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Valeri Scherstjanoi

Mein Futurismus

Ein weiterer Bericht in Sachen Zukunft
Gedanken nach der Lektüre von Valeri Scherstjanois Mein Futurismus,
erschienen in der wunderbaren Essayreihe des Verlages Matthes und Seitz.

Kritik
 
Valeri Scherstjanoi
Mein Futurismus
191 Seiten, Klappenbroschur
Mit einem Nachwort von Michael Lentz
Matthes & Seitz 2011
ISBN: 978-3-88221-618-9
14,80 Euro

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„Majakowski hatte wiederholt gesagt, dass für ihn der Realismus nicht darin bestehe, dass der Dichter die Reste der Vergangenheit aufklaubt oder sich zum Spiegel des Wahren macht, sondern dass er als Schöpfer die Zukunft vorwegzunehmen habe.“ Roman Jakobson in Jakobson / Pomorska: Poesie und Grammatik. Dialoge


Vorab: Ich hatte mir vorgenommen, das Buch innerhalb von zwei, drei Tagen zu lesen, zumal ja die Fuß­ball­europa­meister­schaft lief, konnte mich aber, da ich am späten Vor­mittag angefangen hatte, bis zum Abend nicht von den Texten los­reißen und ver­passte zwei Spiele. Einzig das umfang­reiche und auch äußerst .erhel­lende Nachwort von Michael Lentz sparte ich mir für den nächsten Tag auf; denn ich war inzwi­schen einfach zu müde und be­dauerte das sehr. Hin und wieder hadere ich damit, ein physisches Wesen zu sein, aber da kann man wohl nichts machen.

Valeri Scherstjanoi ist 1950 in Kasachstan geboren und 1979 in die DDR über­gesie­delt, wo er zwei Jahre lang im Bezirk Karl Marx-Stadt lebte, bevor er nach Ostberlin zog. Der er­wähnte Bezirk ist deshalb nicht unwichtig, weil dort auch Annaberg / Buchholz lag, der Ort in dem Carl­friedrich Claus die meiste Zeit seines Lebens ver­brachte. Claus, dem Scherstjanoi im Buch nicht nur ein Denkmal setzt.
  Wer das Glück hatte, dem Laut­poeten und bildenden Künstler aus dem Erz­ge­birge einmal zu begeg­nen, wird die Faszi­na­tion sofort verstehen, die von ihm aus­ging, und die Scherst­janoi erfasste. Darüber hinaus gibt es wohl auch kaum etwas stau­nens­wer­teres als Claussche Sprach­blätter oder Instal­lationen, wie Schrift dort physisch wird, ist kaum zu beschreiben.

In der Innenstadt von Karl-Marx-Stadt, innere Kloster­straße, befand sich in den Acht­zigern die Galerie Oben, die unter anderem Claus' graphi­sches Werk betreute. Sie war so etwas wie die intel­lektuel­le Heim­statt von meinen Freunden und mir, und ohne sie wäre uns das Ausharren in der sozia­lis­tischen Provinz erheb­lich schwerer gefal­len. Jeden Mittwoch pil­gerten wir zu den öffent­lichen Ver­anstal­tungen der Galerie, die uns einen Blick in zeit­genös­sische Kunst und Musik ermög­lichte, zuweilen gab es sogar kleine Theater­insze­nierungen. Im Publikum saßen oft Carl­friedrich Claus selbst, oder andere Künstler der Künstler­gruppe Clara Mosch, die wir bewun­derten, nicht zuletzt aufgrund der Freiheit, die sie sich nahmen.

Im Zentrum von Mein Futurismus steht meiner Meinung nach ein Text, der die Ein­fluss­linien, die Scherst­janoi prägen, auf einzig­artige Weise engführt: „Carlfriedrich Claus und die russischen Fut­uristen“ heißt er. Zuerst war dieser Essay im Katalog „Schrift, Zeichen, Geste“ abgedruckt, der ange­sichts einer großen Aus­stellung zu Claus im Chemnitzer Kunst­museum erschien.
  Im Kontext der vorliegenden Sammlung aber entfaltet dieser Text eine ganz eigene Wirk­kraft und hat in mir zumindest, den einen oder anderen Gedanken ausgelöst und verschoben, gerade was das Festhalten an kom­munis­tischen Idealen seitens den Futu­risten, vor allem von Majakowskis betrifft und von Claus. Der Autor zitiert ihn mit einem Satz, dessen Tragik einiges über die Situation linker Intel­lek­tueller im Kom­munis­mus verrät: „Die Kom­munis­ten sahen mich als Feind, also, die eigentlich meine Freunde waren, oder hätten sein sollen, aber sie waren's eben nicht.“

Valeri Scherstjanois Essay­sammlung Mein Futurismus enthält auch einige Briefe an bereits ver­stor­bene Kollegen, Briefe an Majakowski, eben, und an Charms, natürlich auch an Carl­friedrich Claus.
  In ihnen berichtet er ihnen aus der Zukunft, macht also aus der ein­seitigen Sache der Beschäftigung mit dem Über­lieferten ein Zwiege­spräch. Und das hat seine Richtig­keit, denn der Futu­rismus hat es nicht verdient, in Klas­sizis­mus zu er­starren. Dazu war, nein ist er zu sehr auf der Seite des Lebens, gerade wegen seiner poli­tischen Miss­ver­ständ­nisse und Selbst­miss­verständ­nisse, und ist als bloße Über­lieferung gar nicht zu er­fassen, zumal seine Laut­dich­tungen unbe­dingt gehört werden müssen.

Irgendwann in meiner Kindheit, es muss also in den siebziger Jahren gewesen sein, gegen Ende eher, denn ich wusste schon was Arbeiter­klasse und Sieg auf Russisch heißt, fand ich in einer Zeitschrift eine so­genannte Klang­folie, das war eine Art Schallplatte, nur eben dünn und flexibel, ein Stück Plastik­tüte mit Rille, die auf einem Schall­platten­spieler abzu­hören war. Auf ihr war ein Stück Lesungs­auf­nahme von Wladmir Majakowski zu hören. Hinter dem Grund­rau­schen der Zwanziger erklang, tief und fast singend die Stimme des Dichters, wahr­scheinlich eines seiner Gedichte dekla­mie­rend. Natürlich sprach die Stimme russisch, natürlich verstand ich von diesem Russisch kein Wort, und viel­leicht übertreibe ich jetzt, aber sicher nur ein wenig, der Raum mit dem Platten­spieler, einer Sieb­ziger­jahre­schrank­wand und mir darin wurde erfüllt von der Anwe­senheit des Poeten, und es kam mir überhaupt nicht gespens­tisch vor, als wäre Majakowskis Gegenwart die normalste Sache der Welt.

Insofern steckt im Insistieren auf dem Futurismus, der von der Lite­ratur­geschichte als abge­schlos­senes Cluster mit italie­nischer und russischer Spiel­form betrach­tet wird, keinerlei Ana­chro­nismus. Folgt man Maja­kowski, ist es geradezu die Pflicht eines jeden Künstlers, Futurist zu sein. Und es hat auch seine Rich­tig­keit bezüglich von Carl­friedrich Claus über Futurismus zu sprechen, nicht nur hin­sicht­lich dessen eigener Aus­einander­set­zung mit Chlebnikow und Krutschonych. Wahr­schein­lich ist auch Scherstjanoi nicht der letzte Futurist, der seine Energie aus der Zukunft be­zieht.

Roman Jakobson schrieb unter dem Eindruck von Majakowskis Selbst­tö­tung: „Der Faden der Zeit ist gerissen. Wir haben zu sehr in der Zu­kunft gelebt, zu sehr an sie gedacht und ge­glaubt, wir haben kein Gefühl mehr für eine Gegen­wart, die sich selbst genügt, wir haben das Gegen­warts­bewusst­sein verloren ...“ Dieser re­sig­native Gedanke ist ange­sichts der Ver­wand­lung des kommunis­tischen Projekts in totale Herr­schaft nur allzu verständlich. Inzwi­schen aber ist der Kom­munis­mus Ver­gan­gen­heit und die Zukunft hat ihn überlebt.

 

Jan Kuhlbrodt    19.06.2012    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 
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