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Arne Rautenberg

vermeeren

Wortzauberei mit Nebenwirkung

Arne Rautenberg |  vermeeren Arne Rautenberg
vermeeren
Collagen und Gedichte
Darling Publications
Köln 2006

Collagen  >>
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Nicht alle Tage hält man einen so schönen und grafisch ansprechenden Gedichtband in den Händen. Sehen und lesen, heißt es bei Arne Rautenberg auf knapp 100 Seiten mit Collagen und Gedichten, mit lyrischen Harlekinaden und durchdachten Bildpoesien. Schon der Titel ist Programm: Wer ihn hört, hört das Wort „vermehren“. Wer ihn liest, liest ein sprachschöpferisches „vermeeren“. Wer die Kunst im Mittelpunkt sieht, denkt an Vermeer.

Arne Rautenbergs Stärke liegt im fantasievollen Sprach- und Wortspiel, das sich in komisch-ironischen Reimen und aufrührerischen Kurzversen findet. So eröffnet er den Textteil mit Benneton-Schock-Haikus, die sich von der Vielzahl trivialer Haiku-Imitate absetzen: Das war nicht Jesus / Christus! Das war Groucho Marx / Von den Marx Brothers! Auch eine neue Art des Konjugierens legt Rautenberg dem Leser nahe: ich iche / du dust / ersiees ersieest / wir wiren / ihr ihrt / sie siechen.

Die Gedichte lassen einen poetischen Ansatz erkennen, der sich mit Namen wie Schwitters, Morgenstern, Ringelnatz, Gomringer oder Jandl verbindet. Aber Rautenberg lässt sich nicht auf eine dieser Richtungen festlegen, vielmehr gelingt es ihm, die unterschiedlichsten Nuancen von visueller Poesie über poetische Grotesken bis zu lautmalerischen Versen zu vereinen.

Dass man einige spielerische Gedichte auch Kindern vorlesen möchte – oder doch könnte, wenngleich sie immer wieder echte Bosheiten enthalten –, spricht für ihre Qualität. Hier klingt das ureigenste Thema Arne Rautenbergs an:

malen nach reimen

ich malte mal die gelbe elbe
die gefiel mir nicht so malte ich die grüne düne
die gefiel mir nicht so malte ich die blaue klaue
die gefiel mir nicht so malte ich die schwarze parze
...
die gefiel mir nicht wie schön war doch die weiße scheiße

Ulrike Draesner umreißt Arne Rautenbergs Sprach- und Gedichtkunst treffend, wenn sie festhält, dass seine Lyrik durch Szenen aus dem Innern der Sprache befeuert wird. Spiele mit Ziffern und Buchstaben, verblüffende Silbenkopplungen, Wortmodifikationen und Begriffssezierungen – das sind seine poetischen Methoden. Tatsächlich fragen wir uns angesichts dieser Wortzauberei, wo uns der Kopf steht, wenn wir sie lesen, sehen oder hören. Man mag, wie die Lyrikerin Sylvia Geist, an einen Balanceakt denken, der seine Gegenstände in einem neu gefundenen Gleichwicht schweben lässt.

Wichtig bei alledem: Arne Rautenberg greift nicht nur eine Traditionslinie moderner Lyrik auf, sondern entwickelt sie facettenreich weiter und handhabt souverän die Kompositionspalette aus Bild, Sprache, Form und Spiel. Geradezu beiläufig demonstriert er, wie wunderbar Verballhornung und Spracherkenntnis, Buchstabenartistik und Reimlust, Provokation und Charme zusammengehen und sich von Vers zu Vers vermehren, pardon! – vermeeren.

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Arne Rautenberg: coop

Arne Rautenberg im Poetenladen

Andreas Heidtmann    10.06.2007    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht

Andreas Heidtmann
Gespräch
Zettel
Musik