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Versuch über Ingold (1. Teil)

Vom Abtragen der Monumente oder das Wesen der Chronologie

Über Felix Philipp Ingold (1)

→  Versuch über Ingold – 2. Teil
→  Versuch über Ingold – 3. Teil

  Felix Philipp Ingold,
Ausgesungen
German/Russian
Russian by I.Kutik
Begleitwort by G.Ajgi
Berlin 1993

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I

Felix Philipp Ingold ist ein Autor, dem ich nicht ausweichen kann. Ich habe mich nicht darum bemüht, und es wäre müßig, denn es scheint, als würden er oder seine Texte oder seine Über­setzungen ganz unver­mit­telt vor mir erscheinen, in Momenten von Plötz­lich­keit, die der Zeit den Grund nehmen. Es ist nicht so, dass ich danach greife, weil ein Thema gerade aktuell für mich wäre, nein, im Grunde glaubte ich einiges abgelegt und gegessen zu haben. Ein Fehler!

Anfang der Neunziger kam ich, um meine Schwester zu besuchen­ nach den Nieder­landen. Sie studierte in Delft Architektur, und mich faszinierte die Ballung der hollän­dischen Stadt. Den Haag, Delft, Rotterdam wie an einer Kette an einer Tram­bahnlinie aufgereiht. Und der Ausflug nach Amsterdam natürlich war Pflicht. Und zu diesem Aufent­halt gehörte auch ein Besuch in der Buchhand­lung Boeki Woeki.

Ich war, obgleich ich meinte, das hinter mir gelassen zu haben, noch ganz im Modus des Schatzsuchers. In der DDR, in der ich aufwuchs, verbrachte ich einen Großteil meiner Jugend damit, durch die Anti­quariate zu streifen auf der Suche nach raren Texten. Es war keine Biblio­philie, die Auflage oder die Ausstattung des Bandes interessierte nicht. Es war die Gier nach geron­nener fremder Welt und Erfahrung. Denn der Osten war ein Käfig, und manches Buch war wie frisches Grün, das uns durch die Gitter gereicht wurde.

Aber zurück nach Amsterdam und in den Boeki Woeki. In einem Stapel von Büchern entdeckte ich Folgendes: Felix Philipp Ingold. Ausgesungen. Mit einer Übersetzung ins Russische von Ilya Kutik und einem Begleitwort von Gennadij Aigi. Erschienen war das Ganze im Berliner Rainer Verlag, den ich natürlich bis dahin auch nicht kannte. Die russische Übersetzung des Titels heißt После голоса, was man mit gutem Gewissen auch mit „Nach der Stimme“ zurück­über­setzen könnte.

Ich fand das einzigartig, zumal ich nur die entgegengesetzte Übersetzungsrichtung kannte und wir in der Schule zumindest vor der Ära Gorbatschow mit sowjetischer Literatur geradezu zugeschüttet worden. Allerdings war kein Titel von Aigij dabei. Aber Arsenij Tarkowski in einem Poesiealbum, also einem kleinen Heftchen, das einen Autor kurz vorstellt. Bei Ingold fand ich folgenden Text der mich daran erin­nerte:

Kurz und gut, eben war da noch
ein U zu sehn
Im Rückspiegel nimmt die Zukunft schneller zu. Die
Sehne sucht in ihrer Schwingung
Halt. So
wie die Axt im Nacken
des Bruders. Aber
kein Abel

Dieser Text holte mich gewisser­maßen da ab, wo ich stand. Auf dem Sprung in eine Zeit, die die Vorsilbe Post- bis zur Er­schöpfung gebrauchte, um sich die Illusion zu ver­schaffen, sich von Geschichte befreit zu haben.


II

Im letzten Jahr begegnete mir der Übersetzer Ingold in verschiedener Form mit Büchern die mich höchst beeindruckt haben. Es waren jeweils Publi­kationen mit einem gewissen Russ­landbezug. Zum einen waren das die im Verlag Mathes und Seitz er­schienenen Ge­fängnis­tage­bücher von Boris Vildé. Der rus­sisch­stämmige Fran­zose erwartet das Urteil durch die deutschen Besatzer, das, weil er die Resestance organisiert und eine Zeit­schrift mit gleichem Namen herausgegeben hatte, nur den Tod bedeuten könnte. Aber Vildé nimmt das Urteil oder besser die Voll­streckung keines­falls vorweg, sondern arbeitet im Gefängnis an seiner Ver­voll­kommnung als Mensch. Er liest, rezi­piert, schreibt, nutzt jede Möglichkeit zu leben. Es entsteht ein ein­dring­liches Dokument der Zivi­lisiert­heit ange­sichts faschis­tischer deut­scher Barbarei.


  Felix Philipp Ingold
„Als Gruß zu lesen“
Russische Lyrik von 2000 bis 1800
Zürich 2012
Dörlemann


Boris Vildé
Trost der Philosophie
Tagebuch und Briefe aus der Haft
Berlin 2012
Matthes & Seitz

 


Zum Anderen erschien bei Dörlemann die Anthologie Als Gruß zu lesen. Wie schon in Ingolds Gedicht­band Wort­nahme. Jüngste und frühere Gedichte, auf die später ge­sondert einzu­gehen sein wird, ver­sammelt Ingold hier Gedichte und ordnet sie ent­gegen­gesetzt der Chrono­logie an. Gewis­ser­maßen wie ein Keil gräbt sich das Buch in zwei­hundert Jahre russischer Dichtungs­geschich­te. Die Ver­schie­denen Ablage­rungen werden durch Dich­tungen unter­schied­licher Quali­tät reprä­sentiert. Gegen­stand der Samm­lung ist also keine Perlen­lese, sondern eher eine Evolu­tionäre Ab­folge. Auf diese Vor­gehens­weise wird in Zusammen­hang mit Ingolds Roman Alias zu­rück­zukommen sein.

 

Jan Kuhlbrodt    28.10.2012    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 
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