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Johanna Straub
Das Zebra hat schwarze Streifen,
damit man die weißen besser sieht

Roman | Leseprobe

Beim vorstehenden Text handelt es sich um den Anfang des Romans. Zum Buch heißt es: In diesem Roman dreht sich sprichwörtlich alles um Philippa, und das über mehrere Generationen hinweg. In zwölf Episoden kommen zwölf Menschen zu Wort, deren Lebenswege sich mit dem Philippas kreuzen, früher oder später im Leben, auf die eine oder andere Weise...
© Liebeskind 2007

1. Mondlandung
 
Es geht los. Sie sagt es tatsächlich, als hätte sie keine eigenen Begriffe für diese Situation, die exakt so alt sein muß wie die Menschheit selbst und die uns mit einem Schlag genauso alt werden läßt. Alt und zu Schablonen, zu Rollen, zu er, sie und es. Es hat mich ereilt, und es beginnt mit diesem Satz, der in den letzten Wochen unaufhaltsam und unausweichlich auf uns zugekommen ist, wie ein verfrühtes Echo. Während sie es sagt, hält sie sich an meiner Hand fest, als könnte ich auch hier für sie übernehmen, ich, der ich in diesem Moment, wie schon seit Monaten, im Geist diesen Satz übersetze, simultan und automatisch übersetze mit – es ist vorbei.
Natürlich freue ich mich. Ich helfe ihr in den Mantel und in die Stiefel im Flur und die Treppe hinunter durch den Hauseingang, auf die Straße, durch den Schnee und vorbei an ausgedienten Tannenbäumen voller trauriger Lamettafäden, durch die Kälte in den Volkswagen, der nicht anspringt, als würde er an meiner Stelle protestieren. Stillstand, einen langen Augenblick, Susannes Hand kneift in mein Bein, vielleicht ein Taxi, der Motor springt an, alles wird gut, meine Seerose, der Wagen und ich, wir funktionieren, wir fahren, es ist glatt, und ich werde Vater.

Der Anfang. Noch ein Gedanke, eine Frage, die in den letzten Wochen immer größer geworden ist, die sich hartnäckig nach vorne geschoben hat, zusammen mit Susannes Bauch. Im Mai. Viel zu kurz diese Antwort, einsilbig, der Mai, der von diesem Januarmorgen so weit entfernt ist wie der Mond.

Es schneit heftiger. Der werdende Vater parkt ein, rasant wie nie zuvor, hält eine Zeitung über Susannes Kopf und zieht Susanne durch das Gestöber, durch die Eingangstür. Die Schwester kommt auf uns zu, nimmt sie mir ab, in meiner linken Hand, eben noch fest um Susannes, klingt jetzt, nachdem Susanne mit der Schwester hinter der Tür verschwunden ist, ein Kribbeln nach, wie eine leise Mahnung.

Die Untätigkeit der letzten Wochen auf die Spitze getrieben, nichts tun können, außer zusehen, wie es näher rückt und größer wird. Harren. Eingefrorener Moment. Unbequeme Stühle. Ein leichter Geruch nach nassem Hund. Linoleum, meliert, grau. Neben meinen Schuhen bilden sich dreckige kleine Pfützen. Der Mann schräg gegenüber, kürzerer Bart, älter als ich, vielleicht fünf Jahre, und auf jeden Fall kleiner. Er trägt eine Lammfelljacke, wischt sich über die Stirn mit einem Taschentuch. Er sieht zu mir, kurzes Nicken, auf meiner Zeitung sind feuchte Flecken, 27. Dezember, noch aus dem letzten Jahr. Aus dem letzten Jahrzehnt, würde Rüdiger sagen, übergenau wie immer, jedenfalls in den kleinen Dingen.

Januar, rückwärts. Im Mai. Das verlängerte Wochenende an der Nordsee. Rüdigers Drängen, die Stadt endlich einmal zu verlassen, die endlose Fahrt, die Reifenpanne auf der richtigen Seite, das Picknick im Rapsfeld, der Kartoffelsalat, die kollektive Magenverstimmung am ersten Abend, das anhaltende Gezanke zwischen Rüdiger und Bärbel, der legendäre Streit um den vergessenen Korkenzieher. Rüdigers Auszug aus dem grünen Zelt in den VW Bus. Bärbels Abreise am nächsten Morgen, die Fahrt zum Bahnhof in Hektik, der verpaßte Zug und mein vergeblicher Versuch, sie zurückzuhalten, unser langes Gespräch auf Gleis 1. Bei meiner Rückkehr Rüdigers nackter Oberkörper, Susanne in ihrer gelben Bluse, ihre Hand in seinen Haaren und die abgeschnittenen Haarbüschel auf dem Boden. Rüdigers Erklärung, die Sache dulde keinen Aufschub, Nagelschere hin oder her, und Susanne sagte nur, ich könne ja schon mal die Ravioli warm machen. Rüdigers Haare hingen noch Wochen später in Susannes karierter Decke, und Bärbel war verschwunden aus Rüdigers Wohnung, mit all ihren Sachen und mit Rüdigers Korkenzieher.

(...)

Johanna Straub     11.01.2007    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht
© Liebeskind 2007

Johanna Straub
Prosa