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Vor dem Sprechen kommt das Singen

Mara Genschel im Gespräch mit Andreas Heidtmann
Mara Genschel
 Mara Genschel
 Foto: Anna Bres
Mara Genschel, geboren 1982 in Bonn, ist in der Lyrikszene keine Unbekannte mehr. Sie gehörte im letzten Jahr zu den Finalisten beim Leonce-und-Lena-Preis und studiert im Hauptfach Lyrik am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Ihr Debüt ist nun in der Reihe Wörtersee der Connewitzer Verlagsbuchhandlung erschienen.
Andreas Heidtmann: Liebe Mara, Dein Debüt Tonbrand Schlaf ist soeben in der Wörtersee-Reihe erschienen – neben Gedichtbänden von Kerstin Preiwuß und Ulrike Almut Sandig. Ich weiß, dass Du eine sehr eigene lyrische Stimme hast, dennoch wird manchmal behauptet, es gäbe eine typische Literaturinstitutsliteratur, da herrsche eine gewisse (lyrische) Tendenz vor. Wie würdest Du einem solchen Argument – oder Vorurteil – begegnen?

Mara Genschel: Ich bin mit einem solchen Vorurteil noch nicht direkt konfrontiert worden, vielleicht auch, weil mich diese Debatte nicht interessiert. Es scheint mir völlig absurd, eine Literaturinstitutsliteratur überhaupt als Begriff zu konstruieren. Der Ort ist einzigartig, Schlachtfeld und Paradies. Er wäre ohne Sinn, würden dort nicht permanent Positionen, »Stimmen« aneinandergeraten. Ansätze, die sich schroff voneinander unterscheiden und doch (im besten Fall) alle gelten, alle nebeneinander bestehen können.

A. Heidtmann: Du hast einige Semester Violine studiert, die Musikalität in Deinen Gedichten ist evident. Sie geht soweit, dass Rhythmus und Klang stärker im Vordergrund stehen als Inhalte im konventionellen Sinn. Hast Du diesen Stil für Dich nach und nach entwickelt, Dich an Vorbildern geschult, oder war es für Dich von vornherein selbstverständlich, sich ohne allzu viel semantischen Ballast durch die Poesie zu bewegen?

M. Genschel: Jedem lyrischen Versuch ging bei mir schon immer eine musikalische Vorstellung voraus; vor dem Sprechen kommt das Singen. Aber Musik ist ja mehr als die Summe von Rhythmus und Klang. So wie die Sprache. Jedes Wort birgt Assoziationen, löst unabsehbare Gefühle aus, kann Verknüpfungen bilden, die mit der Bedeutung des Wortes selbst nichts mehr zu tun haben. Das Wort ist mehr als die Summe von Klang und Bedeutung. Ich habe nicht bewusst einen Stil entwickelt. Es gab eine diffuse Sehnsucht, die durch bestimmte Berührungen – als Schülerin z.B. plötzlich verzückte Radioerlebnisse mit Ernst Jandl oder Robert Lax – eine Form annahm, an der ich nach wie vor arbeite. Aber da ist nichts selbstverständlich, es bleibt ein Kampf mit Unbekannt.

A. Heidtmann: Deine Gedichte stumm zu lesen, ist eine schöne Sache, aber besonders eindrucksvoll ist es, wenn Du Deine Gedichte vorträgst. Müsste dem Band nicht die berühmte CD zum Buch beiliegen?

M. Genschel: Ja, eine CD wäre natürlich ein schöner Zusatz, aber ich finde, kein notwendiger. Ich hoffe stark, dass meine Gedichte mehr sind als Partituren.

So wichtig wie die klangliche Beschaffenheit der Sprache, ist mir die Schrift. Auch Schrift ist musikalisch, auch über die Funktion einer reinen Vortragsanweisung hinaus. Assonanzen klingen auch im Auge. Zäsuren, Stille, Dynamik sind visuell erfahrbar. Dazu kommt noch der Faktor Zeit. Der stumme Leser bestimmt selbst das Tempo; er ist in dieser Hinsicht viel freier in z.B. der Gewichtung oder auch Erschließung einzelner Phrasen: im Entwickeln eines eigenen Verständnisses.

Allerdings trage ich sehr gern vor und überhaupt bedeutet das laute Sprechen auch bei Lektüre fremder Texte mir oft einen großen Lustgewinn. Aber der Vortrag ist ja nur ein Vorschlag einer Lesart, meiner Lesart, die hoffentlich nicht die einzig gültige ist.


A. Heidtmann: Du schreibst auch Prosa. Wechselst Du ad libitum zwischen den Formen oder ist doch die Lyrik Dein unangefochtenes Hauptinstrument?

M. Genschel: Ich kann mich immer nicht bedenkenlos zum Zuordnen bestimmter Texte in bestimmte Gattungen entschließen. Aber manchmal tut das gut. »Gedichtband« z.B. ist so ein wunderbar schützender Begriff, dem man sich auch einfach hingeben kann, warum nicht. Ich würde also sagen, einen »Roman« werde ich in nächster Zeit wahrscheinlich nicht in Angriff nehmen, aber ich schreibe in größerem Umfang auch Texte, die man eher der Prosa zuordnen müsste. Außerdem habe ich ein großes Interesse am Hörspiel – ein Bereich, den auch nicht-narrative, formal-spielerische Ansätze von Anfang an mitbestimmten und in dem sich wiederum die Schnittstelle Musik / Sprache wesentlich in Szene setzen lässt.

A. Heidtmann: Bleibst Du nach Deinem Diplom in Leipzig? Inzwischen scheint die Leipzigflucht eine beliebte literarische Disziplin zu sein. Die Dichterdichte ist ja auch dank Deutschem Literaturinstitut enorm, und Leipzig ist nur eine Stadt unter vielen, behaupte ich mal.

M. Genschel: Leipzig ist eine gute Stadt und ich kenne hier fantastische Menschen. Wenn ich also gehe, und das werde ich demnächst tun, ist das weniger eine Flucht als eine Erweiterung meines Spielraumes. Obwohl: die Dichterdichte ist schon ein Faktor. Nach Berlin zieht mich zur Zeit jedenfalls nichts.

A. Heidtmann: Vielen Dank für das Gespräch.
Mara Genschel | Tonbrand Schlaf  
Mara Genschel
Tonbrand Schlaf
Gedichte
Connewitzer Verlagsbuchhandlung Peter Hinke Leipzig 2008

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