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16 Zu den Kolumnen
Kolumne von Andreas Heidtmann
Böll sei Dank oder Was Literatur bewirken kann
Ein persönlicher Blick auf Böll zum neunzigsten Geburtstag
 Heinrich-Böll-Denkmal
Heinrich-Böll-Denkmal
 
Am 21. Dezember 2007 wäre Heinrich Böll (1917-1985) neunzig Jahre alt geworden. Anlass des nachfolgenden Textes war eine Einladung des Verbands Deutscher Schriftsteller (Sachsen), sein persönliches Bild von Böll zu zeichnen.

Es ist üblich geworden, zu behaupten, Literatur bewirke nichts oder wenig und habe keine politische Tragweite. Diese Behauptung stimmte wohl nie, gerade wenn es um den Einzelnen geht, den privaten Leser, der mit etwas Glück als ein anderer aus einem Buch auftaucht als er sich lesend darauf eingelassen hat.

Den Wirkungsbeweis lieferte für mich Mitte der siebziger Jahre der Autor Heinrich Böll, vor allem als Erzähler der frühen Nachkriegsjahre. Böll, den ich mit 14 oder 15 Jahren zu lesen begann, bediente ein ganzes Empfindungsspektrum von der Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit bis zu aufscheinenden Glückmomenten in der erlebten Katastrophe. Satz für Satz zeichnete er ein Bild, das mir eine Vorstellung gab von dem, was geschehen war, und sensibilisierte den Leser, sensibilisierte mich, indem er die Auswirkungen des Unmenschlichen in einfacher Sprache glaubhaft beschrieb.

Eigentlich war mir schon nach den ersten Kurzgeschichten klar, dass nicht nur der Krieg etwas Verabscheuungswürdiges und unbedingt zu Vermeidendes war, sondern dass ich selbst – so eindringlich gewarnt – dazu beitragen müsse, dass sich nichts von dem, was Böll als Kriegserfahrung geschildert hatte, wiederholte. Auf gar keinen Fall konnte ich mich mit dem Gedanken anfreunden, behelmt und bewaffnet durch deutsche Wälder zu robben oder in gepanzerten Fahrzeugen militärische Übungsgelände umzupflügen. Auf gar keinen Fall wollte ich eine Disziplin lernen, die Disziplin mit dem Ziel war, über einen vermeintlichen Gegner zu triumphieren, der so wenig mein Gegner war wie mein Nachbar. Es waren die orange-grünen siebziger Jahre, der Westen freute sich über einen soliden wirtschaftlichen Aufschwung, Hosen mit Schlag statt Kleinbürgermief waren angesagt, zugleich gab es eine wachsende Schar radikaler Kritiker, die gegen Restriktionen und Aufrüstung protestierten. In Stuttgart wurde der Prozess gegen die Baader-Meinhof-Gruppe eröffnet, in Berlin wurde Heiner Müllers Stück Die Schlacht – Szenen aus Deutschland uraufgeführt. Schmidt und Honecker besprachen sich 1975 am Rande des KSZE-Gipfels in Genf.

Wenige Jahre nach meiner ersten Böll-Lektüre hatte ich mich als Achtzehnjähriger der Musterung zu unterziehen, aber es gab zum Glück die Möglichkeit, den Wehrdienst zu verweigern. Mit der Moral Bölls und den Trümmerbildern seiner Geschichten gewappnet, verweigerte ich den so genannten Dienst, der offiziell nicht Kriegs-, sondern Wehrdienst hieß. Zunächst hatte man schriftlich seine Gründe und seine persönliche Gewissensnotlage darzulegen. Es folgte eine Verhandlung, in der eine Kommission die Aufgabe hatte, das Vorliegen eines Gewissenskonflikts mit mehr oder weniger intelligenten Fragen zu überprüfen.

In der sicheren Überzeugung, dass Böll nicht nur ein Autor von Weltrang sei, sondern eine moralische Instanz, ein Vertreter der guten, der besseren, der moralisch legitimierten Bundesrepublik, legte ich schon in meiner schriftlichen Begründung dar, dass mich die Nachkriegsgeschichten Bölls berührt, begeistert, bestürzt hätten, dass ich alle Bücher des Autors in- und auswendig kenne und mich das Lesen der Geschichten in meinem Denken geprägt und meine Friedenshaltung gefestigt hätte. Nach der Lektüre von Der Zug war pünktlich, Wanderer, kommst du nach Spa... und Das Brot der frühen Jahre sei für mich der Gebrauch einer Waffe unmöglich geworden. Allein der Anblick löse Fluchtreflexe aus. Mein Gewissen spiele nicht mit. Es sei mir Ernst.

In den Kommissionen saßen vorzugsweise Offiziere außer Dienst, Militärpfarrer und pensionierte Studienräte, die den Krieg aus eigener Anschauung kannten. Wahrscheinlich hielten sie nicht viel von einem, der nichts vom Krieg hielt. Der Vorsitzende bat mich zu Beginn der Verhandlung, meine Begründung vorzulesen. Vielleicht war man selbst noch nicht zum Lesen gekommen oder wollte mir noch einmal die Chance geben, meine Gründe zu überdenken, oder wollte einfach nur hören, ob ich bereit war, das, was ich geschrieben hatte, in Anwesenheit der Kommissionsmitglieder zu wiederholen. Ich folgte der Aufforderung und las vom Autor Heinrich Böll, der im Juni 1944 von der Ostfront an seine Frau Annemarie geschrieben hatte: „Ich hasse den Krieg, ich hasse ihn aus tiefster Seele, den Krieg und jedes Lied, jedes Wort, jede Geste, jeden, der irgendwie etwas anderes kennt für den Krieg als Hass.“

Das war – aus meiner Sicht – ein imposanter Satz. Wenn jemand, der das geschrieben hatte, Nobelpreisträger geworden war, durfte ich seine Worte Ernst nehmen. Oder hatte man sich an der Königlichen Akademie in Stockholm geirrt? Und die wahren Humanisten saßen im niederrheinischen Kreiswehrersatzamt an abgestoßenen Sperrholztischen und atmeten Amtsluft aus kaltem Zigarettenrauch und starken Putzmitteln? Ich las und hatte das Gefühl, ganz unangreifbar zu sein, denn, so konsequent meine Position auch war, war doch alles, was ich sagte, von der Instanz Böll gedeckt.

Der pensionierte Studienrat meldete sich als erster zu Wort und berichtete, dass er im Krieg unter eine hohe Brücke habe hindurchfliegen müssen. Obwohl die Spannweite seiner Messerschmitt größer gewesen sei als die Brücke, sei es ihm gelungen, sie zu unterqueren und seinen Verfolgern zu entkommen. „Und wie?“, fragte er. Und antwortete selbst: Indem er diagonal geflogen sei. Zur Verdeutlichung streckte er seine Hände aus und kippte sie seitwärts, so dass sie im 45-Grad-Winkel in den Raum ragten.

Der Vorsitzende nickte und sagte, mein Einsatz für den Frieden sei lobenswert. „Aber ohne uns“, sagte er, „säßen Sie jetzt vielleicht gar nicht hier. Ohne unseren Einsatz und den Einsatz unserer Verbündeten säßen Sie jetzt vielleicht wo ganz anders.“
„Ganz weit weg“, sagte jemand.
„Stellen Sie sich vor“, sagte ein anderes Kommissionsmitglied, „Sie sehen ein Flugzeug auf die Stadt zufliegen und wissen, dass es Bomben abwerfen wird. Sie haben von ihrer Position aus die Möglichkeit, das Flugzeug abzuschießen, die Angreifer, zwei Piloten, zu töten und dafür Ihre Familie und Tausende in der Stadt zu retten. Was machen Sie?“
„Böll lesen“, sagte jemand. Die Runde lachte.
„Ja, was machen Sie?“, hakte jemand nach. „Opfern Sie Tausende, weil Sie keine Waffe anrühren?“

Eine Antwort erübrigte sich auch diesmal, da die Herren untereinander den Fall zu diskutieren begannen. Oder genauer, ihrem Erstaunen dahingehend Ausdruck gaben, dass jemand nicht bereit sei, ein Flugzeug abzuschießen und sich zu alledem noch auf einen deutschen Schriftsteller berief.

Zwei Wochen später erhielt ich den Bescheid, dass ich berechtigt sei, den Dienst mit der Waffe zu verweigern. Ich dankte Böll.


Ich sah und hörte ihn zwei Jahre später im Oktober 1981 auf der bis dahin größten Friedensdemonstration mit 300.000 Menschen. Sie waren nach Bonn gekommen, weil sie Angst vor dem Dritten Weltkrieg hatten, weil sie gegen den Natodoppelbeschluss protestieren wollten, weil sie die Unversöhnlichkeit der Systeme in Ost und West nicht akzeptieren wollten. Böll sprach fast ganz zum Schluss, erste Demonstranten waren schon wieder auf dem Rückzug, die Staus fürchtend, die sich bilden, wenn mehrere Hunderttausend Menschen gleichzeitig an- oder abreisen. Ich sah ihn dasitzen, ein wenig erschöpft, während Petra Kelly noch sprach. Und als er schließlich zu reden begann, war seine Stimme nicht kämpferisch, sondern müde. Natürlich war der Frieden sein Thema, doch er war kein Mensch der großen Gesten, kein brillanter Redner und niemand, der Massen begeistern konnte – oder wollte.

Erst ein Jahr zuvor hatte man dem 64jährigen aufgrund einer Gefäßerkrankung Teile des rechten Fußes amputiert. Böll, zeitlebens leidenschaftlicher Raucher, gab seine „Sucht“, wie er selbst es nannte, nicht auf. Ihm blieben noch vier Jahre. Er sagte: Es sei bereits so viel gesagt worden, dass er sich nicht unnötig wiederholen wolle. Nein, er hob sein Redemanuskript ein wenig an, er könne unmöglich all das sagen, was er vorbereitet habe. Er sei von der Menge derer, die gekommen seien, überwältigt. Er stand einfach da, hob immer wieder die Hand, in der er das Redemanuskript hielt, winkte ab und schien mehr von uns, der Masse der Friedensbewegten, ergriffen, als wir von ihm, dem Schriftsteller auf der Höhe seines Ruhms.


In den neunziger Jahren galt Böll vielen, die in der bunten Szene Westberlins lebten, als überholt. Er stand in allen Schulbüchern, war seit einem Jahrzehnt tot und literarisch passé. Das lag weniger an seinen Themen als an der Art, wie er sie behandelte. Wenn Böll über die Liebe oder gar Sexualität schrieb, gebrauchte er Wörter, die weit neben dem Ziel lagen. Er dachte in traditionellen Kategorien, verband Liebe und Gott, wobei sein Katholizismus vielen so fern war wie die Trümmer der Nachkriegsstädte. Mit dieser Skala kleinbürgerlicher Tugenden konnten Berliner Intellektuelle nichts anfangen.

Die Skepsis galt nicht zuletzt seinem Stil. Selbst Marcel Reich-Ranicki, der die Nobelpreisentscheidung an Böll unterstützt hatte, fand nicht viel Gutes an Bölls Formulierungskünsten. So bekannte er im Literarischen Quartett 1992, der postum erschienene Roman Der Engel schwieg sei unbeholfen geschrieben. „Unter uns“, sagte Reich-Ranicki, „unbeholfen, ein bisschen unbeholfen sind alle Bücher von Böll.“ Und Sigrid Löffler attestierte: Das Buch habe etwas rührend Ungeschicktes. „Die Liebespaare beten, ehe sie miteinander schlafen.“ Und sie schlafen bei Böll auch nicht miteinander, sondern tun eben diese „eine Sache“.

Der in Greifswald geborene Wolfgang Koeppen hatte zur gleichen Zeit wie Böll ein Bild der Nachkriegsdeutschen gezeichnet. Verglichen mit diesem Sprachvirtuosen wirkte Böll wie ein sentimentaler Geschichtenerzähler, ein liebenswürdiger Hemingway des deutschen Heimatromans. Der öffentlichkeitsscheue Koeppen war der radikalere Nachkriegs-gesellschaftskritiker und arbeitete mit Techniken, die den traditionellen Roman weit hinter sich ließen. Böll löste bei vielen bald nur noch ein Achselzucken aus. Der Zug war pünktlich, Wanderer, kommst du nach Spa... und Das Brot der frühen Jahre waren Erzählungen, die man jetzt als rührselig empfand, zumal sie sprachlich ohne große Raffinesse daherkamen. Die Entdeckung anderer Autoren, die sich thematisch den fünfziger Jahren widmeten, kam in Gang, und sie reicht bis heute. Jüngstes Beispiel ist Werner Bräunig mit seinem Roman Rummelplatz, der die Nachkriegszeit in der DDR aus Perspektive der Wismutarbeiter schildert. Nicht zufällig fällt in Rezensionen über Werner Bräunig häufig der Name Böll.


Heinrich Böll wäre in dieser Woche, drei Tage vor Weihnachten, neunzig geworden. Seine Nachkriegsgeschichten sind mehr als ein halbes Jahrhundert alt. Dass er das Land, die damalige Bundesrepublik, erst wieder geistig bewohnbar machte, ist mehr als ein literarischer Verdienst. Er war eben nicht nur ein Schreibender, gar ein literaturinstitutsgeschulter Wettbewerbsprosaverfasser, sondern ein Autor, der zuallererst schrieb, weil er litt, weil er gelitten hatte, weil er sich mitteilen musste und etwas erlebt hatte, was nicht wieder passieren durfte, weil er eben das war, was nur das Leben aus einem macht – ein Schriftsteller.

Vortrag (gekürzte Version) vom 17.12.2007
Nacht der Autoren, Leipzig, Verband Deutscher Schriftsteller

Andreas Heidtmann    18.12.2007    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht

Andreas Heidtmann
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