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Jan Kuhlbrodt

Schneckenparadies
Romanauszug 2008
Das Vergangene ist ein Fries, ein antiker Wandfries, mehrfach zerstört und aus einem Steinbruch geborgen: die Körper der Helden zusammengefügt aus unzähligen Stücken. Wer weiß schon, ob die Puzzelteile richtig zusammen­gesetzt wurden, so lange das Bild selbst bruchstückhaft bleibt.

Die Wahrheit ergäbe sich aus der Vollständigkeit, das letzte Teil ist dass Maß für die richtige Anordnung der anderen Teile, aber die Vollständigkeit ist nicht herstellbar. Denn in der Zeit verschwinden immer wieder Dinge wie einzelne Socken in einer Waschmaschine. Bind sie zusammen, bevor du sie wäschst: der Rat meiner Mutter. Würde von manchem Sockenpaar nicht nur einer verschwinden, der Verlust wäre kaum spürbar. Die Unvollständigkeit ist es, die uns schmerzhaft empfinden lässt, wie wenig uns bleibt.


Eines Tages werde ich die Ästhetik des Widerstands von Peter Weiß vollständig gelesen haben, und nicht nur seine Tagebücher, die sich über weite Strecken mit der Entstehung des Buches befassen, und in denen es Absätze gibt, Auslassungen, Zeit. Im Roman dann: der durchgängige Textblock, keine grafische Struktur innerhalb des Tableaus, als ließe sich auf diese Weise eine zeitliche Einheit herstellen (oder beschwören). Eine Bleiwüste. Wir alle sind Teil dieser Welt. Aber, sagt Uexküll, der Begründer der Ökologie, es gibt so viele Welten, wie es Wesen gibt.

Ich habe die Kinder im Hof kürzlich dabei beobachtet, wie sie unten am Zaun nach Schnecken suchten. Sie brachten sie zu einer alten Zinkbadewanne, dem Schneckenparadies, wie sie es nannten, und verglichen Größe und Farbe der Häuser. Außerdem konnte ich sehen, wie die Schnecken über die nackten Arme und Handrücken der Kinder krochen. Gras und Löwenzahn hatten sie ausgerissen und als Futter in die Wanne gelegt. Dann war es Mittag, und die Kinder wurden zum Essen gerufen. Später, am frühen Nachmittag, kamen sie zurück in den Hof, standen vor der Zinkbadewanne und wunderten sich, dass die Tiere verschwunden waren, trotz aller Fürsorge, sie sie ihnen hatten zuteil werden lassen.

Die Schnecken klebten wieder an den Ästen der Sträucher unten am Zaun. Aber die Kinder sammelten sie erneut ein und legten sie in die Zinkbadewanne. Diesmal fütterten sie sie mit den Blättern der Sträucher, an denen die Schnecken geklebt hatten, wohl in der Hoffnung, jetzt das richtige Futter gewählt zu haben. Am nächsten Morgen standen die Kinder wieder vor der Zinkbadewanne. Etwas ratlos. Und die Schnecken klebten in den Sträuchern unten am Zaun.


Ich sehe Bernds Fahrrad, wie es an einer Bretterwand lehnt als sei es das Rad eines Bauern. Es kommt mir vor, als kennte ich es schon wesentlich länger als ihn. Ein gelb-blaues Mountainbike. Sechsundzwanziger Rahmen. Zu klein eigentlich für einen erwachsenen Mann. Dafür streckt sich die Sattelstütze enorm in die Höhe. Leuchtendes Chrom. Ende der Neunziger fuhr man das so. Da waren Bernd und ich schon zehn Jahre befreundet.

Ich habe ihn zu einer Zeit kennengelernt, als es derartige Fahrräder noch gar nicht gab, oder ich wusste nur noch nichts von ihnen. Sie waren Gedanken in Köpfen von Ingenieuren oder beherzten Hobbybastlern, Zeichnungen auf dünnem Millimeterpapier. Die Freizeitindustrie, die immer wichtiger werden sollte und deren Produkte kostbarer wurden als die Freizeit selber, steckte noch in den Kinderschuhen. Ich kannte: Rennrad, Klapprad, Damenrad, Rad, und im Keller meiner Mutter in Chemnitz lag ein Wandererrahmen aus den zwanziger Jahren, den ich irgendwann einmal komplettieren wollte.

Bernds Mountainbike stand längere Zeit im Schaufenster eines kleinen Ladens in Frankfurt am Main. Leipziger Straße. Es standen nur das eine Rad und ein roter Rucksack dort. Regenwasserdicht. Für Kuriergepäck. Als wäre es ein Laden nur für dieses Modell gewesen. Bernd hatte es mir ein paar Mal gezeigt, auf dem Weg zum Sattcafé, wo ein gemeinsamer Freund von uns bediente. Schönes Rad, dachte ich. Aber zu teuer! Und im Laden sah ich nie einen Verkäufer oder eine Verkäuferin.

Bernd musste das Fahrrad aber auch Holger gezeigt haben, dem gemeinsamen Freund, denn bald hatten sie beide ein gelb-blaues Mountain­bike und fuhren die Treppen am Brandplatz hinauf und hinab. Drei Stufen in kurzem Abstand zwischen Straßenbahnstation und Oper. Im Schlusssprung zu nehmen. Ich war draußen, weil ich mit meinem herkömmlichen Gefährt nur schwer folgen konnte, und an mehreren Stufen hintereinander musste ich notwendig scheitern.


Der Fahrradladen in der Leipziger Straße war bald darauf verschwunden, hatte einem Lokal Platz gemacht das „Hundert und ein Wasser“ hieß und auf die Originalität der nächsten Dekade verwies, die die Gesundheit ins Zentrum des öffentlichen Interesses rücken sollte. Nicht um sie zu schützen natürlich, sondern nur, um darüber zu reden, wie man sie am besten schützen könnte, beginnendes Rauchverbot und Praxisgebühr, die man zu zahlen hatte, obwohl der Arzt darauf hinwies, dass es sich um eine Krankenkassengebühr handele.

In der Nähe der Oper eröffnete das erste Frankfurter Sushi-Restaurant. Forsythe war noch Ballettchef. Auch Stanley Kubrick lebte noch und arbeitete mit Tom Cruise.

Der Fahrradladen war so etwas wie ein erstes Anzeichen der Berliner Republik. Heute öffnen ständig irgendwelche Läden mit einer mehr als überschaubaren Produktpalette.

Spezialgeschäfte. Produktagenturen. Ein bis drei Dinge in Retro­verpackung. Es scheint ein marktwirtschaftlicher Effekt zu sein, eine Reaktion auf die globalisierte Vermassung, der sich in einer Boutiqueisierung selbst der Lebensmittelläden ausdrückt. Auch der letzte Rest Dingwelt verwandelt sich derart in Ware, und der Umgang mit den Waren nähert sich bedrohlich dem klassischen Umgang mit der Kunst. Die Reißverschlüsse und Filztaschen dienen der Identifikation innerhalb der kultischen Gruppen und werden verehrt wie seinerzeit die Madonnendarstellungen.


Jetzt steht Bernds Fahrrad vor einer Bretterwand in St. Albans und sieht aus wie das Rad eines Bauern. Als würde sein Besitzer es langsam auf einem Feldweg neben zwei Ochsen herschieben. In der Hand eine Angel oder eine Peitsche und auf dem Kopf einen verstaubten schwarzen Hut.

Aus: Schneckenparadies (Roman). Plöttner, Leipzig Herbst 2008

Jan Kuhlbrodt    30.12.2010    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 
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