter gab es noch meine Position. Wo ich war, wusste ich ungefähr, auch wenn ich von meinen Vorgesetzten nun schon länger nichts mehr gehört hatte. Manchmal glaube ich, ihre Fragen zu vernehmen, aber wie soll ich da sicher sein. Ich verbringe die meiste Zeit damit, einen Zusammenhang herzustellen, was mir die meiste Zeit nicht gelingt. Es müsste zu jedem subjektiv messbaren Augenblick einen eigenen Gedanken geben, ein eigenes Gefühl, ich kann schließlich die Momente zum Zeitpunkt des Geschehens sauber voneinander trennen. Ich sollte Indizes verteilen, für jede Sekunde einen. Aber das ist alles eins, und dieses eine ist fern und von nicht beschreibbarer Gestalt. Ich kategorisiere meine Erlebnisse falsch. Vielleicht gibt es nur zwei Fächer und vielleicht sind die schon lange voll.


Jetzt stehen keine Läufer auf den Schachbrettern am Washington Square, auch wenn es wärmer wird. Früher war ich mal ein guter Läufer. Meine Beine schmerzen, das liegt am Loch im Schuh. Es ist eher ein kleiner Riss, der durch die Gummisohle geht und durch den Riss geht Wasser. Es schneit nicht mehr, aber der Schnee ist mir lieber als die Pfützen. Ich versuche nur den Außenrand des Fußes zu belasten und nehme den Krüppelgang in Kauf um die nasse Stelle des Schuhs nicht berühren zu müssen. Am Anfang kam ich auf die Welt. Meine Mutter und deren Mutter und deren Mutter und deren Mutter. Matrjoschkaspiele. Ich habe Schmerzen in der linken Niere und im linken Hoden. Wenn ich Krebs hätte, das wäre mal eine Überraschung.


Auf dem Union Square sitzt ein Bongotrommler. Erst stehe ich ihm gegenüber, an den Springbrunnen gelehnt, dann lasse ich mich neben ihm nieder und hole die Zigarettenschachtel aus der Aktentasche und versuche mir nicht anmerken zu lassen, dass ich gerne spräche oder wenigstens nur ein Zeichen des anderen empfinge, als Mensch erkannt zu sein. Als der Feuerkegel vor der Zigarettenspitze flackert, synkopiert er ein Ende seines Rhythmus und fragt, leicht gegen mich geneigt, nach einer Zigarette. Meine Freude darüber ist unermesslich, dringt aber nur als Brummen nach außen und als die freigiebige Geste, mit der ich ihm die Packung hinstrecke. Ich schweige, er beginnt von neuem, diesmal frakturierter, für mich nicht möglich, den Takt anzugeben, vielleicht schwankend zwischen ihnen. Diese Verfeinerung betrachte ich als Kompliment und zurückgelehnt sehe ich aus meinen Augenschlitzen heraus auf den Platz im Dunkel, auf den Gandhi, dem jemand Blumenketten umgehängt hat und auf die nackten Rasen­flächen, auf denen tagsüber die Eichhörnchen Besucher belagern.


Das Büro habe ich schon vergessen. Als ich es vor ein paar Wochen das letzte Mal versuchte, war eine fremde Stimme am Apparat und ich legte wieder auf. Gestern bin ich aus dem Hotel ausgezogen, mit einer Nummer in der Hand, die ich anrief und eine Weile später konnte ich eine Adresse unter die Nummer schreiben, die drei Quadratmeter Raum bietet für mich und meinen Koffer. Mein Vermieter wohnt im Nebenzimmer, dort steht sein Bett. Auch ich habe ein Bett, schon wieder. In einem Bett bin ich geboren worden. In der Nacht blinkt der Rauchmelder an der Decke grün. Ich verliere meine Sprache. Manchmal suche ich nach einem Wort, von dessen Existenz ich überzeugt bin, finde aber nur Gestammel. Wenn ich den Kopf nach draußen stecke, sehe ich aus dem Nachbarfenster ragend eine mit Gaze bezogene Kiste, in der eine Stubenkatze halb im Freien sitzt. Sie starrt mich dauerhaft an, wenn ich in ihre Richtung sehe. Immer starrt sie mich an, ist sie ausgestopft, immer ist ihre Haltung dieselbe, Kopf und Vorderteil dicht auf den Boden gedrückt, die aufgerissene Augen sehen blöd und unterwürfig aus in ihrem Verschrecktsein.


Obwohl ich schlecht schlafe, versuche ich erst gegen Abend aufzustehen. Es ist da nicht viel dunkler als tagsüber, aber immerhin weiß ich, dass dieses Dunkel seine Berechtigung hat, während das andere eine Verwirrung ist und ein Täuschungsmanöver. Auch drücken mich die Schmerzen am Morgen mehr. Immer haben die Körper Sinne, nie haben die Sinne Körper, auch würde ich gerne einmal ein Lachen sehen, das menscht. Ich habe versucht, den Schuh zu kleben. Ich glaube, dies ist mir nicht gelungen. Mein Bett ist hart und das Ende liegt höher, was mir nachts das Blut in den Kopf treibt. Ich könnte mich andersherum legen, aber dafür müsste ich mich ja entscheiden. Ich werde mich einmal entscheiden. Jetzt sitze ich auf meinem Bett und vor dem Fenster steigen die Enden der Bäume auf. Das Gegenteil von Wurzeln, im Gegenteil von Wachsen.


Vielleicht ist das der Klempner, ich kann ihn nicht richtig erkennen und wie soll ich da sicher sein. Vielleicht ist er es, dann weiß er, wo ich jetzt wohne. Er kniet auf dem Gehweg vor meiner Haustür und bindet sich die Schnürsenkel. Ich sehe nicht hin, will ihm nicht das Gefühl geben, ihn erkannt zu haben. Aber wie soll ich da sicher sein. Zum Glück kann ich sicher sein, wo ich bin, wenn ich nur jede Entfernung im Verhältnis zu meinem Bett messen kann und die Zeit im Verhältnis zum Abstand vom Schlaf. Aber langsam geht mir der Schlaf aus. Ich gehe noch einmal zum Gebäude, in dem der Investor sein Büro haben soll, aber nur zum Spaß. Ich finde nicht einmal mehr die Drehtüren. Schließlich gehe ich nirgendwo mehr hin. Ich werde mich einmal entscheiden.


Ich bin no-where. Ich bin now-here. Man müsste neue Personalpronomen erfinden. Von meinem Vater wusste ich. Von meiner Mutter wusste ich. Denken passiert mir, leider.


Chinatown, ich werde im Bus sitzen, der mich fortbringen soll. Es wird halb acht Uhr morgens sein, die blechernen Rollläden noch heruntergelassen, die Luft kühl-schwül, die Laster werden Dreckwolken paffend durch die Straße brettern, andere vor den Geschäften stehen und dicke schwitzende Chinesen, auch Latinos und Schwarze, werden Kisten ausladen. Güllegestank auf der Canal Street kurz vor der Manhattan-Bridge, die Straße wird bergab führen, der Morgen diesig sein, die Hochhäuser mit den Köpfen im Dunst stecken. Mit meinem Ticket zu einer brüllenden, komman­die­renden Chinesin, außer mir werden nur drei andere im Bus sitzen. Durch den Holland-Tunnel, der eng sein wird und weißgekachelt. Der Busfahrer wird es schnell mögen, aber vielleicht auch nur nicht gewillt sein, mit so unzureichender Besatzung mehr Zeit als nötig zu verbringen. In New Jersey, wo wir auftauchen werden, eine Planeten­oberfläche aus Industrie, gigan­tische Stahl­träger­konstruk­tionen, Hebe­brücken, rostverstaubte Vorstädte, Schienen, Brücken, Güterwaggons, der Himmel wird nur eine Dunstschicht sein, pastellgrau, aus zwei schwefelgelben Löchern wird das Licht in Strahlenvorhängen brechen. Auch Brückenknoten, das verblasste Versprechen einer dieselstarken Zukunft, noch werden die Laternen brennen, obwohl es schon hell sein wird. Ein Güterflughafen, Mautstationen. Plötzlich die Kopie einer gotischen Kirche neben dem Highway. Dann die Umspannungswerke, die Überlandleitungen, die Raffinerien und die hochhaushohen Tanks, die Öl, Benzin, Dieselkraftstoff hinter runden, gerippten Metallwänden schon immer gehalten haben werden. An mir werden die technischen Errungenschaften des zwanzigsten Jahrhunderts vorbeiziehen und die Produktionsmaschinerien, einst geschaffen, Mehrwert zu generieren, ein Warenhaus aus Stahlspielzeug, in der Ferne ein Gestrüpp aus Kränen, jetzt nurmehr die musealen Ablagerungen von verronnener Zeit.


Ich werde mich an die Meldung erinnern, die von dem Blinden berichtete, der sein Augenlicht wiedererlangte. Er war von Geburt an blind, aber die Medizin war schon fortgeschritten. Freilich konnte er nicht viel beginnen mit seiner neuen Fähigkeit, sah er doch nur Farbhaufen und Lichtknäuel, ohne von Farbe und Licht eine Ahnung zu haben. Ich werde denken, er habe eben nie sehen gelernt. Menschen wird es keine geben, auch keine Häuser und Hydranten oder die Wassersilos auf den Dächern.


Ich werde mir einmal eine Stunde selbst gegenüber sitzen. An einem Tisch in einem Café. Und mir dabei zusehen, wie ich mir zusehe. Die Straßen umreißen die Häuser, die Häuser stanzen die Straßen aus. Irgendwo muss dazwischen eine Grenze stehen, an der das Eine zum Andern wird. Auf ihr werde ich einmal spazieren gehen. Ich werde einmal anfangen. Ich werde einmal angefangen haben.

Aus: Koordinaten. Verlagshaus J.Frank, Berlin 2008

Hannes Bajohr    05.01.2009    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen
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