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Lew Schestow

Siege und Niederlagen

Versuch über Schestow III
Essay (3)

→  Versuch über Schestow – 1. Teil
→  Versuch über Schestow – 2. Teil

  Lew Schestow
Siege und Niederlagen:
Für eine Philosophie der Literatur
Übersetzt und heraus­gegeben und mit einem Vorwort versehen von Felix Fillipp Ingold
Matthes & Seitz 2013

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Schestows Freiheit

Aber wir müssen auf Freiheit zu sprechen kommen, wenn wir uns einem Autor wie Schestow zuwenden. Und zwar in doppelter Hinsicht: Einerseits scheint es mir noch immer Aufgabe des Denkens zu sein, die Antinomie zu über­winden, nach der Freiheit zwar möglich ist, der Zwang aber all­gegen­wärtig, und wir werden unser eigenes Frei­heits­konzept befra­gen müssen, das eine Garantie be­inhaltet, eine räum­liche Be­gren­zung im Grunde nach dem Vorbild einer Ge­fängnis­zelle.
  Unsere Freiheit wird garantiert und abgesichert durch Vefassungs­para­graphen und Gesetze, und das ist gut so; im Grunde aber wird sie dadurch erst her­vor­ge­bracht, ist also ein Reflex auf Un­frei­heit. Denn nichts ande­res machen Para­gra­phen, als die Frei­heit zu be­schneiden oder eben ein Gatter zu er­richten, in welchem sie gilt. Mag sein, dass das etwas dras­tisch formu­liert und das Gatter notwendig ist, um mir, also dem einzelnen seine (klägliche?) Rest­frei­heit zu sichern. Ein Beige­schmack bleibt immer.
  Unsere Freiheitskonzepte sind im Grunde Ergebnis der klassischen speku­lativen Philo­sophie und Aus­flüsse Hegel­scher Dialektik. Sie sind ver­nünftig, jeder versteht sie (um an dieser Stelle Brechts Lob des Kom­munis­mus ein wenig abzu­wandeln.) Und sie sind im Ursprung Reli­giöse Konzepte.
  Das letzte Kapitel von Schestows Buch Athen und Jerusalem. Versuch einer religiösen Philo­so­phie. enthält unter präg­nanten Zwischen­über­schriften wie wir es etwa von Adornos Minima Moralia her kennen, eine Reihe Kurz­essays. Unter dem Titel Speku­lation schreibt Schestow:
  Darum beginnen alle spekulativen Systeme bei der Freiheit und enden bei der Not­wendig­keit, wobei sie, da ja die Not­wendigkeit allgemein gesprochen keinen guten Ruf genießt, gewöhn­lich zu beweisen bemüht sind, dass jene letzte höchste Not­wen­dig­keit, zu der man ver­mittelst der Speku­lation gelangt, sich in nichts von der Frei­heit unterscheide, mit anderen Worten, dass vernünftige Freiheit und Not­wendig­keit ein und das selbe sei.
  Schestow bläst also hier im Posaunenchor mit Nietzsche und Kierkegaard zum Angriff auf Kant und Hegel. Und es ist eine Freude, diesem Konzert zuzuhören, auch wenn man sich der Gefahr bewusst ist, die mit den Tönen mit­klingt. Denn was sich so verlockend nach Eman­zipation anhört, öffnet auch eine Tür in den Totali­taris­mus. Schestow aller­dings war schon aus per­sön­licher Verfol­gungs­geschichte, als Jude und russischer Emigrant, wenig geneigt, diesen Weg zu gehen.
  Lektüren ziehen Lektüren nach an. Diesen für einen solchen Text eher un­typi­schen Frei­heits­exkurs habe ich einem Text Schestows über Ibsen zu ver­danken. Ibsen ist mir selbst einer der liebsten Drama­tiker, schon in der Schule hat mich die Nora unge­heuer be­eindruckt, und vor ein paar Jahren befand ich mich im Theater­himmel, als ich eine Insze­nierung des Bau­meister Solneß sah. In beiden Stücken werden Frei­heit und Ausbruch aus bürger­licher Enge verhandelt, aber ganz anders, als im folgenden:
  Im titelgebenden Essay des Bandes Siege und Niederlagen stellt Schestow Ibsens prophetisches Versdrama Brand vor. Es war ein Text Ibsens, den ich nicht kannte, und den er vor seinen großen Emanzi­pations­dra­men schrieb. Zum Glück war in einer Über­set­zung von Christian Mor­gen­stern zum kosten­losen Download im Netz zu finden, so dass ich die Lek­türen Parallel fortsetzen konnte.
  Das Stück mag Schestow sehr nahe gegangen sein, da es jenen Punkt szenisch sichtbar macht, an dem er selbst steht und arbeitet. Er beschreibt die Schnitt­stelle zwischen Ver­nunft und Religion. Zwischen Prophe­tie und falscher Prophe­tie.
  Brand (ein suchender, aber religiös schon fanatisiert, trifft auf seinem Aufstieg ins Hoch­gebirge (zu Gott?) ein paar, dass sich auf dem Weg hinab (in die Zivili­sation) befindet. Und dieser Moment des Zu­sammen­tref­fens scheint das zu sein, was Schestow erheblich interessiert.
  Der falsche Prophet, auch wenn er dem echten Propheten in jeder anderen Beziehung ähn­lich wäre, traut sich selbst nicht und kann also auch nicht wissen, wohin er gehen soll. Er wird ewig schwan­ken, ewig seine Ent­schei­dungen ändern: all seine seelischen Kräfte veraus­gabt er für den Kampf mit sich selbst, sodass für die Hauptsache nichts mehr übrig bleibt.
  Was hier einen fundamentalistischen Anklang hat, ist im Grunde das Gegenteil von Funda­menta­lis­mus, denn wer sich seiner Sache sicher ist, be­nötigt keine Ge­walt. Und wer sich seiner Sache nicht sicher ist, wie wir wohl alle, sollte sich vor Pro­phetie hüten. Auch hier findet sich etwas von Schestows Aktua­lität ange­sichts der sich gebär­denden neo­libe­ralen und neoreligiös-funda­men­talis­tischen Positionen.

 

Jan Kuhlbrodt    23.07.2013    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 
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