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Uljana Wolf

Gespräch mit Jan Kuhlbrodt für den poetenladen
»Vielleicht sollte man das Konzept Ort abschaffen.«
  Gespräch

Foto: Timm Kölln
  Welche Rolle spielen Orte für das Schrei­ben –- seien es gegen­wär­tige, ver­gan­gene oder ste­tig wech­selnde? Manch­mal kom­men die Orte sogar zum Autor, manch­mal sucht er sie auf. Sechs Au­toren­gespräche in poet 10 geben Aus­kunft. An dieser Stel­le das Gespräch mit Uljana Wolf.


Erschienen in poet nr. 10
poetenladen 2011
 
Uljana Wolf, geboren 1979 in Berlin, Studium der Germanistik, Kultur­wissenschaft und Anglistik in Berlin und Krakau. Nach »kochanie ich habe brot gekauft« (kookbooks 2005) erschien 2009 ihr zweiter Gedichtband »falsche freunde« (kookbooks). Sie war Mit­heraus­geberin des »Jahrbuchs für Lyrik«, (S. Fischer 2009). Als Über­setzerin überträgt sie Lyriker­Innen aus dem ­Engli­schen und aus ost­euro­päischen Sprachen. Zuletzt übertrug sie Matthea Harvey aus dem Ameri­kani­schen (Matthea Harvey: Du kennst das auch. kookbooks 2010). Sie erhielt zahlreiche Stipendien und Preise, u.a. den Peter-Huchel-Preis 2006, den Dresdner Lyrikpreis 2006 und RAI-Medien&preis beim Lyrikpreis Meran 2008. Uljana Wolf lebt als Lyrikerin und Über­setzerin in Berlin und Brooklyn. Momentan lebt sie als Stipen­diatin der Villa Aurora in Los Angeles. Das Interview wurde per Mail geführt.


Jan Kuhlbrodt: Liebe Uljana Wolf, deine Orte sind dem ersten Anschein nach Berlin und New York. Kann man sagen, dass du pendelst? Und wenn du pendelst, kehrst du dann immer wieder an den selben Ort zurück?

Uljana Wolf: In den letzten Wochen bin ich in Berlin, Malmö, New York, Oslo und Los Angeles (gewesen): halb Leben, halb Lesen, das macht es nicht ein­facher, über Orte zu schreiben, zu denken, man muss sich erst einmal verhalten, festhalten, da kommen einem die Orte da­zwischen, oder kommt man zwischen die Räder: das da und das mir und das hier.
  Was sind überhaupt Orte? Hier, in Los Angeles, denke ich: es gibt Leerorte, in die ich einziehe wie in eine Schale. Ich versuche, an meinem nächsten Gedicht­band zu arbeiten und dabei fällt mir auf, dass dieser Ort nicht in seinem Namen zu finden ist: Diese aufdring­lichen, wichtigen, von Wellen gebannten Vokale stehen drüber und haben nichts, nada, zu schaffen mit meinem Hierjetzt, meinen Ver­suchen, mich einzurichten, zu bewegen im Raum, oder nicht zu bewegen, oder auf diese weiß gestrichene Wand zu schauen, während ich schreibe: nichts zu tun mit dem Namen und den Vorstel­lungen und Bildern, die darin leben, daran hängen. Orte wie Engel, die man nur aus der Ferne liest (wie Hollywood), Leerstellen: Orte para leer.

(Postkarte: 28 Grad in meinem Zimmer, kurz vor Sonnen­untergang abkühlen im Pazifik, eine Frau klärt freisprech ihre Bankgeschäfte, mehr Dispo (was denkt sich Mensch in Bank zur Brandung), Mädchen mit Hoolahoop­reifen im Sand, daneben ein perv mit Ständer im Strandtanga / Rückseite der Postkarte: zerflie­ßendes Hirn, Lähmung, leere Seiten, fehlende Legitimation: ich dürfte hier gar nicht sein.)

Dann gibt es Joborte, die gut sind für die Arbeit (Lesungs- und Festivalorte), aber nicht immer gut fürs Schreiben, oder Leben, or both. Von denen zu reden, scheint mir nicht sehr ergiebig. Man könnte vielleicht den Moment erwähnen, vor ein paar Jahren, als ich feststellte, dass sich 1 Lesung in etwa 3 Lebenstage übersetzt, nämlich Anfahrt, Rückfahrt, Schwellentag (als würde der Körper mit dem ICE und Geist mit der Postkutsche fahren).
  Drittens gib es die Lebens­orte, das sind im Moment New York (im Winter) und Berlin (im Sommer), und bei der Frage, ob wir pendeln, denke ich daran, dass ein Pendel eine Halterung hat, eine Mitte, die un­berührt und unbeeinflußt von den Bewegungen des Pendels bleibt, und das ist nicht der Fall. Die Mitte reist mit uns, darum heißt sie ja so, aber die Lebens­orte reisen nicht mit uns, es leben andere Leute darin, während wir fort sind, in unseren Wohnungen, und die »Heimat­länder«, schreibt Nelly Sachs, »spielen in den Lüften Karten«.
  Orte und Dichter: Die beste Art, darüber nachzu­denken, ist wohl displacement/ différence, etwas, das sich in der Sprache abspielt: Nicht Entweder-oder, da oder weg, sondern eine Überlappung von Präsenzen, ein fort­dauernder Prozess von Verunsicherung und Ausdif­feren­zierung.
  (In einer Sprache Indiens ist »pandal« eine provosorische Hütte.)

J. Kuhlbrodt: Mir scheint, dass du dir die zum Schreiben nötige Fremdheit und Distanz in der Sprache selbst suchst, oder dass sie dir dort begegnet. Das scheint dich freier zu machen in der Bewegung zwischen den Orten aber auch in der Wahl der literarischen Mittel. Wie wirkt sich dann ein Ortswechsel auf dein Schreiben aus?

U. Wolf: Auf einer konkreten Ebene hat es für mich zwei größere Ortswechsel gegeben, der eine nach Polen, der andere in die USA. Polen hat mir einen Blick auf mich, meine Geschichte, die Geschichte meines Landes (meiner Länder), auf meine Familie ermöglicht. Die Ferne war eigent­lich eine intensivere Form von Begegnung. Das Leben in den USA dagegen gibt mir einen großen Abstand zu allem: Sprache, Herkunft, Schreiben, Lesen, Literatur, Lite­ratur­betrieb. Ich konnte ganz neue Formen auspro­bieren, über andere Dinge nachdenken. Was die vielen kleinen Orten dazwischen angeht: Diese Aus­einander­setzung kennzeichnet ein Zusammen­spiel von Überfluß und Mangel. Ich denke, ich habe verschiedene Arten, damit umzugehen. Eine nenne ich la belle indifférence. So wurde im klinischen Jargon des 19. Jahrhunderts jene eigentümliche Gleichgültigkeit bezeichnet, die hysterische Patienten oder »Konversionspatienten« gegenüber ihren Symptomen oder gegenüber den Experimenten der Ärzte zeigten. Wenn ich, wie jetzt, an einem schönen Ort bin, der mir für drei Monate die Arbeit an meinem Gedicht­band gestattet, die ich vielleicht besser Zuhause erledigen könnte, aber aus ökono­mischen Gründen dort meist nicht erledigen kann, begegne ich diesem Ort mit einer ebenso schönen différence: Ich schaffe einen wohl­gesonnenen (in this case/ casa auch: einen wohl­gesonnten) Abstand. In diesem Sinne bin ich wohl auch ein Konver­sions­typ.

J. Kuhlbrodt: Bobrowski sagte, er könne nur in einem Haus, in dem es einen Aufzug gibt, Natur­gedichte schreiben. Vielleicht geht es dir ähnlich und du schreibst nie an dem Ort über den Ort, du brauchst gewisser­maßen einen doppelten Abstand, den »wohl­geson­nenen« Abstand vom Ort des Schreibens und den zeitlichen vom Ort der Schrift ...

U. Wolf: Letzten Winter las ich in New York Adolfo Bioy Casares’ Die Erfindung von Morel. Die Geschichte eines Mannes, der vor Schwierigkeiten auf eine paradie­sische Insel flüchtet, auf der er immer gleiche Menschen die immer gleichen Dinge erledigen sieht, bis er begreift, dass er Zeuge einer »ewigen Woche«, einer Aufzeichnung, eines Films ist, in den er sich schließlich selbst einfügt – Vielleicht eine Art umgekehrter aufwachraum. Meine Beziehung zu Orten ist eigentlich oft Morelartig, oder vielleicht auch cineastisch, á la Purple Rose of Cairo. Ich bin mir der Konstruktion dessen, was ich da erlebe, bewusst, ich arbeite an der Konstruktion mit und wenn ich bleibe, fließe ich ein wenig ein und lasse mich beeinflussen. (Im Gedicht zeigt sich das subkutan oder viel&leicht nie.)
  Das ist es doch, was Bobrowski eigentlich sagen sollte: Die Natur, die es im Fahrstuhlhaus nicht gibt, ist ebenso eine Konstruktion wie die Natur des Gedichts und wie das Gedicht selbst. Insofern habe ich prinzipiell nichts dagegen, über etwas zu schreiben, was an dem Ort, an dem ich mich aufhalte, gegen­wärtig ist, es kommt nur immer seltener vor. Aber wäre es nicht fantastisch, denke ich hier, ein Gedicht über Bougainvillea zu schreiben, dieses Delirium an Vokalen und kleinen Blüten, während ich vor einer stehe und sie doch nicht verstehe? Doch es muss eine Störung da sein, ein Bruch, eine Lücke, um etwas zum Schreiben zu bringen (das Ende der ewigen Woche, bevor sie wieder von vorn beginnt, Klackern des Filmstreifens, Einbruch der Blüten ins visuelle Feld). Oder eine Überlagerung. Insofern sprechen wir, wenn wir von Orten sprechen, vielleicht eher über etwas, das in der Zeit passiert. Und vielleicht sollte man das Konzept Ort abschaffen und besser von Kreuzungen sprechen, Knötchen und Ranken. Und von Sprachen.

J. Kuhlbrodt: Die beschriebene »ewige Woche« kommt mir zuweilen sehr real vor, profan und gar nicht filmisch, zumindest seit meine eigenen Kinder in die Schule gehen und wir von Ferieninsel zu Ferieninsel springen. Der Ort löst sich in perma­nenter Anwesen­heit auf, wird damit gewisser­maßen auch zum Nichtort. Einen Ort zum leuchten zu bringen, indem man ihn permanent anstarrt, und er mir von selbst Sachen erzählt, die ihm nie in den Sinn gekommen wären, ist vielleicht ein Gegenkonzept, und dein Vers »ach wär ich doch im aufwachraum geblieben« der mir dann und wann spontan ins Denken bricht, ist vielleicht die Mitte. Kann es sein, dass Orte nur als überwundene dem Schreiben zuträglich sind? Die Konstru­ktionen sind ja keine aus dem Nichts.

U. Wolf: Ich mag es, wie Du vom Anstarren und Zurückstarren oder Zurücksprechen der Orte schreibst. »Die Orte, die wir sahen, sehen uns an« heißt es in einem von Ilse Aichingers Wiengedichten, die ich sehr mag. Sie hat der Sammlung den Namen Subtexte gegeben, ursprünglich waren es Maulwürfe. Diese Subtexte, die im wahrsten Sinne des Wortes eindringlich oder untergründig wühlen und sich oft indirekt oder verspätet in Aufge­worfenem äußern, sind doch an Orten interessant. Und was uns ansieht ist genau jener Rest an Unzugänglichkeit, der auch ein gutes Gedicht ausmacht.
  Ich würde aber nicht von »überwunden« sprechen, sondern eher von wundern, stolpern, sich untimely der von dir genannten Anwesenheit ausgeliefert sehen – der »ewigen Woche«, der plötzlichen Wiederkehr der Insel, dem Ort und Nichtort. Sind nicht Inseln in ihrer Mischung aus Wirklichkeit und Unwirklichkeit auch Heterotopien, wie Kinos – konkrete Orte, die die Eigenschaft haben, in sich andere und zum Teil inkompatible Orte zu bündeln? Ich liebe Hiroshi Sugimotos Theatres, in denen er komplette Filme in einer einzigen Auf­nahme zusammen­gescholzen hat; die weiße Leinwand in dunklem, leeren Saal ist eine Lichtinsel, ein Ort, in dem sich die Zeit zeigt. Das Leuchten, von dem Du sprichst, ist darin. Im aufwachraum fällt für mich beides zusammen: Ausge­liefert­asein, Überwältigung, displacement einer­seits und belle indifférence anderer­seits.
  Im Übrigen hatte ich heute, nach 37 Tagen in Los Angeles, zum ersten Mal das Gefühl, mich an einem realen Ort zu bewegen, mit meinem Körper, es waren die Möwen, die von allen Seiten auf mein Sandwich einstürzten und mich in ihrer Mitte mit unsicht­baren Fäden versponnen. Aber dieser Mitte möchte ich miss­trauen. Gertrude Stein: »Act so, that there is no use in a center.« Wie auch Aichinger immer von den Rand­gebieten, vom Nebensächlichen, der Peripherie her dachte. Vielleicht schreibe ich deshalb in Kreisau von Hunden, in der Villa Aurora von Anna O. und in Berlin dann irgendwann von den Bougainvillea.
  Ich habe das Gefühl, auch dieses Gespräch ist einigermaßen versetzt, all over the place, aber das hat auch mit meinem schlechten Gedächtnis, meiner Un­organi­siert­heit und einer gewissen Unge­schlick­lichkeit zu tun. Ich bin sozusagen maladressed. Ich muss immer alles nach­schlagen, aber die Bücher sind stets woanders. In diesem Sinne ist ein Ort auch eine Tarnkappe und ein Handicap.

J. Kuhlbrodt: Aber das Woanderssein der Dinge ist das, was uns zur Kon­struktion zwingt und Erkenntnis und Kunst ermöglicht. Und wenn die Dinge immer woanders sind, sind wir es ja auch. Vielleicht ist ­Vorhan­den­heit im Sinne von Zuhanden­heit ohnehin eine Illusion, und das, was du als Ungeschick empfindest, ist im Grunde der Regelfall. Allein die Schwie­rig­keiten mit dem Gespräch zu beginnen, einen Ort zu finden, an dem wir uns zur gleichen Zeit versammeln, zeigen das. Kann man unter diesen Bedingungen von der Sprache als Ort sprechen?

U. Wolf: Sicher, das Wo­anderssein der Dinge ist der Fall, und am besten fällt es in der Sprache, in die Sprache, ein Wort wie Wasserfall – wenn man das Transi­torische, Trans­lato­rische mitdenkt. Meine Beziehung zur Sprache ist ja von Orts­wechseln beeinflußt, und diese stehen für einen ständigen Wechsel vom Englischen ins Deutsche und umge­kehrt, und was da fließt ist immer vermischter, »unreiner«, geprägt von eben demselben Zusammen­spiel aus Überfluß von allerhand Anderem und Mangel an Zu­handen­sein, den eine Orts-Erfahrung in sich hat. All die Zeichen einer mehr­sprachigen Existenz, die ich zuerst als Manko empfand (fehlende Wörter, verfremdetes Sprechen, manchmal einen Akzent haben in der eigenen Sprache) versuche ich jetzt als Reichtum zu begrei­fen, sie sollen sich im Schreiben umtun, wo sonst. Im Grunde fühlt sich das nicht anders an als früher, nur hat das Aus­häu­sige jetzt mehr Münder, Sprachen, Räume, und die Zu­ordnungen von eigen und fremd, woanders und vorhanden sind komplexer gebrochen, gespiegelt, gespielt. Beim Lesen finde ich immer mehr Spiel­gefährten, die in einem ähnlich multilingualen Raum arbeiten: Gertrude Stein, Samuel Beckett, Louis Wolfson, Oskar Pastior, Caroline Bergvall, Erin Moure, Yoko Tawada, Cathy Park Hong oder in der Kunst z.B. Nina Katcha­dourian. In einem Inter­view über Samuel Beckett sagte Gayatri Spivak einmal, dass eine zweisprachige Identität das Potential hat für ein »self-conscious, self-separating project … a clearing of space«. In diesem space, der frei­geräuspert wird wie eine Kehle (es schimmert »cleraing one’s throat« durch) findet auch für mich die Sprache statt: ein transi­torischer Ort, in dem Unartikuliertheit und Artikuliertheit, Fremdheit und adoptierte Identitäten, Inseln, Filme und Heimatländer, unsere fabel­haften Konstruk­tionen, in Bewegung sind, mit uns.

J. Kuhlbrodt: Danke, liebe Uljana, und ich hoffe, wir bleiben im Gespräch.
 

Dieses Gespräch
und weitere Gespräche
zum Thema in poet nr. 10.



poet nr. 10
Literaturmagazin
poetenladen, Leipzig Frühjahr 2011
272 Seiten, 9.80 Euro

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Jan Kuhlbrodt    18.04.2011    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 
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